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Ich war eine Woche in einer Pro-Ana-WhatsApp-Gruppe, in der Magersucht die Religion ist

Auf einem Blog gründen Teenager WhatsApp-Gruppen, um sich gegenseitig in die Magersucht zu treiben. Mir wurde als Erstes geraten, mindestens 4 Kilo abzunehmen.

von Nadja Brenneisen
01 Juni 2015, 11:15am

Mehr zufällig habe ich mich letzte Woche mit einer Freundin über Lifestyle-Erscheinungen, die fast schon religiöser Natur sind und dein Leben zerstören können, unterhalten. So kamen wir auch auf Pro Ana. Mit Ana ist Anorexia Nervosa, also Magersucht, gemeint und mit Pro die absolut krankhafte Liebe zur Krankheit. Meine Freundin erzählte mir, dass sich Magersuchtswillige in Foren suchen und finden, mit dem Ziel, sich schließlich gegenseitig tiefer in die Magersucht zu treiben.

Bereits nach fünf Minuten Recherche stieß ich auf eine entsprechende Schweizer Seite. Pro Ana ist Religion. Neben Geboten (Nahrungsverweigerung und dünn sein sind Zeichen von wahrem Erfolg und Stärke!) bemerkte ich auch „Anas Briefe", in denen Ana als personifizierte Magergöttin zum Leser spricht und erklärt, dass abführmittelbedingte Bauchschmerzen die letzten Überlebensschreie der ungeliebten Pfunde sind, und wie Ana dich bestrafen wird, wenn du gegen ihre Regeln verstößt:

„Ich zwinge dich ins Badezimmer, auf deine Knie, du starrst ohne Gefühl in die Kloschüssel. Deine Finger werden in deinen Rachen gesteckt und nicht ohne eine große Menge Schmerz wird dein Essen rauskommen. Wieder und wieder wird das wiederholt, bis du Blut und Wasser spuckst und du weißt, dass alles raus ist. Wenn du aufstehst, wird dir schwindelig sein. Werde nicht ohnmächtig! Stehe aufrecht! Du fette Kuh, du verdienst es, Schmerzen zu haben."

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Alle Screenshots von Nadja Brenneisen

Anas, wie sich Magersüchtige dieser Bewegung selbst nennen, und Mias (Bulimie-Kranke) sind organisiert. So fand ich über das Forum innerhalb weniger Minuten drei WhatsApp-Gruppen, denen ich nach einem Aufnahmeverfahren beitreten durfte. Dafür musste ich zu Beginn meine Größe, mein Alter und mein Gewicht angeben. Ich mogelte nur bei meinem Alter und gab an, 19 Jahre alt zu sein. Bei einer Körpergröße von 163 Zentimetern wiege ich 48 Kilogramm. Ich wurde aufgenommen und bekam zunächst eine Empfehlung von den anderen, welches Gewicht bei mir gerade noch OK sei: 44 Kilogramm. Das entspricht einem BMI (Body Mass Index) von 16.6, bei dem Google mir sofort rät, mich in ärztliche Behandlung zu begeben.

Im Gruppenchat sind vier andere Mädchen, alle zwischen 13 und 23 Jahren. Am Anfang werde ich über die gruppeninternen Regeln aufgeklärt: Pro Tag darf ich höchstens 800 Kalorien zu mir nehmen. Nach 17:00 Uhr darf nichts gegessen werden. Jede Kalorie muss mit Sport kompensiert werden. Sonntags schickt jeder ein Körperbild und ein Foto der Waagenanzeige in die Gruppe. Wer gegen die Regeln verstößt, fliegt raus.

Nachdem ich die Regeln bestätigt habe, werde ich aufgefordert zu erzählen, was ich heute schon gegessen habe. Ich bin ehrlich: Ein kleines Laugenbrötchen mit Käse und Ei und einen Teller Quinoa mit Gemüse. Die Kalorien-Zahl kann ich nicht nennen. Die Anas drücken ein Auge zu, weil ich neu bin. Die Gruppen-Administratorin schickt daraufhin eine Sprachnachricht, in der sie empfiehlt, eine App runterzuladen, die Kalorien aufs Genauste festhält. Danach erzählt sie stolz, heute erst einen Cappuccino getrunken zu haben. Ihr sei ein wenig schwindelig.

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Kurz darauf schickt sie eine weitere Nachricht. Sie müsse in ein paar Wochen für vier Monate in eine Klinik, um wegen Depressionen behandelt zu werden. Ob denn noch jemand ein Problem damit habe? Die anderen Gruppenmitglieder verneinen, schicken fleißig lachende Emojis—und erklären, dass sie auch alle Depressionen haben oder hatten. Sie sagen das nicht etwa bedrückt, sondern stolz. Sie alle scheinen ihre Krankheit zu lieben, was mich zutiefst betroffen macht. Ich fühle mich schlecht dabei, sie in ihrer Welt auszuspionieren. Sie sind alle so motiviert, sich in die Magersucht zu stürzen, als ginge es um die Planung der nächsten großen Geburtstagsparty. Und ich weiß, dass dies auch Teil ihrer Krankheit ist.

Schon am zweiten Tag steht Fasten auf dem Programm. Als ich eine Fressattacke ankündige, stehen mir die Anas sofort zur Seite:

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Anschließend fordert uns die Administratorin auf, Bilder von uns in den Chat zu schicken. Ich erschrecke, als ich die Fotos von durchaus schlanken, jungen Mädchen betrachte. Mir wird klar, dass ich es mit labilen Teenagerseelen zu tun habe, die ihre eigene Identität noch nicht abschließend gefunden haben und so zu den perfekten Opfern dieses kranken Lifestyle-Trends werden. Sie schicken Fotos ihrer Teenagerkörper und verdeutlichten durch die Kommentarspalte ihren Hass aufs eigene Fleisch: „Ich bin eine fette Sau. Ich würde mir am liebsten das Fett vom Körper schneiden!"

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Magersucht hat eine enorm hohe Sterblichkeitsrate (15 Prozent). In diesem extrem gefährlichen Pro-Ana-Hype vereint sich der Wunsch nach einem perfekten Körper mit der Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Am liebsten möchte ich mit jedem dieser Mädchen zusammensitzen und ihnen erklären, dass sie sich auf einem Irrweg befinden. Dass sie sich selber verblenden und belügen. Ich überlege mir, wie ich den Austritt aus der Gruppe begründen soll—ob ich noch versuchen soll, den Mädchen ins Gewissen zu reden. Doch dann regelt sich alles von selbst: Die Administratorin schließt die WhatsApp-Gruppe. Weil ihre Mutter sie in die Klinik schickt.

Hilfe bei Essstörungen findest du hier.

Wenn ihr auf Pro-Ana- oder Pro-Mia-Angebote trefft, meldet sie hier oder hier.



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