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Ich will bisexuell sein, aber ich scheitere kläglich dabei

Ich habe mich schon immer zu Frauen hingezogen gefühlt. Aber wenn ich so geboren wurde, warum bin ich dann so wahnsinnig schlecht darin?
23.10.14

Foto: Maggie Lee

Ich habe mich immer für überwiegend homosexuell gehalten. Wann immer ich als Kind verpixelte Pornofilme über die illegale Satellitenschüssel meiner Eltern geguckt habe, wanderten meine Augen immer zu den wunderbaren Hügeln, die am schönen Geschlecht emporragten. Wenn ich mir alte Filme ansah, wollte ich immer der Hauptdarsteller sein, nicht das naive Mädchen mit den kirschroten Lippen, eben weil der Hauptdarsteller das Mädchen küssen durfte. Ich habe Jahrzehnte damit zugebracht, nach guten Freundinnen, Bekannten und Bassspielerinnen zu gieren. Und trotzdem habe ich in meinen 31 Jahren auf diesem Planeten diesbezüglich nichts unternommen. Weil ich Angst habe.

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Als ich in der Highschool war, war ich verliebt. So verliebt man eben sein kann, wenn das eigene Gehirn noch unterentwickelt ist. Sie hieß Melissa, hörte „nur die frühen Sachen von Billy Joel” und hatte ein Wasserbett. Wir lagen auf diesem Bett, unter dem Romeo und Julia-Filmplakat, und verbrachten Stunden damit, uns darüber zu unterhalten, wie sehr wir unsere Mitschüler hassten. Ihre Brille war riesig, ihre Nase noch größer und ihr Weltschmerz unendlich. Ich war verrückt nach ihr.

Ich schlich mich heimlich in den Kunstraum, um Fotos von ihr zu stehlen, auf denen sie gequält vor ihren mittelmäßigen Bildern stand. Selbst machte ich auch Fotos von ihr, die ich vergrößern und einrahmen ließ und auf die Fensterbänke in meinem Zimmer stellte. Ich war mir sicher, dass sie lesbisch war. Sie strahlte es aus, ihr Körper, ihre Seele.

Eines Tages, als ich nicht mehr mit meiner Angst und meinen unausgesprochenen Gefühlen zurechtkam, schrieb ich ihr einen geradezu epischen, kindischen Liebesbrief und schickte ihn an die unauffällige Ranch, auf der sie mit ihren oft abwesenden Eltern lebte. Sie war meine Alice. Ich war ihre Gertrude. Schon bald würde sie sehen, wie wundervoll unsere kreative, sapphische Verbindung sein könnte. So stellte ich mir das zumindest vor.

Ich kann mich noch gut an den Nachmittag erinnern, an dem sie meinen Brief erhalten haben musste. In den Pausen vermied sie Augenkontakt. Wenn ich mich ihr näherte, ging sie wortlos weg und teilte mir so wortlos mit, dass sich meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt hatten. Ich hatte mich im Ausmaß ihrer Homosexualität geirrt. Vielleicht war sie auch einfach nicht in der Lage, ihr wahres Ich zu akzeptieren. Vielleicht lag ich auch völlig falsch. Unabhängig davon verbrachte ich für den Rest meiner Highschool-Zeit meine Mittagspause allein in der Bibliothek und aß M&Ms.

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Im Angesicht dieser Niederlage tat ich das Einzige, was ich tun konnte: Ich unterdrückte meine Gefühle, ignorierte sie und verbrachte die nächsten zehn Jahre damit, von einem männlichen Liebhaber zum nächsten zu springen (denn wie wir alle wissen, gibt es nur drei Wege, um Probleme zu lösen: Gebet, Gewalt und Verdrängung).

Foto: Jamie „Lee Curtis” Taete

Ich akzeptierte heterosexuelle Aufwartungen als Offenbarungen und tat mein Bestes, um ein gutes, anständiges, heterosexuelles Mädchen zu sein. Die Alternative dazu war, lächerlich gemacht zu werden, eine Ungerechtigkeit, die ich kein zweites Mal erleiden wollte. Das Gespenst von Melissa, das Gespenst ihrer Abweisung, schwebte über mir und hielt mich davon ab, es noch mal zu versuchen. Und so ignorierte ich jahrelang meine homosexuellen Gefühle und die verpixelten Pornofilme aus meiner Jugend.

