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Popkultur

Die #DontJudgeChallenge ist möglicherweise genial

Bei diesem neuen Trend schminken sich wunderschöne junge Menschen hässlich, um auf Body-Shaming aufmerksam zu machen! Wie bitte?!?
9.7.15

Screenshot: YouTube/Best Vines

Falls du gerade im Urlaub bist und das Internet mit all seinen dunklen Ecken weitgehend meidest, oder es zumindest versuchst, dann hast du ziemlich viel Glück. Du verpasst nämlich einen Trend, der dich wahrscheinlich zu einem wutentbrannten Facebook-Posting verleiten könnte, in dem du dich über unsere oberflächliche Gesellschaft und dumme Teenager aufregst und sowieso alle Menschen zum Kotzen findest.

So ein Social Media-Hype ist ja nichts Neues. Wir haben die Ice Bucket-Challenge überlebt und ja, sogar Bier-Nominierungen haben wir irgendwie durchgedrückt. Die „#DontJudgeChallenge" hat, ähnlich wie die Eiskübel-Variante, einen Charity-Deckmantel und soll einem guten Zweck dienen. Ziel soll es sein, Bewusstsein für Body-Shaming zu schaffen.

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Die Challenge sieht so aus: Ein Teenager macht ein Selfie-Video, in dem er oder sie möglichst unattraktiv wirkt. Die meisten der Teilnehmer sind leider so abartig heiß, dass ihnen gar nichts anderen übrig bleibt, als zu Make-Up zu greifen, um wenigstens ansatzweise unhübsch zu wirken. In der Regel werden Pickel, Monobrauen und Zahnlücken aufgemalt, zusätzlich noch Grimassen geschnitten—sonst könnte vielleicht noch jemand denken, die sehen wirklich so aus.

Anschließend wird der Kameralinse mit der Hand verdeckt—das ist eine Art Warnung. „Pass auf, denn hier kommt das Geilste, das du je gesehen hast." Anschließend sieht man dieselbe Person wieder, doch diesmal in ihrer wahren Gestalt: die eines wunderschönen Schwans. Wiederum mit viel Make-Up, nur eben vorteilhaft. Mädchen geben ihr mädchenhaftestes Lächeln, Typen beißen sich dabei meistens noch pseudosexy auf die Lippe, während im Hintergrund „How Bout Now" von Drake läuft.

So. Jeder, der über ein funktionierendes Gehirn verfügt, wird jetzt irritiert sein—wie soll denn eine Kampagne, die genau die Merkmale, die meist das Ziel von Body-Shaming sind, als „hässlich" labelt, auf Body-Shaming aufmerksam machen? Wird da nicht genau das Gegenteil propagiert? Ein Haufen schöner Teenager, die sich über Menschen, die nicht gesellschaftlichen Schönheitsstandards entsprechen, lustig machen? Und wofür genau soll man diese Leute jetzt nicht judgen? Für ihre Hotness?

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Die einzig logische Erklärung für diesen Unsinn ist eigentlich nur, dass die gesamte Challenge einfach das beste Trolling des Jahres ist—und wir alle darauf reinfallen. Hübsche Teenager mit Hang zur Selbstdarstellung haben sich zusammengeschlossen, um der Gesellschaft eine Lektion über Oberflächlichkeit zu urteilen. Eine Art Test für die Menschheit. Und sie scheint ihn bestanden zu haben.

Das Besondere an der #Don'tJudgeChallenge ist nämlich, dass der obligatorische Shitstorm weitaus größer ist, als die Challenge selbst. Twitter und Facebook sind voll mit Hate-Kommentaren, die gegen die Teilnehmer schießen und sie als scheinheilig, narzisstisch oder einfach nur dumm bezeichnen. Durchforstet man das Internet, findet man viel eher Kommentare und Artikel darüber, wie sehr diese Challenge doch nach hinten losgegangen ist und eben nichts gegen Body-Shaming tut, sondern es vielmehr noch bestärkt.

Screenshot: YouTube/Laura B.

Möglicherweise ist der Trend hier gar nicht die Challenge selbst, sondern das Haten dagegen. Und weil das wiederum ein Schritt in die richtige Richtung hinsichtlich Body-Shaming und Schönheitsstandards ist, ist diese Challenge vielleicht doch gar nicht so schlecht. Nicht wegen dem, was sie ist, sondern wegen der Reaktionen, die sie hervorruft.

Inzwischen geht auch schon wieder eine Gegenbewegung los, in der Jugendliche im Grunde genommen die selben Videos machen, aber in umgekehrter Abfolge. Ein geschminktes Mädchen, wie sie von der Gesellschaft als „schön" wahrgenommen wird, entfernt den ganzen Mist aus ihrem Gesicht und nimmt als krönenden Abschluss noch ihre Perücke ab. Sie scheint's verstanden zu haben.

Franz twittert hier: @FranzLicht