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Die Menschen von Los Santos: Eine ‚Grand Theft Auto V’-Fotogalerie

Das fiktive Los-Angeles-Pendant von Rockstar Games steht nie still, doch wenn du genauer hinsiehst, findest du eine Menge genialer Details.

von Andy Kelly
24 Juli 2015, 4:00am

Alle Screenshots vom Autor, produziert im Rockstar Editor

Mit jedem neuen Sequel werden die fiktiven Städte in Grand Theft Auto komplexer. In etwas mehr als einem Jahrzehnt haben wir uns vom blockigen, polygon-armen Liberty City von GTA III zu der riesigen, verzweigten Metropole Los Santos in GTA V entwickelt. Bei Letzterem handelt es sich um die aufwändigste Open-World-Stadt, die es je in einem Spiel gegeben hat: eine schwindelerregende, handgearbeitete Parodie auf Los Angeles, vollgestopft mit der Art von Mikro-Details, die nur mit einem unbegrenzten Budget wie dem von Rockstar Games möglich sind. Details, die viele, wenn nicht sogar die meisten, Spieler übersehen haben werden.

In GTA bist du ständig in Bewegung, ob du in einem Sportwagen durch die Straßen heizt, bei einer Schießerei von einer Deckung zur nächsten sprintest oder in einem Hubschrauber über die Skyline hinweg düst. Alles bewegt sich so schnell an dir vorbei, dass es verschwimmt: Autos, Menschen, Schilder, Gebäude. Aber wenn du innehältst und deine Umgebung und die Gesichter der Leute darin in Augenschein nimmst, dann entdeckst du eine komplette Welt absurder, feiner Details, hinter der die Schufterei Hunderter Künstler steckt. Es handelt sich bei ihnen vielleicht nur um Dekoration, und um die unglücklichen Opfer von Fahrerflucht-Unfällen, doch die Einwohner von Los Santos besitzen ein bemerkenswertes Maß an Persönlichkeit.

Spaziere den Sandstrand von Vespucci Beach entlang und du siehst Muskelprotze, die vor unbeeindruckten Sonnenanbeterinnen posieren. In Downtown findest du Obdachlose, die Müll durchwühlen, mit müden Augen und bleichen, mitgenommenen Gesichtern, die vom harten Leben auf der Straße erzählen. Kapuzentragende Gestalten lauern in den dunklen Ecken von South Los Santos, trinken Hochprozentiges in braunen Papiertüten und zeigen vorbeifahrenden Streifenwagen den Finger. Touristen watscheln mit Kameras um den Hals den Vinewood Boulevard entlang. Starlets schreien irgendwas über Vorsprechtermine in ihre Handys. Hafenarbeiter schwirren um Frachtschiffe herum, entladen Container und kritzeln auf Klemmbrettern. Die schiere Vielfalt des Lebens, das um dich herum pulsiert, ist atemberaubend.

Los Santos stellt auch einen ungeschönten Schnappschuss des modernen Großstadtlebens dar. Greife jemanden auf der Straße an und kein Passant eilt zur Hilfe: Sie holen stattdessen ihre Handys raus und fangen an, Fotos zu schießen. Egal wohin du siehst, da sind Leute, die von leuchtenden Rechtecken hypnotisiert sind, die Nachrichten tippen, Selfies schießen und hirnloses Zeug auf Social-Media-Seiten posten. Sie schlürfen Kaffee aus Pappbechern und lassen diese beiläufig auf den Boden fallen, wenn sie damit fertig sind, und müllen damit die Gehwege noch weiter zu, als es ohnehin schon der Fall ist. Frustrierte Fahrer werfen unschuldigen Passanten Beleidigungen an den Kopf und hupen aufgebracht. Es ist ein verzerrtes Spiegelbild des urbanen Alltags. Eine sich endlos ausdehnende, entfremdete Masse totaler Arschlöcher.

