Die größten Absurditäten im Wahlkampf um die Bundespräsidentschaft

Ursula Stenzels Radio-Verschwörung, Felix Baumgartner, ein wütender Wirt und der Wirbel um die ATV-Diskussion: Die absurden Auswüchse des Wahlkampfes.
21.5.16

Screenshots: VICE Media

Am Sonntag steht der große Tag bevor. Hofer gegen Van der Bellen, ein bisschen alt gegen definitiv alt, eher rechts gegen eher links. Seit dem ersten Wahldurchgang am 24. April kämpfen die beiden Kandidaten um jede potenzielle Stimme, die sie kriegen können—und das mittlerweile mit wahrscheinlich nicht ganz allen, aber ziemlich vielen Mitteln. Inzwischen ist der Wahlkampf einfach unweigerlich an einem Punkt angekommen, an dem es um alles geht, die Masken der Kandidaten ein bisschen gefallen sind und sich jeder in den Wahlkampf einmischt, wo er nur kann.

Und weil es im letzten Monat ein paar Momente im Wahlkampf gab, in denen wir uns ein leises "WTF" dachten, haben wir die absurdesten, lächerlichsten und sinnbefreitesten Diskussionen, Wortmeldungen und Statements zur bevorstehenden Bundespräsidentenwahl für euch zusammengetragen.

Ursula Stenzel und die Radio-Verschwörung

Am vergangenen Sonntag war Norbert Hofer zu Gast bei der mehrstündigen Ö3-Frühstückssendung "Frühstück bei mir". Auch die ehemalige ÖVP-Bezirksvorsteherin des ersten Bezirks und FPÖ-Mitglied Ursula Stenzel hat es sich zu diesem Anlass volksnah, wie sie nun mal ist, vor ihrem Empfänger—oder wie sie es nennt: "kleines Radio"—in ihrem geliebten Hotel Bismarck gemütlich gemacht. Sie konnte die Frequenz von Ö3 aber kaum finden, was sie zu der gewagten Annahme verleitet hat, dass dahinter eine Absicht stecken könnte. Würde der "Rotfunk" absichtlich den quotenstärksten Radiosender Österreichs für ein paar Stunden quasi unerreichbar machen, nur um ein Gespräch mit Hofer zu vertuschen? Geht das überhaupt? Und hat vielleicht einfach Uschis Aluhut die Frequenz gestört? Man weiß es nicht. Jedenfalls wäre das wie im kalten Krieg, wenn man Uschi, dem selbsternannten politischen Animal, Glauben schenkt.

Absurditäts-Grad: Wir vergeben 8 von 10 Aluhüten für diese wilde Verschwörungstheorie.

Van der Bellens Kornblume

Norbert Hofer steht unter anderem immer wieder in der Kritik, weil er bei seiner Angelobung im Parlament eine Kornblume im Knopfloch trug. Die Kornblume gilt als Erkennungszeichen der illegalen Neonazis vor 1938. Immer wieder versuchte die FPÖ daraufhin, die Kornblume als "Europablume" zu inszenieren, die es in der Form nicht gibt, wie Armin Wolf in einem Facebook-Posting ausführlich erklärt hat. Ganz auf sich sitzen lassen wollte man die Sache mit der Kornblume dann aber doch nicht.

Beim Kurier-Gespräch zwischen Hofer und Van der Bellen soll Van der Bellen ein Hemd der Marke Joop getragen haben. Das Logo von Joop zeigt eine "stilisierte Kornblume", wie Heinz-Christian Strache mit zwei Postings auf seiner Facebook-Page zeigt. Wenn die Kornblume eine Europablume ist, warum ist es dann wichtig, welches Logo auf Van der Bellens Hemd gestickt ist? Und sollten die zwei Bundespräsidentschaftskandidaten wirklich eine Debatte über Kleidermarken führen?

Absurditäts-Grad: 7 von 10 stilisierten Kornblumen für diese konstruktive Debatte.

Der Wirbel um die ATV-Diskussion

Mit dem Diskussionsformat "Meine Wahl", bei dem weder Moderator, noch Themenvorgabe oder Deko vorhanden waren, hat ATV ziemliche Debatten ausgelöst. Während des Gespräches hat die eine oder andere Miene zu bröckeln angefangen, Van der Bellen hat den Scheibenwischer gezeigt und Hofer hat süffisante, präpotente Antworten gegeben. Letzten Endes hat Van der Bellen ATV für den Verlauf des Gespräches die Schuld gegeben, Hofer hat sich über Buh-Rufe von Van der Bellen-Wählern bei seiner Ankunft empört und niemand wusste eigentlich genau, was wir da gerade gesehen haben.

