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Gründe, warum London der beschissenste Ort der Welt ist

Wieso man eigentlich in diese beschissene Stadt fahren oder gar hier leben will, ist mir unerklärlich: Es ist extrem teuer, regnet immer und überall sind orange-solariumgebräunte Spießer und selbstverherrlichende Fahrradfahrer.
17.10.13

Der britische Lexikontyp Samuel Johnson hat berüchtigterweise einmal gesagt, dass jeder, der London überdrüssig ist, eigentlich des Lebens überdrüssig ist.

Vielleicht hast du das ja auch schon mal von irgendeinem ganz tollen Globetrotter gehört, der ständig nach London fliegt, um seine Urbanität zu beweisen. Was er dir aber verschweigt, sind die brutale Luftverschmutzung in London und Bankautomaten, die dir mindestens 2 Pfund abluchsen, wenn du etwas abheben willst. Johnson war zwar ein cleverer Typ, litt aber auch stark am Tourette-Syndrom. Das wiederum bedeutet, dass er nicht nur wirklich geistreiche Bemerkungen von sich gegeben hat, sondern auch ganz schön viel Schwachsinn.

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Die Wahrheit ist nämlich, dass die meisten Leute, die hier leben, keine Lust mehr darauf haben. Denk einfach nur an die immer völlig überfüllte Oxford Street oder wie gereizt Menschen in der Tube auf ein schreiendes Baby reagieren. Dann weißt du, dass London am Rande der Verzweiflung steht. Menschen können tatsächlich gleichzeitig hier leben, während sie der ganzen Stadt allerdings überdrüssig sind, weil London—ganz anders als zu Zeiten von Mr. Johnsons—heute eben nicht mehr nur aus ein paar schön gepflasterten Straßen bestehet: London ist die letzte Metropole in einem dem Untergang geweihten Land auf einer sterbenden Insel. Eine Insel auf einer Insel, die ihr Abwasser in die Grafschaften um London herausschwitzt wie eine nicht zu stoppende Ölkatastrophe.

Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen, so wie auch meine Eltern und meine Großeltern. Es kann wirklich ein toller Ort zum Leben sein—und, um ehrlich zu sein, ich bin wahrscheinlich völlig unfähig, irgendwo anders zu leben. Es gibt eine Menge Gründe, warum jeder Zehnte in England sich dazu entscheidet, einen der 32 Bezirke Londons zu seiner Heimat zu erklären. Aber es gibt ebenso viele Gründe, warum sich Leute entscheiden, das Leben hier aufzugeben und in eine Mittelschichtshölle namens Brighton oder so zieht.

Wie zum Beispiel das hier:

POSH PUBS

Irgendwann haben sich die Londoner Gastwirte dazu entschieden, dass sie keinen Bock mehr auf ihre üblichen Gäste haben. Vielleicht weißt du ja, wofür das englische Wort „Pub" steht. Nämlich für Public House, eine uralte englische Institution, ein Zufluchtsort, für Menschen, die so ein scheußliches Zuhause hatten, dass sie lieber ein bisschen mehr für ihr Getränke zahlten, um ihren Alkohol in einem warm dampfenden Raum voller Alkoholiker zu trinken. Aber darauf haben die Pubbesitzer heute keine Lust mehr. Sie entschieden sich, ihren Gästen etwas Neues beizubringen. Sie wollen, dass du kunstvolle Barsnacks und gezapftes Ale kennenlernst. Deine Nasenlöcher sollen sich mit dem edlen Duft von Essen füllen, das du dir eigentlich nicht leisten kannst. Das Ergebnis ist, dass ihre Gäste heute Kinderbrettspiele spielen und für 4,50 Pfund tschechisches Regenwasserbier trinken.

Anfangs haben solche Bars nur in versnobbten Vororten existiert, aber mittlerweile haben sogar die Pubs in den Sozialwohnungssiedlungen eine Systemküche integriert und bieten Sandwiches an, die man „posh" bezeichnen könnte. Es gibt noch ein paar billige und hässliche Pubs, wo man Eier aus der Mikrowelle bekommt, sich aber wenigstens noch anständig besaufen kann.

WEST END SCUM

Wunderst du dich, warum kein normaler Mensch mehr im West End ausgeht? Eigentlich war es mal ein cooles Viertel, mit vielen Theatern etc., und Soho war auch Teil davon. Die Gegend liegt westlich vom Hyde Park und verwandelt sich jedes Wochenende in eine riesengroße Flachwichserfabrik. Es zieht solche Idioten förmlich an. Wenn du dich am frühen Abend in den Randgebieten aufhältst, kannst du beobachten, wie sie sich zusammenrotten: Rallige Typen mit peinlich ausgewaschenen Blue Jeans, Typ Bootcut, die sauer werden, weil bereits besetzte Taxis nicht für sie halten wollen. Pinke Hummer, die quietschende Frauen aus dem Norden nach Soho kutschieren. Männer aus dem Bankenviertel Canary Wharf, mit Gesichtern, die von übertriebener Selbstbräunerbehandlung so orange sind, dass sie heller leuchten als alle englischen Leuchttürme zusammen.

