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Sex

Wie es ist, als Frau mit einem schwulen Mann zu schlafen

Ich war mit einem schwulen Mann vor seinem Coming-out zusammen. Der Sex war eine One Woman Show.
12 Juni 2015, 7:00am

Foto: Gabriel S. Delgado C. | Flickr | CC by 2.0

Während unserer Beziehung wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, dass Paul schwul sein könnte. Ich dachte immer, jemand, der mit mir zusammen ist, kann nie im Leben ein Verlangen nach Schwänzen entwickeln. Ich will nicht eingebildet klingen, aber ich glaube, als Mädchen darf man durchaus ein gesundes Maß an Selbstvertrauen haben. Dazu gehört auch, dass ich meine Fähigkeiten zur Schwanzbearbeitung ziemlich solide einschätze.

Vielleicht war ich aber auch ein bisschen blind. Und vermutlich auch ein bisschen taub, wenn ich an seinen Musikgeschmack denke. Als wir beide die neue Rihanna-Single feierten wie das Beste auf der Welt ... im Nachhinein war alles so offensichtlich.

Noisey findet Rihanna auch ziemlich super.

Ich habe mich oft gewundert, warum er nie die Initiative ergriff, wenn es um Sex ging. Ich wusste, dass ich seine Erste war, also dachte ich, es hätte vielleicht was mit seiner nicht vorhandenen Erfahrung zu tun. Trotzdem habe ich mir hin und wieder gewünscht, er wäre im Bett etwas engagierter gewesen. Die meiste Zeit kam ich mir so vor, als müsste ich ihn zum Sex überreden.

Absurderweise fing ich irgendwann an, genau daran Gefallen zu finden. Ich hatte die Kontrolle darüber, wann wir Sex hatten, hatte quasi die Zügel in der Hand. Zwar musste ich ihn immer wieder aufs Neue verführen—und das war nie wirklich leicht—, aber ich hatte Spaß daran.

Außerdem war ich auch ein paar Jährchen älter als er, also fühlte ich mich wie eine jugendliche Version von Mrs. Robinson. Ich war ein verdammter Cougar. Und immerhin funktionierte es auch—all meine Bemühungen, ihn hart zu kriegen, haben sich letztendlich immer ausgezahlt. Soweit ich das beurteilen kann, kann es für ihn auch nicht besonders schlimm gewesen sein. Zum Glück können Männer einen Orgasmus eben nicht so einfach vortäuschen.

Da meine Versuche aber auch nicht immer erfolgreich waren, musste ich mir verschiedenste Techniken und vor allen Dingen eine dicke Haut zulegen, falls ich denn mal abgewiesen wurde, was leider auch des Öfteren passiert ist. Diese klischeehaften „Heute nicht"-Situationen, in denen die Frau zu müde ist oder Kopfweh hat—die hat es bei uns auch gegeben, nur waren sie genau umgekehrt. Wenn es dann tatsächlich mal zum Sex kam, hat es sich so angefühlt, als würde er sich dazu erbarmen, mit mir zu schlafen und das ist nicht wirklich das Gefühl, das mich erregt.

Irgendwann hab ich schlussendlich gemerkt, dass er eigentlich überhaupt keinen Bock mehr hat, mit mir zu schlafen und das wurde mir dann auch zu blöd. Hätte ich nicht jedes Mal die Initiative ergriffen, ich weiß gar nicht, ob wir überhaupt noch Sex gehabt hätten.

Am Ende wurde die ganze Sache zu einer ziemlichen One Woman Show und ein klein wenig Kooperation sollte halt schon drin sein, wenn es nicht ganz so sehr nach sexueller Nötigung aussehen soll. Als nicht mal mehr Reizwäsche oder Spielzeug ihn heiß machen konnten, war sogar ich mit meinem Latein am Ende und meistens musste ich wieder selbst Hand anlegen, während Paul unter die Dusche ging.

