Die Visagistin der Kardashians ist die einflussreichste Künstlerin der USA

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Die Visagistin der Kardashians ist die einflussreichste Künstlerin der USA

Joyce Bonellis Arbeit an Kim Kardashians Gesicht verdient eine eigene MoMa-Ausstellung.
7.10.15

Dieser Artikel ist zuerst auf Broadly erschienen.

Kunstkritiker haben hitzig über den Tod der Malerei diskutiert, doch in einem Haus in Beverly Hills gibt es eine Künstlerin, die seit neun Jahren die Malerei als beliebte Kunstform am Leben hält—nur malt sie auf den Gesichtern von Reality-Stars statt auf Leinwand.

Joyce Bonelli ist die Makeup-Künstlerin der Stars. Selbst wenn du noch nie von ihr gehört hast, hast du garantiert schon ihre ikonischen Bilder gesehen: Lindsay Lohans Rückkehr zu ihren flammenhaarigen Wurzeln in ihrem großen, ehrlichen Oprah-Interview, Nicki Minajs Jackson-Pollock-Regenbogengesicht auf dem Cover von Pink Friday: Roman Reloaded, und unzählige Kim-Kardashian-Selfies. Seit über neun Jahren arbeitet Bonelli schon für die Kardashians und konturiert ihre Gesichter. Diese Technik, die gerne von Drag Queens eingesetzt wird, um eine völlig andere Knochenstruktur vorzutäuschen, ist durch die Kardashians zur weltweiten Sensation geworden.

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„Malerei ist immer Contouring", sagt mit Bonelli in einer hohen Stimme, die an Harley Quinn aus Batman erinnert. „Das hier sind Jahrtausende der Kunst. Es ist die Erschaffung von etwas Dreidimensionalem."

Bonellis Contouring der Kardashian-Gesichter hat sie—zusätzlich zu ihren eigenen Auftritten in Reality-Serien und sozialen Netzwerken—selbst zu einem Star gemacht. Mehr als eine Million Menschen folgen ihr auf Instagram. Als Kim sich die Haare blondierte, erkannten Fans sofort Bonelli als ihre Inspiration.

„Meine Schwestern und ich sagen immer, dass wir es lieben, Joyce um uns zu haben, denn sie will, dass jede einzelne von uns so gut aussieht und so gut ist wie nur möglich", schrieb Khloe Kardashian in einer E-Mail. „Ich bin wirklich so besessen von dieser Frau, dass sie vielleicht bald eine einstweilige Verfügung braucht."

Alle Fotos von Chuck Grant

Die meisten Maler und Malerinnen leben in Armut, doch Bonellis Haus spiegelt ihr hohes Einkommen und ihre Star-Kundschaft wieder. Eine Statue von einem Tiger namens Pedro im Wohnzimmer. Ein Gemälde von einem Mittelfinger an der Esszimmerwand. („Einer meiner totalen Lieblingskünstler ist Chuck Close", sagt sie.) Kris Jenners Buch In the Kitchen with Kris steht im Regal. Bonelli hat sogar drei verschiedene Sorten Wasserflaschen in der Küche: Whole Foods 365, Perrier und Glacéau Smartwater. Als ich Bonelli letzten Monat am Ende eines langen Arbeitstages besuche, finde ich sie in einem komplett aus schwarzem Leder bestehenden Outfit auf einem Ledersofa vor, zu ihren Füßen weiße Tierfelle.

„Ich liebe Leder", sagt Bonelli.

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Sie hat in ihrem Haus nur Teppiche aus falschem Zebra, damit Besucher keinen Anstoß an ihrer Inneneinrichtung nehmen, doch allgemein scheint sie sich für die Meinungen Anderer nur wenig zu interessieren. Sie zieht sich während meines Besuchs mindestens zwei Mal um und lässt Besucher kommen und gehen, wie es ihnen gefällt. Einmal kommt ein gutaussehender Mann namens Bobby unangekündigt herein. Er ist von Unravel, der Modefirma von Bonellis Freund. Bobby reicht ihr eine Ledertasche. Sie zieht ein Paar Hosen raus.

„Yessss!" schreit sie. „Verdammt, was hab ich für ein Glück!"

„Ist das Wildleder oder Leder?", frage ich.

„Lammleder", sagt Bobby. „Teures Lamm."

