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The Fiction Issue 2015

David Sedaris darüber, wie man den Selbstmord der eigenen Schwester überlebt

Ein Interview über die Komplexität der Tragödie, wenn ein geliebter Mensch sich das Leben nimmt.

von Blake Bailey
12 August 2015, 4:00am


Die Familie Sedaris. Vorne, v. l. n. r.: Lisa, David und Dad (Lou). Hinten: Paul, Amy, Mom (Sharon) und Gretchen. Fotos mit freundlicher Genehmigung von Lisa Sedaris Evans

Aus der Fiction Issue 2015

Ich lernte David Sedaris vor etwa zehn Jahren kennen, nachdem er meine Richard-Yates-Biografie auf der Website des Harvard Book Store erwähnte. Ich hätte mich nicht geschmeichelter fühlen können, wenn Mark Twain meine Arbeit für gut befunden hätte, also ging ich zu Davids nächster Lesung in Gainesville, Florida, wo ich da­mals wohnte. Später zog ich nach Norfolk, Virginia, und traf mich mit David, als er auf seiner Tournee dort vorbeikam, auf einen Drink—genauer gesagt, trank ich einen Martini und David ein Selters, wenn ich mich recht entsinne. Er saß mir aufmerksam lächelnd gegenüber und manchmal klappte er diskret einen kleinen Notizblock auf und notierte etwas. Er arbeitet so gut wie immer, selbst wenn er nur in der Nähe seines Hauses in der englischen Grafschaft West Sussex Müll vom Straßenrand aufsammelt (die Queen hat seinen Fleiß gelobt).

Am 24. Mai 2013 beging Davids jüngste Schwester, Tiffany, in Somerville, Massachusetts, Selbstmord. David schrieb danach einen ergreifenden Beitrag für den New Yorker mit dem Titel „Now We Are Five". Tiffany hatte in ihrem Testament angegeben, die Familie dürfe „weder ihre Überreste bekommen noch ihren Gedenkgottesdienst besuchen", und in ihrem Besitz waren einige in Stücke gerissene Familienfotos. „Now We Are Five" erzählt von einem Familienausflug im Sommer 2013 in ein Strandhaus in Emerald Isle, North Carolina, wo die überlebenden Kinder und ihr 90-jähriger Vater sich fragten, wer Tiffany wirklich war und wie es so weit kommen konnte. „Unser Verein ist der einzige, dem ich jemals angehören wollte, und auszusteigen war für mich unvorstellbar", schrieb David über seine Familie. „Das Bedürfnis, ein paar Jahre auf Distanz zu gehen, konnte ich verstehen, aber so dringend Abstand zu brauchen, dass man sich sogar das Leben nimmt?"

Nachdem ich den Artikel gelesen hatte, sagte ich zu meiner Frau, Tiffany erinnere mich sehr an meinen großen Bruder Scott. Er war die Hauptfigur der Memoiren, die ich im Begriff war, unter dem Titel The Splendid Things We Planned zu veröffentlichen. Früher war Scott immer der Vielversprechendere von uns beiden: Er sah besser aus, war sportlicher und wohl auch klüger (er sprach Deutsch, die Muttersprache unserer Mutter, und ich kann in keiner einzigen Fremdsprache richtig bis zehn zählen). In vielerlei Hinsicht, sowohl positiv als auch negativ, war er mir ähnlicher als sonst irgendjemand auf der Welt: Er war der Einzige, der über die selben bescheuerten Dinge lachen konnte wie ich, und heute lache ich oft alleine und denke dann daran, dass Scott genauso laut gelacht hätte. Doch auch Scott nahm sich das Leben. Zu dem Zeitpunkt, als es geschah, war es nicht mehr so überraschend. Aber man fragt sich immer, zu welchem Grad Alkohol und Drogen zu seiner geistigen Krankheit beigetragen hatten und umgekehrt. Scott war nicht älter als zehn, als er mir zum ersten Mal erzählte, er habe eine zweite Familie in einer anderen Dimension (ohne kleinen Bruder) und würde eines Tages für immer in ihren liebevollen Armen verschwinden.

Vor seinem Auftritt am 29. April traf ich mich mit David im Skirvin Hotel im Zentrum von Oklahoma City, gegenüber der Straße, in der mein Vater fast 45 Jahre lang als Anwalt tätig gewesen war. Wir sprachen offen über unsere Familien, vor allem die „außergewöhnlichen Chaoten" Tiffany und Scott.

