Sex

„Pornos sind ein kalter Prozess“ – Gaspar Noé im Interview

Wir haben mit dem Skandal-Regisseur über Liebe, Abhängigkeit und Penisse gesprochen und herausgefunden, dass er tief im Herzen ein echter Romantiker ist.

von Lisa Ludwig
18 November 2015, 10:06am

Alle Fotos: Grey Hutton

Zuschauer, die schockiert das Kino verlassen, düstere bis rauschhaft verzerrte Filme zwischen Gewaltorgie und intimen Momentaufnahmen—Gaspar Noé scheint das Extreme zu lieben. In Menschenfeind illustrierte der gebürtige Argentinier den Rachefeldzug eines frustrierten, arbeitslosen Metzgers, Irreversibel zeigte eine ungeschnittene achtminütige Vergewaltigungsszene, die nicht jeder in ihrer Gesamtheit ertragen kann, und Enter the Void simulierte für das Publikum einen mehrstündigen Drogentrip in Tokio—inhaltlich wie visuell. In Love widmet er sich nun der wohl stärksten Emotion überhaupt und eröffnet die Geschichte einer unglücklichen Dreiecksgeschichte erst einmal mit einer Leinwandfüllenden Ejakulation. Man muss seinem Ruf als Skandal-Regisseur schließlich gerecht werden. Nur einer von vielen Gründen, sich mit dem Wahl-Franzosen zusammenzusetzen und über die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu sprechen: Die tiefgreifende Traurigkeit von Pornos, warum das Drehbuch seines neuen Films nur sieben Seiten Drehbuch hat, und wie man der Familie beibringt, dass man seinen Penis in die Kamera gehalten hat.

VICE: Ist es schwer, in einem Film Gefühle zu vermitteln, die „echt" wirken? Am Schluss ist es ja alles nur gespielt.
Gaspar Noé: In meinem Fall ist das ja ein bisschen anders. Nur zwei meiner Filme haben ein „richtiges" Script: Menschenfeind und Enter the Void. Als wir Irreversibel gedreht haben, hatten wir nur drei Seiten Drehbuch, bei dem Film jetzt sind es sieben. Da stehen alle Szenen mit einer Nummer drin, aber es gibt keinen vorgeschriebenen Dialog. Wir improvisieren die Szenen mit den Schauspielern—oder den Leuten, die keine Schauspieler, aber trotzdem im Bild zu sehen sind—und filmen davon so viele verschiedene Versionen wie möglich. Im Schnittraum schneiden wir dann das zusammen, was uns davon am besten gefällt. Dadurch hat die Art und Weise, wie die Leute sprechen, etwas Frischeres, Natürlicheres. Und sie bewegen sich auch anders, weil ich ihnen nicht sage, was sie zu tun haben. Dadurch ergeben sich beim Drehen viel mehr Möglichkeiten. Deswegen würde ich eigentlich auch gerne eine Dokumentation drehen. Das Problem dabei ist nur: Wenn du jemanden auf der Straße oder so filmst, musst du zur exakt richtigen Zeit am richtigen Ort sein—und dann auch noch den perfekten Kamerawinkel haben. Man muss immer da sein, wenn irgendetwas passiert. Es ist einfacher, sich über einen Film dem dokumentarischen Stil anzunähern, was bedeutet: Man benutzt keine zusätzlichen künstlichen Lichtquellen und kein Make-Up, man schreibt im Vorfeld keine Dialoge ... So habe ich im Endeffekt meinen letzten Film gemacht.

Alle Fotos: Grey Hutton

Es wird ja immer davon gesprochen, dass das Drehen von Sexszenen etwas sehr Klinisches und Künstliches hat. Zwei Leute tun so, als würden sie miteinander schlafen, während Dutzende Menschen und Kameras um sie herum stehen. Stimmt es, dass die Leute für deinen Film wirklich Sex miteinander hatten?
Ich weiß es nicht. [Lacht] Vielleicht weiß ich es, vielleicht auch nicht.

