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Auch 2015 wollen die Leute immer noch aus Nordkorea fliehen

Zwar ranken sich auch dieses Jahr wieder viele Geheimnisse um das Einsiedler-Königreich, aber eine Sache steht dennoch fest: Es gibt weiterhin viele Nordkoreaner, die aus ihrer Heimat entkommen wollen.

von Keegan Hamilton
22 Dezember 2015, 3:35pm

Foto: imago | Xhinhua

Im Zeitraum der vergangenen zwei Monate wurden mindestens ein Dutzend nordkoreanische Boote gefunden, die führerlos vor der Küste Japans herumtrieben und bei denen sich schreckliche Dinge an Bord befanden, nämlich 27 verrottende Leichen. Diese „Geisterschiffe" stellen die Welt vor ein weiteres Rätsel in Bezug auf das Einsiedler-Königreich: Handelte es sich bei den Leichen um die Überreste vermeintlicher Spione oder Kidnapper, um schlecht vorbereitete Fischer, die zu weit ins offene Meer hinausgefahren sind, oder doch vielleicht um abtrünnige Bürger, die mithilfe der gefährlichen Überfährt nach Japan Freiheit finden wollten?

Wie so viele andere Fragen zu Nordkorea lässt sich auch diese hier wohl kaum mit Sicherheit beantworten. Alle Anzeichen deuten jedoch darauf hin, dass es sich um Fischer handelte: Auf einigen Booten wurde Equipment zum Tintenfischfang gefunden und das Regime hat Berichten zufolge die geforderte Fangquote erhöht (ein Umstand, der die Fischer dazu gezwungen haben könnte, weiter raus auf das stürmische Meer zwischen Nordkorea und Japan zu fahren). Es kommt außerdem nur äußert selten vor, dass flüchtende Nordkoreaner wirklich versuchen, auf dem Seeweg nach Japan zu kommen—das ist 2011 zum letzten Mal passiert.

Eine Sache hat sich jedoch auch 2015 nicht verändert: Viele Nordkoreaner versuchen immer noch verzweifelt, aus ihrem Heimatland zu fliehen. Zwar hat die UNHCR dieses Jahr noch keine offiziellen Zahlen in Bezug auf nordkoreanische Flüchtlinge veröffentlicht, aber seit 1998 werden von der UN-Einrichtung und dem südkoreanischen Vereinigungsministerium jedes Jahr mindestens 1000 Abtrünnige gezählt. So gab es der UNHCR zufolge allein letztes Jahr 1.522 nordkoreanische Flüchtlinge und Asylsuchende.

Die Abtrünnigen kommen aus allen Schichten der nordkoreanischen Gesellschaft—selbst aus der Elite in Pjöngjang. Im Oktober meinte Südkoreas Geheimdienst den Abgeordneten in Seoul gegenüber, dass 2015 mindestens 20 nordkoreanische Regierungsmitglieder geflüchtet seien (darunter auch ein in Hongkong ansässiger Diplomat, der bei Nordkoreas berüchtigtem Office 39 seine Finger im Spiel hatte). Allerdings gab es im Juni auch einen Bericht der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap, in dem behauptet wurde, dass ein nordkoreanischer Experte für biochemische Waffen mit 15 Gigabyte an Informationen zu Menschenversuchen nach Finnland geflüchtet war. Dieser Bericht sollte sich später als falsch herausstellen.

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Der Großteil der inzwischen mehr als 28.000 Flüchtenden hat sich jedoch Südkorea zum Ziel gesetzt, weil dort die automatische Staatsangehörigkeit, einen Orientierungskurs sowie bis zu fünf Jahre andauernde finanzielle Unterstützung winkt. Die meisten Menschen wählen den Weg über ein drittes Land: Im Normalfall handelt es sich dabei um China. Eine Handvoll Nordkoreaner (seit 2010 65, um genau zu sein) ist jedoch auch auf direktem Land- oder Seeweg nach Südkorea gekommen. So spazierte im Juni ein junger Soldat durch die demilitarisierte Zone zwischen den beiden Ländern, die mit Landminen übersät ist und massiv überwacht wird. Er verbrachte die Nacht in der Nähe eines südkoreanischen Militärstützpunkts und stellte sich am darauffolgenden Morgen.

Einige wenige Flüchtlinge sind auch in der westlichen Welt gelandet. Dem US State Department's Refugee Processing Center zufolge wurden 2015 14 Nordkoreaner in die USA umgesiedelt. Während der Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, die vor allem nach den Terroranschlägen von Paris gemacht wurde, führte der US-Senat auch eine Gesetzesvorlage ein, mit der ein Aufnahmestopp von Flüchtlingen aus „risikobehafteten Ländern" (darunter Nordkorea und Syrien) beschlossen wurde. Währenddessen haben kanadische Abgeordnete dieses Jahr versprochen, wieder nordkoreanische Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, nachdem diesen jahrelang der Zutritt verwehrt worden war.

