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Wie wird man eigentlich Klimawandel-Leugner?

97 Prozent der Klimawissenschaftler haben keinen Zweifel mehr am Klimawandel. Trotzdem gibt es immer mehr Menschen, die ihnen nicht glauben. Ich kann sie verstehen: es fühlt sich einfach besser an.
20.6.14

Foto: Takver | FlickrCC BY-SA 2.0

Wenn man in Colorado lebt, sind apokalyptische Umwelt-Berichte fast so allgegenwärtig wie Wirtschaftsprognosen zur aufstrebenden Marihuana-Industrie. Fracking und Überschwemmungen sind unser täglich Brot. Die Universität CU Boulder veröffentlicht mehr Artikel über das Thema Klimawandel als jede andere Universitäten der Welt.

Inmitten von Wissenschaftlern, Künstlern und Anarchisten im Zentrum von Denver gerät es leicht in Vergessenheit, dass es auch Leute gibt, die den Klimawandel leugnen—wäre da nicht meine konservative Familie in Iowa, die der Meinung ist, dass es keinen endgültigen Beweis für die Existenz der Erderwärmung gebe—und dass die ganze Sache wahrscheinlich eine Erfindung gieriger Liberaler ist, die Macht ergreifen wollen. Anders als entsprechende Ansichten zur Homo-Ehe, Krieg oder Armut ruft diese Sichtweise keinen vehementen Protest in mir hervor. Sie beruhigt mich wie ein Heroinrausch. Wenn Charles Krauthammer oder Sean Hannity auf Fox News über paranoide Liberale und ihren Nonsens über den Klimawandel lachen, habe ich keinen reaktionären Wutanfall. Tief in meinem Inneren will ich ihren Worten glauben. Der Vorstellung, dass das Ganze nur ein böser Traum ist, weckt Glücksgefühle in mir—so wie bei den irischen Kindern, die ins Bett gesteckt wurden, nachdem die Titanic schon halb untergegangen war.

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Dann erinnere ich mich wieder daran, dass alle 24 Stunden ein Stück arktisches Eis in der Größe von South Carolina schmelzt, und ich frage mich: Wie kann es sein, dass im Jahr 2014 23 Prozent der Amerikaner die Existenz des Klimawandels anzweifeln? Und warum steigt diese Zahl immer weiter an?

Nachdem ich mich einen Nachmittag lang auf dem Campus der CU Boulder mit verschiedenen Klimawissenschaftlern unterhalten habe, machte sich der Verdacht in mir breit, dass wir Journalisten die wissenschaftlichen Befunde zur Erderwärmung der Öffentlichkeit nicht richtig vermitteln.

„Wie ein Reporter die wissenschaftlichen Befunde interpretiert, hat einen großen Einfluss darauf, was Menschen über den Klimawandel denken“, sagte Maxwell Boykoff, Professor in Boulder und Autor des Buches Who Speaks for the Climate?: Making Sense of Media Reporting on Climate Change.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie analysierte Boykoff Artikel aus dem Wall Street Journal und der New York Times und fand heraus, dass die etablierten und respektablen US-Zeitungen in ihren Berichten über die Ergebnisse des Weltklimarats (IPCC) in den Jahren 2001 und 2007 mehr „Heckenausdrücke“ verwenden—das heißt Ausdrücke, die Raum für Zweifel lassen—als zwei spanische Zeitungen.

„Viele der Zeitungen, die wir uns angesehen haben zeigen, dass in den USA—im Gegensatz zu europäischen oder spanischen Presseorganen—die Tendenz besteht, Aussagen zum Klimawandel als nicht absolut sicher darzustellen“, erzählte mir Adriana Bailey, eine der Co-Autorinnen der Studie, bei einem Kaffee auf dem Campus. „Es sind subtile Dinge wie ,Meeresspiegel könnten steigen‘ statt ,Meeresspiegel werden steigen.‘“

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Diese Erkenntnisse haben Boykoff und Bailey nicht besonders überrascht. Was sie jedoch nicht erwartet haben, war die Tatsache, dass sowohl die amerikanischen als auch die spanischsprachigen Publikationen in der Zeit von 2001 bis 2007 immer häufiger zu vorsichtigeren Formulierungen gegriffen haben. Ebenso wie sich der Weltklimarat immer sicherer wurde, dass der Klimawandel real und verhängnisvoll ist und definitiv von den Menschen erzeugt wurde, beschrieben die Medien diese Befunde mit Formulierungen, die immer weniger Gewissheit ausdrückten.

