Warum Männer mehr mit Männern kuscheln sollten

Hetero-Männer verzichten nicht selten lieber auf gegenseitige Zuneigung, als für schwul gehalten zu werden – und schaden sich damit vor allem selbst.

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Aug. 10 2018, 4:00am

Foto: torbakhopper | Flickr | CC BY-ND 2.0

"18 years later and he still under my arm" – Mit diesen Worten postete Eric Owens vor einiger Zeit eine Fotocollage auf Facebook, die ihn und seinen Sohn über mehrere Jahre hinweg beim Kuscheln zeigt. Ein liebender Vater, der seinen Sohn in den Armen hält. Das Bild ging damals viral, die Reaktionen reichten von "einfach falsch" über "komisch" bis hin zu "ekelhaft". Fast schon selbstredend ist leider auch die Häufigkeit, mit der "schwul" als Beleidigung zum Einsatz kam.

Auf die anfängliche Empörung folgte schließlich eine Welle der Unterstützung – allerdings war es mehr die Vater-Sohn-Beziehung, die die Körperlichkeit zwischen den beiden zu legitimieren schien. Und dass liebevolle Berührungen eines familiären Verhältnisses bedürfen, um gerechtfertigt werden zu können, sagt viel darüber aus, wie wir Männern jegliche Form von körperlicher, nicht-sexueller Zuneigung untereinander absprechen.

"Während Händchenhalten und Wangenbussis in Frauenfreundschaften gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, popkulturell nahezu propagiert werden, scheinen für Hetero-Männer andere Umgangsformen zu gelten."

Letztens saßen mir in der U-Bahn zwei Teenager-Jungs gegenüber, der eine hatte seinen Arm um den anderen gelegt, der wiederum streichelte das Knie des einen, ganz nonchalant und beiläufig. "Good for them! Süßes Pärchen", dachte ich mir ganz verliebt. Die Jugend von heute, einfach so fortschrittlich. Ich ging also davon aus, dass die beiden in einem romantischen Verhältnis zueinander stehen mussten. Als ich die Musik in meinen Ohren leiser drehte, um heimlich ihr Gespräch mitzuhören, stellte sich heraus, dass der eine Liebeskummer wegen seiner Freundin hatte und und der andere ihm lediglich gut zuredete.


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Während Händchenhalten und Wangenbussis in Frauenfreundschaften gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, popkulturell nahezu propagiert werden – und die queere Community erfahrungsgemäß eher weniger Probleme damit hat, liebevoll mit anderen Menschen umzugehen –, scheinen für Hetero-Männer andere Umgangsformen zu gelten.

Bemüht wirkende Fist-Bumps, gelegentliche Gnackwatschen und diese komischen Pseudo-Umarmungen, bei denen man zuerst möglichst kräftig einschlägt, dann aber festhält und anschließend mit der flachen linken Hand den Rücken des anderen abklopft, als würde man versuchen, hartnäckigen Hustenschleim zu lösen. Die Schläge sind dabei essentiell – sie machen die Umarmung erst zu einer echten Männer-Umarmung. Dreimal kräftig, bum, bum, bum. Wie geheime Morsezeichen: "He-te-ro".

Oder auch: "Ho-mo-phob". Was hier gelebt wird, ist ein Musterbeispiel für das, was man gerne "Toxic Masculinity" nennt: Emotionen dürfen nicht zugelassen werden, Frauen eignen sich ganz gut als Deko und körperliche Zuneigung kann ausschließlich – ausschließlich! – in Verbindung mit Sexualität stattfinden.

Diese Denkweise bringt Männer in weiterer Folge zu dem Glauben, körperliche Intimität wäre immer auch zwingend sexuell – und zwischen zwei Männern damit unweigerlich homosexuell. Und wenn es in der westlichen Welt auch nur eine einzige Sache gibt, für die die meisten heterosexuellen Männer nicht fälschlicherweise gehalten werden möchten, dann ist das homosexuell. Also wird körperliche Zuneigung lieber komplett aus dem Programm gestrichen.

"Heterosexuelle Männer isolieren sich damit von jeglicher Form von Zuneigung, die nicht mit einer Frau und nicht sexuell passiert."

