Was es bedeutet, sapiosexuell zu sein

„Intelligenz macht einen Mann für mich erst richtig attraktiv."

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Okt. 26 2015, 6:00am

Grafik: VICE Media

Hasst mich dafür, aber in manchen Lebenslagen bin ich ein Bildungssnob—zum Beispiel in der Liebe. Es ist mir wichtig, dass die Männer, mit denen ich länger als eine gefühlte Sekunde zusammen bin, was auf dem Kasten haben, sich zumindest ein wenig mit dem aktuellen Weltgeschehen auskennen und ein bestimmtes „Spezialgebiet" haben, das ihnen besonders liegt. Mir wurde schon von Kind auf mitgegeben, dass Bildung etwas ziemlich Wichtiges im Leben ist. Fast könnte man mich als Streberin bezeichnen—und so abwegig ist das eigentlich gar nicht, wenn man bedenkt, dass ich ein Lehrerkind bin. Eigentlich habe ich also alles, was es zur Sapiosexualität braucht.

Sapiosexuell bedeutet, dass man auf intelligente Menschen steht und im extremsten Fall geht das Ganze so weit, dass man das Aussehen eines Menschen dabei der Intelligenz unterordnet. Das war zwar bei mir noch nie der Fall und ich würde auch fast meine Hand dafür ins Feuer legen, dass das niemals passieren wird, weil ich niemals einen Mann nur aufgrund seiner Intelligenz geil finden könnte, dessen Erscheinung nicht einmal annähernd meinen Vorlieben entspricht. Über andere Dinge, die mich stören, hat mich die Intelligenz eines Menschen jedoch schon des öfteren hinwegschauen lassen.

Ein Ex-Freund von mir war wahrscheinlich der klügste Mensch, den ich je gekannt habe. Er stand am Ende seines Medizinstudiums, das er mit einem pervers guten Notendurchschnitt absolviert hat, er sprach mehrere Fremdsprachen und hatte noch dazu eine unglaubliche Allgemeinbildung. Ich fand ihn damals einfach bewundernswert und irgendwie sexy, weil er sein Ding durchgezogen hat. So sexy, dass ich, nachdem die erste Verliebtheitsphase vorbei war, gewisse Dinge, die mich im Nachhinein unsäglich ankotzen, wenn ich nur daran denke, einfach ignorieren konnte.

Dadurch, dass mein Ex aus einer—sagen wir—guten Familie kam, war er dementsprechend nicht nur klug und gut gebildet, sondern auch „kultiviert"—zumindest was seine Vorstellung von diesem Begriff angeht. Zu Weihnachten hat er mir Krieg und Frieden geschenkt (danke dafür) und er hatte eine absurde Vorliebe für klassische Musik, die mich noch bis heute gruseln lässt. Alles, was von seinen Vorstellungen abwich, fand er unwürdig und proletig—er besaß keinen Fernseher, schaute lediglich Dokumentationen, Tattoos fand er abartig und als ich einmal mit einem tief ausgeschnittenen Shirt weggehen wollte, hat er mich gefragt, ob das mein Ernst sei. Aber dank irgendeiner zen-artigen Kraft in mir konnte ich dieses Spießertum ignorieren und mir einreden, dass das zu einem intelligenten, kultivierten Menschen nun mal dazu gehört und schon irgendwie richtig so ist. (Spoiler: War es im Endeffekt nicht, aber im Nachhinein ist man ja immer klüger.)

In einem Welt-Artikel hat ein Mitglied des Hochbegabten-Netzwerkes „Mensa" gesagt, dass Sapiosexualität für ihn wie ein Sub-Dom-Fetisch klingt, bei dem sich jemand dem Gegenüber unterlegen fühlen möchte. Blödsinn, denn Beziehungen funktionieren nun mal nicht nach dem Schwarz-Weiß-Prinzip. Nicht alle Frauen, die auf selbstbewusste, starke Männer stehen, sind unterwürfig. Genauso wenig diejenigen, die auf intelligente Männer stehen. Ich glaube schlicht und einfach daran, dass Intelligenz attraktiv macht—zumindest macht sie Menschen für mich anziehend und interessant.

Und es gibt auch eine ziemlich rationale Erklärung dafür—jedenfalls für die von euch, die an die Evolution glauben. Londoner Wissenschaftler (die bestimmt ziemlich klug und sexy sind) haben nämlich herausgefunden, dass intelligente Männer besseres Sperma haben. Frauen könnten sich also aus evolutionären Gründen von ihnen angezogen fühlen. Genauso wie viele Frauen auf erfolgreiche Männer stehen, weil sie ihnen etwas bieten können oder muskulöse Männer lieben, weil sie auf Beschützer stehen, kann es sein, dass einem die weibliche Libido Signale sendet, wenn man einem intelligenten Mann begegnet.

Man verliebt sich doch immer wegen einer bestimmten (Charakter)-Eigenschaft in einen Menschen. Viele verlieben sich wegen Humor und können Fehltritte des anderen wegen seiner humorvollen Art, wie er damit umgeht, leichter wegstecken. Genauso verhält es sich mit den Sapiosexuellen. Für manche ist es einfach wichtiger, dass jemand auf seine eigene Art klug ist, als dass er mit Muskeln bepackt ist—und für manche ist es eben wichtiger, das jemand geil aussieht, als dass er drei gerade Sätze rausbringt.

Für mich gilt Ersteres. Und nein, ich stehe nicht drauf, wenn mir statt dem Vorspiel jemand einen Tolstoi-Roman vorliest. Aber ich stehe drauf, wenn ich mit einem Typen über mehr reden kann als den neuen Star Wars-Trailer oder seine neue Frisur. Und außerdem verschafft mir allein die Vorstellung, dass meine Babys einmal gescheit sein werden, mehr Befriedigung als jeder Fick mit einem dummen Typen.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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