„Bei uns ist noch alles real", sagt Bonelli. „Ich fluche wie ein Bierkutscher. Ich laufe nackt herum. Ist. mir. scheißegal."

Bonelli schreibt ihre rebellische Einstellung ihrem Vater zu, einem exzentrischen Maler, den sie als „wild" beschreibt. Als Kind geschiedener Eltern wuchs sie im Wechsel in Valencia und Encino in Südkalifornien auf. Alle in der Familie hatten eine Kunst. Ihre Urgroßmutter malte, ihr kleiner Bruder studierte Architektur und wurde zum Ingenieur, und ihr Cousin und ihre Cousine wurden Schriftsteller.

„Künstler haben eine bestimmte Persönlichkeit", sagt Bonelli. „Es ist für meine Karriere gut gewesen, dass ich weiß, wie man sich um Künstler kümmert." Oder wie Khloe Kardashian es ausdrückt: „Alle wahren Künstler haben eine kleine Schraube locker."

Bonellis Stiefvater ist seit 37 Jahren „im Geschäft" (er besitzt eine Produktionsfirma, die Trucks an Filmstudios vermietet), doch ihre Eltern wollten sie von Hollywood fernhalten, also schickten sie Bonelli und ihre Geschwister mehrmals die Woche in die Kirche und verboten ihnen das Fernsehen.

„[Sie waren] Bibelfreaks", sagt Bonelli. „Sie wollten, dass ihre Kinder sich vom Leben im Allgemeinen fernhielten."

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Nach der Kirche besuchte Bonelli immer ihre Urgroßmutter. Manchmal ließ diese Bonelli fernsehen: alte Disneyfilme wie Sein Freund Jello, aber nicht Die Schlümpfe, „denn das war böse". Eines Tages sah sie eine Folge von Die Munsters, der 1960er-Jahre-Kömodie über eine Monsterfamilie. Bonelli dachte sich: „Was ist das denn?"

„Das war eine Welt, die ich noch nie gesehen hatte", sagte sie. „[Von da an] war ich nur noch auf Blut und Horror aus."

In der achten Klasse wollte Bonelli die Schule abbrechen, um Horrorfilm-Visagistin zu werden. Ihre Eltern waren entschieden dagegen, doch sie flehte immer weiter darum. Wie bei Bonellis wildem Künstlervater waren ihre kreativen Impulse einfach nicht aufzuhalten. Ihre Eltern gaben schließlich nach und ließen sie mit 16 einen Kosmetik-Abendkurs belegen. In dem Kurs begegnete Bonelli einem Transgender-Teenager, der mitten in seiner Transition steckte, und der Bonellis Leben für immer veränderte.

„Sie trug immer eine extrem dicke Schicht Make-up auf und gab mir Ratschläge über Jungs", schreibt Bonelli in einer E-Mail. „Ich war so fasziniert, weil sie 2,10 Meter groß und das femininste Geschöpf war, das ich je gesehen hatte."

Bonelli fing an, die Makeup-Techniken von Transfrauen und Drag Queens zu studieren. „Ich habe Drag und all das genau unter die Lupe genommen", sagt sie. „Hier habe ich zum ersten Mal transformatives Makeup gesehen." Sie schreibt der LGBTQ-Community ihren Erfolg und die Fähigkeiten zu, die sie im Alltag nutzt.

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Nach der Highschool ging Bonelli auf die Make-up Designory School, wo sie Spezialeffekte und Animatronik studierte. Sie wollte im Horrorfilm arbeiten, und nach ihrem Abschluss entwarf sie tatsächlich Spezialeffekt-Makeup für B-Movies, woran sie 50 Dollar am Tag verdiente. Zu Halloween arbeitete sie auf Danny Elfmans alljährlicher Party und verwandelte die Kellnerinnen in lebende Schaufensterpuppen, doch ein richtiges Einkommen bekam sie nicht zusammen. Also beschloss sie, „kommerziell zu werden".

„Ich fing mit Beauty-Arbeit an, weil ich mehr Geld brauchte", erklärt sie.

