Beim Oktoberfest in Peking werden Weißwürste mit Stäbchen gegessen

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Beim Oktoberfest in Peking werden Weißwürste mit Stäbchen gegessen

Ich war auf dem Oktoberfest in Peking und habe gelernt, wie man Polonaise tanzt und wie Soldaten der Volksbefreiungsarmee verzweifelt versuchten, für Ordnung zu sorgen.
07 Oktober 2013, 8:15am

Ich stehe auf dem Olympiagelände in Peking, an der Zeltdecke prangen Schäfchenwolken auf blauem Himmel, es riecht nach Tofu und Alkohol. Dies ist das erste Oktoberfest meines Lebens.

Pekinger Angestellte mit Bürohemd und schwerer Zunge, Mongolen mit Filzhut und Sichuaner Touristen in Plastik-Lederhosen stehen hier herum.

„Was wir hier singen, verstehen die Chineslinge natürlich net“, verrät mir Hannes, der blonde Vollbart am Mischpult, „aber dafür sind sie begeisterungsfähig.“

Was er meint, sehe ich beim nächsten Song, den die „Crazy Bavarians“ im Bierzelt zum Besten geben. Er heißt „Das Wandern ist des Müllers Lust“, und auf dem Höhepunkt steigt der Sänger von der Bühne und fordert die sechstausend Chinesen zur ersten Polonaise ihres Lebens auf. Zögernd stehen ein paar von ihnen von ihren Bänken auf, reihen sich verschämt grinsend in den Zug ein und werden schließlich vom deutschen Bierwahnsinn mitgerissen.

Chinesen sind verrückt nach Deutschland. Sie lieben BMW und NIVEA und halten Angela Merkel für die Königin Europas.

Als ich am Anfang dieses Tages hier ankam, war noch kaum was los. Eigentlich habe ich mich vor dieser Mischung aus Massenrausch und Dorfgemütlichkeit immer etwas gefürchtet. Da liegt es nahe, hier in China eine der vielen Kopien vom Oktoberfest mal zu besuchen, die weltweit Zulauf haben und das Goethe-Institut als Kulturvermittler schon lange in den Schatten stellen. Ein Bierfest ohne Bayern, denke ich, das kann nicht so schlimm sein.

Als ich durch die Drehtür steige, scheint meine Rechnung aufzugehen: Gerade mal vier Zelte stehen herum, es gibt keine lauten Fahrgeschäfte, und niemand kotzt mir vor die Füße.

Ein paar Kinder rennen mit blinkenden Luftballons durch die Gegend, während ihre Väter halbvolle Maßkrüge balancieren, sonst ist nichts los.

Immerhin, das Hauptzelt soll größer sein als die originale in München. Über dem Eingang steht in großen Schriftzeichen: „Willkommen zum großen Tugendland-Bierfest“.

Im Zelt sitzen ein paar Dutzend Chinesen am Biertisch und essen Weißwürste mit Stäbchen. Einen Maßkrug müssen sich hier zwei bis drei Leute teilen, weil Chinesen Bier eigentlich aus kleinen Gläsern trinken. Eine sehr schlanke Kellnerin im Dirndl reinigt mit dem Fensterwischer weiß-blaue Tischdecken vom Fleischabfall. Die Hälfte der Tische und Bänke aber liegt eingeklappt auf dem Boden, als würde hier gleich alles weggetragen. Vom Band leiert Blasmusik. Ich trinke meine erste Maß und überblicke die Tristesse.

Hannes von den „Crazy Bavarians“ ist gerade beim Soundcheck und erklärt, was los ist: „Die Werbefirma hat Schuld. Die sind einfach mit dem Geld abgehauen. Hat aber bis vorige Woche keiner gemerkt.“ Nur in einer U-Bahnlinie hätten ein paar Plakate gehangen: „Darum ist die Linie 8 hier ziemlich gut vertreten.“ Ausgerechnet die Linie 8, von der jeder Pekinger weiß, dass sie in verarmte Vororte führt ...

Dabei haben sich die Veranstalter solche Mühe gegeben: Haben das Zelt in einen blauen bayerischen Himmel verwandelt, haben Poster von Neuschwanstein und Dirndl-Schönheiten aufgehängt und neben Brathendl mit Sauerkraut auch Langusten, Lotuswurzeln, Spinat und Fischköpfe auf die Speisekarte gesetzt.

Ich beschließe, mich unter die Leute zu mischen, und treffe auf die „Beijing Dancers“, die sich neben der Bühne für ihren Act schminken. Liu Liu, 17, stochert etwas lustlos in ihrem Schweinebraten mit Duftreis herum, erwacht aber zu Leben, als ich mich als Deutscher vorstelle. „Da will ich hin“, ruft sie, „so ein schönes Land, ich liebe eure Burgen, eure Musik und eure Pizza.“ Als ich ihr die Wahrheit über deutsche Küche verraten will (Pizza kommt nicht aus Deutschland), fangen ihre Kolleginnen schon an zu tuscheln, und sie schiebt mich weg.