Aber es gibt eine Ejakulation!
Die Wahrheit ist: Vielleicht ist es für die Schauspieler ganz gut, wenn sie sagen können, dass der Sex nur simuliert war. Charlotte Gainsbourg hat zugestimmt, bei Nymphomaniac mitzumachen, weil gesagt wurde, dass die Sexszenen nicht echt waren oder im Nachhinein visuell eingefügt wurden. Im Fall von Irreversibel wurde Monica ja auch nicht wirklich vergewaltigt und es sah trotzdem echt aus. Oft wollen die Leute gar nicht wissen, ob etwas echt oder gestellt ist, wenn sie einen Film sehen, und was in der Küche passiert, bleibt in der Küche. Abgesehen davon wirkt die erste Szene aber sehr echt und das zieht sich eigentlich durch den ganzen Film. Außerdem zeige ich ja auch etwas, was das Natürlichste auf der ganzen Welt ist. Es schockiert mich, wenn die Leute von dem Film schockiert sind, weil es so normal ist, Sex mit der Person zu haben, die du magst. Man muss sich absolut nicht dafür schämen, so etwas darzustellen. Ich zeige es so positiv, wie man es überhaupt nur zeigen kann.

VIDEO: VICE meets Ulrich Seidl.

Ich glaube, dass vielen Leuten Sexszenen unangenehm sind, weil Sex auch immer etwas damit zu tun hat, sich gegenüber einer anderen Person verletzlich zu machen.
Meiner Meinung nach ist es für einen Mann viel einfacher, in so einem Film mitzuspielen—auch, weil wir in einer extrem männerdominierten Welt leben. Meine französischen Freunde wollten beispielsweise alle in dem Film mitspielen, um ihre Penisse zeigen zu können. Jeder Typ, dessen Penis von der Größe her auch nur ein kleines bisschen über dem Durchschnitt liegt, möchte ihn unbedingt zeigen, weil ein großer Penis in unserer Gesellschaft so glorifiziert wird. Eine Frau hat nicht so viel davon, ihre Vulva zu zeigen. Ein Typ, der sehr viele Freundinnen hat, ist ein Playboy. Eine Frau, die viele Freunde hat, ist eine Schlampe. So was spielt da mit rein und das hat sich auch im Casting-Prozess gezeigt. Die Schauspielerinnen hatten größere Probleme damit, nackt zu sein, als die Schauspieler. Das größte Problem für viele ist allerdings ihre Familie. Sie haben Angst davor, wie ihr Großvater, ihr Onkel oder ihre Mutter auf den Film reagieren würden. Es geht nicht darum, dass man sich vor Freunden oder so schämt, die Leute haben Angst davor, ihre Eltern zu schockieren.

Ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass es unangenehm sein muss, wenn man verzweifelt versucht, der eigenen Mutter den neuen Film vorzuenthalten, damit sie den Penis nicht sieht.
Mein Penis ist übrigens auch in einer Szene zu sehen. Ich spiele den Kunsthändler. Ich erinnere mich noch daran, wie ich zu meiner Nichte, bevor sie den Film gesehen hat, gesagt habe: Sorry, nimm es nicht persönlich, aber du wirst gleich meinen Penis auf der Leinwand sehen. [Gelächter] Mein Vater war von dem Film ziemlich schockiert, aber vor allem wegen der Ejakulation. „Du bist zu weit gegangen!", hat er gesagt und dann gefragt, ob das meiner war. Als ich meinte „Nein, nein, meiner ist der andere. Nicht der, der auf das Publikum ejakuliert", hat er sich dann wieder etwas beruhigt.

Das wäre, glaube ich, auch die ultimativ egozentrische Aktion: Wenn man als Regisseur auf sein Publikum kommt. Da kann man gleich sagen: „Fickt euch, ich bin ein Gott."
Deswegen habe ich es nicht gemacht. Ich mag meine Zuschauer.

Du hast in einem anderen Interview gesagt, dass du keine Pornos magst ...
Nein, nein. Früher habe ich sehr gerne Pornos geguckt, als ich 18, 20, 25 war. Damals habe ich das noch auf Videokassetten oder Pay-TV-Sendern geguckt. Ich finde die Frauen von früher auch nach wie vor attraktiver als die aktuellen Pornodarstellerinnen. Das Seltsame an Pornografie ist auch: Damals gab es diese 90-minütigen Filme, in denen Leute Sex bei sich zu Hause hatten. Das war irgendwie berührend. Heutzutage ist es größtenteils so, dass man nur noch aneinandergereihte Szenen sieht—von Gangbangs zum Beispiel—und das ist so kalt. Da sieht man irgendwelche Feuerwehrmänner mit einer zutätowierten, komplett rasierten Frau. Mit solchen Bildern kann ich mich nicht identifizieren.