2006 hatte sie ihren Durchbruch, als sie Pamela Anderson für ihren Playboy-Shoot schminkte. Am Set lernte sie die Frauen aus The Girls Next Door, einer Reality-Show über Hugh Hefners drei Freundinnen, kennen: Holly Madison, Kendra Wilkinson und Bridget Marquardt. Die Frauen heuerten Bonelli für einen Photoshoot an und stellten sie daraufhin ein, um sich in Vollzeit um das Makeup von Wilkinson und Madison zu kümmern. „[Das Makeup von Reality-Stars] ist etwas anderes [als Horror]", sagt Bonelli, „aber es ist nicht nur Puder und Lippenpflegestift" wie an den Hollywood-Sets.

Ich helfe Menschen, die nervös sind, mit einer von mir verpassten Nasen-OP auf die Bühne zu gehen. Es ist eine Maske.

In der Playboy Mansion verwandelte Bonelli die Gesichter der Frauen, ganz wie in einem Horrorfilm. Sie verschönerte Frauen, bis sie aussahen wie Glamour-Kreaturen von einem anderen Planeten. Wenn Bonelli ihre Pinsel geschwungen hat, dann sehen die Frauen aus, als hätten sie sich unters Messer begeben. (Sie sagt, über all ihre Kundinnen hätte es in der Klatschpresse Nasen-OP-Gerüchte gegeben, nachdem sie sie geschminkt habe.)

„[Makeup] gehört zur Erfindung einer Figur dazu", sagt Bonelli. „Ich helfe Menschen, die nervös sind, mit einer von mir verpassten Nasen-OP auf die Bühne zu gehen. Es ist eine Maske."

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Sie verliebte sich in die Arbeit und in Madison, Wilkinson und auch Marquardt, für deren Makeup sie schließlich auch verantwortlich war. „Ich war wirklich besessen von ihnen", sagt Bonelli. „Jede war auf ihre eigene Art so skurril, also hat es viel Spaß gemacht. Ich liebe sie alle". Nostalgisch erinnert sich Bonelli daran, wie Wilkinson auf einem Tresen stand und ihren „Poklatscher-Tanz im Tanga" aufführte. Wo Hollywood-Stars sich vorsichtig verhalten, kannte Madison keine Hemmungen. Für Bonelli waren sie die neuen Rockstars, Ronettes des 21. Jahrhunderts, in einer Ära, in der es in der Kategorie „weibliche Rockstars" gerade einmal Avril Lavigne gab.

Im Laufe ihrer Glamour-Sessions wurde Bonelli zur Vertrauten der drei Frauen—eine Rolle, die sie weiterhin für ihre Kundschaft spielt. Als die Fernsehfirma E! versuchte, die Frauen zu überreden, einen Vertrag zu unterschreiben, mit dem sie die Rechte an ihrer Website an den Konzern abtreten würden, drängte Bonelli sie, einen besseren Vertrag zu verlangen.

„Manche Leute in diesem Geschäft mögen mich definitiv nicht, weil ich sehr ehrlich bin", sagt Bonelli. „Ich laufe ganz sicher nicht rum und lutsche hier irgendwelche Schwänze. Lasst uns real sein."

Familienmitglieder, die in Hollywood tätig waren, rieten ihr dringend, sich von Reality-Shows fernzuhalten. Aus Hollywood-Sicht waren Reality-Serien noch immer zweitklassig. „Als ich mit Reality-TV anfing, war gerade ein großer Streik", erklärt Bonelli. „Sogar die Caterer haben ihre Dienste verweigert, also hat man sehr auf mich herabgesehen, weil ich das gemacht habe." 2007—das Jahr, in dem Britney sich den Kopf rasieren ließ, Paris in den Knast wanderte und Lindsays Karriere implodierte—lernte Bonelli ein Mutter-Tochter-Duo kennen, das das Bild von Reality-Stars als C-Promis in Los Angeles und im Rest der Welt von Grund auf ändern würde: Kim Kardashian und Kris Jenner.

Kris ist so epic. Sie ist meine Inspiration im Leben. Ich sage immer zu ihren Kindern: ‚Du bist mir egal. Hier dreht sich alles um deine Mom.'

„Als ich Kris zum ersten Mal sah, war ich bei einem Photoshoot, den ich für Kim Kardashian machte", erinnert sich Bonelli. „Ich dachte mir: ‚Wer ist das?' Ich wusste nicht, wer [Kim] war—das war vor der Reality-Show [Keeping up with the Kardashians]—und Kris Jenner sagte mir Schritt für Schritt, wie ich Kims Lippen machen sollte, und es war großartig. Sie hat sich kein bisschen verändert. Sie ist so epic. Sie ist meine Inspiration im Leben. Ich sage immer zu ihren Kindern: ‚Du bist mir egal. Hier dreht sich alles um deine Mom.'"

