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Sex

,50 Shades of Grey’ zieht SM in den Dreck

,50 Shades of Grey' zeigt SM als etwas Schlimmes und Abgründiges. Warum das ein Problem ist und Sadomasochismus in die falsche Ecke rückt.
18.2.15
Screenshot via YouTube

Als ich mir letzte Woche 50 Shades of Grey angesehen habe, war ich währenddessen ziemlich perplex und danach ziemlich ratlos. (Die wichtigsten Fragen habe ich aber schon hier beantwortet). Dass die im Buch durchaus expliziten Sex-Szenen in einer Hollywood-Produktion, die ab 16 Jahren freigegeben ist, in dieser Form nicht vorkommen würden, war uns hoffentlich allen klar. Die Zuschauer bekommen nur zu sehen, wie Christian Ana den Hintern mit der Hand und einem Gürtel versohlt und ihr die Hände mit einer seiner (natürlich) grauen Krawatten zusammenbindet.

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Härtere Praktiken werden im Film zumindest angedeutet, als man Christians Spielzimmer mit allen möglichen Werkzeugen sieht und im Liebesvertrag, den Ana unterzeichnen muss, von Anal Fisting, Buttplugs und härteren Fesselspielen die Rede ist. Neben all den Absurditäten und Ungereimtheiten der unrealistischen Liebesgeschichte ist aber das wirklich Traurige, dass eben dieser Sadomasochismus, der im Buch eine so große Rolle spielt und alle jungen Mädchen und einsamen Hausfrauen laut „Huch!" schreien und anschließend feucht hat werden lässt, als etwas Schlimmes und Abgründiges dargestellt wird.

50 Shades of Grey zieht SM in den Dreck und drängt Sadomasochismus in eine Ecke, in der er größtenteils nicht zu Hause ist. Es gibt keine einheitlichen wissenschaftlichen Ergebnisse zu der Frage, ob Menschen mit einer schweren Kindheit oder Opfer von sexuellen Übergriffen eher zu sadomasochistischen Tendenzen neigen. Bisher gibt es keinen Beweis dafür, dass bestimmte psychische Probleme im direkten Zusammenhang mit Sadomasochismus stehen. E. L. James, die Autorin der Trilogie, scheint das jedoch ein bisschen anders zu sehen und macht Greys sexuelle Neigungen und Vorlieben, die sein ganzes Leben prägen, rein von seiner schweren Vergangenheit abhängig, für deren Verarbeitung er offenbar noch immer ein geeignetes Ventil sucht.

Christian Grey ist der verstoßene Sohn einer Crackhure, die auf seiner Brust Zigaretten ausgedrückt hat und war, seit dem Alter von 15 Jahren sechs Jahre lang der Sex-Sklave einer Freundin seiner Pflegemutter. Er ist ein gestählter, introvertierter Adonis, der SM nicht als Luststeigerung im Rahmen einer ansonsten gleichberechtigten Beziehung sieht, sondern als Ventil für seine tief sitzenden Probleme und Störungen. Christian ist von seiner Vergangenheit schwer geschädigt und traumatisiert—er erträgt keine Nähe, will nicht neben Anastasia, die er angeblich liebt, schlafen und sich nicht von ihr berühren lassen. Was seine Angebetete und gleichzeitig Unterworfene furchtbar schmerzt, ist für ihn Alltag.

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Ana Steele, die Submissive | Screenshot via YouTube

Grey wird als Monster dargestellt, das sein echtes Gesicht erst dann zeigt, wenn sich die Tür seines Spielzimmers hinter ihm schließt und er jemanden unterdrücken und vollständig kontrollieren kann. Genau als dieses Monster sieht sich auch Christian selbst, was in der Verfilmung des ersten Shades of Grey-Buches relativ schnell klar wird, als er Ana ins Ohr haucht, dass er nicht gut für sie sei, aber es einfach nicht schaffe, sie in Ruhe zu lassen.

Christian Grey ist mit jeglicher Abweichung von seinem Plan überfordert und kann mit Gefühlsregungen von Ana, die außerhalb seiner Kontrolle (und der Kontrolle seines Penisses) liegen, nicht im Geringsten umgehen. Das hat aber nichts mit SM zu tun, sondern mit emotionaler Unfähigkeit und mit der Tatsache, dass er nichts von zwischenmenschlichen Beziehungen jeglicher Art versteht, die nunmal nicht immer nach striktem Plan ablaufen. Denn nicht nur emotional gestörte Menschen, sondern auch diejenigen, die außerhalb des Playrooms gesunde Beziehungen führen, haben Lust am spielerischen Umgang mit sexueller Dominanz und der Unterwerfung des Gegenübers.

Wir kennen Sadomaso mittlerweile nur noch als Porno-Kategorie, was an sich schon schwachsinnig ist. Der Begriff hat seinen Ursprung in der Literatur und setzt sich aus „Sadismus"—abstammend von De Sade—und „Masochismus"—abgeleitet von Leopold Sacher-Masoch und vor allem seinem Werk Venus im Pelz(das vor kurzem von Roman Polanski verfilmt wurde)—zusammen. Sadismus an sich bedeutet den Lustgewinn durch die Demütigung Anderer, Masochismus ist der Lustgewinn durch die eigene Demütigung. Das bedeutet jedoch nicht zwingend, dass SM ein einseitiges Verlangen des dominanten Parts darstellt, während der Masochist gegen seinen Willen ausgepeitscht wird, wie es in Shades of Grey der Fall ist. Wenn man sich ein Bild von den vielen Abstufungen und Formen von Sado und Maso machen will, ist man mit den Originalwerken am besten bedient; weder bei de Sade noch bei Sacher-Masoch ist Sexualität so plump und eindeutig dargestellt wie in 50 Shades.

Durch die Geschichte von Christian Grey wird Sadomasochismus keineswegs zugänglicher für die Gesellschaft gemacht, sondern eigentlich nur noch mehr tabuisiert. SM wird als kranke, abartige Perversion von sadistischen Menschen dargestellt, die keine Nähe zulassen oder menschliche Wärme ertragen können. Oder sollten bei mir das nächste Mal die Alarmglocken läuten, wenn mir mein Angebeteter einen Klaps auf den Hintern gibt?

Verena auf Twitter: @verenabgnr