VICE: Auch wenn Scott und ich eine gewisse geistige Verwandtschaft hatten, machte es nicht viel Spaß, mit ihm aufzuwachsen. Würdest du sagen, du hattest eine glückliche Kindheit und Jugend in deiner Familie?
David Sedaris: Ich hatte eine glückliche Zeit mit meiner Familie. Bei ihnen habe ich mich immer sicher gefühlt. Ich habe mich immer als ein Teil von ihnen gefühlt. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, sehe ich meine Geschwister und mich, wie wir um den Tisch sitzen und mit meiner Mutter lachen. Und zwar lange nachdem das Abendessen vorbei war. Wir haben den Tisch nicht sofort verlassen, wenn wir aufgegessen hatten; mein Vater tat das, und dann atmeten wir alle auf und unterhielten uns, stundenlang. Egal in welchem Alter, sogar nach der Highschool—wir schätzten es einfach, Zeit miteinander zu verbringen.

Das klingt großartig. Mir wurde eher schwer ums Herz, wenn es Zeit war, sich zum Abendessen mit meiner Familie zusammenzusetzen—zumindest mit Scott.
Etwas, das ich Leuten über dein Buch sage, ist, dass es sehr zermürbend ist, jemanden wie Scott in der Familie zu haben. Er macht echt schlimmen Scheiß, und nachdem er um Verzeihung bittet, lässt man ihn zurück. Dann fährt er das Auto zu Schrott und geht auf Entzug. Dann kommt er raus und fängt an, Drogen zu nehmen—die Geschichte wiederholt sich einfach wieder und wieder. Doch du sorgst dafür, dass dein Buch für Leser nicht bedrückend wird, indem du deinen Bruder als eine außergewöhnliche Person zeigst. Als außergewöhnlichen Chaoten zwar, aber trotzdem als einen bemerkenswerten Menschen. Das verlierst du weder als Bruder noch als Schriftsteller aus den Augen. Und ich denke, oft tun die Leute das, vor allem, weil diese Chaoten sie so sehr verletzen. Aber es sind die Außergewöhnlichen, über die man Bücher schreiben muss.

Wo wir von außergewöhnlichen Chaoten sprechen: War Tiffany schon als Kind die Schwierige?
Ja. Sie ähnelte in vielen Dingen meiner Mutter. Die äußerliche Ähnlichkeit war fast unheimlich und sie hatten einen ähnlichen Charakter. Vielleicht war das der Grund, warum unsere Mom Tiffany nie richtig mochte. Selbst als Kind sah ich meine Schwester an und fragte mich, wie das wohl wäre, wenn ich nicht die Wärme der Liebe meiner Mutter spüren würde. Tiffany spürte sie nicht. Sie hatte immer etwas leicht Nervöses, Zaghaftes, einen verzweifelten Wunsch, nicht in Ungnade zu fallen. Während der Rest von uns die Augen vorne hatte, waren ihre Augen an der Seite, wie bei einem Hasen oder Reh. Wie ein Beutetier, das immer nach Gefahren Ausschau hält. Selbst wenn es keine Gefahr gab. Du sahst sie zittern und dachtest: Du willst Gefahr? Ich geb' dir Gefahr ...

Sie wurde also gemobbt?
Sie wurde gemobbt, aber es wäre anders gewesen, wenn sie zu den älteren Geschwistern gehört hätte. Je älter du bist, desto weniger Leute gibt es, die dir das Leben schwer machen können. Ich habe mich vor ein paar Wochen mit Zach Galifianakis unterhalten und er hat mir erzählt, sein großer Bruder habe ihm immer seine dreckigen Unterhosen in den Mund gestopft und gesagt: „Ich erteile dir hiermit Redeverbot." Er sagte—und das fand ich sehr interessant—sein großer Bruder habe ihn „geformt". Zach ist ein sehr erfolgreicher Comedian und er ist dankbar für seine Familie. Ich denke an meine große Schwester Lisa und wie sie mich immer am Boden festhielt und mir in den Mund spuckte. Damals machte das nicht so viel Spaß, doch ich mache ihr bestimmt keinen Vorwurf mehr daraus. Tiffany hingegen hielt an all dem fest. Sie weigerte sich, sich an glückliche Zeiten zu erinnern. Das zu tun sah sie als Verrat. In ihrer Geschichte waren wir furchtbar zu ihr, und wir konnten nichts sagen oder tun, um das zu ändern.

Hatten deine jüngeren Geschwister, Amy und Paul, einen besseren Draht zu ihr?
Ja, aber als Tiffany älter wurde, konnte sie daran nicht festhalten. Wir fanden später heraus, dass bei ihr eine Bipolar-II-Störung diagnostiziert wurde, aber sie sagte lieber, ihr fehle nichts. Wenn man sie drängte, dann sagte sie, sie sei wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung in Behandlung und bei dem Trauma handle es sich um ihre Kindheit.