Bonelli war ganz hin und weg von Kris und fing an, für sie und ihre Töchter zu arbeiten. Sie machte ihr Makeup für die Reality-Serie, Promo-Auftritte und andere Unternehmungen. Seitdem hat Bonelli den Kardashians mit Looks geholfen, die in einem nicht abreißenden Strom von YouTube-Tutorials kopiert werden.

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An Drehtagen für die Reality-Serie schminkt Bonelli von 4 Uhr bis 7 Uhr morgens. Während sie sich um Kris' Makeup kümmerte, wurde Bonelli Zeugin, wie die Manager-Mutter um 4 Uhr nachts mit ihren Geschäftstelefonaten anfing, weil es in New York bereits 7 Uhr war. „Ich habe in den letzten acht Jahren zugehört, wie [Kris] mit Leuten redet und dafür sorgt, dass alles erledigt wird", sagt Bonelli. Sie imitiert Kris: „Du hast keine fünf Millionen Dollar? Na, dann geh los und finde sie."

„Am nächsten Tag kommen sie angekrochen", sagt Bonelli. „Ich hatte früher nie ein Vorbild. Ich war nicht so: ‚Oh mein Gott, Britney Spears!' So wurde ich einfach nicht erzogen. Wenn ich ein Vorbild hätte, dann würde ich sagen, [Kris] ist mein Vorbild, denn sie ist in allen Lebensbereichen eine Superfrau. Sie ist einfach genial."

Kris wurde Bonellis wichtigste „Muse", wie sie die Magnatin nennt. Während Künstler normalerweise Arbeiten erschaffen, die von ihrer Muse inspiriert wurden, trägt Bonelli ihre Kunst auf das Gesicht ihrer Muse auf und fragt sie nach Ideen. „Ich erschaffe mit der Muse verschiedene Looks", erklärt Bonelli. „Ich sterbe für [Kris]."

Aufgrund ihrer Arbeit mit Kris und den anderen Kardashians fing Bonelli an, mit ihnen zu reisen. Kris und ihre Töchter wurden zu ihren engsten Freundinnen. Khloe Kardashian sagt, sie hätten angefangen, Bonelli ihre Privatgeheimnisse anzuvertrauen. „Joyce ist nicht nur unglaublich talentiert, sondern sie ist außerdem unglaublich loyal", sagt Khloe. „Die Glam Time ist so eine persönliche Zeit, und in solchen verletzlichen Momenten will man nur Menschen um sich haben, denen man vertraut und die einen inspirieren. Joyce ist immer so positiv, motivierend, energiegeladen und vertrauensvoll."

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Irgendwann lud Kim Bonelli dazu ein, bei ihr einzuziehen, denn sie hatte gerade ein riesiges Haus gekauft und lebte allein. „Natürlich machte ich jeden Tag ihren Glam, also liebte sie es", sagt Bonelli. Jeden Tag stand Kim um 4 Uhr morgens auf, um zu trainieren. Laut Bonelli kam Kim in ihr Zimmer und schrie: „Steh auf!" Bonellis Antwort: „Vergiss es! Mit diesem Workout-Kram hab ich nichts zu tun, Miststück!"

„Manchmal ging ich mit, aber sie ist einfach nicht zu halten", sagt Bonelli. „Es direkt mitzubekommen ist sehr, sehr inspirierend. Wie auch immer du das auf deine eigene Arbeit anwendest, was auch immer deine Arbeit ist, diese Familie ist sehr inspirierend. Du kannst nicht faul sein, wenn du diese Art Erfolg willst. Deswegen bewundere ich sie so—sie arbeiten so hart."

Mit dem Stern der Kardashians stieg auch Bonellis Geschäft auf. Eine Zeit lang machte Bonelli am selben Tag das Makeup für Keeping Up with the Kardashians in Calabasas, Kalifornien, und Holly's World in Las Vegas. Sie filmte bis 1 Uhr nachts in Nevada, dann fuhr ihre Assistentin sie zu Kris Jenner nach Hause, sodass sie bis 5 Uhr morgens dort ankam. Wenn sie mit dem Contouring der Kardashians fertig war, flog sie zurück nach Vegas. „Es war psycho", findet Bonelli.

