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Nicht schwarz, nicht weiß—wie es ist, als „Mischling“ aufzuwachsen

Rassismus und Unverständnis von allen Seiten—und der stetige Wunsch, endlich irgendwo dazuzugehören.
12.2.15

Zuerst einmal finde ich es schade, dass es im Deutschen nur einen Begriff aus der NS-Zeit gibt, um mich zu beschreiben. „Mischling"—so wurden früher Kinder bezeichnet, die einen jüdischen und einen arisch-deutschen Elternteil hatten. Das trifft auf mich nicht zu: meine Mutter ist Deutsche und mein Vater Afroamerikaner.

Ich bin relativ hellhäutig, habe aber das signifikantes Afrohaar. Keine wilden Locken, sondern richtig krauses Haar. Mein Vater hingegen ist sehr dunkel und meine Mutter, ihr ahnt es schon, ist weiß. Ich habe in meinem Leben einiges an ignoranten und auch rassistischen Sprüchen einstecken müssen und wenn ich dürfte, würde ich ein ganzes Buch darüber schreiben.

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Außer in der kurzen Zeit, in der ich in Frankfurt und Umland lebte, bin ich im Saarland unter meist hellhäutigen Kindern aufgewachsen und sie, wie auch die Erwachsenen, haben mich schnell spüren lassen, dass ich anders bin. Nicht in dem Sinne, dass mich alle hassten, es war subtiler als das und deshalb oft schwer zu verstehen. Sei es, dass mir Erwachsene sagten, dass ich—wegen meiner Hautfarbe—mal besser im Sport oder in der Musik sein würde. Oder dass Kinder mich ausschlossen, weil im Sommer im Schwimmbad meine Haare nicht gleich so nass wurden, wie bei den anderen. Manchmal wurde ich auch offen „Negerkind" oder andere Dinge genannt.

Diese Erfahrungen waren vielleicht nicht unbedingt traumatisierend, trotzdem waren sie der Auftakt zu unzähligen Situationen, in denen mir suggeriert wurde, dass ich anders war als andere, dass ich zwar akzeptiert war, aber irgendwie nicht so recht dazugehörte. Insbesondere dann, als ich älter wurde, meine ersten Erfahrungen mit Jungs machte und das Verhalten anderer Leute mir gegenüber etwas besser durchschauen konnte.

Der Junge, der mir nach unserem ersten Kuss gestand: „Ich wollte schon immer mal mit einer Schwarzen knutschen". Die Mutter meines ersten Freundes, die mir versicherte, meine Pollenallergie stamme daher, dass Rassen sich nicht mischen sollen und ich und andere meiner „Art" oft krank wären. Die Arzthelferin, die partout in gebrochenem Englisch mit mir sprach, obwohl ich mehrmals wiederholte, dass ich Deutsche bin. Die verrückte Frau, die sich im Zug neben mich setzte und mir erzählte, dass sie Afrikaner nicht leiden kann, weil die ja AIDS nach Europa gebracht haben und sowieso alle Vergewaltiger sind. Damals war ich 12.

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Solche Erlebnisse ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben und trotzdem war mein größtes Problem, dass ich mich nicht mal zu meiner Familie zugehörig fühlen konnte. Wo andere die Zugehörigkeit zumindest dort spüren können, fiel das bei mir größtenteils weg. Zu Hause gab es niemanden, der aussah wie ich. Meine amerikanische Familie war mitsamt meinem Vater längst zurück in die USA gezogen und ich fühlte mich alleingelassen. Wobei ich zu meinem Vater sowieso ein entfremdetes Verhältnis hatte, da meine Eltern sich hatten scheiden lassen, lange bevor ich überhaupt sprechen konnte. Ich hatte noch Glück, dass meine Mutter gelernt hat, mir ordentlich die Haare zu machen, sodass ich nicht so wild und zerrupft aussah, wie viele Mischlingskinder, deren Eltern oder Mütter keine Ahnung von ihren Haaren haben.

Die Autorin als Kleinkind.

Andere Mädchen nehmen sich vielleicht ihre Mutter oder Tante als Vorbild, wie sie einmal aussehen möchten. Bei mir war das keine Option. Meine Mutter und ich sehen uns mäßig ähnlich und wenn man es nicht weiß, würde keiner auf die Idee kommen, ich sei ihre Tochter. Es haben mich so viele Leute gefragt, ob ich adoptiert bin, dass ich im Alter von acht Jahren fest davon überzeugt war, dass meine Mutter nicht meine Mutter ist. Sie musste mir Fotos von sich zeigen, auf denen sie mit mir schwanger war, damit ich ihr glaubte.

Natürlich hat meine deutsche Familie mich nicht ausgegrenzt. Trotzdem gab es in meinem näheren Umfeld keinen Ansprechpartner, niemand, mit dem ich mich hätte austauschen können. Zum Absurdesten gehörten aber eigentlich die Situationen, in denen Leute nicht gemerkt haben, dass ich nicht komplett weiß bin, und mich mit ihrem rassistischen Weltbild konfrontiert haben. Unwissend, dass sie in diesem Moment auch mich damit meinen .