MOTHERBOARD: Der Kriegsfotograf von Grand Theft Auto

Die Leute von Los Santos sind eigentlich nicht dazu gedacht, dass man sie genau unter die Lupe nimmt, doch das ist mit dem eingebauten Rockstar Editor in der PC-Version von GTA V möglich. Wenn du das tust, stellst du überhaupt erst fest, wie viele Bevölkerungsgruppen, Ethnizitäten, Figuren und Persönlichkeiten in dem Spiel repräsentiert sind. Und ihre Gesichter erzählen Geschichten. Wenn du im Spiel einen Obdachlosen siehst, der die Straße entlangschlurft, dann achtest du nicht sonderlich auf ihn. Aber zoome mit dem Editor auf ihn und du wirst sehen, sein Gesicht ist überraschend texturiert und der Blick in seinen blutunterlaufenen Augen spricht von Not und Elend. Wenn man weiß, wie viel Zeit, Geld und Mühe in den kleinsten Details eines Spiels mit einem großen Budget und mehreren Plattformen wie GTA steckt, dann führt einem diese Art von Detail vor Augen, was für eine künstlerische Meisterleistung Los Santos eigentlich ist. Irgendwelche Künstler und Künstlerinnen haben wahrscheinlich Wochen damit verbracht, diese beliebigen NPCs zu modellieren und mit Texturen zu versehen, und das obwohl die meisten Spieler höchstens einen kurzen Blick in ihre Richtung werfen werden.

Los Santos ist ein verzerrtes Spiegelbild des urbanen Alltags. Eine sich endlos ausdehnende, entfremdete Masse totaler Arschlöcher.

Es wird sogar noch beeindruckender, wenn du bemerkst, dass die meisten Figuren sich so gut wie nie wiederholen. Ich bin stundenlang durch belebte Straßen gestreift, um diese Porträts zu schießen, und ich habe so gut wie nie die gleiche Person ein zweites Mal gesehen. Und wenn, dann hatte sie andere Kleidung oder eine andere Frisur. Du kannst sogar mit ihnen interagieren, indem du auf dem Steuerkreuz nach rechts drückst, und die Reaktionen sind oft unheimlich witzig. Ich bin in Downtown als Franklin zu einem reichen Schnösel gegangen und habe „Yo, what's up?" gesagt. Er hat seinen Kaffee in die Luft geschleudert, geschrien und ist weggerannt. Ich bin als Trevor auf eine Gruppe Gangmitglieder in South Los Santos zugegangen und habe sie beleidigt, sodass sie ihre Waffen rausgeholt und auf mich geschossen haben. Jeder einzelne NPC hat eine Reaktion auf diese Interaktionen—eine weitere Schicht unglaublichen Details, die Rockstar in dieses Spiel gequetscht hat.

Die Grand-Theft-Auto-Reihe wurde bereits dafür kritisiert, dass die Hauptfiguren nicht besonders vielseitig sind, doch die Bewohner und Bewohnerinnen von Los Santos gehören zu den vielseitigsten Menschen, die es überhaupt in Spielen gibt. Manchmal beruhen sie zu sehr auf Stereotypen, doch GTA hatte noch nie ein soziales Bewusstsein und wird es auch nie haben. Es ist immerhin ein Spiel, in dem es hauptsächlich darum geht, Autos zu stehlen und Leute zu ermorden. Im Vergleicht zu den krassen Karikaturen der älteren Spiele wirkt Grand Theft Auto V schon fast progressiv.

Rockstar hat Ressourcen und Geld, von denen die meisten Entwickler nur träumen können, weswegen die Welten der Firma überzeugender und glaubhafter sind als die in anderen Spielen. Vielleicht fragst du dich, was der Sinn und Zweck all dieser kleinen Details ist, doch wenn du eine relativ sterile, leblose Stadt siehst wie in Watch Dogs von Ubisoft, dann wird dir schnell klar, wie wichtig das bei einem urbanen Setting ist. All diese kleinen, scheinbar unwichtigen Details bilden zusammen die Illusion einer lebenden Stadt. Deswegen wirken andere Open-World-Spiele auch so leer, nachdem man Grand Theft Auto V gespielt hat. Im Vergleich wirken sie wie statische Filmsets.

Doch auch hier gibt es noch viel Möglichkeit zur Verbesserung. So geschäftig und vielseitig Los Santos auch ist, es handelt sich dabei trotzdem nur um eine vage Annäherung an eine echte Stadt. Um realitätsgetreu die dichten, überbevölkerten urbanen Landschaften von Städten wie L.A. und New York nachzuempfinden, bräuchte es Rechenleistung, die die Kapazitäten heutiger Konsolen und Gaming-PCs weit übersteigt. Prozedurale Synthese, bei der die Passanten zufällig generiert werden und nicht wie bei GTA von Künstlern handgemacht sind, wäre vielleicht eine Lösung. Doch dann hätten sie nicht so viel Persönlichkeit wie die Menschen in Los Santos. Spiele werden vielleicht niemals das reichhaltige, wundervolle Sammelsurium des Lebens einfangen, das unsere Städte bevölkert, doch wenn irgendjemand der Sache nahe kommen kann, dann Rockstar.