Es macht mir keinen Spaß, so was auf einem Computer anzugucken. Irgendwas an den VHS-Kassetten und dem Fernseher früher fand ich irgendwie ... sympathischer. Vielleicht habe ich aber auch einfach schon zu viele Pornos gesehen. Ich mag mittlerweile zum Beispiel auch keine Horror- oder Science-Fiction-Filme mehr. Vielleicht gibt es für alles eine Zeit. Mittlerweile gucke ich lieber Filme von Haneke oder den Zauberer von Oz. Man langweilt sich schnell, wenn nicht irgendetwas komplett Neues passiert, und das, was in Pornos heute gezeigt wird, erregt mich einfach nicht.

Noisey: Zwischen Wahnsinn und Normalität—Nicolas Winding Refn über die Rolle von Musik im Film.

Ich finde es interessant, dass du Pornoszenen als „kalt" bezeichnest. Das ist nämlich auch mein Eindruck. Sexszenen in Filmen, auch wenn sie nur gestellt sind, wirken irgendwie „echter', wärmer.
Pornos sind ein kalter Prozess, der den Akteur zur Ejakulation und den Zuschauer zur Masturbation bringt. Aber zu den besten Momenten im Leben gehören die, in denen du jemanden umarmst, den du liebst. Da fühlst du so eine Art komische Verbindung zu der anderen Person. Ihr seid gemeinsam in einer Blase, in der alles passieren kann—auch Sex. An Sex zwischen zwei Personen, die sich lieben, ist absolut nichts Dreckiges. Diese Momente sind nicht schmutzig, sie sind erhellend, sie machen Freude. Es gibt dieses Zitat, das ich unbedingt im Film haben wollte: „Liebe ist Freude." Ich finde, dass diese Situationen in allen Filmen vorkommen sollten, in denen es um Liebe geht. Wenn es keine platonische Liebe ist, ist es eine körperliche Liebe und körperliche Liebe ist lebenswichtig. Wir alle sind das Produkt eines Paares, das Sex gehabt—oder Liebe gemacht—hat. So etwas wollte ich mit diesem Film zeigen. Etwas, das Menschen im Leben erfahren.

Sex ist so eine normale Sache im Leben von jedem, warum wird es dann nie in Filmen gezeigt? Das ist so dumm. Ständig sieht man Raubüberfälle, in jedem zweiten Film geht es irgendwie um Waffen—warum? Sich zu verlieben, dabei nicht all zu sehr zu leiden, das ist für viel mehr Menschen ein essentieller Teil ihres Lebens. Liebe ist ein Kriegsschauplatz, auf dem du Momente des größten Glücks, aber auch des größten Leids erleben kannst. Warum zeigt das dann niemand auf angemessene Weise? Du sprichst von „Sexszenen", ich würde sie aber eher Liebesszenen nennen. Es gib vielleicht ein, zwei „Sexszenen" in dem Film, aber wenn die Leute zu Hause sind und dort Sex haben, dann sind das Liebesszenen für mich.

Ich habe bei deinen Filmen immer das Gefühl, dass es um die ganz großen Emotionen geht—wobei du dabei krasse Gegensätze auslotest. Irreversibel ist eigentlich das perfekte Beispiel. Du hast diese intime Liebesszene zwischen Monica Bellucci und Vincent Cassel, gleichzeitig aber auch den Teil mit der Vergewaltigung, in dem es um puren Hass geht.
Meine Filme sind ja alle ziemlich melodramatisch. Sie imitieren das Leben, aber sie sind auch ein bisschen überzeichnet, weil es um die großen Wendepunkte im Leben geht. So sind die meisten Melodramen aufgebaut. Man erzählt eine Geschichte mit starken, kraftvollen Momenten—gerade dann, wenn das Leben einer Figur auseinanderbricht. Es scheint, als wären das Momente des menschlichen Lebens, mit denen sich die Leute mehr identifizieren können, die universeller sind. Vielleicht ist mein neuer Film der, mit dem sich die meisten identifizieren können. Mindestens 95 Prozent meiner Freunde haben bereits erfahren, wie viel Glück und Schmerz Liebe verursachen kann. Und auch, wie abhängig man davon werden kann. Auch wenn der Film Love heißt, geht es eigentlich um die körperliche Abhängigkeit von einer anderen Person. Das ist eine sehr universelle Erfahrung. Ich glaube auch, dass es für Leute viel wichtiger ist, sich zu verlieben, als Geld zu machen oder ihre Karriere voranzutreiben. Wir sehnen uns alle nach Zuneigung. Und wenn du das einmal hattest, und sie dir weggenommen wird, fühlst du dich, als würdest du in der Hölle schmoren. Von allen Filmen, die ich bisher gemacht habe, ist er auf jeden Fall der, der dem echten Leben am ähnlichsten ist.

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