Warum Sex mit dem Ex eine beschissene Idee ist (und wir es trotzdem tun)

Warum fällt man in alte Betten zurück, wenn man sich doch aus gutem Grund getrennt hat? Ein Erklärungsversuch—mithilfe einer Paartherapeutin.

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23 September 2015, 12:22pm

Foto: Sarina | Flickr | CC BY-ND 2.0

Trennungen sind hart. Finanzieller Wagemut, abnorme Gewichtsschwankungen und peinliche Gefühlsausbrüche sind nur einige der fatalen Nebenwirkungen. Gefangen zwischen himmelhochjauchzend (endlich ist es vorbei!) und zu Tode betrübt (Oh Gott, es ist vorbei), sind wir oft dazu verleitet, fragwürdige Entscheidungen zu treffen. Besonders weit verbreitet dabei, und besonders schlimm: Sex mit der/dem Ex. Warum neigen wir dazu, auf Liebschaften zurückzugreifen, wenn die davor doch so spektakulär gescheitert sind?

Finger weg von Tinder – das macht alles nur noch schlimmer

Nach einer Trennung wollen wir vor allem eins: ganz viel Zuneigung. Wagemutig stürzen wir uns daher kurze Zeit später wieder ins Dating-Getümmel—auch wenn wir oft noch gar nicht bereit dazu sind. Erst wenn das vielversprechende Tinder-Match plötzlich telefonieren und sich womöglich sogar mit uns treffen möchte, halten wir inne. Geht das nicht ein bisschen zu schnell, plötzlich? „Also diese Woche ist leider echt schlecht bei mir. Aber nächste Woche treffen wir uns auf jeden Fall!", tippen wir daher panisch ins Handy. Leider wird dieses Treffen nie stattfinden. Wir reden uns zwar ein, dass wir ein Date wollen, aber das Gefühl für Unverbindlichkeit ist uns innerhalb unserer letzten Beziehung wohl oder übel abhanden gekommen.

Selbstzweifel bestimmen plötzlich unser Handeln: Was ist, wenn er meinen Humor nicht versteht oder mich einfach nur total öde findet? Und was soll erst passieren, wenn wir uns näher kommen und ich ihm gar zu dick, klein oder unförmig bin? Der einzige Ausweg wäre zwar, diese Ängste durch neue Dates aus dem Weg zu räumen, einfacher ist es aber natürlich, sich in Altbekanntes zu flüchten, statt sich Neuem zu öffnen. Und wenn man das Telefon schon mal in der Hand hat, kann man doch eigentlich auch den ehemaligen Lebensabschnittspartner fragen, was der so macht.

Der wahre Grund für den Rückfall

Die „Komfortzone Ex" ist nun mal müheloser, gewohnter und vorhersehbarer. Es gibt keine sexuellen Hemmungen. Im besten Fall kennt der andere jeden Makel, jedes Muttermal und jede unserer Perversionen. Er weiß, wie er uns berühren muss und was er im Bett lieber bleiben lassen sollte. Und das Beste daran ist: Wir können uns voll und ganz fallen lassen, da wir ja bereits jede Peinlichkeit mit ihm durchlebt haben. Warum sich also auf unbekanntes Terrain begeben, wenn doch das erotische Plusquamperfekt gleich um die Ecke wartet? Die Angst, das Vertraute zu verlassen, ist ein sehr typischer Grund, warum wir uns wieder auf ein Techtelmechtel mit dem Ex einlassen, weiß auch Sigrid Meissner, Paartherapeutin aus Hamburg.

Sie erklärt allerdings auch, dass das nicht der einzige Grund ist, warum wir auf verflossene Lieben zurückgreifen: „Zum einen kann es daran liegen, dass man eine Trennung als Lösung für einen Konflikt eingegangen ist—in der Hoffnung, dass sich nach einer getrennten Phase etwas ändern, beziehungsweise der Partner sich positiv verändern würde. In dem Fall ist man die Trennung innerlich nur auf Zeit eingegangen und geht dann wieder zurück, in der Hoffnung, der Konflikt sei gelöst." Das Dumme daran ist nur: Der Konflikt wurde nie gelöst. Stattdessen werden die Probleme einfach weggevögelt.