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Das ist mitunter dann schwer zu verarbeiten, wenn einem auf der einen Seite der offene Rassismus oder die Ignoranz derjenigen entgegenkommt, die einen nicht als Weiße sehen und auf der anderen Seite die Menschen, die es mir nicht „angesehen" haben, mir teilweise nicht glauben wollen, dass ich einen schwarzen Elternteil habe. Ich habe Bühnenschauspiel studiert, allerdings waren meine Rollenangebote eher mau. Ich bin zu hell, um die afrikanische Königin oder Sklavin zu spielen und zu dunkel, um das Gretchen zu sein.

Wie reagiert man darauf, wenn einem der Taxifahrer während der Fahrt erzählt, dass er „Neger" echt eklig findet und sie auch endlich mal zurück nach Afrika gehen sollen, weil die hier ja eh keiner will. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass auch mein Vater einer dieser „ekligen Neger" ist, folgte peinliches Schweigen. Und nach einiger Zeit ein entschuldigendes „Ihnen sieht man das aber nicht so an, das ist was anderes." Ich habe mir oft gewünscht, entweder weiß oder schwarz zu sein und nicht dieses Mittelding, mit dem niemand etwas anfangen konnte.

Genau solche Situationen sind der Grund dafür, dass sich „Mischlinge" in einer Identitätskrise befinden und nirgends zugehörig fühlen. Das fängt damit an, dass viele sich nicht als Schwarze sehen wollen und sich komplett davon distanzieren. Ja, sogar mal bei Pegida mitmarschieren oder rechte Parteien wählen. Meist sind das Leute, deren schwarzer Elternteil nicht mehr in der Familie ist, die sich nur mit ihrer hellhäutigen Familie identifizieren, die nicht anders sein möchten. Das ist eine Identitätskrise, die ich zumindest im Ansatz nachvollziehen kann. Ich wollte als Teenager auch dazugehören, habe mir mein Gesicht damals heller geschminkt, meine Haare geglättet und blondiert und deutsche Punkmusik gehört. Heute kann ich mir das gar nicht mehr vorstellen. Meine afroamerikanischen Wurzeln sind mir wichtig und gehören zu mir, genau wie meine deutschen. Bis ich das verstanden habe, hat es allerdings seine Zeit gedauert und dabei hat mir sicher auch geholfen, dass meine amerikanische Familie immer nur einen Anruf entfernt war.

Wenn ich über Rassismus in Deutschland spreche, muss ich mir oft anhören, wie viel schlimmer es ja angeblich in den USA ist und dass das hier doch gar nicht so sei. Komischerweise kommen solche Sprüche immer von Leuten, die es nicht beurteilen können. Wie viele von Euch waren schon in den USA und kennen vor allem nicht nur Texas? In Deutschland ist es vor allem die Intoleranz und Ignoranz im Alltag, die es mir schwer macht, mich hier wohl zu fühlen, in meinem Land. Ich kann verstehen, dass Ihr mich fragt, woher ich komme und mir nicht glaubt, dass ich in Offenbach geboren wurde (Hi, Haftbefehl!), aber ich habe auch keine Lust, mich ständig zu erklä ren. Rassismus fängt nicht erst mit einem prügelnden Skinhead an, sondern ganz klein, bei euch am Esstisch.

Nun lebe ich in Berlin und bis auf einige unschöne Zwischenfälle bin ich hier ziemlich in Watte gepackt, was solche Dinge angeht. Wenn ich allerdings gen Heimat reise, oder auch mal in Bayern—oder, noch schlimmer, Österreich bin—werde ich meist schmerzlich daran erinnert, dass nicht alle der Meinung sind, dass ich dazugehöre.

Erzählt mir nicht, dass alle schwarzen Männer dicke, blonde Frauen lieben und ich bestimmt ein GI-Kind bin, das seinen Vater nicht kennt. Fragt mich oder lasst es einfach ganz bleiben. Wenn ihr mir in die Haare greift und mir erzählt, dass sie sich anfühlen wie Stahlwolle, überlegt einfach, ob es okay ist, jemanden ungefragt zu betatschen. Bevor Ihr mich fragt, ob ich adoptiert bin, überlegt, ob es taktvoll ist, jemanden so etwas zu fragen, wenn man sich nicht kennt. Vor allem: Korrigiert mich nicht, wenn ich so nett bin euch zu antworten „woher" ich komme, sondern glaubt mir, ich erzähle keinen Quatsch. Und Aussagen wie „Du bist doch gar nicht schwarz", „Niemals ist dein Vater schwarz" oder auch „Bist du sicher, dass das dein Vater ist" sind nicht nur taktlos, sondern auch dumm und beleidigend. Kurzum: überlegt, bevor Ihr den Mund aufmacht. Vor euch steht ein Mensch.