Bonelli nahm immer mehr neue Kundinnen an: Demi Lovato, Lindsay Lohan, Nicki Minaj—die Liste ist lang. Obwohl Bonelli für jeden Star einen einzigartigen Look kreiert, suchen die Stars sie besonders wegen makelloser Haut und Wimpern auf. „Ich glaube nicht, dass noch jemand Wimpern auf dieselbe Art macht wie ich", sagt sie. „Wenn ich Kim ein oder zwei Wochen nicht gesehen habe, weil ich bei ihrer Schwester bin, und ihre Mutter ist irgendwo im Ausland, dann sagt sie: ‚Oh, ich vermisse meine Joyce-Wimpern."

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In dieser Hinsicht ähneln Bonellis Looks stark denen der Drag Queens, bei denen sie sich Inspiration geholt hat. Amber Alert, eine New Yorker Drag Queen, die Kris Jenner schon bei einer Playback-Darbietung imitiert hat, sieht Wimpern als einen grundlegenden Teil der Gesichtszüge einer jeden Drag Queen.

„Ich persönlich fühle mich nicht mal, als wäre ich in Drag, bis ich Wimpern dran habe", sagt er. „Die Tatsache, dass sie so auf Wimpern stehen—momentan vor allem Kylie—, das ist definitiv ein Nicken in Richtung Drag Queens."

Amber Alert bemerkt, dass die Kardashians, wie viele von Bonellis Kundinnen, zur selben Zeit wie der Reality-Serien-Hit RuPaul's Drag Race zu weltweitem Ruhm gelangt sind. Wo früher Drag Queens Playback-Shows abziehen mussten, um Aufmerksamkeit zu bekommen, müssen die Teilnehmer in RuPauls Serie nur in einem extremen Look einen Raum betreten. „Um als Drag Queen beliebt zu werden, muss man inzwischen kein Entertainer mehr sein", sagt Amber Alert. „Es geht darum, ein Model zu sein, oder zumindest modelartig." Und niemand kriegt so viele Klicks, indem sie einfach aus einem Auto steigt, wie Kim Kardashian, die von vielen Drag Queens imitiert wird. Bonelli hat dabei geholfen, ein zweites goldenes Zeitalter des Drag einzuläuten.

Anderthalb Jahre lang „stahl" ein weiteres Drag-Vorbild, Nicki Minaj, Bonelli den Kardashians, und nahm sie mit auf Welttournee. Während der Tour wurde Bonelli klar, dass sie mit ihrem Sohn, Zeppelin Black, schwanger war. Bonelli stand kurz davor, zu einer alleinerziehenden Mutter zu werden, die manchmal 22 Stunden am Tag arbeitete. Sie überdachte ihre Finanzen neu, um eine Vollzeit-Nanny namens Lucy einstellen zu können. „Ich musste eine Nanny bezahlen, also konnte ich meine Haarverlängerung vergessen." Seitdem hat sie Lucy und Zeppelin im Schlepptau, wenn sie um die Welt reist, um Stars zu schminken. „Gott segne, Lucy", sagt Bonelli. „Ich habe einen ganzen Stamm dabei."

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Bei meinem Besuch sind Lucy und ihre Assistentin Autumn zugegen, um ihr bei einem geschäftigen Tag unter die Arme zu greifen. Bonelli sitzt mit dem dreijährigen Zeppelin auf dem Schoß. Er hält ihre Makeup-Tasche, während sie ihr iPhone in der einen und einen Kaffeebecher in der anderen Hand hält. „So sieht das aus, wenn man Visagistin und Mutter ist", sagt Bonelli. Zeppelin lehnt seinen Kopf gegen ihre Schulter. Sie tätschelt ihm den Arm. Offensichtlich ist sie eine gute Mutter.

Lange Zeit war ein Teil meiner Strategie, niemanden wissen zu lassen, wie viel Geld ich verdiente—ich fuhr lange ein beschissenes Auto.

Bonelli sagt, sie liebe es, mit den Kardashians zu arbeiten, denn als berufstätige Mütter würden sie ihr hektisches Leben verstehen. Die Kardashians bringen ihre Kinder mit ans Set und Bonelli bringt Zeppelin mit zur Arbeit.

„Zeppelin ist mit den Kindern vieler meiner Kundinnen befreundet", sagt Bonelli. „Er ist mit ihnen aufgewachsen. Das ist so ein Segen."

