So fühlt es sich an, auf einem elektrischen Stuhl zu sterben

„Es ist grausam, aber es ist wirklich so, dass der Körper kocht."

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Mai 28 2014, 12:31pm

Foto: George Eastman House Collection / Wikimedia

Titelbild: Der elektrische Stuhl in der Sing Sing Correctional Facility in New York Foto: George Eastman House Collection / Wikimedia

Die Hinrichtung von Todeskandidaten in den USA wird komplizierter. Da der Wirkstoff für Giftspritzen knapp wird, suchen die Bundesstaaten verzweifelt nach Wegen, Gefangene aus dem Todestrakt hinzurichten, ohne weitere Kontroversen über Methoden der Todesstrafe hervorzurufen. Im US-Bundesstaat Tennessee glaubt man, hierfür nun eine großartige Lösung gefunden zu haben: die Wiedereinführung des elektrischen Stuhls.

Vergangenen Donnerstagabend unterschrieb der republikanische Gouverneur Bill Haslam einen Gesetzesentwurf, der es dem Staat erlaubt, Straftäter elektrisch hinzurichten, wenn die Gefängnisbeamten keinen Wirkstoff für die Todesspritze auftreiben können. Damit ist Tennessee der erste Bundesstaat, der den elektrischen Stuhl wieder einführt, ohne Todeskandidaten die Option für eine alternative Hinrichtung zu lassen. „Ich denke, der Gesetzgeber war entschieden dafür, dass wir ein Back-up brauchen, wenn der Wirkstoff für die Todesspritze nicht verfügbar ist", sagte Haslam am Freitag.

Das Gesetz, das von den Abgeordneten des Staates mit einer überwältigenden Mehrheit verabschiedet wurde, fällt mitten in die Diskussion über die Humanität und Effektivität der Todesspritze, die in allen 32 Staaten, die die Todesstrafe noch anwenden, die bevorzugte Hinrichtungsmethode darstellt. Aufgrund der Knappheit des Wirkstoffes für Todesspritzen mussten Staatsbeamte mit ungetesteten Giftcocktails experimentieren, die bei dubiosen Hinterhofgeschäften erworben wurden—oftmals mit desaströsen Folgen, wie man letzten Monat an der verpfuschten Hinrichtung von Clayton Lockett in Oklahoma feststellen konnte.

Wie Philip Bump in der Washington Post ausführt, stellt der Einsatz des elektrischen Stuhls keine Neuigkeit dar—im 20. Jahrhundert war dies in den USA lange eine der geläufigen Hinrichtungsmethoden. In sieben anderen Staaten ist die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl noch immer als Option für Todeskandidaten vorhanden. Erst im Januar 2013 wurde ein Todeskandidat in Virginia auf diese Weise hingerichtet.

Natürlich gibt es einen Grund dafür, dass sich die meisten Staaten vom elektrischen Stuhl verabschiedet haben. Die elektrische Hinrichtung ist ein ebenso schmutziger wie grauenhafter Weg, einen Menschen zu töten. „Im Grunde genommen wird der Gefangene verstümmelt", sagte die Juraprofessorin Deborah W. Denno (Fordham University), die sich auf Hinrichtungsmethoden spezialisiert hat. Weil ich wissen wollte, welches Schicksal den 74 Häftlingen bevorsteht, die in Tennessee im Todestrakt sitzen, bat ich Denno, mir zu erklären, wie der elektrische Stuhl funktioniert.

Der Vorgang beginnt damit, dass dem Häftling der Kopf und ein Teil des Beins rasiert wird, gewöhnlich in der Nähe des Knöchels, sagte sie. Dadurch wird der Körper weniger resistent gegenüber Elektrizität. Dann wird der Häftling an der Brust und den Beinen an den Stuhl gebunden. Dem Gefangenen wird ein feuchter Schwamm und eine mit Elektroden versehene metallene Schädelkappe—„eine Art Jarmulke"—auf den Kopf gesetzt. Die Henker legen eine Kapuze über den Häftling und legen den Schalter um.

Woran genau der Häftling letztlich stirbt, ist Dennos Nachforschungen zufolge nicht ganz klar. Der Tod auf dem elektrischen Stuhl ist eine Art Kombination aus Erstickung und Herzstillstand, wobei das Nervensystem normalerweise gelähmt ist. Der Körper spannt sich an, manchmal gewaltsam. Oftmals defäkieren die Häftlinge. Aus ihrem Körper steigen Rauch und Dampf auf, wahrscheinlich, weil das Blut zum Kochen gebracht wird. Die Körpertemperatur steigt so sehr an, dass Fleisch abfällt, wenn jemand den Körper berührt. Gewöhnlich erleiden die Häftlinge unter der Elektrodenkappe Verbrennungen dritten und vierten Grades. Ich fragte Denno, ob die Augäpfel herausfallen. „Manchmal können die Augäpfel herausfallen", sagte sie. Der Körper kann bluten, da das sich ausdehnende Gewebe Druck ausübt. Denno sagte: „Es ist grausam, aber es ist wirklich so, dass der Körper kocht."

Das gilt für den Fall, dass die Hinrichtung glattgeht. Wenn sie verpfuscht wird, kann das Ergebnis laut Denno noch grauenhafter sein. Bei zwei Hinrichtungen in Florida in den 90er Jahren stachen den Häftlingen beispielsweise Flammen aus der Kapuze, weil die Beamten die falschen Schwämme verwendet hatten. In dem besonders grausamen Fall des Todeskandidaten Allen Davis aus dem Jahre 1999 ging die elektrische Hinrichtung furchtbar schief. Davis endete mit verbranntem Gesicht und in einer Blutlache, die aus seiner Nase floss. Laut Dennos Nachforschungen zeigen Befunde, dass Davis zum Teil durch eine Mundschnalle erstickt wurde, mit der er an den Stuhl gebunden worden war.
Das Worst-Case-Szenario ist jedoch, dass die Häftlinge nicht nach wenigen Minuten im elektrischen Stuhl sterben. „Wenn elektrische Hinrichtungen schiefgehen, liegt das oft an Problemen mit dem elektrischen Strom", sagte Denno. „In diesen Fällen scheint der Häftling nicht nach dem ersten Schlag tot zu sein—die Elektrizität kann ausreichen, um extreme Schmerzen zu verursachen, aber nicht, um einen Menschen zu töten. Es kann sein, dass jemand bei Bewusstsein zu Tode verbrennt, aber nicht aufschreien kann."

Angesichts dieser Möglichkeit ist es nicht überraschend, dass einige Staaten sich irgendwann für die Abschaffung des elektrischen Stuhls entschieden haben und stattdessen die Todesspritze einsetzen, eine Hinrichtungsmethode, die zur damaligen Zeit weiterentwickelt zu sein schien. Den Todeskandidaten Giftcocktails zu spritzen ist jedoch ebenfalls mit einer eigenen Problematik verbunden. „Es ist merkwürdig, seitdem wir uns auf diese modernen Methoden zubewegen, sind sie noch barbarischer geworden", sagte Denno.

Die Gefängnisbeamten in Tennessee scheinen jedoch unbesorgt zu sein: „Wir stehen je nach Bedarf bereit", den elektrischen Stuhl zu bedienen, sagte der bundesstaatliche Strafvollzugskommissar Derrick Schofield am Freitag. „Wir glauben, dass die Verfahren, mit denen wir die Ausrüstung testen, alles zum Funktionieren bringen."

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