Am nächsten Tisch werde ich herzlicher empfangen. Wen Yu sieht gleich, dass ich blond und blauäugig bin, und streckt seinen rechten Arm stramm in die Höhe. „Deutschland ist ein gutes Land, es gibt dort viele Burgen“, sagt er, und seine Freunde nicken anerkennend. Vielleicht bewundern sie ihn, weil er schon mal in Europa war, in „Heidel-Bao“ am Rhein, lange her. Vielleicht haben sie ihn einfach nicht verstanden, weil er der einzige ist, der Englisch spricht, und die „Crazy Bavarians“ gerade die Bühne gestürmt haben. Sie tun, was sie sonst in Hotels zwischen Delhi und Singapur tun: Bayerischen Frohsinn verbreiten, irre gucken und in der Landessprache „1, 2, 3, Prost“ rufen. Die „Beijing Dancers“ hopsen lustlos um sie herum.

Draußen ist es schon dunkel, als ich meine dritte Maß leere und in die Runde schaue. Ist es das Bier, oder dreht sich die Stimmung im Zelt gerade? Immerhin hat die Linie 8 jetzt ein paar Tausend Passagiere ausgespuckt. Pekinger Mütter mit Daisy-Schleifen im Haar erheben sich schüchtern, schunkeln zaghaft und summen mit. Studenten mit Brille und Emo-Frisur stürmen vor die Bühne, um zu „Anton aus Tirol“ mit den Schultern und Knien zu wackeln.

Auf den Rängen hoch über dem Parkett haben sich ein Bonze und seine Familie verschanzt. Mit ihnen möchte ich meine vierte Maß trinken, und ich freue mich auch, dass sie jedes Gericht von der Karte gleich doppelt bestellt haben. Während der Patriarch im Nadelstreifen-Anzug fürs Foto posiert, flankiert von Schwager (Hosenträger), Ehefrau (Daisy-Schleife) und zwei Bierkrügen, störe ich die Harmonie und frage nach einer Zigarre. Obwohl mein Chinesisch bisher mit jedem Bier besser geworden ist, kommt es zu interkulturellen Missverständnissen, in deren Folge mich zwei Cousins wieder ins Parkett begleiten.

Warum auch nicht, hier ist sowieso mehr los. Es wimmelt nur so von blinkenden Filzhüten, Elchgeweihen und zu großen Dirndls. Offenbar wollen die Pekinger bei einem deutschen Bierfest alles richtig machen. Aber sie bewahren auch kulturelle Eigenheiten: Beim Anstoßen etwa halten sie ihre Gläser krampfhaft tiefer als das Gegenüber. Das sieht jedes Mal sehr lustig aus, aber so verlangt es die Höflichkeit.

Ich weiß jetzt, dass ich auf diesem Fest genau richtig bin: Genau wie ich braucht man im Reich der Mitte etwas länger, um aus sich rauszukommen. Dann aber geht es ohne Umweg Richtung Absturz.

Überall klettern jetzt Leute aus Changping und Dongcheng auf die Tische und prosten sich zu. Ihr Übermut wird aber gedämpft, denn seit einiger Zeit marschieren Soldaten der Volksbefreiungsarmee in blauen Uniformen durch die Menge und holen die Kletterer wieder auf den Boden. Alle sollen ihren Spaß haben, aber wenn man auf den Tisch steigt, gibt es Druck vom Staat: Die Harmonie dieses uralten Landes ist bewundernswert stabil.

Doch einer tritt an, sie gewaltig zu stören: Zu „Maniac“ von Michael Sembello nimmt der Sänger zunächst ein Bad in der Menge, so hingebungsvoll, wie es nur Volksmusiker können. Dann aber sucht er einen Tisch nahe der Bühne und macht einen Satz zwischen Schweinebraten und Fischköpfe.

Angestellte, Touristen und betrunkene Familienväter feuern ihn an, während sich ein Soldat langsam den Weg zur Tischplatte bahnt. Dort steht er dann, schaut streng nach oben und versucht, den Staatsfeind in Lederhosen auf den Boden zu holen.

Dem Maniac gefällt aber, was gerade passiert, und er singt einfach weiter. Ich lasse meine fünfte Maß stehen und kämpfe mich zum Soldaten durch, weil er mir leid tut. Er winkt, nickt und fuchtelt, doch niemand will auf ihn hören. Schließlich stehe ich direkt neben ihm und mustere seine Uniform. Auf der Schulter ist ein Aufnäher: Er zeigt einen blauen Himmel mit Schäfchenwolken.