Ich war auf der Jugendakademie von Real Madrid und habe es gehasst

Nur Fast Food, täglich stundenlang Fußball spielen und kaum etwas für die Schule lernen: Was wie der Traum vieler Jugendlicher klingt, war das Härteste, das ich jemals durchstehen musste.

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Sep. 13 2016, 10:14am

Titelfoto: Der Autor mit 15 | Alle Fotos: bereitgestellt vom Autoren

Jeden Morgen stürmten meine Teamkameraden und ich bewaffnet mit Glätteisen und Haargel ins gemeinsame Badezimmer. Die kleineren Jungs versuchten dabei irgendwie, sich gegen die größeren durchzusetzen und einen Platz vor den Spiegeln zu ergattern. Zwar respektierten wir die Hierarchie in unseren Reihen, aber das eigene Schönheitsprogramm ging dann doch vor.

Ich werde niemals vergessen, wie beim Betreten der Umkleidekabinen in der La Fábrica (besser bekannt als die Jugendakademie von Real Madrid) vor allem der Geruch von verbranntem Keratin und frühmorgendlichen großen Geschäften vorherrschte. Dazu kam dann immer noch der Reggaeton-Lärm, der in voller Lautstärke aus irgendwelchen Boxen dröhnte. Wir waren halt Kinder, die ihren metrosexuellen Idolen nacheiferten—so als ob uns das ihnen und ihrem Erfolg irgendwie näher bringen würde. Einige von uns verdienten mehr Geld als ihre Eltern und wir alle arbeiteten auf ein Ziel hin, das fast nicht zu erreichen war. Von Real Madrids Jugendakademie verpflichtet zu werden, war natürlich eine Ehre, aber das Ganze entwickelte sich auch zu einer der härtesten und schwierigsten Erfahrungen meines Lebens.

Bevor ich dem Farmteam beitrat, hatte ich noch bei meinen Eltern auf Teneriffa gewohnt und dort beim Fußballverein U.D. Orotava gespielt. Eines Tages waren dann Talentscouts vor Ort und luden mich dazu ein, bei einigen Turnieren für die Akademie von AC Mailand anzutreten, die im spanischen Ávila eine Zweigstelle unterhält. Bei einem dieser Turniere wurden dann die Scouts von Real Madrid auf mich aufmerksam. Nicht viel später saßen meine Eltern und ich dann in einem der Büros von Ciudad Real Madrid—das Trainingsgelände des Vereins—und man bot mir einen Vertrag an. Für die Saison 2008-2009 würde man alle Kosten übernehmen—von den Flügen und dem Umzug bis hin zu den Schulgebühren und der Unterkunft. Dazu sollte ich noch ein monatliches Taschengeld von 200 Euro bekommen. Ich unterschrieb. Ich war ein 15 Jahre alter Junge, der von diesem Moment an in einer der weltweit besten Fußballakademien trainierte. Die Zukunft hätte für mich nicht rosiger aussehen können.

Während ich in einem Wohnheim weit weg von meinen Eltern wohnte, lebten einige meiner Klassenkameraden zusammen mit ihren Eltern mitten in Madrid. Der Verein wollte manche Jungs eben unbedingt verpflichten und hat deswegen direkt auch noch den Umzug der Eltern finanziert. Genau diese Jungs hatten auch schon die Aufmerksamkeit großer Sportartikelhersteller auf sich gelenkt und dort Sponsorenverträge an Land gezogen. Meine Freunde und ich waren immer total neidisch, wenn wir dabei zusahen, wie sie sich durch die Kataloge blätterten und sich einfach so die Schuhe und Klamotten aussuchten, die sie wollten. Ich kann mich auch noch daran erinnern, wie einer der älteren Jungs von einem Spieler erzählte, der sich einen neuen Audi gekauft hatte, obwohl er eigentlich gar keinen Führerschein besaß.

Die Tage an der Akademie folgten immer der gleichen Routine. Wir standen um 08:00 Uhr auf und frühstückten. Die Morgenmahlzeit bestand dabei aus Keksen, abgepackten Sandwiches, Orangensaft, etwas Gebäck und einem Stück Obst. Eine Stunde später ging es dann in die Schule, wo wir bis 17:00 Uhr Unterricht hatten. Unterbrochen wurde das Ganze nur von der Mittagspause um 14:00 Uhr. Nach der Schule kehrten wir kurz ins Wohnheim zurück, wo wir gerade so die Kekse und den Milchshake verdrücken konnten, die uns die Aufseher aufs Bett gestellt hatten. Danach ging es im Bus gleich weiter zum Trainingsgelände, wo wir bis 22:00 Uhr trainierten.