Die Innenstadt ist verloren. Bald wird sie nur noch als Keimzelle der Touristenhölle dienen. Langsam wird sich London zu einem riesigen Center Parc entwickeln, aber weniger für Familien, die Entspannung suchen, sondern eher für die Besucher von Stundenhotels.

QUAINT BULLSHIT

So gut wie nichts des echten alten Londons ist noch nicht von irgendeinem Arschloch für sich vereinnahmt worden, das sich gerne als echter alter Gentleman gibt und sich deshalb auch den ganzen Sommer lang via Smartphone auf Facebook über den ersten Wolkenkratzer Londons—The Shard—beschwert hat. Der zerstöre nämlich das alte Stadtbild. London hat eine große und ebenso grauenvolle Geschichte und nach und nach wird jedes einzelne Element vermarktet. Das meiste davon kannst du auf dem Portobello Market in Notting Hill kaufen. Die Käufer sind irgendwelche verblödeten jungen Väter, die aussehen wie Kinderkanalmoderatoren, die einen Hang zu Antiquitäten haben, um die authentische Londoner Geschichte wieder aufleben zu lassen.

Ein Hauptsymptom dieser Idealisierung der Geschichte Londons ist die Renaissance des Cupcakes—der harmloseste Vorbote von tief verwurzeltem Rassismus. Wer zur Hölle mag die überhaupt?

CLAPHAM

Der Bezirk Clapham liegt im Südwesten Londons und ist der Ort, an dem die immer magersüchtigere Keira Knightley sich tapfer dem Hunger verwehrt. Clapham ist wirklich der schlimmste Ort Londons, obwohl es da weniger Kriminalität gibt als anderswo. Also warum ist das grüne, wohlbetuchte Clapham so zum Kotzen? Nun, das liegt vor allem an den Leuten. Das mag unfair klingen, aber du hast wahrscheinlich noch nie einen wirklich furchterregenden Samstag dort verbracht, wenn amerikanische Banker Ultimate Frisbee im Park spielen. Abends ist es fast noch schlimmer, wenn sich australische Fitnessfreaks an deine Freundin ranmachen.

CYCLISTS

Im Leben gibt es zwei Arten von Menschen. Solche, die eben etwas tun und das schlicht als einen notwendigen Teil ihrer Existenz verstehen, und solche, die sich über das definieren, was sie tun. Das ist der Unterschied zwischen Leuten, die essen, weil das zum Überleben notwendig ist, und solchen, die sich selbst als „Foodies" bezeichnen. Das ist auch der Unterschied zwischen Menschen, die einen Blog haben, und „Bloggern". Am extremsten ist das aber bei Leuten, die ihr Fahrrad als Transportmittel sehen, und solchen, die sich als Fahrradfahrer/Cyclists verstehen.

Ich habe überhaupt kein Problem damit, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Das ist ein tolles Work-out, ich erlebe ein wenig von der Stadt, die ich sonst nicht sehen würde, wenn ich mit dem Bus fahren oder die Tube nehmen würde—und ich fühle mich außerdem wie jemand, der der Umwelt etwas Gutes tut.

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Aber nur weil ich mit dem Fahrrad fahre, bin ich noch lange nicht einer dieser selbstgerechten Lackaffen, die sich über alles und jeden stellen und sich viel zu geil vorkommen.

Es gibt natürlich noch schlimmere Typen. Etwa Grafikdesigner, die den ganzen Tag damit verbringen, unsere Comment-Section mit abfälligen Kommentaren zu füllen, um danach auf Mini-Scootern durch Shoreditch, den Hipster-Ground-Zero Londons, zu düsen. Oder die Typen, die ihre Freitagabende mit ihren Saufkumpanen auf Beer-Bikes verbringen, nur um von anderen als Wichser beschimpft zu werden. Obwohl es schon sehr lustig ist, wenn du beobachten kannst, wie sich aufgepumpte Betamännchen in ihre nicht-vorhandene Männlichkeit reinzusteigern versuchen, indem sie düster dreinblicken und sich dem glucksenden Kollektiv anschließen.

LONDONISTAS

Es gibt einen Typus von Londonern (nahezu keiner von ihnen ursprünglich aus London, aber egal …), der glaubt, die Stadt sei ein gigantisches Real-Life-Rollenspiel, das sie mittels den Tipps von kostenlosen Stadtmagazinen zu erobern hoffen.