Von links nach rechts: Amy, David, Gretchen, Paul, Lisa und Tiffany

Wie hast du von ihrer Bipolar-Diagnose erfahren?
Sie hatte ihr Zimmer geputzt und an der Außenseite ihrer Zimmertür hing eine Plastiktüte mit Müll, in der einige Papiere waren. Wir wussten nie, was bei Tiffany los war, und dachten sogar mal daran, einen Privatdetektiv zu engagieren, um herauszufinden, wie ihr Leben aussah. Aufgrund ihrer Verschwiegenheit befürchteten wir das Schlimmste. Ich weiß, dass sie sich wiederholt prostituiert hat.

Woher weißt du das?
Tiffany besuchte mich und Amy in New York. Nachdem sie nach Boston gezogen war, fuhr sie ein paar Mal heim nach Raleigh, und jedes Mal endete es böse. Es war, als müsse es einfach so kommen. Wenn es keine Probleme gab, dann erschuf sie welche, nur damit sie weiter in ihrer Geschichte leben konnte.

Sie kannte einen Typen in Queens, der nicht wirklich ihr Freund war, aber er kaufte ihr Flugtickets und gab ihr Geld. Vielleicht ist das nicht fair von mir, aber ich hatte den Verdacht, es sei im Gegenzug für Sex. Es gab andere Typen, die sie erwähnte, und Situationen, von denen sie in Telefonaten erzählte. Tiffany war wunderschön, und schon mit 14 wusste sie, ihr Aussehen zu ihrem Vorteil einzusetzen. Es gab ein paar Ausnahmen, aber hauptsächlich waren ihre Beziehungen mit Männern ... nun, es wirkte immer so, als würde sie sie benutzen und täuschen. Es schien bei ihr nie eine unschuldige Phase zu geben, in der man sich nur auf Dates trifft oder verknallt ist. Sie steckten sie in ein Internat für Schwererziehbare namens Elán [in Maine], als sie 14 war. Vielleicht war sie dort unschuldig und wir haben es verpasst, weil wir sie nicht besuchen durften. Es ist, als sei sie als Kind hineingegangen und als hartgesottener Vamp wieder herausgekommen.

Es ist bekannt, dass Tiffany ein Problem damit hatte, in deiner Arbeit aufzutauchen.
Tiffany sagte mir, ich dürfe nie über sie schreiben, und ich sagte: „In Ordnung." Dann rief sie mich 2000 an und sagte: „Alle denken, du magst mich nicht. Schreibst du eine Geschichte über mich?" Ich schickte sie ihr mit einem Zettel, auf dem stand: „Ist das OK für dich?" Sie sagte: „Mein Freund und ich haben es gelesen und wir haben so laut gelacht. Du hast mich gut eingefangen." Dann nahm ich einige Dinge heraus, schickte ihr die neue Version und fragte wieder, ob es OK sei. „Super", sagte sie. Als das Buch mit der Geschichte 2004 erschien, gab sie [dem Boston Globe] ein Interview und sagte, ich hätte ihre Privatsphäre verletzt und ihr Leben ruiniert. So war Tiffany. Ich hätte es wissen müssen und die Geschichte nie schreiben sollen. Sie richtete sich in ihren Reaktionen immer nach der Person, mit der sie sprach. Wenn jemand sagte: „Ich liebe die Geschichte, die dein Bruder geschrieben hat", dann sagte sie: „Ja, ist sie nicht toll?" Und wenn jemand sagte: „Ich kann nicht fassen, was dein Bruder über dich geschrieben hat", dann sagte sie: „Ja, ist es nicht furchtbar?"

Wie reagieren deine anderen Geschwister darauf, wenn sie in deiner Arbeit vorkommen? Gab es da auch schon Konflikte? Oder zeigst du ihnen grundsätzlich alles vor der Veröffentlichung?
Ich zeige es ihnen immer vorher, oder zumindest fast immer. Ich war vor Kurzem in Asheville, North Carolina, und habe eine neue Geschichte über meine Schwester Lisa vorgelesen, die immer über sich selbst lachen kann. Sie saß an dem Abend im Publikum und anstatt sie ihr vorher vorzulesen, wollte ich sie damit überraschen. Wenn eine Geschichte über ein Mitglied meiner Familie die Leute zum Lachen bringt, dann lachen sie, weil die Person lustig ist. Meist lachen sie über Zitate. Lisa weiß, dass sie witzig ist. Sie hat keine Lust, sich auf die Bühne zu stellen und das zu tun, was ich tue, aber die Lacher, die ich mit ihrer Geschichte ernte, gehören ihr und sie hat jeden einzelnen verdient.