Rückblickend glaube ich nicht, dass man uns die Art Ernährung vorgesetzt hat, die für die Erwartungen an uns vonnöten gewesen wäre. Außerdem hat auch niemand darauf geschaut, wie wir was aßen. Von den Wohnheimen zum Trainingsgelände brauchte der Bus 45 Minuten und ich weiß noch, wie ich während der Fahrt manchmal betete, vor dem Training genügend Zeit zu haben, um mir noch einen Snack von den Automaten oder aus der Kantine holen zu können. Wenn dieser Fall eintrat, ging damit aber noch ein weiteres Dilemma einher: Entweder aß man etwas zu Schweres und riskierte damit, sich während des Trainings übergeben zu müssen, oder man aß nichts und lief damit Gefahr, das Training nicht durchzustehen.

Der inoffizielle Catering-Service der La Fábrica war ein kleines Restaurant namens Giardino. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft wir beim Wohnheimeingang auf den Lieferanten warteten, der uns mit Schokolade überzogene Waffeln und in BBQ-Soße getränkte Hot Dogs vorbeibrachte. Wir wussten zwar, dass das nicht gerade gesund war, aber so is(s)t man eben mit 15.

Neben dem Hunger beim oder nach dem Training schien sich die unkontrollierte Ernährung ebenfalls auf meine Leistung auszuwirken. Nicht richtig zu essen, erhöht das Verletzungsrisiko und beeinflusst das Immunsystem. Genau das erschwert dann auch die Genesung von den Verletzungen. Während meiner Zeit an der Akademie diagnostizierten die Ärzte bei mir unter Anderem gezerrte Wadenmuskeln, Sehnenscheidenentzündungen, verstauchte Knöchel oder angesammelte Flüssigkeit in den Gelenken. Einmal hatte ich in nur einer Saison mehr als fünf verschiedene Verletzungen. Und auch wenn die Diagnosen der Akademie-Ärzte immer richtig waren, lag der Fokus des medizinischen Personals trotzdem immer nur darauf, uns so schnell wie möglich wieder auf den Fußballplatz zu bringen. Sie behandelten also lediglich unsere Symptome, anstatt sich wirklich den Ursachen der Verletzungen zu widmen.

Der Autor im Trikot des "Blue Hens"-Teams der University of Delaware

Die Trainingseinheiten waren unglaublich anspruchsvoll und ein Fehlpass, eine unerwünschte Bewegung oder die schlechte Ausführung einer Übung führten mit Sicherheit dazu, dass die Trainer einen vor versammelter Mannschaft richtig niedermachten. In der La Fábrica tritt man nicht nur gegen andere Mannschaften an, sondern auch gegen die eigenen Teamkameraden.

Jedes Wohnheim bestand aus 15 Zimmern, in denen jeweils drei jugendliche Spieler lebten. Das ganze Testosteron, die unterdrückte Sexualität und die vielen Egos ergaben dabei einen hochexplosiven Cocktail. Kinder können verdammt grausam sein und wissen genau, wie sie psychischen Schaden anrichten. Ich werde hier jetzt nicht genauer ins Detail gehen, aber ihr könnt euch sicher vorstellen, was los war, als wir herausfanden, dass sich einer unserer Mitspieler im Schlaf eingenässt hatte.

Zwei Freunde, die im Zimmer nebenan wohnten, schlossen sich regelmäßig ein und prügelten drauflos. Manchmal luden sie uns auch dazu ein, ihnen dabei zuzuschauen, damit wir als Schiedsrichter agieren und den Kampf beenden konnten, falls es zu blutig wurde. Das ist zwar auch ein paar Mal passiert, aber ihre Freundschaft hat darunter nie gelitten.

Ich persönlich versuchte, mit dem Druck klarzukommen, indem ich während der 45-minütigen Busfahrt zum Training diverse Motivationslieder vor mich hin sang. Außerdem redete ich mir immer wieder ein, dass ich einen eiserneren Willen besäße und das Ganze wirklich wollte.

Mein Bruder hat mich mal gefragt, warum ich überhaupt an der Akademie geblieben bin, obwohl ich dort so zu kämpfen hatte und unglücklich war. Als ich von Teneriffa wegging, um für Real Madrid zu spielen, stand die ganze Insel hinter mir und war gleichzeitig total neidisch auf mich. Ich wollte meine Familie—und dabei vor allem meinen Vater—einfach nicht enttäuschen, indem ich zugab, dass es bei der La Fábrica total scheiße für mich lief. Als kleiner Junge habe ich nie gelernt, mir meine Gefühle einzugestehen und sie auszudrücken. Diese Chance der Jugendakademie war das, was ich wollen sollte. Deswegen erschien es mir auch total undankbar, mich darüber zubeschweren.

Rückblickend hat mich an der Akademie wohl die schulische Ausbildung gestört—besser gesagt die fehlende schulische Ausbildung. Jeden Tag ging es nach dem Unterricht direkt zum Fußballtraining und wenn wir um 22:00 Uhr wieder in Richtung Wohnheim fuhren, stand danach das Abendessen an. Erst dann blieb uns bis zur Nachruhe Zeit, für die Schule zu lernen. Aber das fällt einem schwer, wenn man gerade ein anstrengendes Training hinter sich gebracht hat—vor allem dann, wenn man erst 15 Jahre alt und selbst für sich verantwortlich ist. Am darauffolgenden Morgen waren wir dann wieder in der Schule und am Samstag sowie am Sonntag fanden Spiele gegen andere Mannschaften statt.

