Miracle Village: Floridas abgeschottete Gemeinschaft der Sexualstraftäter

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Miracle Village: Floridas abgeschottete Gemeinschaft der Sexualstraftäter

Ein neues Fotobuch dokumentiert den überraschend ruhigen und normalen Alltag einer Wohngemeinschaft von verurteilten Sexualstraftätern.
9.9.15

Im Januar 2013 lebte die amerikanische Fotografin Sofia Valiente temporär in Miracle Village, einer abgeschotteten Wohngemeinschaft im US-Staat Florida, wo verurteilte Sexualstraftäter ein Zuhause finden.

Für die Menschen, die in Miracle Village wohnen, ist der Weg zurück in die Gesellschaft extrem schwierig. Wegen ihrer Verbrechen sind sie in der Öffentlichkeit gebrandmarkt, werden auf emotionaler Ebene nicht mehr akzeptiert und müssen in Wohngemeinschaften leben, wo sie miteinander leiden. Für viele von ihnen wird so der Rest ihres Lebens aussehen.

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Sobald jemand in den USA für eine Sexualstraftat verurteilt wird, registriert man diese Person, stuft sie ein und behandelt sie mit der gleichen Härte, die alle anderen Straftäter davor auch erfahren haben. Mit einer Rehabilitation rechnen wir gar nicht und eigentlich ist sie auch unerwünscht. Wir wollen einfach nur, dass diese Personen verschwinden—und zwar so weit weg wie nur möglich.

Valiente begann damit, regelmäßig nach Miracle Village zu fahren und verbrachte dort schließlich einmal ganze fünf Wochen. Im Dezember ist sie dann nochmals für sechs Wochen dorthin zurückgekehrt, um die Geschichten der Bewohner zu dokumentieren. Von Anfang an fand sie in Miracle Village eine ruhige Lebensgemeinschaft und enge Beziehungen vor, die vor allem durch die Abschottung von der Außenwelt zustande gekommen sind. Valiente erarbeitete sich das Vertrauen der dort wohnenden Menschen und vermittelt uns durch ihre ehrlichen Porträts einen Eindruck davon, wie die geächtetsten Mitglieder der westlichen Gesellschaft leben.

VICE: Hi Sofia. Kannst du kurz umreissen, wie du dieses Projekt angegangen bist? Gab es gewisse Vorurteile deinerseits?
Sofia Valiente: Das war eine heikle Angelegenheit. Ich hatte keine Ahnung, was ich zu erwarten hatte, und rechnete mit dem Schlimmsten. Jedes Mal, wenn in den Nachrichten etwas über einen Sexualstraftäter berichtet wird, beschleicht dich dieses gewisse Angstgefühl. Nachdem ich aber mit den dortigen Bewohnern gesprochen hatte, wurde mir klar, dass sie keine Monster sind. Sie sind genau so wie du und ich und genau das hat mich dazu veranlasst, dieses Projekt ins Leben zu rufen.

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Ich wusste, dass es auch Fälle gab, die potentiell gefährlich sein könnten, und deswegen bin ich immer ganz unvoreingenommen auf die Leute zugegangen. Schon bald habe ich jedoch herausgefunden, dass sie größere Angst als ich davor hatten, mit mir alleine in einem Raum zu sein.

Wie bekamst du Zutritt zu Miracle Village?
Ein Freund arbeitet bei der Lokalzeitung der Stadt, in der sich Miracle Village befindet. Er war es, der mir von dieser Lebensgemeinschaft erzählt hat. Meine Neugierde war geweckt und eines Tages bin ich einfach hingefahren. Ich hatte da schon die Idee für das Projekt im Kopf und habe dann jeden Bewohner einzeln gefragt, ob er dabei mitmachen wolle. Die Antwort lautete fast immer Ja.

Welche Straftaten haben sie begangen?
Das ist ganz unterschiedlich. Dort wohnen junge Männer, die für ihre einvernehmliche Beziehung zu einer Teenagerin verurteilt wurden—er war 18 und sie 16. Andere hatten Kinderpornographie auf ihren Computern, was immer illegal ist, egal wie die Daten auf den PC gekommen sind. Dann gibt es dort noch die Männer, die sich an Minderjährigen vergangen haben. In Miracle Village wohnen jedoch keine „diagnostizierte" Pädophile. Serienvergewaltiger, Pädophile oder Leute, die gewalttätige Verbrechen begangen haben, sind dort nicht erwünscht.

Was war der ungewöhnlichste Fall?
Der Mann, der in der Öffentlichkeit gepinkelt hat. Ein Kind konnte ihn dabei beobachten und dessen Mutter hat dann die Polizei gerufen.

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Wie geht er damit um?
Ich fragte ihn, ob er wütend sei. Er ist jedoch zuversichtlich und es ist ihm egal, was man über ihn denkt. Er lässt die Dinge ihren Lauf nehmen. Früher war Alkohol noch sein bester Freund und er war auch betrunken, als er in der Öffentlichkeit urinierte. Aber die Gefängniserfahrung und die Verurteilung ließen ihn sein Leben überdenken.

Dort haben so einige Geschichten keinen Sinn ergeben, wie zum Beispiel der Fall von Rose, der einzigen Bewohnerin. Sie kam aus einem gewalttätigen Haushalt und war sehr arm. Ihr Ehemann schlug und vergewaltigte sie und darüber konnte sie selbst mit mir kaum reden. Sie wollte dem Ganzen entfliehen und er sagte dann zu ihr, dass sie niemals das Sorgerecht für ihre Kinder bekommen würde. Dann stellte er diese ganzen Anschuldigungen auf und unter diesen Umständen sind keine Beweise nötig.

Die Gemeinschaft macht einen sehr ruhigen Eindruck. Entspricht das der Wirklichkeit?
Absolut. Alle Bewohner von Miracle Village teilen einen gemeinsamen Stempel, den man ihnen aufgedrückt hat. Dort herrscht keine Hierarchie wie im Rest der Gesellschaft. Ein Mensch verändert sich, wenn man ihm sein Selbstgefühl wegnimmt. Dort geht man ehrlich miteinander um.

Glaubst du, dass sich die Bewohner wieder in die normale Gesellschaft einfügen wollen?
Ich könnte mir vorstellen, dass es für sie schon sehr viel bedeuten würde, wenn man sie wieder als Menschen mit einer Vorgeschichte ansieht. Sie waren wirklich froh darüber, dass jemand zu ihnen gekommen ist und sich die Zeit genommen hat, ihnen zuzuhören—denn das kommt nur sehr selten vor.

Wie sieht der Tagesablauf in Miracle Village aus?
Jeder geht seinen Tag anders an. Einige Bewohner haben einen Job gefunden, zum Beispiel erledigen die jungen Leute die Arbeiten, die so auf dem Gelände anfallen. Irgendwann will aber jeder im Leben wieder weiterkommen. Viele von ihnen freuen sich schon auf das Ende ihrer Bewährung, wenn sie wieder mehr Freiheiten haben.

Wird sich die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Sexualstraftätern deiner Meinung nach jemals ändern?
Ja, das muss sie—vor allem, wenn es um junge Menschen geht, denen beim Downloaden ein Fehler unterlaufen ist und sie deswegen jetzt ihr Leben lang gebrandmarkt sind. Sie sollten nicht ewig darunter leiden müssen, insbesondere wenn sie ihre Strafe verbüßt haben.

Das Buch Miracle Village wird von Fabrica produziert und vertrieben.