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Mein Leben, nachdem bei mir eine Borderline-Persönlichkeitsstörung und Epilepsie festgestellt wurden

Es gibt Leute, die Borderline-Störung hören und sofort denken: „Schwachsinn". Doch ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass diese Diagnose überhaupt kein Schwachsinn ist.
07 Januar 2016, 5:00am

Foto: Sean McGrath | Flickr | CC BY 2.0

Vor drei Jahren lebte ich meinen Traum. Ich arbeitete als Redakteurin für ein Magazin in Manhattan, lebte in Brooklyn, ging auf Dates, ging feiern und fühlte mich wie ein verdammter Star. Doch unter dieser schillernden Oberfläche begannen die Angstgefühle, unter denen ich bereits mein ganzes Leben litt, meine Gesundheit in Mitleidenschaft zu ziehen, sowohl physisch als auch emotional. Niemand, nicht einmal ich selbst, wusste, dass ich kurz davor stand, völlig den Halt zu verlieren.

Ich fing an, mitten in der Nacht seltsame Anfälle zu kriegen. Ich wachte zu irgendeiner unchristlichen Zeit auf und konnte weder atmen noch meine Bewegungen kontrollieren, mein Körper krümmte sich in schmerzhafte Stellungen, bevor ich schließlich ohnmächtig wurde und später nur noch schemenhafte Erinnerungen an den Vorfall hatte. Manchmal wachte ich auf und fand Erbrochenes neben meinem Bett oder auf meinem Kopfkissen, doch ich erinnerte mich nie, wie es dort hingelangt war.

Schließlich war ich gezwungen, zurück nach Toronto zu ziehen. Im Ausland waren die Kosten meiner Suche nach einer medizinischen Diagnose unbezahlbar geworden, und mein emotionaler Zustand verschlechterte sich rapide. Ich hatte das Ritzen aus meiner Schulzeit wieder angefangen, fühlte mich suizidal und die noch nicht identifizierten Anfälle kamen immer häufiger vor.

Der Weg zu meiner Diagnose war lang und voller Umwege. Eine endlose Reihe an Psychologen und Therapeuten wechselte sich darin ab, mir eine Unmenge von Diagnosen bezüglich meiner depressiven Phasen zu stellen. In der Zwischenzeit piekste und zwickte ein ganzes Neurologenteam zweimal wöchentlich an mir herum, um eine Erklärung für die heftigen Anfälle zu finden. Kernspintomografen, EEGs, Schlafentzugstests, Bluttests, Sehtests. Es wollte kein Ende nehmen.

Dann schließlich die Diagnose. Ich leide an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) und außerdem an Epilepsie. Das ist ein persönlicher Zweifrontenkrieg, den zu akzeptieren, ich mich selbst zwei Jahre später noch schwertue. BPS bringt meist ein starkes Gefühl der Apathie gegenüber der eigenen Person mit sich. Ich habe Therapie abgelehnt, meine Medikamente nicht wie vorgeschrieben eingenommen, „destruktive Verhaltensweisen" an den Tag gelegt und mich in Beziehungen begeben, an deren Eingängen so grell leuchtende Warnschilder hingen, dass sie nach Las Vegas gepasst hätten (die soziopathischen Ex-Freunde, die mich betrogen sowie mich und meine Mitbewohnerin bestohlen haben, stellten für enge Freundinnen zum Beispiel keine Überraschung dar). Ich befinde mich seit Jahren in einem Teufelskreis des inneren Aufruhrs. Als ich meine Diagnose bekam und anfing, in den Kaninchenbau der Online-Recherche vorzudringen, war ich entsetzt und gleichzeitig erleichtert, wie viele der Gewohnheiten, die ich im Laufe der Jahre entwickelt hatte, zu den Symptomen zählten. Ich fühlte mich, als würde ich meine eigene Biografie lesen. Promiskuität, schlechte Impulskontrolle, furchtbare Angst vor dem Verlassenwerden, Probleme mit romantischen und anderen Beziehungen und schwere Dysmorphophobie.

Laut dem DSM, dem psychiatrischen Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, kann eine Persönlichkeitsstörung „die Selbstwahrnehmung, Reaktionen auf die Umwelt und den Umgang mit Emotionen und Beziehungen beeinflussen". Insbesondere die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist als geistige Krankheit definiert, die das Verhältnis zum eigenen Ich und zu Anderen beeinflusst. Diese Gefühle der Distanz, Wertlosigkeit und Unsicherheit, die ich weiter oben beschrieben habe, sind Paradebeispiele dafür. Labile Verhaltensweisen, Emotionen und Beziehungen. Eine labile Identität. Nennen wir das Kind einfach beim Namen: Ich bin labil. Oder war es zumindest.

Obwohl ich seit drei Jahren wieder in Toronto bin, fange ich gerade erst an, mich mit der Vorstellung anzufreunden, dass vielleicht eines Tages alles in Ordnung sein wird. Ich kann mir nur schwer vorstellen, was das bedeuten würde. Wenn ich es mir ausmale, dann sehe ich vor mir, wie ich an einem sonnigen Tag aufwache und sehe, wie das Licht durchs Fenster ins Zimmer scheint, und anstatt mich stöhnend unter meine Bettdecke zu verziehen und mich vor dem Augenblick zu grausen, in dem meine Füße den kalten Holzboden berühren, wache ich einfach mit einem Lächeln auf und will wissen, was der Tag so bringen wird.