Hattest du ein besseres Verhältnis zu manchen Geschwistern, als ihr jung wart? Oder haben sich temporäre Bündnisse gebildet und wieder aufgelöst?
Ich denke, so ist es in jeder Großfamilie. Beziehungen verlagern sich. Während meiner Zeit in der Junior Highschool und Highschool war meine Schwester Gretchen meine beste Freundin. Wir waren wie Pech und Schwefel. Als sie auszog, um zu studieren, verbrachte ich mehr Zeit mit Lisa. Dann zogen Amy und ich nach Chicago und wurden unzertrennlich. In New York waren es immer noch Amy und ich. Dann verließ ich die Staaten und kam sozusagen wieder zu Lisa zurück, mit kurzen Abstechern zu Gretchen. Ich sehe Paul nicht so oft, aber die Dinge ändern sich, wer weiß also, wie es in zehn Jahren aussieht? Amy reist mit mir nach Japan und sie kommt zu Weihnachten nach Europa, mit dem ganzen Rest. Ich mag sie alle.

Gibt es Geschwister, die konservativer sind, oder seid ihr alle solche Energiebündel?
Lisa ist ... sagen wir, sie ist vielleicht etwas nüchterner. Ich würde sie nicht konservativ nennen. Ihre Geschichten sind wild, und sie ist eine fantastische Erzählerin. Von außen betrachtet wirkt sie vielleicht etwas korrekter als der Rest, mit ihrem Haus in der Vorstadt und so, aber ich bin mir nicht so sicher, ob das stimmt.

Du erwähnst, dass Paul sich ab und zu in „Rooster-Manier" über deine sexuelle Orientierung lustig gemacht hat. Was ist mit deinen anderen Geschwistern? Wussten sie vor euren Eltern, dass du schwul bist? Wie haben sie reagiert?
Das ist das Tolle an einer großen Familie. Du musst es einfach nur einer Person sagen und bis Sonnenuntergang wissen es alle. Ich vertraute mich Gretchen an und sie erledigte den Rest für mich. Es schien niemanden zu stören, außer meinen Vater, und Paul, als er noch jung war. Das ist wahrscheinlich ziemlich normal. Wenn du 13 oder 14 Jahre alt bist, dann willst du nicht, dass dein großer Bruder schwul ist. Es ist peinlich für dich. Als junger Mann hatte Paul ein paar schlechte Erfahrungen. Einmal machte er bei anderen Leuten Gartenarbeit und ein Typ hielt, um nach dem Weg zu fragen. Paul half ihm und der Typ sagte: „Wie wär's, wenn ich dir einen blase?" Mein Bruder war schockiert und ging mit seinem Rechen auf ihn los. Ich denke, so stellte er sich Schwulsein vor: durch die Gegend fahren und versuchen, Teenager abzuschleppen, die mit Rechen und Schaufeln hantieren.


Von links nach rechts: David, Lisa und Gretchen

Amy hat in einem Interview von dem ersten Mal erzählt, als du deinen Freund mit ins Strandhaus genommen hast. Alle hätten ihn geärgert.
Wenn meine Schwestern ihre festen Freunde mit nach Hause brachten, sorgte meine Mutter dafür, dass sie in getrennten Zimmern schliefen—und zwar, weil sie nicht verheiratet waren. Bei meinen Freunden gab es allerdings keine Einschränkungen. Schon witzig, der einzige Sex, den meine Mutter in ihrem Haus duldete, war schwuler Sex, vielleicht weil der nicht zu Schwangerschaft führen konnte. Ich hatte keine ernste Beziehung, bis ich 27 war. Das war das erste Mal, dass meine Familie mich in einer Beziehung erlebte.

Hat dein Vater versucht, es dir auszureden?
Sogar 2005 hat er noch versucht, mir meine Freundin Evelyn schmackhaft zu machen, die zehn Jahre älter ist und in Chicago lebt. „Sie ist ein klasse Mädel! Die solltest du heiraten." Ich war zu dem Zeitpunkt seit 15 Jahren mit Hugh zusammen und sagte: „Was sagt es deiner Meinung nach über sie aus, wenn sie bereit ist, einen schwulen Mann zu heiraten?" Ich fand es einfach so seltsam.

Aber er versteht sich schon mit Hugh, oder ...?
Ja, das tut er, sogar überraschend gut, wenn man bedenkt, dass er 92 und Grieche ist. Als ich mit meiner Radioarbeit anfing, sagte mein Vater: „Warum musst du über dieses Zeug reden?" Ich dachte, er meine Homosexualität, doch er meinte Putzen. Er wollte nicht, dass die Leute wussten, dass ich mir damit mein Geld verdient hatte. Interessanterweise fand er das beschämender als meine Sexualität.