Zwei Männer in Unterwäsche

Foto von Eva Zar, via VICE Media

Das war dann der Anfang vom Ende. Paul wollte immer überall sein, nur nicht zwischen meinen Beinen und an einem Punkt kam ich damit nicht mehr so ganz klar. Ich wollte reden, er nicht. Ich wollte vögeln, er nicht. Nach nicht ganz einem Jahr Beziehung war uns beiden klar, dass das so nicht mehr weitergeht. Wir haben Schluss gemacht und uns irgendwie verloren.

Als ich wieder Single war, konfrontierten mich meine Freundinnen mit einem Verdacht, den sie offenbar schon seit Monaten gehabt hatten. Sie wollten mir halt nicht in meine Verliebtheit reinpfuschen. Vielleicht war Paul ja schwul—und plötzlich ergab alles einen Sinn.

Von seinem Coming-out habe ich schließlich ein Jahr später über gemeinsame Freunde erfahren. Natürlich kam das nicht besonders überraschend—in meinem Kopf war das nach so langer Zeit schon längst beschlossene Sache. Man würde vielleicht denken, ich wäre verletzt oder gekränkt gewesen, aber das war ich nicht. Im Gegenteil. Ich habe mich wirklich aufrichtig für ihn gefreut. Das war quasi meine Bestätigung dafür, dass das Problem eben nicht an mir lag. Ich war irgendwie erleichtert.

Die meisten Mädchen sagen ja immer, wenn einer ihrer Ex-Freunde plötzlich schwul wäre, würde das ihr Selbstvertrauen vollkommen ruinieren, weil sie ja dann „Schuld" daran wären. Eine Freundin von mir meinte mal, wenn sich ein Typ „nach ihr" outen würde, würde sie total an ihrer Fraulichkeit zweifeln und ihr Ego wäre im Keller, weil sie ihn dann ja quasi schwul gemacht hätte. Das ist so ziemlich der größte Scheiß, den ich je gehört habe.

Paul hatte zu seinem Glück den Anstand, sich im Nachhinein auf ein klärendes Gespräch mit mir zu treffen, was ich ihm heute noch hoch anrechne. Natürlich gab es noch Fragen, auf die ich Antworten wollte, und Erklärungen, die er mir schuldig war. Wir haben uns lange über Unsicherheiten, Verdrängung und Selbstakzeptanz unterhalten und ich habe ihn einfach verstanden. Auf irgendeine Weise konnte ich ihn schon immer verstehen. Und zumindest wusste ich, dass ich nicht bloß ein Alibi für ihn war.

Rückblickend betrachtet hat mir die Beziehung mit Paul so einiges gebracht. Und nicht nur mir. Die sexuelle Kreativität, die mir abverlangt wurde, hat mich zu einer Großmeisterin der Verführung gemacht und mein jetziger Freund weiß das ziemlich zu schätzen (zumindest mehr als Paul).

Ein gemischgeschlechtliches Pärchen auf Stühlen am Strand, symbolisch für eine Beziehung, in der die Frau vermutet, ihr Freund und Partner ist schwul

Foto: Yağmur Adam | Flickr | CC by 2.0

Aber auch zwischenmenschlich habe ich so einiges daraus mitgenommen, Kommunikation steht bei mir seit jeher an erster Stelle. Außerdem habe ich den wahrscheinlich stärksten Gaydar nördlich des Äquators entwickelt—ich erkenne schwule Männer auf 20 Meter Entfernung.

Trotz der heute offensichtlichen sexuellen Differenzen (oder Gemeinsamkeiten?) haben wir es damals geschafft, teilweise so was wie glücklich zu sein. Wenn schon nicht im Bett, waren wir zumindest in den meisten anderen Bereichen auf der selben Wellenlänge. Das ist wohl auch der Grund, warum wir mittlerweile wieder ziemlich eng befreundet sind. Er ist mein Will, ich bin seine Grace. Und welches Mädchen kann schon von sich behaupten, den eigenen Ex-Freund als schwulen besten Freund zu haben?