„Joyce ist seit fast acht oder neun Jahren ein Teil unserer Familie", sagt Khloe Kardashian. „Ich sage, dass sie ein Teil der Familie ist, weil sie buchstäblich wie unsere Schwester ist."

Letztes Jahr reiste Bonelli für Kims und Kanyes Hochzeit mit der Familie nach Frankreich. Auf dem Rückweg gab es in ihrem Teil des Flugzeugs einen freien Sitz—Rob Kardashian nahm die Einladung zur Hochzeit nicht an, wie Fans wissen—, also setzte sich ein Fremder namens Ben Taverniti auf den Platz. Er sah fasziniert zu, wie Bonelli den Kardashian-Schwestern Makeup reichte. Schließlich fingen die zwei eine Unterhaltung an. Er erzählte Bonelli von Hudson Jeans, wo er als Designer arbeitet, und von der Modelinie Unravel, die seine persönliche Leidenschaft ist. Wie in einer kommerzielleren Version des Zusammentreffens von Yoko Ono und John Lennon verstanden die zwei Künstler einander auf Anhieb und fühlten sich durch ihre jeweilige Kunstform verbunden. Heute sind sie seit mehr als einem Jahr ein Paar.

MOTHERBOARD: Computer können Gesichter erstmals besser erkennen als Menschen

Die Beziehung kommt zu einem Zeitpunkt in ihr Leben, als Bonelli an einem Scheideweg steht. Seit Jahren hat sich ausschließlich berühmte Kundinnen. Während andere „Makeup-Experten" ihre Geheimnisse auf YouTube preisgeben, hat sie ihre Fähigkeiten geheim gehalten. (Warum sollten ihre Kundinnen sie bezahlen, wenn sie alles im Internet verschenken würde?) Bis vor Kurzem hatte sie noch nicht einmal einen Manager. Sie hat es genossen, die Makeup-Trends der USA von hinter den Kulissen aus zu beeinflussen (Firmen laden sie regelmäßig zu Trend-Meetings ein).

„Ich kenne auch nicht viele Visagistinnen, die im Jahr eine Million Dollar verdienen, ohne eine eigene Produktreihe zu haben", sagt Bonelli. „Lange Zeit war ein Teil meiner Strategie, niemanden wissen zu lassen, wie viel Geld ich verdiente—ich fuhr lange ein beschissenes Auto. Heute ist es anders. Ich verdiene wie alle anderen an den bezahlten -Posts." In den nächsten Monaten plant Bonelli, ihre Marke auf die nächste Stufe zu bringen, und zu einem bekannten Gesicht zu werden. Sie hat einen Manager angeheuert und nun ist eine App in Entwicklung, von der sie glaubt, dass sie einen massiven Einfluss auf die Schönheitsindustrie haben wird.

Meine App wird das Geschäft auf eine völlig neue Art verändern. Sie wird viele verschiedene strategische Teile der Industrie überflüssig machen.

„Sie wird das Geschäft auf eine völlig neue Art verändern", sagt Bonelli. „Sie wird viele verschiedene strategische Teile der Industrie überflüssig machen."

Kim hat sie bei der Entwicklung ihrer Marke beraten, sagt Bonelli. Sie erinnert sich, dass sie beim Einrichten ihres Instagram-Profils den Namen „Glam BTS" [BTS steht für Behind the Scenes] nehmen wollte, doch Kim sagte: „Du kannst nichts Lustiges machen. Du willst immer was Lustiges machen oder so, aber es muss dein Name sein, wenn du zur Marke werden willst."

Als unsere Unterhaltung sich dem Ende zuneigt, leuchten die Lichter der Anwesen von Beverly Hills durch Bonellis Fenster und erhellen das Zimmer. Bonelli ist gespannt auf die Zukunft, doch am allermeisten will sie einfach weiterhin die Gesichter von Berühmtheiten transformieren—Menschen zu Figuren formen, wie Michelangelo es tat und wie sie es sich erträumte, als sie das erste Mal Die Munsters sah.

„Es ist gerade eine sehr aufregende Zeit für mich, und viele der Projekte meiner Freunde tragen jetzt auch Früchte, ob sie Designer sind, Kundinnen oder Stars mit riesigen Marken", sagt Bonelli. „Ich liebe es, ein Teil der Imperien all dieser Leute zu sein."