Van der Bellen zum Duell 'Dann fahren die Züge los und krachen aneinander' Dazu habe ich kurz was geschrieben. — Martin Thür (@MartinThuer)17. Mai 2016

Aber ist es nicht genau der Sinn eines solchen Konzepts, die Kandidaten und Gegner aus der Reserve zu locken und ungebremst aufeinanderprallen zu lassen? Ist es nicht der Reiz des Formates an sich, zu sehen, wie die beiden miteinander umgehen, wenn sie nicht mehr nur Phrasen dreschen und ein nettes Grinsen aufsetzen? Man kann von dem Duell halten, was man will. Wer sich aber über die Diskussion an sich und deren Verlauf ernsthaft empört, hat das Prinzip Mensch wohl nicht verstanden. Dass Van der Bellen ATV die Schuld am Verlauf des Gespräches gibt, ist ohne Zweifel auch keine besonders diplomatische Reaktion. Trotzdem gab es gegen Hofer nicht, wie von Hofer behauptet, eine wilde Orgie an Buh-Rufen bei seiner Ankunft. Genau genommen ist nur drei Mal "Buh" zu hören und einmal ein Daumen nach unten zu sehen, wie ein Video von FPÖ-TV zeigt.

Absurditäts-Grad: 7 von 10 Scheibenwischern für die Reaktionen auf die ATV-Debatte.

Das Drama mit den Wahlempfehlungen

Seit der ersten Runde der Wahl wurde um die Wahlempfehlungen ein riesiger Hehl gemacht—vor allem um die unabhängige Kandidatin Irmgard Griss. Nach der ersten Runde wollte sie erstmal keine Wahlempfehlung aussprechen. Dass sie nicht klar Stellung bezogen hat, hat viele verärgert. Erst am 17. Mai hat sie sich in der Kronen Zeitung erneut dagegen ausgesprochen, eine Wahlempfehlung abzugeben, denn das käme ihr anmaßend vor. Nur einen Tag später trat sie auf einer Pressekonferenz von Van der Bellen auf und wurde dort als Unterstützerin präsentiert (und hat betont, dass sie, obwohl sie Van der Bellen gewählt hat, hiermit ebenfalls keine Wahlempfehlung abgibt).

Immer wieder wurde betont, dass Menschen keine Wahlempfehlungen bräuchten, weil alle selbstständig denkende, aufgeklärte Wesen seien. Das ist natürlich irgendwie sehr löblich. Es ist aber auch ein bisschen scheinheilig, wenn man die Wochen und Monate vor der Wahl damit verbracht hat, den Menschen über Plakate und Online-Kampagnen und TV-Auftritte eben sehr wohl zu sagen, was sie wählen sollen.

Das Aufsehen um die Wahlempfehlungen ist seinerseits wiederum ein gefundenes Fressen für die FPÖ, die sich gerne als Endgegner der übrigen Parteien inszeniert—und auch von den anderen soinszeniert wird, wie Kommentare wie dieser unter dem betreffenden Posting von Strache zeigen:

Absurditäts-Grad: Wir geben 4 von 10 unaufgeklärten Wahlempfehlungen.

Der Wut-Wirt aus Oberösterreich

Dass wir es in Österreich mit einem ausgereiften Wutbürgertum zu tun haben, ist nichts Neues. Die meisten von uns gehen ihrem Drang, jemanden oder etwas zu hassen, im Internet nach. Aber nicht Stefan Egertsberger vom Wirt z'Moarhof in Oberösterreich. Er bedient sich eines Mediums, das vielen von uns leider nicht zugänglich ist: Der Rechnung.

Er ist wütend über die Allergenverordnung, das Rauchverbot und die Registrierkassenpflicht, wie er seinen Kunden in einer nach Comic Sans anmutenden Schrift kundtut. Darum wählt er Hofer. Schaut man sich die Rechnung genauer an, stellen sich aber noch ein paar Fragen mehr: Warum stehen ausgerechnet drei Bier auf der Rechnung? Warum kostet ein Bier nur einen Cent? Warum heißt die Bedienung "EIN Systemerhalter"? Und warum fühlt sich der Verfasser des Postings sarkastisch? Der Wirt wollte wahrscheinlich einfach nur ein Zeichen setzen und seiner Wut freien Lauf lassen. Fair enough. Ob sich schon jemals jemand eine Information, die auf einer Rechnung stand, zu Herzen genommen hat, bleibt offen.

Absurditäts-Grad: Der Wut-Wirt bekommt von uns 8,5 von 10 Feierabend-Bieren.