Sex macht alles noch viel schlimmer

Auch wenn man sich zu Beginn einreden mag, dass es sich um einen einmaligen Rückfall landet: Ehe wir uns versehen, liegen wir bei jeder bestmöglichen Gelegenheit in der Bettritze unserer gescheiterten Beziehung und fragen uns, was wir hier eigentlich veranstalten und wohin der ganze Mist führen soll. Wie ein schlecht bezahltes Callgirl (oder ein überambitionierter Sexsklave) düsen wir trotzdem nachts für ein kleines Schäferstündchen zu ihm oder ihr, um dann am nächsten Morgen völlig übermüdet den „Walk of Shame" ins Büro zu beschreiten. Herzlichen Glückwunsch, wir haben uns selbst in eine psychische Sackgasse gebracht! Wir sind weder offen für eine andere, neue Beziehung, da wir ja nun—zumindest sexuell und vermutlich auch emotional—wieder gebunden sind. Gleichzeitig kommen wir aber auch in unserer alten Beziehung nicht voran. Wie soll sich auch wieder eine „normale Beziehung" entwickeln, wenn es doch eigentlich nur um Sex gehen soll?

Foto: justine-reyes | Flickr | CC BY 2.0

Unsere Gefühle werden zu Altlasten, die wir nicht mehr ablegen können, da sie nun blöderweise wieder wie Pattex an uns kleben. Unser Ex fühlt sich wie tonnenschwere Bagage an, die wir jetzt wieder mit aller Kraft durch unser Leben stemmen müssen. Im schlimmsten Fall verheimlichen wir die ganze Nummer vor unseren Engsten auch noch, so dass wir die emotionale Last alleine (er)tragen müssen. In unserem Kopf bahnt sich emotional gesehen die Schlacht von Waterloo an, von der wir hoffen, dass unser Ex darin als Reinkarnation Napoleons auftritt—damit wir endlich auch mal als Sieger das Schlachtfeld verlassen dürfen. Unsere Gedanken kreisen zwischen Vernunft und Fleischeslust, doch egal wie wir es drehen und wenden, wir kommen einfach zu keinem Entschluss.

Wie wir uns aus der Ex-Misere befreien können

Wir hängen in einer Schwebe zwischen unserem alten und neuen Leben, sodass wir nicht mehr erkennen können, in welcher Zeit wir uns überhaupt befinden. Plötzlich leben wir in der Gegenwart unserer Vergangenheit, in der es für uns beinahe unmöglich erscheint, sich eine vorstellbare Zukunft zu erschaffen. Uns bleibt weder die Zeit noch der Raum, um uns neu sortieren oder orientieren zu können. Stattdessen bleiben wir stehen und stecken emotional fest.

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Paartherapeutin Sigrid Meissner hat dafür eine ebenso effektive wie simple Lösung parat: „Um einen Neuanfang hinzubekommen, ist es wahrscheinlich gut, für Distanz zu sorgen. Sich also erst einmal nicht mehr zu sehen, und vor allem keine Freundschaft Plus zu pflegen. Nur so kann man sich wieder wirklich neu sortieren und nur so kann es eine Phase geben, in der ich überlegen kann, was ich genau will, was mein Anteil ist und was ich glaube, dass in eine Beziehung hereingehört, so dass ich mich wohl fühle. Diese Form von Neusortierung zu schaffen, ist allerdings schwierig, wenn ich noch sexuellen Kontakt mit dem Ex-Partner habe. Denn dies würde bedeuten, dass ich immer wieder in dem alten System bin und mich somit mit irgendwelchen alten Fragen herumschlagen muss, die ja auch innerhalb der Beziehung zu keiner Lösung geführt haben. Erst wenn ich wirklich weiß, was ich will und keine Gefühle daran hänge sowie all meine Pläne und Hoffnungen nur auf mich nehme, sie also nicht mehr auf den ehemaligen Partner richte, kann ein Neustart oder etwas Unverbindliches angegangen werden."

Und was lernen wir nun daraus? Manchmal ist es besser, die Vergangenheit da zu lassen, wo sie hingehört—in der Vergangenheit. Dann klappt's irgendwann auch mit der nächsten Beziehung. Oder zumindest einem erfolgreichen Tinder-Date.



Titelfoto: Sarina | Flickr | CC BY-ND 2.0