„Weil der IPCC wissenschaftlich arbeitet und die neuen Daten abwägt, tendieren die US-Medien dazu, den Klimawandel als ,Debatte‘ darzustellen“, erzählte mir Bailey und hob hervor, wie ansteckend dieser Trends ist: „2001 wurde das Wort ,Debatte‘ in keinem spanischen Artikel verwendet, 2007 schon.“

Wenn es sich bei Journalisten der New York Times um eingetragene Mitglieder der liberalen Medien handelt—jener ruchlosen Pressekanäle, die angeblich (Heckenausdruck!) hinter dem Klima-Schwindel stehen—warum trauen sie sich dann nicht, den Klimawandel als unbestreitbaren Fakt darzustellen?

Boykoff wies mich darauf hin, dass Zeitungsberichte oftmals große Redaktionsteams durchlaufen, die die Berichte hier und dort im Namen der Genauigkeit justieren. Angesichts der Bandbreite von Themen, die diese Redakteure abdecken, sind sie sich bei den Fakten der Klimawissenschaft nicht so sicher, wie sie es eigentlich sein könnten. Aussagen wie „Meeresspiegel könnten ansteigen“ werden als sicherer Kompromiss betrachtet und vorgezogen.

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In gewissem Maße ist das nachvollziehbar. Bei der Vorstellung, in einem Bericht etwas Falsches zu schreiben—egal um was für ein scheinbar triviales Detail es sich handelt—und dann in der Kommentaren durch einen übereifrigen Troll berichtigt zu werden, spüre ich als Journalist die kalte Urangst eines ertrinkenden Eisbären.

Ein Eisberg kurz nach dem Abbruch. Foto: kaet44 | FlickrCC BY 2.0

Boykoff erzählte mir, dass US-Medien die Klimaskeptiker oft im Namen eines ausgewogenen Journalismus zu Wort kommen lassen. Das hat zugleich den Vorteil, dass die Leser zu polarisierenden Debatten mobilisiert werden.

„Wenn du eine Aussagen des IPCC, der für 97 Prozent der Klimawissenschaftler spricht, einer widersprechenden Meinung gegenüberstellst, bekommt der Leser den Eindruck, einfach nur zwei gegensätzliche Ansichten präsentiert zu bekommen. Es steht Fifty-fifty“, sagte Bailey.

Als wir nach dem Kaffee über den Campus gingen, beschäftigte mich die Möglichkeit, dass sich die Klimawissenschaft irrt. Die Vorstellung, dass Tausende Wissenschaftler und Staatsmänner sich zu einer Verschwörung verbünden, um uns hinters Licht zu führen, macht keinen Sinn. (Was hätten sie davon?) Historisch betrachtet gabe es jedoch immer mal wieder breiten Konsens über Themen wie Phrenologie, Eugenik oder das geozentrische Weltbild, die sich später als haltlos (und unglaublichen schädigend) erwiesen.

Hat Glenn Beck also recht? Handelt es sich bei der extremen Minderheit der Wissenschaftler um die Galileos unserer Zeit? Ist „der Klimakult … jetzt genau so eine staatlich gesponserte Religion wie die staatlich gesponserte Religion im finsteren Mittelalter, die Galileo für seine Meinungen bestraft hat?“

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Das Argument schmilzt wie ein brüchiger Eisberg, wenn du in Betracht ziehst, dass jeder klimaskeptische „Wissenschaftler“ im Dienst von Leuten steht, die ein Interesse daran haben, die Umweltfragen unreguliert zu lassen. Es geht mir nicht darum, jemanden zu widerlegen—mir wäre nichts lieber als wenn Glenn Beck recht hat. Eigentlich will ich niemanden außer mir selbst umstimmen.

„Mir geht es genauso, ich würde mich freuen, wenn das Ganze nicht wahr wäre“, erzählte mir Boykoff. „Leider gibt es dafür einfach keinen wissenschaftlichen Beweis.“

Bei dem Gang über den luxuriösen Campus war ich umgeben von Studenten, die pittoresk auf der Wiese herumlagen und ihre Fachbücher studierten. Im milden Sonnenschein liefen Händchen haltende Teenager vorbei. Zwei Jungen mit zotteligen Haaren, die auf einem Longboard vorbeirollten, gaben sich ein High Five.

Ist das die Generation, die die knirschenden Backenzähne der Erderwärmung zu spüren bekommen wird?