DEUTSCHER KULTURIMPERIALISMUS

The deutsche Blitz ist zurück. Damit ist aber nicht der deutsche Luftangriff auf London gemeint, sondern die stetig steigende Beliebtheit deutscher—oder eher amerikanisierter bayrisch-völkischer—Disneylandkultur in London. Deutschsein ist in. An Weihnachten gibt es Glühwein an jeder Ecke, die City füllt sich immer mehr mit Bavarian Beerhouses, die gruselige Schweinebraten mit Sauerkraut verkaufen und auch vor einer traurigen Kopie des eh schon traurigen Oktoberfestes nicht zurückschrecken.

Auch nicht schlecht ist „Herman Ze German", ein deutscher Metzger in London mit dem einfallsreichen Slogan „our wurst is ze best". Wem das noch nicht Trash genug ist, der kann gerne mal in „Bodo's Schloss" gehen, einer Edelbar im grauenhaften Kensington, die aussieht wie eine Apres-Ski-Hütte in Kitzbühl. Cameron Diaz und anderes gelangweiltes Jet-Set-Volk sind anscheinend Dauergast.

ALTERNATIVE CABARET

Im 21. Jahrhundert gibt es bislang zwei große Medienverbrechen. Das eine ist der Leveson-Skandal, das andere ist die Verewigung des Mythos, Kabarett und Burleske seien irgendwas anderes als abgrundtiefe Scheiße. Ein interessanterer Autor als ich hat Burleske einmal als „Striptease mit Abitur" bezeichnet, und ich könnte dem keineswegs widersprechen. Ich bin sicher, du findest es total geil, weil es sowas symbolisiert wie „richtige Frauen". Aber das entschuldigt nicht die Tatsache, dass es einfach zum Kotzen ist. Es ist nicht nur langweilig, sondern auch unehrlich. Aus einem mir unerklärlichen Grund ist London das Epizentrum für diesen Schwachsinn geworden. Das Szenemagazin Time Out hat eine eigene Cabaret-Sparte und BBC London News hält es für notwendig, über jede einzelne Ex-Grundschullehrerin einen Bericht zu machen, die jetzt an überdimensionalen Martinigläsern hochklettert.

TOURISTEN

Ja, ich weiß auch, dass es einfach ist, sich über Touristen lustig zu machen. Aber mal ganz ehrlich: Sie sind die Vorfahren der ganzen Scheiße, die in London abgeht. Ich will hier echt nicht fremdenfeindlich rüberkommen, aber Touristen sind nun mal diejenigen, die auf der falschen Seite der Rolltreppen stehen und damit den gehetzten Londoner aufhalten. Sie waren es, die ohne mit der Wimper zu zucken als erste bereit waren, 4 Pfund und mehr für ein Bier zu zahlen, und sich all die schrecklichen Musicals ansehen, mit denen die Stadt überschwemmt wird (wie etwa Shrek). Das sind auch die Leute, die im 21. Jahrhundert noch die Monarchie—dieses milliardenverschlingende parasitäre Monster—gutheißen, weil es sie amüsiert.

Touristen sind der Ursprung der neuen Hölle Londons, die ich oben beschrieben habe, sie sind die Antreiber. Sie sind überall und nirgendwo gleichzeitig, gesichtslose Geisterarmeen bewaffnet mit roten Rucksäcken. Sie existieren nur als wandelndes Klischee, ein willkommener Sündenbock, an dem sich echte Londoner abarbeiten können. Sie kommen so schnell, wie sie verschwinden, doch ihre Zahlungsbereitschaft versaut uns Londonern die Möglichkeit, uns eine warme Dusche am Morgen leisten zu können, und bereitet uns die Freude, die das Gehämmere des Schuldeneintreibers an der Tür eben verbreitet. Wenn ich schon davon rede …

DER PREIS, UM IN DIESER BESCHISSENEN STADT LEBEN ZU KÖNNEN

Der durchschnittliche Preis eines 1-Zimmer-Apartments in Central London: £495 (585 Euro) pro Woche

Der durchschnittliche Preis eines Pints in Central London: £3.50 (über 4 Euro)

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Der durchschnittliche Preis eines Abendessens für 2 Personen inkl. Wein: £40 (fast 50 Euro)

Eine Busfahrt: £2.40 (2,80 Euro)

Ein Kinoticket für Erwachsene: £13 (über 15 Euro)

Das ist eigentlich nur der Preis, den du bezahlst, damit du nicht im noch beschisseneren Liverpool leben musst.


Fotos: Jamie Taete, Laura Oliver, Bruno Bayley, Anis Ali, Pascaline de Foucauld