Stellt euch eine Party vor, auf der sich eine Gruppe von Freunden trifft. Hierzulande läuft das ungefähr so ab: Frau grüßt Frau – Bussi links, Bussi rechts. Frau grüßt Mann – Bussi links, Bussi rechts. Mann grüßt Mann – Handschlag! Bestenfalls: Bum, bum, bum. Auch das ist Teil der westlichen Kultur und wird in anderen Ländern anders gehandhabt (in der Türkei werden Wangenküsse exklusiv innerhalb des eigenen Geschlechts verteilt, in Frankreich sind Wangenküsse in jeglicher Kombination gängig), aber ganz ehrlich, seid ihr euch dabei noch nie bescheuert vorgekommen?

Heterosexuelle Männer isolieren sich damit von jeglicher Form von Zuneigung, die nicht mit einer Frau und nicht sexuell passiert. Platonische Berührungen sind quasi nicht existent. Dass so ein Leben nicht gerade glücklich macht, ist ebenso logisch wie wissenschaftlich erwiesen. Studien zufolge kann sich Körperkontakt erheblich auf die psychische und physische Gesundheit einer Person auswirken, Aggressionen und Gewalttätigkeit im Erwachsenenalter sind oft auf Berührungsmangel und fehlende Zuneigung während der Kindheit zurückzuführen. Laut Entwicklungspsychologe James W. Prescott liegt die Wahrscheinlichkeit von körperlicher Gewalt innerhalb einer Gesellschaft, die ausreichend körperliche Zuneigung erfährt, bei lediglich zwei Prozent.

Auch die These, dass sich unterdrückte Homosexualität oft in Form von Homophobie äußern kann, hat sich über die Jahre immer wieder bewahrheitet. Erst 2017 wurde ein US-amerikanischer Abgeordneter, der gegen die Rechte von Homosexuellen kämpfte, beim Sex mit einem Mann erwischt. Ihr merkt, wie tief dieses Problem sitzt und wie schwerwiegend seine Konsequenzen sein können.

Junge Männer wachsen inmitten unserer Gesellschaft in dem Glauben auf, körperliche, nicht-sexuelle Nähe zu anderen Männern – sei es zu ihren engsten Freunden, ihren wichtigsten Bezugspersonen, oder eben ihren Vätern – sei nicht erlaubt, nicht akzeptabel, nicht männlich. Dabei war das nicht immer so: Ende des 19. Jahrhunderts sahen fotografisch dokumentierte Männerfreundschaften (zumindest in den USA) noch ganz anders aus. Da lag man sich in den Armen, lehnte Köpfe an Schultern, saß sogar auf dem Schoß des anderen. Von Berührungsängsten keine Spur.

Das sollte sich erst ab 1868 ändern, als der Schriftsteller Karl Maria Kertbeny die Bezeichnung "homosexual" erstmal verwendete – in einem Plädoyer dafür, dass sexueller Kontakt unter Männern straffrei sein sollte. Später führte er im Zuge seiner Sexualtheorie schließlich die Begriffe "Homosexualität" und "Heterosexualität" ein. Bis zu diesem Punkt gab es schlichtweg keine Homo-Hetero-Dichotomie, nach der man Menschen einteilen konnte. Erst mit diesem uns heute bekannten Schwarz-Weiß-Konzept, das die Grundlage für Homophobie bietet, kam der Rückgang von männlicher Intimität und die damit verbundene Berührungsquarantäne.

In vielen nicht-westlichen Kulturen, wie etwa in Indien oder Teilen Afrikas, hingegen gelten händchenhaltende, heterosexuelle Männer als alltäglich. Auch im arabischen Raum ist Händchenhalten unter Männern ein Zeichen von Freundschaft und Respekt. Man könnte fast glauben, körperliche Zuneigung unter Männern wäre vor allem in Kulturen akzeptiert, in denen Homosexualität von Vornherein wenig Bühne geboten wird.

"Wir erziehen Jungs nicht dazu, Männer zu sein. Wir erziehen sie dazu, keine homosexuellen Männer oder Frauen zu sein."