Vor kurzem war Colorado schweren Fluten, Dürreperioden, Lauffeuern und extremen Wetterverhältnissen ausgesetzt (inklusive Tornados und einem leichten Erdbeben). Während einige Nahrungspreise leicht angestiegen sind, kann man nichts davon als wirklich apokalyptisch bezeichnen. Wann können wir mit Dezimierungen wie in Pompeji rechnen? Wann werden „verstrahlte Männer das Fleisch verstrahlter Männer essen“, um mit Bukowski zu sprechen?

Jim White, der Leiter des Institute of Arctic and Alpine Research der CU Boulder, erklärte mir, was dem Pentagon momentan Sorgen bereitet: „dass, wenn sich das Klima ändert und der Meeresspiegel steigt, immer mehr Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden und zu Flüchtlinge werden.“

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Dem Guardian zufolge sehen wir das bereits am Beispiel von Massakern und den Entführungen von mehr als 200 jungen Mädchen in Nigeria, wo es sich bei vielen der Fußsoldaten der Boko Haram um vertriebene Flüchtlinge aus Chad und Niger handelt, die vor der extremen Dürre und Nahrungsknappheit geflohen sind.

„Der Ozean hat eine Wärmekapazität, die etwa eine Generation oder vielleicht 100 Jahre braucht, bevor sich die Wetterstruktur verändert“, erzählte mir White. „Ich denke, dass das in etwa 40 oder 50 Jahren so auffällig ist, dass wir hier im Westen der USA aufschreien, weil uns das Wasser ausgeht.“

Da ich 32 bin, werde ich in 50 Jahren wahrscheinlich nicht mehr auf der Welt sein. Im Gegensatz zu den Studenten in Boulder. Während Jim White darüber ins Detail geht, dass New Orleans überschwemmt wird und Orlando über Strandgrundstücke verfügen wird, beobachte ich, wie Teenager auf dem gewässerten Gras liegen und Fastfood-Fleisch aus Plastikboxen konsumieren und frage mich, warum sie keine größere Angst haben. So wie Sarah Connor in Terminator II auf den Spielplatz schaut, stelle ich mir vor, wie diese bukolische Welt in ein nebliges Orange getaucht wird, während abgezehrte, kranke Körper um die letzte Rübe kämpfen, die aus dem trocknen und verseuchten Boden sprießt. Meine Vorstellung einer post-apokalyptischen Welt, die unter den Schmerzen der globalen Erwärmung ächzt, ist quasi identisch mit der Zukunft, die von vielen Evangelikalen prophezeit wird. Kochende Meere, schwarze Himmel, Hungersnöte, Seuchen und Flüchtlinge sind Tropen aus dem Buch der Offenbarung.

In der evangelikalen Welt, in der ich aufgewachsen bin, wurde mir erklärt, dass nur Gott die Macht hat, die Erde zu zerstören. Wir wurden dazu erzogen, unseren Müll aus den Fenstern zu werfen, übrig gebliebene Farbe in den Gully zu kippen und keinen Umweg zu Wertstofftonnen zu machen. Nachrichten darüber, dass der Planet in Gefahr sei, wurden von meinen christlichen Freunden und mir weggelacht, während wir große Mengen Plastik und Öl in einem Fassfeuer verbrannten.

Dieses Sichtweise gibt es noch heute. So erzählte der Co-Moderator der Fox-News-Sendung The Five Eric Bolling kürzlich, dass er am Tag der Erde absichtlich „die Klimaanlage aufdreht und alle Fenster aufmacht“, nur um die Umweltschützer zu ärgern.

Diese Art nihilistischen Verhaltens ist natürlich keine universelle Reaktion auf Warnungen vor dem Klimaschutz. Aber wenn jemand wie ich—eine linksgerichtete Person mit Umweltbewusstsein mit einem gewissen Maß an Intelligenz, die neben einer der führenden Universitäten in Sachen Klimaschutz lebt—aktiv den Klimawandel leugnen kann, um die eigene Zukunftsangst zu lindern, ist es dann nicht möglich, dass viele Redakteure und Journalisten, die über den Klimawandel berichten, sei unbewusst oder nicht, eine bestimmte Sprache wählen, um die eigenen, tiefsitzenden Ängste um unseren gefährdeten Planeten zu bezwingen?

Die Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, waren sehr vorsichtig damit, sich zu den entsprechenden Motiven der Medien zu äußern. Es ist möglich, aber sie wissen es nicht. Es könnte sein. Aber die Wissenschaft ist sich hierin noch nicht einig. Es bestehen noch Ungewissheiten. Dies ist eine Frage, über die sich debattieren lässt.