Meine einzige Hoffnung auf einen solchen Bilderbuchmorgen ist es, in den Worten meiner Eltern, Freunde und vor allem auch meiner Ärzte, „es mit meiner Genesung ernst zu meinen". Diese Phrase kann ich inzwischen nicht ausstehen, denn das klingt so, als sei ich irgendwie nicht wirklich daran interessiert, mich besser zu fühlen.

Nur Wochen nacheinander Diagnosen wie BPS und Epilepsie zu erhalten, war, um es milde auszudrücken, ziemlich überwältigend. Ich gebe zu, dass ich Phasen der totalen Apathie durchlaufe. Trotz der Warnung meines Neurologen, die Finger von Alkohol und Drogen zu lassen, gibt es Momente, wo ich einfach nur „normal" sein will und meine eigenen Grenzen ignoriere. Es gibt fast mehr Gründe, als man zählen kann, warum das eine schlechte Idee ist. Der wichtigste davon ist, dass ein Kater laut meinem Neurologen, Dr. Peter Carlen, einem Epilepsie-Spezialisten am Toronto Western Hospital, das Gehirn dazu bringt, seine Schwelle für neurale Aktivität herabzusetzen, was häufigere und heftigere Anfälle nach sich ziehen kann. Ich könnte sechs Monate lang keine Episode haben und nach einer Woche mit viel Alkohol wieder ganz am Anfang stehen: im Bett kotzen und mit einem „Anfall-Kater" aufwachen, der mich bis zu eine Woche lang erschöpft, benebelt und verwirrt macht. Solche Rückschläge haben auf mich keine therapeutische Wirkung—sie motivieren mich nicht dazu, mich besser an meine Routine zu halten und sicherzugehen, dass ich „meine Epilepsie respektiere" (eine von Dr. Carlens Lieblingsphrasen). Stattdessen fühle ich mich dann einfach nur frustriert und hilflos. Das idyllische Bild der Normalität scheint in noch weitere Ferne zu rücken.

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Letzten Endes bin ich noch weit davon entfernt, „genesen" zu sein. Man hat mir gesagt, BPS sei etwas, das im Laufe der Zeit besser wird, aber niemals wirklich verschwindet. Selbsterhalt, Selbstkontrolle und Selbstwahrnehmung sind für Menschen wie mich unerlässlich, um mit der Störung leben zu können. BPS-Leidende haben eine unwahrscheinlich hohe Suizidrate. Laut dem Centre for Addiction and Mental Health nehmen sich 10 Prozent der BPS-Kranken das Leben. Das ist die vermutlich erschreckendste Statistik, die ich kenne. Ich habe mich selbst noch nie als eine Person gesehen, die einen solchen Plan schließlich auch ausführt. Ärzte fragen mich häufig, ob ich eine Gefahr für mich selbst darstelle, und ich versichere ihnen immer ohne zu zögern, dass ich sicher bin. Und das glaube ich auch wirklich. Aber was mich an den 10 Prozent erschreckt, ist die Tatsache, dass ich ein sehr starkes Gefühl habe, dass einige dieser Menschen genauso empfunden haben.

Der Weg zur Diagnose ist verworren und schwierig, was auch an dem mangelnden Wissen über die Störung liegt. Ganz direkt ausgedrückt gibt es Leute, die BPS hören und sofort denken: „Schwachsinn". Doch ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass diese Diagnose überhaupt kein Schwachsinn ist. Und egal wie sehr ich die Augen verdrehe, wann immer meine Mutter dieses „Du musst es ernst meinen"-Mantra runterbetet, oder Dr. Carlen mich daran erinnert, meine „Epilepsie zu respektieren", diese Krankheit ist wirklich beängstigend. Sie ist überwältigend, wie einer von diesen Träumen, wo man in Endlosschleife immer wieder ertrinkt. Und der einzige Weg, der an diesem erdrückenden Gefühl vorbeiführt, geht nach vorne. Ihn zu beschreiten, ist sehr viel leichter gesagt als getan.

Wir alle streben zu einem gewissen Grad nach einem Gefühl der Normalität. So wie ein Kind sich an seinen Eltern orientiert, um zu lernen, welches Verhalten akzeptabel und „erwachsen" ist, orientiere ich mich an Menschen, die so wirken, als hätten sie eine stabile Psyche und würden frei von Neurosen, Angstgefühlen und Unsicherheiten durch den Tag spazieren. Diese grundlegende Zufriedenheit ist mir fremd. Das soll nicht heißen, dass ich nicht schon wahres Glück, Begeisterung oder Momente des inneren Friedens erlebt hätte. Aber mein Grundzustand ist mehr wie eine Achterbahn, die mit mir auf einen Höhepunkt zusteuert, nur um mich kurz danach plötzlich auf Talfahrt zu schicken oder mir in einem Looping den Magen umzudrehen.

Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich bereit bin, mich von meinen lähmenden Angstgefühlen, meiner durchgehenden Erschöpfung und meiner allgemeinen Misanthropie zu verabschieden. Es ist an der Zeit, dass mir klar wird, dass ich nicht jede wache Minute damit verbringen kann, nach einer Lösung für meine Probleme zu suchen. Ich sollte besser ab und zu tief durchatmen und lächeln, einfach nur, weil draußen die Sonne scheint.