Die Anwandlungen des Felix Baumgartner

Dass Felix Baumgartner seine Meinung zu wichtigen, politischen Ereignissen in Österreich absondert, ist so sicher wie das Amen im Gebet (und zwar in diesem: Bitte Gott, lass es Hirn regnen. Amen.) Auch zur Bundespräsidentenwahl hatte er etwas zu sagen, nämlich: "(…) Tja Freunde wenn das so weitergeht dann feiern wir am 22. Mai Norbert Hofer als unseren neuen Bundespräsidenten. FELIX"

Was bei Felix Baumgartner eigentlich so abgeht, seitdem er für Red Bull aus dem All gesprungen ist, weiß niemand so genau. Baumgartner ist ein Wahl-Schweizer, der seine Jause gerne vom Hintern seiner Freundin isst ("She is always there for me"), dessen Präsenz in der Öffentlichkeit daraus besteht, abgedrehte Postings zu verfassen, die klingen, als würde er einen anschreien. Wann ist er eigentlich zu einer öffentlichen Figur geworden, die sowas Ähnliches wie Einfluss hat (oder zumindest sehr viele Likes auf Facebook)? Wie können Menschen tatsächlich den Worten eines Mannes glauben, der Gene Simmons mit Ozzy Osbourne verwechselt (und danach behauptet, es wäre ein Scherz gewesen, obwohl er sonst mit jedem Posting beweist, wie wenig Humor er eigentlich hat)? Wahrscheinlich müssen wir uns einfach damit abfinden, dass uns die fundierten Wahl-Analysen von All-Felix wohl noch eine ganze Weile erhalten bleiben werden.

Absurditäts-Grad: All-Felix bekommt für seine cleveren Wahl-Analysen 9 von 10 Stratosphären-Sprüngen.

Hofers geheimnisvoller Besuch in Israel

Seitdem Norbert Hofer am vergangenen Mittwoch zu Gast in der "ZIB2" bei Armin Wolf war, ist sein Israel-Besuch im Juli 2014 plötzlich Thema. Im Interview (und auch in einigen Interviews zuvor, wie Armin Wolf auf seiner Facebook-Page schreibt) erzählt er von einem offiziellen Empfang in der Knesset, dem israelischen Parlament. Die Recherche von Armin Wolf hat daraufhin ergeben, dass es keinerlei Aufzeichnungen über einen offiziellen Empfang gibt. Letzten Endes kam heraus, dass der Besuch an sich zwar nicht erfunden, aber keineswegs offiziell war.

Am Donnerstagabend kam es dann zum abschließenden TV-Duell bei Ingrid Thurnher im ORF. Auch dort ging es wieder um den Besuch in Israel, bei dem Norbert Hofer neben dem angeblich offiziellen Besuch in der Knesset auch einen Terroranschlag aus nächster Nähe erlebt haben will. Hofer hat in der Vergangenheit in mehreren Interviews berichtet, dass bei einem Besuch am Tempelberg in Jerusalem eine mutmaßliche Terroristin, die mit Handgranaten und Maschinenpistolen ausgerüstet war, zehn Meter neben ihm erschossen worden sein soll. Auch zu diesem Ereignis gibt es wenige bis keine Belege, die israelische Polizei bestätigte den Vorfall nicht. Es gibt lediglich einen Medienbericht über eine in Decken gehüllte Frau, der beim Security-Check an der Klagemauer ins Bein geschossen wurde, weil sie nicht auf die Stop-Rufe der Security reagiert hatte. Es wurde also weder jemand zehn Meter neben Hofer erschossen, noch handelte es sich dabei um eine bewaffnete Person.

Das Absurde an diesen beiden Geschichten ist nicht nur, dass Hofer hier offensichtlich ein paar Tatsachen, ähm, etwas frei nacherlebt hat, sondern auch, wie in der Öffentlichkeit damit umgegangen wird. Strache wittert einen groß angelegten ORF-Skandal und glaubt man dem Boulevard, ist es mittlerweile oberste Priorität des "rotgrünen Propagandasenders", wie Strache ihn nennt, Hofer als Lügner vorzuführen und so die Wahl zu manipulieren.

Tatsächlich hat der ORF hauptsächlich eine sehr gewitzte, seltene Sache gemacht: Er hat recherchiert, Fragen gestellt, die Antwort auf diese Fragen dem Beschuldigten vorgespielt und ihn um ein Statement gebeten. Man nennt es in manchen Kreisen auch Journalismus. Vielleicht sollte man hier auch die Option in Erwägung ziehen, dass die Aussagen Hofers in diesen Fällen ein eher freimütiges Verhältnis zur nachprüfbaren Realität aufweisen—obwohl wir natürlich nicht bezweifeln wollen, dass er diese genauso erlebt hat.

Absurditäts-Grad: Für seine kreativen Reiseerlebnisse geben wir Norbert Hofer 9 von 10 LÜGENPRESSE!!!1!-Punkten.

Verena auf Twitter: @verenabgnr