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Europa bekommt endlich seine erste Hetero Pride

Giuliano Visalli findet, dass Heteros sich auch mal wieder selbst feiern müssen—weil „Heterosexualität einfach für selbstverständlich gehalten wird.“
Niccolò Carradori
Florence, IT
08 April 2014, 10:42am

Bist du ein männlicher oder weiblicher Hetero und hast es satt, dabei zuzusehen, wie deine eigenen Rechte immer mehr zu Gunsten anderer, zum Beispiel der Schwulen, beschnitten werden? Und behältst du deine ehrliche Meinung dazu lieber für dich, aus Angst, gleich als homophob abgestempelt zu werden? Mach dir darüber keinen Kopf mehr—es gibt genügend Leute da draußen, die die Welt genauso wenig verstehen wie du.

Ein paar Mutige von ihnen haben am 22. März die Weltöffentlichkeit auf die Rechte der Heteros in aller Welt aufmerksam gemacht, als sie im Zentrum von Prato, einer mittelgroßen Stadt in der Toskana, Italien, einen Stand eröffneten, um aufgeschlossene Teilnehmer für „Europas erste Straight Pride“ zu rekrutieren. Der Termin für die Parade wurde auf den 17. Mai festgelegt, und ich an deiner Stelle würde mich so schnell wie möglich anmelden.

Noch nicht überzeugt? Dann lass uns gemeinsam einen Blick auf die offizielle Website diese Großevents werfen und den Begrüßungstext lesen, der da lautet:

Die Geburt von Gay Pride hat Raum dafür geschaffen, innere wie äußere Institutionen  zu diskutieren. Heutzutage wird über Homosexualität reichlich und kontinuierlich diskutiert, während das Gleiche über Heterosexualität nicht gesagt werden kann. Heterosexualität wird als etwas Offensichtliches und Vorhersehbares angesehen. Diese Betrachtungsweise ist falsch. Sehr falsch sogar. […] Heterosexuelle, die öffentlichen Statistiken zu Folge 92.5 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, werden sowohl von den Massenmedien als auch von gesellschaftlichen Institutionen als selbstverständlich angesehen. Sie scheinen davon auszugehen, dass Heterosexuelle keinerlei Probleme oder Bedürfnisse haben, was absolut nicht der Fall ist.“

Neben tiefsinnigen Überlegungen zum Thema Toleranz und darüber, dass auch eine Mehrheit in der Gesellschaft ihre eigenen Interessen vertreten sollte, versorgt dich die Website noch mit allerlei Information zu verschiedensten Aktionen, die der Verein für die nächste Zeit geplant hat, unter anderem: Fußball für Heteros, Boxen für Heteros, Rugby für Heteros, Beachvolleyball für Heteros und Zumbakurse für Heteros. Außerdem sollen in einem Schönheitswettbewerb die Miss und Mr. Hetero gekrönt werden.

Doch Etero Pride Italia hat sich, abgesehen von Aktivitäten, die es schon tausendmal auf der Welt gibt, auch tiefgehendere Ziele gesetzt. Ziel des Vereins ist es, „Massenmedien und die Welt der Kommunikation im Allgemeinen in Frage zu stellen“. Hierfür planen sie, eigene Radio und TV-Sender ins Leben zu rufen, und auch ein Magazin mit dem Titel l’Etero ist in Planung—dumm gelaufen für mich, denn hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich nie bei VICE um ein Praktikum beworben.

Überwältigt von den Möglichkeiten, die sich mir bieten könnten, rief ich Giuliano Visalli, den Gründer von Etero Pride Italia an, und verabredete mit ihm ein Treffen in Prato am nächsten Tag. Guiliano ist ein großer, maskuliner Typ mit längerem Haar, eckigem Kinn und heiserer Stimme. Er brachte eine Freundin mit, die Guiliano als „echten Führer“ bezeichnete und die restliche Zeit damit verbrachte, jedes Mal zustimmend zu nicken, wenn Guiliano etwas sagte. Und Guiliano sagte sehr, sehr viel.

VICE: Guiliano, wie läuft deine Kampagne bis jetzt?
Guiliano Visalli: Richtig gut, würde ich sagen. Wir haben ein bisschen Recherche betrieben und dabei rausgefunden, dass wir die Ersten in Europa sind, die so etwas versuchen. Viele Leute waren überrascht, weil sie dachten, dass es eine Straight Parade bereits gäbe. Aber bisher gibt es keine und es gibt so viele Leute, die sie brauchen, weil Heterosexualität als selbstverständlich angesehen wird.

Auf eurer Homepage gibt es eine Uhr, die den Countdown zählt. Glaubst du wirklich, dass du eine Straight Parade in nur eineinhalb Monaten auf die Beine stellen kannst?
Wir haben den Countdown eingerichtet, weil es supercool aussieht. Wir werden sehen, ob wir den 17. Mai als Datum beibehalten, wenn wir uns einen genaueren Überblick gemacht haben. Wenn die Schwulen- und Lesbenvereine, die wir um Hilfe gebeten haben, mitmachen, könnten wir es wirklich schaffen.

Wie stellst du dir die Parade vor?
Es wird keine Hetero-Version der Gay Pride, mit Paradewagen und allem drum und dran—absolut nicht. Wir planen etwas, das ein bisschen mehr softcore ist; eine Mischung aus May Day und Gay Pride. Zwei Tage voller kultureller Debatten und Entertainment. Wenn unsere Follower allerdings eine 50.000-Mann-Parade wollen, werden wir sie nicht zurückhalten. Wir haben vor nichts Angst.

