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Woran Schwule andere Schwule erkennen

Wir haben Schwule gefragt, wie ihr „Gaydar" funktioniert. Die Antworten verraten vor allem eines: Den einen Gaydar gibt es nicht.

von Sascha Britsko
27 März 2016, 4:00am

Titel-Foto von Anselm Hook | Flickr | CC BY 2.0

Als heterosexuelle Person schöpft man aus einem riesigen Pool potentieller Geschlechts- oder Liebespartner. Ob es denn jeweils dazu kommt, das ist natürlich eine komplett andere Geschichte.

Komplizierter wird es, wenn du nicht als Mann auf Frauen oder als Frau auf Männer, sondern als Mann auf Männer stehst. Die todsicheren optischen Auswahlkriterien fallen weg und der Pool verkleinert sich—erschwerte Bedingungen also. Trotzdem landen Schwule mit Schwulen im Bett oder in einer Partnerschaft. Doch wie funktioniert das Kennenlernen? Wie erkennen Schwule ihren Pool an potenziellen Partnern?


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Wir haben Schwule gefragt, wie der für Heteros oft ominös scheinende „Gaydar" funktioniert. Die Antworten zeigen dabei vor allem eines: Es gibt etwa so viele Gaydars, wie es Schwule gibt—von „Ich gehe in eine Gay-Bar" bis zu den Schwierigkeiten, die der heutige Schönheitswahn mit sich bringt, tummelt sich alles in den Gedanken unserer schwulen Mitmenschen.

Laci, 33

Jeder Mensch hat einen innerlichen, tierischen Instinkt, an dem er andere Menschen erkennen kann. So ist das auch bei den Schwulen. Wir spüren das einfach. Natürlich versagt dieser Instinkt auch hin und wieder. Dann kann man sich an gewissen Verhaltensmerkmalen orientieren: Wie einer geht, wie einer spricht oder wie einer sich kleidet. Schwule Leute verhalten sich in der Regel weiblicher und suchen die Gesellschaft von Frauen, aber da gibt es auch Ausnahmen.

Mein Erkennungsmechanismus hat mich aber auch schon im Stich gelassen. Einmal war ich mit einem Arbeitskollegen ein Bier trinken. Wir haben uns total gut verstanden und er war wirklich cool. Eines Tages habe ich erfahren, dass er eine Freundin hat. Ihr könnt euch vorstellen, wie blöd ich mir vorgekommen bin.

Die heutigen Hetero-Jungs sind einfach so gut gekleidet und haben einen coolen Style, daher ist es auf den ersten Blick schwer zu sagen, ob einer schwul ist oder nicht. Wenn man den Anderen aber über eine Weile genau beobachtet, ist es praktisch unmöglich, dass der Gaydar versagt.

Foto: SteveR- | Flickr | CC BY 2.0

Michael, 28

Zuerst möchte ich sagen, dass die Frage aus einer heteronormativen Perspektive gestellt ist. Ich bezweifle, dass Homosexuelle besondere Erkennungsmechanismen einsetzen und dass es stereotype Erkennungsmerkmale gibt. Wenn man die Frage umdreht, lautet sie: „Wie erkennt man als Hetero einen anderen Hetero?" Es kommt auch noch darauf an, in welcher Situation und zu welchem Zweck man das wissen will.

Wenn es um Sex oder Anmache geht, ist das ziemlich einfach. Da würde ich mir—sofern ich Single wäre—einen Ort suchen, von dem ich ausgehen kann, dass dort die Mehrheit auch auf Männer steht: Etwa eine Gay-Disco, eine Gay-Party, Szene-Bars, die Gay Pride oder San Francisco.

Konkrete Erkennungsmerkmale gibt es aber nicht. Ein Fan von Britney Spears, dessen Frisur ein bisschen zu perfekt sitzt und der sich verweiblicht verhält, kann genauso gut schwul sein wie ein Typ, der ein getuntes Auto fährt, an jedes Fußball-Spiel geht und ungepflegt aussieht.

Foto: Alan Light | Flickr | CC BY 2.0

Antonio, 27

Der Gaydar ist nicht genau fassbar, er beschreibt lediglich die Fähigkeit, andere über eine Art sechsten Sinn zu outen. Wir müssen also stets auf kleine Hinweise achten, die jeder auch unbewusst aussendet. Klassischerweise sind es nicht gebrochene Handgelenke, eine feminine Stimme oder schlacksiges Verhalten, mit dem sich mein Gegenüber verrät (Dschungelkönig Menderes beispielsweise vereint all diese Attribute, ist aber—so scheint es—hetero). Eher ist es ein Blick, der eine Hundertstelsekunde zu lange dauert, die Intonation einer Begrüßung, ein Gefühl oder schlicht und einfach, dass ich dem Typen bereits auf Grindr begegnet bin.

Mit knapp 21 Jahren installierte ich diese App und hatte fortan bis zu drei Dates am Tag, die ich irgendwie aneinander vorbeischiffen musste. Diese App ist ein Meilenstein, die den Radar eigentlich kaum mehr nötig macht und die Effizienz enorm erhöht. Mit dem Suchfilter kann Alter, Gewicht, Herkunft und so weiter bereits so fein eingestellt werden, dass sich auf dem Bildschirm fast nur noch „gute Ware" tummelt.

Gerade diese Lockerheit im Umgang mit Homosexualität hat die Partnersuche extrem vereinfacht. Man geht viel entspannter durchs Leben. Ich muss nicht darauf achten, ob gerade Mr. Right an mir vorbeiläuft. Ich kann ihn mir auch bequem von zu Hause aus suchen.

Meinen Partner habe ich aber beim Arbeiten im Club kennengelernt, wobei er nicht wusste, dass ich ihn interessant (also hot-as-fuck) fand. Erst bei einer Zigarettenpause fragte ich ihn beiläufig, ob er noch an eine bekannte Gay-Party ins X-tra gehen würde, um ihm nebenbei zu signalisieren, dass ich an Typen interessiert bin. Natürlich scherte ich mich einen Dreck um diese Party, sie war mehr Mittel zum Zweck. Nun sind wir seit zwei Jahren zusammen.