Vielleicht ist es deshalb auch überhaupt nichts Besonderes, wenn in Nepal zwei männliche Polizisten Hand in Hand durch die Straßen gehen – weil dort niemand überhaupt erst auf die Idee kommen würde, es könnte sich hierbei um ein romantisches Verhältnis handeln. Homophobie, die so tief verwurzelt ist, dass das bloße Konzept von Homosexualität schlichtweg keine gültige Option ist. Für mich ergibt sich daraus: Je offener eine Gesellschaft Homosexualität gegenüber ist, desto stärker lehnt sie andererseits körperliche Intimität unter heterosexuellen Männern ab.

Verglichen mit der nepalesischen mag die uns bekannte westliche Kultur auf den ersten Blick überaus weltoffen und fortschrittlich wirken – und dennoch ist die Ablehnung männlicher Homosexualität ein gemeinsamer Nenner. Der Unterschied liegt nur darin, dass man das in Nepal nicht abstreiten würde. In westlichen Ländern heucheln wir Toleranz, bringen heterosexuellen Männern aber gleichzeitig bei, gegenseitige Berührungen lieber gänzlich zu vermeiden, bevor man sie noch fälschlicherweise für schwul halten könnte. Lieber dreimal kräftig auf den Rücken, bum, bum, bum.

April 2005: US-Präsident George W. Bush und der saudische König Abdullah spazieren Hand in Hand. Im arabischen Raum ein Zeichen der Freundschaft – in den USA sorgten die Bilder für Aufregung. Foto: Public Domain

Als Anfang 2017 in den Niederlanden zwei schwule Männer auf offener Straße mit einem Bolzenschneider zusammengeschlagen werden, solidarisieren sich Politiker, Fußballer und Polizisten öffentlich mit dem Paar – indem sie Händchen halten. Und wenn der bloße Akt des Händchenhaltens unter Hetero-Männern ein mutiges Zeichen gegen Homophobie sein soll, dann sagt das viel darüber aus, wie kaputt unser Verhältnis zu bloßem Körperkontakt unter Männern immer noch ist.

"Wir erziehen Jungs nicht dazu, Männer zu sein. Wir erziehen sie dazu, keine homosexuellen Männer oder Frauen zu sein." Die National Football League ist wahrscheinlich die größte heterosexuelle Bastion der Vereinigten Staaten – wenn im Jahr 2016 aber sogar ein beliebter ehemaliger Quarterback wie Don McPherson zu diesem Schluss kommt, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass die Dinge sich ändern. Genauso wie die Jungs aus der U-Bahn ein Anzeichen dafür sind, dass eine jüngere, aufgeschlossenere Generation langsam aber sicher beginnt, mit altbekannten Mustern zu brechen.

Mein Optimismus für die Sache stammt dabei aus meinem eigenen Umfeld: Dort pflegen Hetero-Typen inzwischen Männerfreundschaften, in denen Wangenküsse zur Begrüßung dazugehören, beim Fernsehen ganz selbstverständlich gekuschelt wird und sogar richtige Umarmungen stattfinden, ganz ohne Schläge auf den Rücken.

"Letztendlich schießen sich homophobe Hetero-Männer mit ihren Berührungsängsten nur selbst ins Knie. Oder eben anderen Menschen anderswo hin."

Einer britischen Studie zufolge gibt es immer mehr solcher Männer. Von insgesamt 40 heterosexuellen Männern – allesamt im Alter zwischen 18 und 19 Jahren – gaben 39 an, schon mal ein Bett mit einem Freund geteilt zu haben, 37 hätten außerdem bereits mit Männern gekuschelt, tun das sogar gern und regelmäßig. Auch wenn diese Ergebnisse vielleicht nicht ganz so repräsentativ für die Allgemeinheit sind, befinden sich soziale Stigmata im Umschwung. Und das Wort "Bromance" existiert schließlich nicht ohne Grund.

Bestenfalls können wir also darauf hoffen, dass unsere Söhne irgendwann ein bisschen weniger angestaute Aggressionen mit sich herumtragen müssen. Vielleicht weniger häufig gewalttätig werden. Vielleicht ein bisschen weniger Druck verspüren, sich einem vorgegebenen Rollenbild beugen zu müssen. Letztendlich schießen sich homophobe Hetero-Männer mit ihren Berührungsängsten nur selbst ins Knie. Oder eben anderen Menschen anderswo hin. Dreimal kräftig. Bum, bum, bum.

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