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Wieso werden Menschen eigentlich rot?

Eine Medizinerin hat uns erklärt, wieso wir Menschen rot werden und was wir dagegen tun können.
3.11.15
Foto: Valerie Hinojosa

Du spürst, wie dir langsam warm um die Nase wird, dein Gesicht beginnt zu glühen und je mehr du darüber nachdenkst, was gerade mit dir passiert, desto mehr steigerst du dich in dieses Gefühl hinein—rot werden ist etwas, das wir alle gemeinsam haben.

Mir passiert das oft. Viel zu oft, wie ich finde. Ich habe mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wieso ich rot werde, es geschah einfach. Und es hat mich genervt. Genauer gesagt nervt es mich immer noch. Es nervt mich, dass ich mich nicht vor einer Menschenmenge äussern kann, ohne rot anzulaufen wie eine Tomate. Es nervt mich, dass ich nicht an einer Gruppendiskussion teilnehmen kann, ohne Angst davor haben zu müssen, dass mein Gesicht jeden Moment anfängt zu glühen. Und dabei schäme ich mich nicht einmal für das, was ich sagen möchte.

Da ich nach dem Googeln meiner Symptome, wie so oft, befürchten musste, an einem Hirntumor zu leiden (danke, Internet!), habe ich doch lieber bei Dr. phil. Aba Delsignore, Oberassistentin am Universitätsspital Zürich, nachgefragt. Mit ihr habe ich darüber gesprochen, wieso Menschen überhaupt rot werden, wann man unter chronischer Erythrophobie—ja, auch für die Angst vor dem Rotwerden gibt es einen medizinischen Ausdruck—leidet und was man dagegen tun kann.

VICE: Wieso werden Menschen rot?
Aba Delsignore: Erröten ist eine normale Reaktion unseres Körpers und der Ausdruck einer verstärkten Kopfdurchblutung, die von aussen sichtbar wird. Das kann sich beispielsweise bei körperlicher Anstrengung oder bei hohen Temperaturen zeigen. Weil Körperreaktionen eng mit dem psychischen Erleben verknüpft sind, führen intensive Gefühle wie Scham, Ärger, Wut oder auch freudige Erregung zu einem Blutdruckanstieg und können ebenfalls zum Erröten führen.

Foto: Crystal | Flickr | CC BY 2.0

Was löst diesen Mechanismus aus?
In den oben beschriebenen Situationen steigen der Blutdruck und die Körpertemperatur an. Als Gegenreaktion—um die Körpertemperatur zu regulieren—erweitern sich reflexartig die Blutgefässe. Dies führt zu einer stärkeren Hautdurchblutung, die wiederum zum Erröten führt. Das Erröten wird durch das sogenannte vegetative Nervensystem und den Sympathikus-Nerv gesteuert, wird schnell aktiviert und lässt sich kaum unterdrücken.

Wieso werden einige Menschen schneller rot als andere?
Jeder erlebt hin und wieder Situationen, in denen man sich zum Beispiel schämt oder peinlich berührt wird. Ob und wie schnell jemand errötet, hängt mit individuellen Reizschwellen zusammen. Es wird davon ausgegangen, dass einige Menschen eine angeborene Überaktivierung des Sympathikusnervs haben, die dazu führt, dass in Stressreaktionen die oben beschriebene Reaktion schon bei geringeren Reizen ausgelöst wird. Die Dicke und die Helligkeit der Haut sind weitere Faktoren, welche die Sichtbarkeit der Errötungsreaktion beeinflussen. Die Angst vor dieser nennt man übrigens Erythrophobie.