In deiner neuesten Geschichte über den Rooster [sein jüngerer Bruder, Paul] erwähnst du, dass eure Mutter am Ende dazu neigte, unter Alkoholeinfluss aggressiv zu werden.
Bei jeder Person, über die du schreibst, gibt es Dinge, von denen sie nicht wollen würde, dass sie bekannt werden. Aus diesem Grund habe ich nie wirklich über den Alkoholismus meiner Mutter gesprochen. In der Geschichte über meinen Bruder geht es allerdings darum, was ihn geprägt hat, wie seine Kindheit sich von meiner unterschieden hat. Die Mutter, die ich hatte, hätte niemals so mit mir gesprochen, wie sie es mit Paul tat, hätte sich nie so verhalten, hätte nie derart die Kontrolle verloren. Es ist schwer, es zuzugeben, aber gegen Ende ihres Lebens war sie eine unglückliche Person und es hat uns wirklich das Herz gebrochen, weil wir sie geliebt haben. Schlimmer noch, wir haben sie nie zur Rede gestellt. Stattdessen konnte es sich einfach ungestört verbreiten.

Es war also doppelt traurig?
Ich schätze, wir alle haben ihr Vorschub geleistet. Sie trank wie eine unglückliche Person und das machte es nur noch besorgniserregender. Hätte es etwas geändert, wenn wir etwas gesagt hätten? Wer weiß. Meine Mom liebte es, Mutter zu sein. Sie verbrachte gern Zeit mit uns und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Dann waren wir fort und die Düsternis schlich sich ein. Ich signierte eines Tages Bücher und eine Mutter kam mit ihren zwei Kindern, Alter 18 und 20. Sie waren in dieser goldenen Phase: Die Kinder studieren, alle sind so zufrieden miteinander. Und ich wollte sie einfach nur beschützen. „Schreckliche, schreckliche Dinge kommen auf euch zu", wollte ich sagen. „Erinnert euch gut an diese Zeit! Schätzt sie!" Ich erinnere mich, wie mein Dad einem Freund gegenüber prahlte: „Ich habe die schönsten Töchter im Viertel!" Und das hatte er.

Wo wir bei deinen Eltern sind: Normalerweise finde ich den Humor über deinen Vater nicht bissig. Er ist ein liebenswürdiges Original. In „Asche", das vom Krebs deiner Mutter handelt, gibt es eine Stelle, wo er mit ihr schimpft, weil sie eine Zigarette raucht, und du schreibst so etwas wie: „Er hatte sich dem Ziel verschrieben, ihr das Leben schwer zu machen, und das würde er auch bis zum bitteren Ende verfolgen." Hat das deinen Dad verletzt?
Das einzige Mal, das mein Vater wütend auf mich wurde, war wegen der Geschichte über meine Großmutter [„Schafft die Ya Ya raus!"]. Als sie in Nackt erschien, rief ich ihn an, um ihm zu sagen, dass das Buch auf der Bestsellerliste war, und er legte einfach auf. Autsch. Aber ehrlich gesagt hätte er auch viel wütender sein können. Wenn ich an die Geschichte denke, die du erwähnt hast, „Asche", wird mir ganz unwohl. Nach dem Tod unserer Mutter waren wir alle wütend auf meinen Vater. Wir warfen ihm vor, unsere Mutter unglücklich gemacht zu haben. Aber sie war ein freier Mensch. Sie hätte ihn verlassen und ihr Leben verbessern können. Sie hätte mit Trinken aufhören können. Was wusste denn jemand von uns schon über das Eheleben und darüber, wie es ist, 35 Jahre mit jemandem zusammen zu sein? Wir haben es uns leicht damit gemacht, ihm die Schuld zu geben. Wenn ich jetzt an diese Geschichte denke, dann wirkt das nur noch görenhaft und ignorant auf mich.

Gab es viel körperliche Gewalt zwischen dir und deinen Geschwistern? Du hast gesagt, Lisa hätte sich auf dich gesetzt und dir in den Mund gespuckt.
Als der älteste Bruder ist es deine Aufgabe, die anderen zu quälen, zum Beispiel indem du deine Schwestern in einer Schubkarre festbindest und dann über eine Klippe in eine Schlucht stößt. Aber es gab selten ernste Gewalt, es flogen nie Ziegelsteine. Dabei kann jemand ernsthaft verletzt werden. Wir hatten einen Butterfly-Stuhl. Du weißt schon, diese Stoffdinger—

