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Spandex, Pop und geile Gretschen: Wrestlemania ist das echte Black Swan

Nur Arschlöcher lachen über Wrestling. Das stimmt vor allem diesen Sonntag bei Wrestlemania—dem einen Event im Jahr, wo Wrestling zum Black Swan der Popwelt wird und schwitzende Männer in Spandex sich liebevoll gequält die Eier ins Gesicht drücken...
2.4.14

Foto via WrestleNewz

Gleich mal vorweg: Ja, Wrestling ist eine athletische Seifenoper für Menschen mit diversen Schwächen, von denen geistige Geradlinigkeit und körperliche Couchfixiertheit noch die geringsten sind. Und ja, Wrestling ist zirka im gleichen Sinne „fake“, wie auch Kinofilme oder Theateraufführungen „nicht echt“ sind. Das Schöne ist aber eben auch, dass man sich über die vermeintliche Plumpheit von Wrestling nicht lustig machen kann, ohne sich gleichzeitig selbst zum Idioten zu machen—und dass der Spaß beim Schauen mit allem, was man über die tatsächliche Performance hinter der kindischen Inszenierung weiß, nur noch größer wird. Ich weiß das, weil ich selbst zu ihnen gehöre und seit meinem elften Lebensjahr von den überlebensgroßen Comicfiguren mit den Federboas und tollen Hardrock-Einzugsmelodien im mutierten Box-Ring angefixt bin.

Meine allererste Wrestling-Veranstaltung—wenn auch nur im Fernsehen—war Wrestlemania IX (ja, hier wird mit römischen Ziffern gearbeitet; nehmt das, ihr intellektuellen Hater!), die sogar unter sehr gnädigen und anspruchslosen Fans jede „Best of WrestleCrap-Liste“ anführt. Nur damit auch die Uneingeweihten ein Bild bekommen, von welcher Dimension von schlecht wir hier reden: Wrestlemania IX fand im Garten des Cesar's Palace in Las Vegas statt, war komplett auf römische Arena gestylet, voller Moderatoren in peinlichen Togas und hatte sportliche Höhepunkte wie den von Raben zum Ring geleiteten Undertaker gegen den Nacktsuit-tragenden 2,20-Meter-Riesen Giant Gonzalez, oder den sumoringenden Samoaner Yokozuna in einem vor Raffinesse strotzenden, 9-sekündigen Titelmatch gegen den unsterblichen (und nicht sehr viel beweglicheren) Hulk Hogan.

Foto via SeScoops

Dass ich Wrestling als Unterhaltungsgenre ausgerechnet nach diesem Event nicht sofort wieder gekippt habe, dürfte zwar niemanden verwundern, der mich und meine Leidenschaft für üble Filme kennt (oder meine in letzter Zeit nicht mehr ganz so aktive Kolumne It's still real to me, damn it!), aber es ist auch ein Zeichen dafür, worum es bei Wrestling im Generellen—und bei der Live-Action-Sports-Opera-Inszenierung der WWE im Speziellen—geht.

Für mich war Wrestling von Anfang an keine Frage von Sport. Sport war etwas, das mein Vater beim Mittagessen am Sonntag schaut—und beim Mittagessen an jedem anderen Tag, genau wie zum Abendessen und seit seiner Pension auch in der Zeit dazwischen. Sport war für mich immer etwas Nerviges, Unattraktives, Langweiliges; etwas, das nach Punkten funktioniert und nur für Erwachsene interessant ist, die zwar prinzipiell auf Spiele stehen, das aber nur zugeben können, wenn eine Sache mit ausreichend grindiger Wettbüro-Patina und genügend farblosem Kugelstoßer-Look überzogen ist.

Im Vergleich dazu war Wrestling für mich ein befreiender Laufstall für Wahnsinnige, die kein Problem damit hatten, sich im Alter von Dreißig zum Spaß noch Windeln anzuziehen und einfach alle athletischen Einflüsse, Kampfstile und Körperkünste zu einer wilden Theaterperformance zu vereinen, die selbst Antonin Artaud augenblicklich abspritzen lassen hätte.

Foto via The Void

Wrestling ist seit jeher mehr Tanz als Kampf, mehr Team- als Einzelsport—und steht definitiv näher bei Ballett als beim Boxen. Der Vergleich von Wrestling und Ballett ist übrigens kein neuer, sondern wird im Business schon mindestens seit den 50er- und 60er-Jahren gepflegt, als Dick The Destroyer Beyer und Georgeous George Wrestling oft mit Paartanz oder sogar dem Liebesakt verglichen und die als Erzähler fungierenden Kommentatoren zur Untermauerung der Härte und Legitimität ihrer Kunstform das geflügelte Wort „It ain't ballet“ einführten.