Vergangenen Mai habe ich mir das Champions-League-Halbfinale zwischen Real Madrid und Manchester City angeschaut. Dabei fiel mir auf, dass einer meiner ehemaligen Klassenkameraden in der Startelf stand. Seine Gestik und Mimik waren immer noch genauso wie damals. Ich war richtig glücklich darüber, dass es ein so talentierter junger Mann geschafft hat, denn er hat es wirklich verdient. Was man auf dem Fußballplatz jedoch nicht sieht, ist die Tatsache, dass er an der Akademie zwei Jahre hintereinander die Klasse wiederholen musste.

Je besser einige Spieler aus meinem Jahrgang wurden, desto weniger hielt man sie dazu an, sich im Unterricht wirklich anzustrengen. Und genau diese Spieler waren damit auch glücklich, denn sie taten ja das, was ihnen am meisten Spaß machte und von dem sie dachten, es bis zu ihrem Lebensende zu tun. Das traf auch auf meinen eben erwähnten, ehemaligen Klassenkameraden zu. Vor meinem geistigen Auge kann ich noch genau sehen, wie er im Klassenzimmer ganz hinten sitzt und kein bisschen aufpasst. Wir neckten ihn auch immer für seinen Bart. Dabei war uns gar nicht bewusst, dass er nur Gesichtsbehaarung hatte, weil er zwei Jahre älter war als wir.

Der Autor ist hier der Spieler mit den roten Schuhen | Screenshot: Real Madrid Television

Jahre später studierte ich dann in den USA. Dabei fiel mir auf, wie anders es dort für Studenten mit einem Sportstipendium abläuft: Wenn die Noten nicht passen, darf man keinen Sport machen, bis die schulische Leistung wieder in Ordnung ist. Eine solche Herangehensweise bringt jungen Athleten eine ganz andere Lernethik bei—meiner Meinung nach eine bessere.

Mein Jahrgang der Akademie brachte mehrere erfolgreiche Fußballspieler wie etwa Lucas Vázquez, Álvaro Morata, Denis Tscheryschew, Dani Carvajal, Jesé Rodríguez oder Diego Llorente hervor. Und andere spielen vielleicht nicht in den großen internationalen Ligen, aber sie sind trotzdem Profis geworden und stehen bei Vereinen aus den zweiten und dritten Ligen unter Vertrag. Wenn es jedoch eher selten vorkommt, dass es Schüler der La Fábrica wirklich bis ganz nach oben schaffen, warum ist es dann in Ordnung, dass man sich an der Akademie kaum auf die schulische Leistung konzentrieren muss? Die Spieler, die erfolgreich sind, dienen als Rechtfertigung für die derzeitigen Methoden. Aber was ist mit denen, die es nicht schaffen?

Natürlich kann ich hier nur von mir und meinen eigenen Erfahrungen berichten. Als die Saison vorbei war, sagte man mir, dass ich nicht gut genug sei, um noch weiter an der Akademie bleiben zu können. Ich fühlte mich befreit. Zwei Tage nach dieser Nachricht packte ich meine Sachen ins Auto meines Onkels und kehrte der spanischen Hauptstadt den Rücken.

Wieder zu Hause empfing man mich mit offenen Armen. Wie sich herausstellen sollte, war der Druck, den ich verspürte, in diesem Maße gar nicht vorhanden. Als man mich fragte, ob ich immer noch Fan von Real Madrid sei, meinte ich: "Auf jeden Fall!" Als ich dann in meiner Heimat wieder anfing, Fußball zu spielen, fiel mir auf, dass meine Zeit an der Akademie meine Vorstellung von diesem Sport grundlegend verändert hatte. Mir wurde bewusst, dass man den echten Fußball, den ich so sehr liebe, in den Straßen spielt—und zwar mit Teams, die aus den eigenen Freunden bestehen.

Zum Glück hat mir das Jugendprogramm von Real Madrid dabei geholfen, ein Fußball-Stipendium an einer US-amerikanischen Universität zu erhalten. Nach meinem Abschluss machte ich in den Niederlanden noch einen Master im Fach Human Rights und schon bald beginnt mein Jurastudium am University College London.

Wie bereits gesagt war das Training an der Jugendakademie von Real Madrid das Härteste, was ich in meinem Leben jemals gemacht habe. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich dort einige nicht gerade leichte Lektionen fürs Leben lernen musste. Diese Lektionen haben mir es aber auch erleichtert, andere Herausforderungen anzugehen und zu meistern. Ich frage mich allerdings auch, ob es wirklich angemessen ist, dass sich erst 15 Jahre alte Jungs mit solchen Lektionen auseinandersetzen müssen. Ist die Pubertät tatsächlich der richtige Zeitpunkt, um herauszufinden, dass man nur das Produkt eines Markts ist, in dem jeder nur das Beste für sich selbst herausschlagen will?

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