Es gibt Hinweise darauf, dass es immer schwieriger wird, aus Nordkorea zu entkommen. Die Zahl der jährlichen Fluchten ist um 44 Prozent gefallen, seit Kim Jong-un 2011 die Nachfolge seines Vaters angetreten hat: Zwischen 2007 und 2011 lag der Durchschnittswert bei 2.676, unter der Herrschaft des aktuellen Diktators sank er auf 15.00. Im Oktober warnten die Behörden in Nordkoreas Grenzregion zu China Berichten zufolge die dort wohnenden Menschen davor, dass ihnen der Tod droht und ihre Familien in entlegene Gegenden umgesiedelt werden, falls sie in irgendeiner Weise bei einer Flucht behilflich sein sollten. Und die Grenzwachen selbst wurden nochmals an die Konsequenzen von Schmiergeldzahlungen erinnert, die sie für das bewusste Ignorieren von Flüchtlingen annehmen könnten.

Jeder nordkoreanische Bürger, der bei der Flucht erwischt wird, muss mit einem Aufenthalt in einem der berüchtigten Gefangenenlager des Landes rechnen—wo der UN zufolge derzeit zwischen 80.000 und 120.000 Menschen festgehalten werden. Häftlinge werden dort zu harter Arbeit gezwungen und sind brutalsten Umständen ausgesetzt. Im September haben die Vereinten Nationen ein Büro in Seoul eingerichtet, um diese Gefangenenlager noch weiter untersuchen zu können und Pjöngjang dazu anzuhalten, sie zu schließen. Die nordkoreanische Regierung dementiert jedoch weiterhin selbst die bloße Existenz solcher Lager.

Aber selbst wenn man es sicher über die Grenze geschafft hat, ist man noch nicht in Sicherheit. Chinesische Behörden führen Abtrünnige regelmäßig zurück in die nordkoreanische Heimat und Vietnam hat Ende Oktober neun Nordkoreaner (darunter auch ein elf Monate altes Baby) nach China abgeschoben, nachdem sie kurz hinter der Grenze aufgegriffen worden waren. Ihr letzter bekannter Aufenthaltsort war ein chinesischer Militärstützpunkt an der nordwestlichen Spitze der Grenze zu Nordkorea. Man weiß nicht, was letztendlich mit diesen neun Menschen passiert ist. China hat dazu noch vergeblich versucht, eine Zusammenkunft des UN-Sicherheitsrats zum Thema Menschenrechte in Nordkorea zu verhindern.

Es gibt unzählige Gründe für nordkoreanische Bürger, eine Flucht zu versuchen. Einer davon ist die Tatsache, dass laut Schätzungen der UN immer noch zwei Millionen Nordkoreaner unterernährt sind. Aber anstatt Lebensmittel zu produzieren, gibt die Regierung auch weiterhin lieber viel Geld für die Entwicklung von Raketen und die Weiterführung des Atomwaffenprogramms aus—trotz der Androhung von weiteren Sanktionen. Am 10. Oktober wurde in Pjöngjang eine protzige Feier inklusive riesiger Militärparade abgehalten. Anlass war der 70. Jahrestag der Gründung der regierenden Partei der Arbeit Koreas.

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2015 ist in Nordkorea jedoch auch Positives passiert. Zwar ließ eine schwere Dürreperiode am Anfang des Sommers die Befürchtung aufkommen, dass eine weitere schwere Hungersnot bevorsteht (in den 90er Jahren sind so schon einmal Zehntausende Menschen umgekommen), aber heftige Regenfälle haben im Juli dann das Worst-Case-Szenario augenscheinlich abwenden können. Es gibt außerdem Berichte darüber, dass sich Nordkoreas eigentlich dem Untergang geweihte Wirtschaft auf dem aufsteigenden Ast befindet—dank unterschiedlicher Reformen, die die Regierung um Kim Jong-un letztes Jahr einleitete.

„Die Reformen, durch die wohl das Marktprinzip in einigen Sektoren der nordkoreanischen Unternehmens- und Landwirtschaftskultur eingeführt wurde, haben in dem verarmten Land neue Grundlagen für wirtschaftliches Wachstum geschaffen", schrieb der US Congressional Research Service im Juli. „In den Städten ist es Managern jetzt zum Beispiel erlaubt, Gehälter festzulegen und Arbeiter einzustellen bzw. zu entlassen. Auf dem Land machen es die Reformen den Bauern nun möglich, einen größeren Teil der Ernte für sich selbst zu behalten. Dadurch wird das System der festgelegten Rationen entspannt. Außerdem wurde die Größe der Bauernkollektive auf einzelne Haushalte verkleinert, um Produktionsanreize zu intensivieren."

Zwar unternimmt die nordkoreanische Regierung schon kleine Schritte in die richtige Richtung, aber trotzdem bleiben Reichtum und andere Privilegien dort auch weiterhin nur einer kleinen Minderheit vorbehalten. So zitierte die Website DailyNK vor Kurzem Quellen aus Pjöngjang, die davon erzählten, wie ganze Horden an Donju—also die Neureichen Nordkoreas—in die Hauptstadt gereist sind, um Behörden zu bestechen. Das alles diente dem Erhalt ihrer Unternehmen. Im gleichen Zug gaben sie in schicken Hotels und teuren Restaurants aber auch noch Geld aus, „als ob es kein morgen gäbe". Einige der Gerichte haben den Quellen zufolge umgerechnet gut 370 Euro gekostet—genug Geld, um die Menge an Reis zu kaufen, mit der eine vierköpfige Familie fast ein Jahr lang auskommen könnte.



Foto: imago | Xhinhua

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