Auch Darren Aronofsky hatte seine beiden Filme The Wrestler und Black Swan ursprünglich als zwei Storylines ein und desselben Films angelegt, um die Parallelitäten zwischen Hoch- und Proletarierkultur (oder, amerikanischer, zwischen High Brow und Low Brow Entertainment) aufzuzeigen. Und falls ihr euch an die Simpsons-Episode erinnert, in der Lisa Ballett lernt, ist euch vielleicht auch noch der Abschluss-Gag geläufig, in dem Homer nach Lisas gescheitertem Ausflug in die Ballettwelt meint, dann könne er endlich seinen Plan weiterverfolgen, Bart zu einem Luchador (der mexikanischen, oftmals mit Masken in Verbindung stehenden Pendant eines Wrestlers) zu machen.

Aber so sehr Popkultur auch von Wrestling durchsetzt ist, so sehr kämpft Wrestling seit den frühen Blütezeiten um seine Anerkennung. Wenn es im Mainstream vorkam, dann nur in Form von Parodien oder anlässlich von vermeintlichen Skandalmeldungen. Als Wrestlemania III den immer noch ungeschlagenen Hallenrekord für Sportevents aufstellte, war das der New York Times keinerlei Berichterstattung wert—als Firmenvorstand Vince McMahon dann zwei Jahre später vor dem Senat eingestand, dass Wrestling „Fake“ war, schaffte es die Meldung auf die Titelseite. Auch heute noch hat die WWE (die den Älteren noch als WWF aus der Zeit bekannt sein dürfte, bevor sie von der Umweltorganisation mit dem Pandabären verklagt wurde) ein sehr eigenartiges, fast schon österreichisches Verhältnis zum Mainstream, den es einerseits verabscheut und über den es andererseits sofort in aufgeregtem All-Caps schreibt, wenn sie endlich doch mal selbst zitiert wird.

Foto via WWE.com

Dieser Minderwertigkeitskomplex ist—und das traue ich mich auch nur als Wiener Mentalitätskollege zu behaupten—die Wurzel von so ziemlich allem, was die WWE und ihre Stars heute antreibt; im Guten wie im Schlechten. Er führt dazu, dass Wrestling zwischen obsessivem Geltungsdrang und psychotischen Trotzreaktionen hin und her schwankt—und er ist der Grund, warum Vince McMahon und sein Schreiberteam einerseits Arnold Schwarzenegger und Hulk Hogan zurückholen und andererseits mit möglichst trashig-absurden Storylines den Mittelfinger Richtung High Brow erheben.

Der Minderwertigkeitskomplex ist also das Triebwerk, das die Wrestling-Industrie antreibt—außer bei genau einem Event im Jahr, das nicht ganz zufällig immer Anfang April ansteht. Denn bei Wrestlemania ist der WWE die Aufmerksamkeit sicher und das Prädikat „Pop Culture Extravaganza“, das ihre PR-Abteilung in so harter Arbeit lanciert hat, gewiss. Wrestlemania ist Kulturgut, amerikanische Tradition, und geht dieses Jahr in die jubiläumsträchtige 30. Runde.

Foto via Between the Ropes

Das Event aller Events, bei dem Wrestling kurzzeitig selbst zum schwarzen Schwan des Pop-Mainstreams mutiert, gibt es diesen Sonntag live via Pay-Per-View zu sehen. Wenn ihr selbst seit den Zeiten von Bret The Hitman Hart, The Heartbreak Kid Shawn Michaels, Hulk Hogan und dem Undertaker nicht mehr geschaut haben solltet, ist das hier eure Gelegenheit, um bei der größten Großveranstaltung des WWE-Jahrs eure Eignung für simple Soap-Freuden in Spandex zu überprüfen. Wenn ihr eher zur High Brow-Fraktion gehört und für sowas immer eine intellektuelle Diskursebene braucht, kann ich euch auch meine Diplomarbeit als Unterlage vor dem Binge-Watching empfehlen, die (auch nicht ganz zufällig) genauso heißt wie diese Kolumne hier.

Vielleicht geht euch ja entweder beim Lesen oder beim Schauen ein (Hosen-)Knopf auf und ihr versteht endlich, dass es großartig ist, sich der „suspension of disbelief“ hinzugeben und völlig ohne Vorbehalte Bösewichter auszubuhen und die perfekte Nachbildung eines Sportevents zu genießen. Wenn euch schwitzende Männer in Spandex, die sich liebevoll gequält die Eier ihrer Gegner ins Gesicht drücken lassen, nicht überzeugen, dann weiß ich auch nicht.

Für alle anderen habe ich mich im Vorfeld noch mit einem der derzeit größten WWE-Stars unterhalten, der noch dazu ums Eck von uns groß geworden ist: Dem sensationellen Cesaro, der eigentlich Claudio Castagnoli heißt und aus der Schweiz kommt. Auf Seite zwei lest ihr, was er über seine Heimat, den dortigen Nationalsport Schwingen und Wrestlemania zu sagen hat.

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Foto via WWE

VICE: Hi Cesaro. Lass uns gleich mal über Wrestling sprechen. Ich finde deinen European Uppercut ziemlich einzigartig—warum ist ausgerechnet er dein Trademark-Move?
Antonio Cesaro: Ja, da ich aus Europa bin und der Uppercut dort ein Signature Move ist, wollte ich damit meiner Heimat Respekt zollen. Die Geschichte dahinter ist, dass Faustschläge im Wrestling ja verboten sind und der European Uppercut der nächstbeste harte Move ist.