Bis jetzt. Im vorgeschrittenen Alter von 31 bin ich bereit, mich so zu akzeptieren, wie ich bin, und diese Facette meiner sexuellen Identität mit offenen Armen anzunehmen, weil ich verdammt noch mal zu alt bin, um so viel Angst zu haben. Die Tatsache jedoch, dass ich bereits 31 und dabei total unerfahren bin, ist ein großer Nachteil. Was soll ich jetzt machen?

Ich habe viele Freundinnen, die von sich sagen, dass sie bi seien. Aber ich habe keine von ihnen je mit einer Frau gesehen. Lügen sie bewusst, um dadurch attraktiver für Männer zu werden? Oder haben sie genauso viel Angst? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass ich mich unwohl dabei fühle, mit ihnen über unsere gemeinsame Vorliebe für Muschis zu sprechen. Und sie um ein Date zu bitten? Ausgeschlossen.

Ich bin nicht nur schlecht darin, bisexuell zu sein, ich bin auch schlecht darin, mich als bisexuell zu identifizieren. Ich fühle mich unwohl, wann immer mein Freund Guy, ein unerschütterlich schwuler Amerikaner, mich inständig bittet, doch nun endlich die Kategorie „queer” zu akzeptieren. Genauso wie ich mich unwohl dabei fühle, mich selbst als Alkoholikerin zu bezeichnen (schließlich hat man mir noch nie die Kinder weggenommen, weil ich nicht aufhören konnte, Bud Light Lime-a-Ritas zu trinken), fühle ich mich unaufrichtig dabei, mich selbst als „queer” zu bezeichnen, weil ich eben nicht ausschließlich lesbisch bin (auch wenn ich zuvor den Eindruck erweckt habe, dass ich nur widerwillig etwas mit Männern angefangen habe, kann ich euch versichern, dass ich Schwänze liebe).

Für mich ist „queer” eine Bezeichnung, die man sich verdienen muss. Und ich? Ich bin bloß ein Feigling. Ich wurde nie wegen meiner sexuellen Orientierung kritisiert. Meine Familie hat mich nicht verstoßen. Ich hatte auch nie emotionale Probleme wegen meiner Homosexualität. Ich habe mich nicht deshalb schlecht gefühlt, weil ich mich in Melissa verliebt hatte, sondern weil sie mich abgewiesen hatte. Ich habe mich nie schuldig gefühlt oder mich für meine Halb-Homosexualität geschämt. Aber weil ich mich eben nie getraut habe, meine sexuellen Vorlieben auszuleben, komme ich mir jetzt wie eine Hochstaplerin vor.

Ich weiß, es ist kein Wettkampf. Ich muss nicht so schwul wie menschenmöglich sein, um mit Cleve Jones mitzuhalten. Aber es wäre schon schön, dabei zumindest halbwegs kompetent zu sein. Eine Freundin hat mich vor kurzem zu sich zum Essen eingeladen, um mir—wie ich schnell herausfand—mitzuteilen, dass sie auf mich steht. Ich machte so große Augen, dass ich wahrscheinlich aussah wie eine Figur aus der Tex Avery Show, und fing schon an, mir zu überlegen, was ich mit ihr anstellen könnte. Aber weil ich so aufgeregt war, trank ich erst einmal eine ganze Flasche Wein.

Letztlich nahm ich aber Reißaus, bevor es ernst wurde. Wieso zur Hölle habe ich das gemacht? Sie wollte mich! Ich wollte sie! Es war nicht so, dass die Abweisung hinter der Ecke lauerte. Ganz im Gegenteil. Trotzdem hatte ich entsetzliche Angst. Wahrscheinlich, weil ich keine Ahnung habe, was ich da eigentlich tue. Weil ich eine 31-jährige Anfängerin bin? Mein Gott. Wenn es doch bloß genauso einfach wäre, „queer” zu handeln, wie „queer” zu sein.