Mit dem Metallrahmen.
Genau. Wenn also alle fernsahen und du in dem Butterfly-Stuhl sitzen wolltest, dann nahmst du eben eine Nadel und stachst damit durch den Stoff in den Arsch, der den Stuhl gerade besetzte. Die Person rannte hoch, um dich zu verpetzen, und voilà: Der Stuhl war dein. Aber es floss kaum Blut. Tiffany hat mir einmal mit einem Bleistift ins Auge gestochen. Ich hatte umgeschaltet, während sie Verliebt in eine Hexe guckte, und sie ist ausgeflippt. Überall war Blut. Ich musste ins Krankenhaus, aber es war am Ende doch nichts Ernstes. Sie war noch ziemlich jung, vielleicht in der dritten Klasse, als das passierte.


Von links nach rechts: David, Lisa und ihre Mutter

Hat sie es bereut?
Natürlich, und ich trage es ihr nicht nach.

Hin und wieder bekomme ich Hassmails wegen meiner eigenen Erinnerungen. Fremde, die sie gelesen haben und die denken, ich sei gefühllos und würde mich auf Scotts Kosten amüsieren. Kriegst du solche Dinge mit?
Nein. Ich meine, ich weiß, dass es das gibt, aber ich gebe nichts darauf. Ich hielt letztes Jahr eine Lesung in Mississippi, und während der Fragerunde fragte eine Frau: „Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie seien für den Selbstmord Ihrer Schwester verantwortlich?"

Du deutest in „Now We Are Five" an, dass der Selbstmord in gewisser Weise eine demonstrative Geste gegen die Familie gewesen sei. Denkst du das wirklich?
Tiffany hat vor ihrem Selbstmord einen sieben- oder achtseitigen Brief an ihren Anwalt geschrieben, in dem sie dargelegt hat, was sie dazu getrieben hat. Hauptsächlich ging es um Freunde, von denen sie glaubte, bestohlen worden zu sein. Der Brief war so wirr und klang so verzweifelt. Mir fiel beim Lesen auf, dass alle Bs am Wortanfang großgeschrieben waren: Bei, Bin, Bitten. Alles andere war klein. Es war lange her, dass ich von Tiffany einen Brief bekommen hatte, ich glaube 1998. Damals achtete ich nicht darauf. Ich meine, wer schreibt schon all seine Bs groß?

Sie hat gesagt, sie möchte nicht, dass Familienmitglieder zu ihrem Gedenkgottesdienst kommen.
Ja. Sie hat auch gesagt, dass wir ihre Überreste nicht bekommen dürfen. Tiffany hat ihren gesamten Besitz einer Frau hinterlassen, für die sie früher gearbeitet hatte und die im Staat New York lebt. Lisa rief sie an, um zu fragen, ob wir vielleicht eine Tasse voll Asche bekommen könnten, und die Frau sagte Nein. Sie war sehr wütend wegen dieses Interviews, dass ich gegeben hatte. Ein paar Monate nach Tiffanys Tod kam eine niederländische Filmcrew nach Sussex. Sie begleiteten mich ein paar Tage und gegen Ende kam mir der Interviewer sehr nahe und sagte: „Ich weiß, deine Schwester hat vor Kurzem Selbstmord begangen. Wenn sie jetzt hier wäre und du etwas zu ihr sagen könntest, welche Frage würdest du ihr dann stellen?" Und ich sagte: „Kann ich die 6.000 Dollar wiederhaben, die ich dir geliehen habe?" Ich sagte es, weil der Effekt so billig wirkte, mit dieser sanften Stimme und dem Näherkommen. Gewisse Personen haben sich darüber aufgeregt, aber kommt schon. Tiffany war ein lustiger Mensch. Sie wäre die Erste gewesen, die so etwas sagen würde.

Es gibt ein etwa fünfminütiges YouTube-Video von Tiffany. Es wurde 2013 veröffentlicht, ist also vermutlich kurz vor ihrem Tod entstanden. Sie ist total witzig. Sie erzählt diese Geschichte über Fred Astaire und Dick Cavett—
Ich habe es gesehen und es hat mich traurig gemacht, hauptsächlich, weil sie noch so viel lustiger war als das. Tiffany konnte einen wirklich zum Lachen bringen. Leider wusste sie aber oft nicht, wann Schluss war. Es war selten, dass sie jemand anderen zu Wort kommen ließ, und nach einer Weile wurde es beklemmend, vor allem als sie älter wurde.