Ein anderer einzigartiger Move ist dein Giant Swing, wenn auch aus anderen Gründen. Hier ist es vor allem die Publikumsreaktion: Obwohl du über die letzten Monate Heel [also Bösewicht, Anmerkung] warst, wurde die Aktion immer ziemlich bejubelt, die Fans haben jeden Dreher laut mitgezählt. Ist diese Reaktion gewünscht? Wurde sie in der WWE einfach akzeptiert?
Den Move hab ich schon vor meiner WWE-Zeit gezeigt und habe nur auf den Moment gewartet, ihn auch hier auszupacken. Es ist einfach auch ein sehr imposanter und cooler Move. Eine der wichtigsten Dinge ist natürlich auch die Publikumsreaktion und hier freut es mich, dass die Aktion so gut aufgenommen wird.

Dass du Heel bist und trotzdem einen Pop dafür bekommst, ist also gewünscht?
Äh, ja.

Beim Event NXT Arrival hattest du ein sensationelles Match gegen Sami Zayn, mit dem dich ja auch eine längere Geschichte verbindet. War es ein besonderes Match für dich?
Ich war ja von Anfang an bei NXT dabei—für mich war hier immer wichtig, dass ich hier Dinge ausspielen konnte, die ich in der WWE sonst nicht unbedingt machen konnte. Da es auch darum ging, mit NXT Arrival die erste Live-Show auf dem WWE Network zu liefern, sollte mein Match mit Sami Zayn natürlich ein besonders starker Opener werden. Ich wollte das beste Match auf der Card haben und so, wie ich das den Reaktionen entnehme, ist mir das auch gelungen.

Wie siehst du deine Rolle bei NXT, dem erweiterten Trainingsprogramm der WWE, generell?
In den letzten Monaten habe ich sehr viel an Schwung gewonnen und mich in der WWE zu einem der Top-Stars hochgearbeitet. Ich glaube, es ist auch gut, diese Power in die NXT zu tragen und dort damit auszuhelfen.

Foto via WWE

Welche Dinge meinst du, die du in der WWE sonst nicht machen kannst und die du bei NXT genießt?
Das war darauf bezogen, dass ich mich bei der WWE zuerst hocharbeiten musste, während NXT eine alternative Möglichkeit bot, um mit Promos und Matches Neues auszuprobieren.

Hast du eigentlich einen idealen WWE-Gegner?
Ich finde es schwierig, mich da auf einen Typus festzulegen. Auf meinem Weg habe ich einen sehr vielseitigen Stil entwickelt—ich glaube, dass ich inzwischen mit den unterschiedlichsten Gegnern gute Matches haben kann, von groß bis klein, von stark bis klein und athletisch.

Und wer wäre dein liebster Wrestlemania-Gegner? Sagen wir, nächstes Jahr?
Das wäre entweder der Undertaker, weil der eben seine Streak hat, oder aber der jeweilige WWE World Heavyweight Champion.

Noch zu einem ganz anderen Thema: Von unserem Schweizer Büro gab es in der Vergangenheit auch schon Artikel zum Volkssport Schwingen. Im Ausland wird das Ganze immer noch eher als skurrile Randerscheinung gesehen. Hast du damit irgendwelche Berührungspunkte?
Ja, definitiv. Also ich habe selbst nie geschwungen, aber ich verfolge das natürlich mit und habe auch das letzte Schwingfest geschaut. Ab und zu kucke ich mir davon auch Moves ab.

Inwiefern genau?
Da es sich beim Schwingen ja eigentlich um griechisch-römisches Arm-Wrestling handelt, gibt es da schon einige Griffe, die ich verwende, aber die fallen im Fernsehen nicht zu sehr auf.

Weil du vorhin von Fanreaktionen gesprochen hast: Hier gibt es ja unterschiedliche Positionen dazu, wie Heels mit Fans umgehen sollen. Randy Orton ist zum Beispiel dafür bekannt, das Tempo als Heel selbst zu bestimmen und den Fans eben genau nicht zu geben, was sie wollen, um zusätzlich Heat zu erzeugen. Wie handhabst du das?
Das kommt immer drauf an. Ich denke, dass hier jeder seinen eigenen Stil hat, um das Publikum eben gegen oder für sich aufzubringen. Mein Stil funktioniert aber in jedem Fall sehr, sehr gut.

Verstehe. Dann danke für das Gespräch! Und eine Sache wollte ich noch sagen: Ich habe einen Freund, der genau aussieht wie du.
Wirklich?

Ich schicke dir danach einfach ein Foto von ihm.
Super, mach das. Bis dann!

Cesaro meldete sich eine Stunde später auf meine Mail, um mir mitzuteilen, dass er meinem Freund absolut gar nicht ähnlich sieht. Seht und vergleicht selber:

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