Foto: Grey World | Flickr | CC BY 2.0

Welche Kriterien muss ein Betroffener erfüllen, damit man ihn als erythrophobisch bezeichnen kann?
Wenn sie isoliert auftritt, gehört die Erythrophobie diagnostisch zu den spezifischen Phobien. Es müssen vier Kriterien erfüllt sein: Erstens müssen die Symptome ein Ausdruck der Angst sein, sich beim Erröten zu blamieren oder als inkompetent wahrgenommen zu werden. Zweitens muss sich die Angst auf spezifische, klar definierte Situationen beziehen—zum Beispiel Mittelpunkt-Situationen. Drittens muss die phobische Situation gemieden oder unter enormer Anstrengung bewältigt werden. Und viertens muss für die betroffene Person ein eindeutiger Leidensdruck bestehen.
In der klinischen Praxis kommt es häufig vor, dass die Angst vor dem Erröten nicht das primäre Problem, sondern die sekundäre Manifestation einer grundlegenden Angst darstellt. Dabei geht es um die Befürchtung, allgemein (nicht nur wegen des Errötens) zu versagen, negativ wahrgenommen zu werden, als inkompetent zu wirken und eventuell ausgeschlossen zu werden. Trifft dies zu und sind die anderen Kriterien auch erfüllt, kann die Angst vor dem Erröten ein Symptom einer sozialen Angststörung sein.

Foto: sipa | Pixabay | CC0 1.0

Welche Möglichkeiten gibt es, Erythrophobie zu bekämpfen ?
Ein guter Ansatz besteht darin, das Rotwerden nicht zu „bekämpfen" (was oft den Druck und somit die Wahrscheinlichkeit erhöht, tatsächlich rot zu werden), sondern einen besseren Umgang damit zu finden. Das soll zu einer Entspannung und somit zu einer Reduktion der Symptomatik führen.
Dazu gehört die Entwicklung einer gewissen Akzeptanz für die persönliche Neigung, eher schnell zu erröten, auch wenn es einem schwer fallen kann. Bei konkreten Mittelpunkt-Situationen lohnt es sich aufzuschreiben, welche Gedanken einem durch den Kopf gegangen sind—zum Beispiel: „Hoffentlich werde ich nicht wieder rot" oder: „Wenn es jemand merkt, werde ich mich total blamieren". Im gleichen Beobachtungsprotokoll sollte man auch die entsprechenden Gefühle—zum Beispiel Angst, Ärger oder Hilflosigkeit—, die Körperreaktionen und Strategien—zum Beispiel erhöhte Selbstaufmerksamkeit mit Fokus auf die Symptome—notieren.

Was heisst das konkret?
Der Vergleich zwischen gut und weniger gut gelaufenen Situationen kann helfen herauszufinden, was einem nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig wirklich etwas bringt—etwa der Gedanke: „Ich weiss, dass ich dazu neige, rot zu werden, und das stört mich sehr. Trotzdem versuche ich, mich auf den Inhalt der Diskussion zu konzentrieren und das Bestmögliche daraus zu machen". Zusätzlich können Entspannungs-, Atem- und Achtsamkeitsübungen helfen, die innere Anspannung und die (übertriebene) Fokussierung auf das Rotwerden zu reduzieren.
Wenn der Selbsthilfeansatz nicht weiterhilft und starker Leidensdruck besteht, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein. Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie kann Betroffene dabei unterstützen, durch gezielte Übungen einen besseren Umgang mit dem Erröten zu finden.

Ich selbst werde wegen jeder Kleinigkeit rot, obwohl ich mich eigentlich gar nicht schäme. Ist das auch Erythrophobie? Wie nennt man das sonst?
Erröten ist an sich wie gesagt eine natürliche körperliche Reaktion und es gibt Menschen, die einfach viel schneller erröten als andere. Wenn Sie deswegen keine Situation vermeiden, in der Sie rot werden könnten und sich deswegen auch nicht zu viele Gedanken darüber machen, was andere darüber denken könnten, haben Sie vermutlich keine Erythrophobie.

Und zum Schluss: Ist rot werden eigentlich genetisch vererbbar oder nur rein psychologisch?
Beim Erröten ist ein angeborener Anteil wahrscheinlich. Ob die erhöhte Neigung zum Rotwerden zum Problem wird, hängt von den subjektiven Erfahrungen ab, etwa von der Reaktion von Peers und Bezugspersonen während der Schulzeit. In der Folge können sich eine erhöhte Fokussierung auf die Symptomatik und Vermeidung einstellen, was kurzfristig oft zu Erleichterung führt aber langfristig in der Regel das Problem aufrechterhält.

Auf Twitter sieht man zum Glück nicht, wenn Sascha rot wird: @saschulius

Vice Schweiz auf Twitter: @ViceSwitzerland


Titelbild: Valerie Hinojosa | Flickr | CC BY-SA 2.0