Wie sah das aus? Kannst du mir ein Beispiel dafür geben, wie sie eine nette Runde verderben konnte?
Ich nahm eines Jahres eine Folge von This American Life in Boston auf. Tiffany begleitete mich und kiffte den ganzen Abend und redete ununterbrochen. Ira Glass war da, ein Haufen Leute, auch einige, die ich nicht kannte. Am Ende des Abends setzte ich Tiffany in ein Taxi und Jonathan Goldstein sagte: „Wow". Denn an dem Abend war sie einfach außer Rand und Band. Sie hat einfach nicht aufgehört zu reden. Ich weiß, ich rede viel, wenn ich nervös werde, aber das hier war—

Glaubst du, es war die Manie?
Vielleicht. Ich weiß einfach nur, dass ich so etwas noch nie erlebt hatte. Du konntest das Telefon weglegen, wenn du mit Tiffany sprachst, und wenn du es zehn Minuten später wieder in die Hand genommen hast, war sie immer noch dabei, und hat nichts über dich gefragt. Es war wie ein Wasserfall aus Worten. Es gab selten ein Gefühl des Dialogs, der Konversation. Vielleicht war sie bei Freunden anders. Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es.

Glaubst du die Elán-Sache—es muss ein ziemlich schlimmer Ort gewesen sein—war der legitimste Aspekt von Tiffanys aufgebauschter Vorwurfshaltung gegenüber der Familie?
Ich kann mich an keine einzige Unterhaltung erinnern, in der sie diesen Ort nicht erwähnt hätte. Ich meine, 10, 20, 30 Jahre, nachdem sie dort rauskam.


David am Strand von Atlantic Beach, North Carolina

Du hast erzählt, du hättest die letzten acht Jahre ihres Lebens nicht mit ihr gesprochen, weil der letzte Streit so schlimm war. War dieser Streit wegen des Boston Globe-Artikels oder war es einfach nur ein weiterer Streit mit Tiffany?
Es war deswegen, ja, und dann gab es noch andere Dinge. Es gab nach einem Streit mit Tiffany nie eine Klärung. Sie tauchte einfach sechs Monate nach einem Streit auf und tat so, als sei nichts geschehen. Meist machte ich da mit, aber diesmal hielt mich etwas davon ab. Ich konnte ihr einfach nicht mehr trauen. Daraufhin drohte sie damit, meine Briefe zu verkaufen, und beschuldigte mich, ihre Myspace-Seite aus dem Netz genommen zu haben. Als ob ich die gekannt hätte. Sie warf mir vor, ihren Namen als Domainnamen gesichert zu haben, alles Mögliche. Du willst nicht der Bruder sein, der nicht mit seiner Schwester redet, aber manchmal ...

Als wir noch Kontakt hatten, sah ich sie öfter in Boston. Manche Besuche waren besser als andere, und die schlimmeren waren wirklich belastend. Mein Vater war aber immer dazu bereit. Er brach nie den Kontakt mit ihr ab, selbst wenn sie ihm Vorwürfe machte und furchtbare Dinge sagte. „Bei Tiffany läuft es schon wieder ganz gut!", erzählte er uns, immer so positiv. Es ist irgendwie rührend, dass er glaubte, sie sei fähig, sich zu ändern. [Imitiert seinen Vater:] „Sie sollte ein Album herausbringen. Sie hat eine wunderschöne Stimme! Ich habe mit ihr gesprochen und gesagt: ‚Wir müssen dich ins Radio bringen!' ... Ich habe mit ihr geredet und gesagt: ‚Du musst dich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen!'" Er hat sie finanziell unterstützt. Und so ist das bei Dad: Wenn er dir Geld gibt, dann musst du auch all seine Vorschläge anhören, was du mit deinem Leben anfangen solltest. Wahrscheinlich sind alle Eltern so. Deswegen muss man auch auf eigenen Füßen stehen, weil man sich sonst denkt: „Wenn ich mir das hier noch fünf Minuten länger anhören muss, bringe ich mich um."

Ein paar Jahre bevor sie starb, beschloss sie, zurück nach Raleigh zu ziehen. Es klappte nicht und während der drei Wochen, die sie dort verbrachte, verursachte sie große Probleme. Man hat mir erzählt, sie habe einen Rucksack dabei gehabt. Es war ein Schloss dran und niemand durfte ihm zu nahe kommen. Wir fragen uns, ob nicht vielleicht ein Aufnahmegerät drin war. „Findest du, dass ich schön bin?", fragte sie meinen Vater immer wieder. Nach zehn Tagen ging sie wieder und zog bei einer Frau ein, die sie aus der Highschool kannte. Nach einer Woche zog sie aus und behauptete, die Frau habe ihr sexuelle Avancen gemacht. Das war immer die Geschichte.