Wie ist die Idee entstanden? Ich kann nicht anders, als eure Kampagne als eine Antwort auf die LGBT-Bewegung zu verstehen.
Nein, es ist meine Idee und meine Initiative. Es gab keine äußeren Einflüsse. Nach dem ich mein Politikstudium nach einem Jahr aufgegeben hatte, bin ich in die Politik gegangen. Ich habe eine Bewegung mit dem Namen Giovani Toscani [Junge Toskaner] gegründet—es war ein autonomes Projekt. Ich habe dadurch so viele Leute getroffen und festgestellt, dass die Probleme der Heterosexuellen nicht beachtet werden.

In dieser Zeit ging es hauptsächlich um Homosexualität und ich hatte das Gefühl, dass die Heterosexuellen ein Problem mit ihrer Heterosexualität zu haben schienen. Als wenn es schwer für sie wäre, sich als hetero zu outen. Diese Idee hat mich jahrelang begleitet. Und jetzt mit den ganzen neuen Technologien ist plötzlich alles möglich: Du trommelst deine Nerd-Freunde zusammen, schreibst die Idee auf, entwirfst ein Logo und der heimliche Traum wird wahr.

Bestimmt kannst du verstehen, dass man sich wundert, warum eine Mehrheit ihre eigene Identität feiern muss.
Es ist absolut nötig, weil all die Sicherheiten, die mit Heterosexualität in Zusammenhang gebracht werden, nicht mehr existieren. Wir wollen nicht unsere Rechte für uns beanspruchen, wir wollen nur eine Art Selbstkritik äußern in einer Welt, die langsam auseinander fällt. Eine Selbstkritik im Hinblick auf das, was in den letzten 50 Jahren passiert ist.

Wir wollen uns nicht mit Regenbogenfamilien, homosexuellen Adoptionen oder sowas beschäftigen—irgendwann werden wir das tun müssen, aber nicht jetzt. Wir wollen über die Probleme der Heteros reden. Über 40-jährige Frauen, die das Ticken ihrer eigenen biologischen Uhr überhört haben und kinderlos sind; wir wollen über die Muttersöhnchen reden, die immer noch zu Hause wohnen.

Die LGBT-Community hatte den Mut von einer Welt zu träumen, in der sie stolz sein könnten, schwul zu sein, und haben für diesen Traum gekämpft. Sie sind die mutigen 300 und wir sind wie Xerxes. Die in der Mehrheit sind nicht immer die stärksten.

OK. Was passiert, wenn der Hilferuf der Heteros ignoriert wird?
Schau mal, ich glaube, jede westliche Frau hat festgestellt, dass Männer in den letzten Jahren viel von ihrer Männlichkeit verloren haben.  [Er zwinkert mit diebischem Grinsen seiner Freundin zu.] Sieh dir nur die Shows im Fernsehen an … Ich sehe männliche Vorbilder, die ich nicht als hetero identifizieren kann. Unsere Straight Parade wird den Trend der gewachsten Augenbrauen beenden. Ich wüsste gern, wo dieser Trend, dass Männer ihre Augenbrauen mit Wachs bearbeiten, herkommt. Was zur Hölle soll das?

Und was ist mit Frauen?
Wie gesagt, sie müssen wieder auf das Ticken ihrer eigenen biologischen Uhr hören. Die Massenmedien sind hier stark in der Verantwortung. Denk mal an Sex and the City. Ich hab es früher mit meiner damaligen Partnerin gesehen und war total überrascht davon, dass Frauen eine Gruppe von 40-jährigen, kinderlosen Karrierefrauen mit unstetigem Sexualleben zum Vorbild nahmen. Wie entwürdigend ist die Vorstellung einer notgeilen 40-Jährigen, die versucht, anderen Frauen die Ehemänner auszuspannen?

Kommen wir noch mal auf dein Verhältnis zu der LGBT-Community zurück, was denkst du wirklich über Gay Pride?
Sie ist super cool! Manchmal sind sie ein klein bisschen exzessiv, aber das sind andere Events auch. Sie repräsentieren die 10 Prozent in unserer Gesellschaft. Denk mal dran, was wir mit unseren 90 Prozent auf die Beine stellen könnten. Es ist eine fröhliche, frische und künstlerische Initiative, bestehend aus Kunst, Tradition und Musik. Es ist wunderschön.

Gab es irgendwelche Kritik von Seiten der LGBT-Community?
Ja. In einem schwulen Portal gab es einen Artikel, in dem wir als „Fundamentalisten“ und als „homophob“ bezeichnet wurden, die den Hass gegen Homosexuelle nur weiter schüren wollen. Wir haben sie kontaktiert, um das klarzustellen, und der Artikel wurde daraufhin gelöscht.

Glaubst du nicht, dass du ein bisschen altmodisch bist?
Ja, total, und es gefällt mir. Seit 1968 haben sich unsere Gewohnheiten stark verändert: Alles, was dem Status Quo entsprach, musste zerstört werden. Aber jetzt ist es an der Zeit, diesen Punkt auch einmal selbstkritisch zu betrachten.

Glaubst du, dass andere Leute dir zuhören werden?
Natürlich. Sonst hätte ich nicht mein eigenes Geld in Etero Pride investiert und die Marke unter meinem Namen registriert. Die Marke ist in allen europäischen Ländern registriert, das ist sehr wichtig. Die Marke „Etero Pride“ gehört mir. Ich war seit vier Jahren nicht im Urlaub. Ich hätte mit dem Geld in den Urlaub fahren können, aber diese Sache ist mir so wichtig, dass … Das Einzige, was wirklich zählt für Guiliano Visalli, sind Emotionen.

Guiliano Visalli hält also die Fahne hoch für die Familien der Zukunft?
Ja, absolut. Vatersein ist cool. Muttersein ist cool.

Keine Frage.
[Seine Freundin nickt zustimmend.]