Ich schlug vor, dass mein Vater Tiffany eine Wohnung kaufen sollte, irgendwo wo es warm war, wie Key West. Es gibt dort unten viele Leute wie sie. In zehn Minuten hätte sie dort einen Platz gefunden, auch wenn es nicht ihre größeren Probleme gelöst hätte.

Jetzt wo Tiffany tot ist, denkst du darüber nach, Memoiren zu schreiben—ich meine etwas in Buchlänge anstatt einzelner Geschichten? Ist das eine Sache, die dich reizt?
Ich würde liebend gern herausfinden, wer sie war. Aber ich habe nicht deine Fähigkeit, loszugehen und mit Freunden zu sprechen, Leute aufzusuchen, die auch in die Elán School gesteckt wurden, und ein umfassendes Porträt von ihr zu konstruieren. Wir haben viele Fragen, meine Familie und ich. Wir reden ständig darüber. Wir wüssten gern, wie sie überlebt hat. Fast 20 Jahre lang hatte Tiffany einen günstigen Preis für eine Wohnung in Somerville. Ihre Vermieterin, Frau Yip, war aus China, und jahrelang sang meine Schwester ein Loblied auf sie. „Frau Yip ist die Beste. Sie bringt mir Tai Chi bei!" Nach und nach zerstörte Tiffany die Wohnung: Sie riss das Linoleum in der Küche heraus, verschüttete Eimer voll Farbe auf dem Wohnzimmerboden, schrieb an die Wände. Die Wanne war schwarz und im freien Zimmer war bis zur Decke Zeug gestapelt. Es war total zerstört. Diese Wohnungen waren Frau Yips Rentenversicherung. Somerville ist voller Studenten, und anstatt Tiffany die Wohnung für monatlich 1.000 Dollar zu vermieten, hätte sie mindestens das Doppelte verdienen können, mit Mietern, die die Wohnung nicht zerstören. Ich weiß nicht, was zwischen meiner Schwester und Frau Yip passiert ist, aber irgendwann hörte sie auf, die Miete zu zahlen, und behauptete, sie habe Arbeit im Wert von 25.000 Dollar in die Wohnung gesteckt. Es gab einen Räumungsbescheid. Tiffany erwirkte eine einstweilige Verfügung. Es wurde hässlich und irgendwann zog sie in eine Ein-Zimmer-Wohnung in einem viel schlechteren Stadtteil.

Kann ich dich was fragen? Wenn dir die Leute grässliche Dinge über dein Buch schreiben, wie fühlst du dich dann? Liest du dieses Zeug?

Ja. Ich bin nicht David Sedaris; ich bekomme ziemlich wenig Leserpost, also beantworte ich sie meist, wenn ich welche kriege. Und das meiste davon ist freundlich. Aber wenn ich hässliche Sachen kriege ... OK. Also es gab eine Frau, die schrieb: „Sie sollten sich schämen, Ihren Bruder an Weihnachten aus dem Haus zu werfen. Was sind Sie für ein Mensch? Sie sind ein Monster." Also erinnerte ich sie daran, dass mein Bruder in jenem Jahr um Weihnachten meine Mutter attackiert und gedroht hatte, sie umzubringen, also tat ich es nur, um meine Mutter zu beschützen. Und ich denke wirklich, wir haben unser Bestes getan. Also sagte ich zu ihr: „Warum gehen Sie nicht, und hacken auf einem anderen Memoirenautor herum? Oder vielleicht haben Sie ja auch Besseres zu tun? Um Ihretwillen hoffe ich das mal." So in etwa. Andere Leute haben gesagt, ich sei zu distanziert gegenüber der Leidensgeschichte meines Bruders oder dass ich einen geschmacklosen Sinn für Humor hätte—solche Dinge. Manche Menschen sind ziemlich humorlos und sehen dadurch oft Dinge auf eine Art, die ich nicht verstehe. Es ist fast, als würden sie Swahili sprechen oder so. Ich begreife es nicht.
Ich lese nie etwas über mich. Keine Rezensionen, nichts.

Manchmal sagen mir Leute: „Sie haben sich nicht genug um Scott bemüht. Sie haben sich nicht genug Mühe gegeben, ihm zu helfen." Kriegst du auch solche Sachen zu hören?
Damit es anders hätte laufen können, hätte Tiffany ein komplett anderer Mensch sein müssen. Ich meine, man könnte genauso gut sagen: „Wenn sie nur 10 cm groß gewesen und ihr Name Däumelinchen gewesen wäre, dann wäre alles gut gelaufen." Ich hätte Tiffany nicht retten können. Wenn jemand seine Medikamente nicht nehmen will, dann können andere auch nichts machen. Aber es gibt keinen einzigen Tag, an dem ich nicht an sie denke. Sie war eine außergewöhnliche Person.