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Wie man in fremde Länder reist, ohne ein Arschloch zu sein

Reisen ist toll. Damit es aber auch für die Leute in deinem Reiseland toll ist, solltest du diese neun Regeln befolgen.

von Henri Tartaglia
26 Mai 2015, 2:40pm

Foto: nedim chaabene | Flickr | CC BY 2.0

„Mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis zu bilden und die Hand hochzuhalten, bei uns ein Zeichen für "optimal" oder "ok", ist in der Türkei eine obszöne, beleidigende Geste und sollte auf keinen Fall verwendet werden. Wenn man den Daumen nach oben abspreizt und auf- und abbewegt, so wird dies als Einladung zu homosexuellen Praktiken verstanden." — Aus dem „ Reiseknigge Türkei"

Das Reisen in fremde Länder gilt immer noch als die sicherste und effektivste Methode, das eigene Instagram-Profil aufzuwerten. Es gibt einfach kein Selfie, das nicht mit dem Taj Mahal im Hintergrund noch besser aussieht, und außerdem malen die Leute im Ausland ihre Türen oft so lustig bunt an, dass die auch ohne Filter richtig gut aussehen. Nebenbei lernt man auch einiges über fremde Kulturen: In Südkorea zum Beispiel gibt es fast überall W-LAN, in Rom dafür nicht mal in den meisten Cafés. Crazy, oder?

Reisen kann aber auch eine Herausforderung sein: immerhin muss man sich in einem völlig fremden Land zurechtfinden, und immer da, wo es wirklich interessant ist, sprechen die Leute meistens kein gutes Englisch. Bei all dem Stress kann es natürlich schon mal vorkommen, dass du vergisst, dass nicht nur du dich in einem neuen Umfeld befindest, sondern dass dieses Umfeld dich auch wahrnimmt—und zwar meistens als einen überdurchschnittlich blassen Menschen, der schwitzend mit einem Busfahrplan wedelt.

Oder mit was anderem. Foto aus Koh Phangan von Ender Suenni.

Das Schwierige an anderen Kulturen ist nun mal eben, dass sie subtil andere Regeln haben, so dass es immer mal wieder zu Missverständnissen kommen kann. Um zu vermeiden, dass dich die Einheimischen nach einem halben Tag für einen schlecht erzogenen Vollidioten halten und dir aus Rache in die Suppe spucken, haben wir ein paar Grundregeln zusammengestellt. Wenn du die beachtest, dann sollte dem Traumurlaub eigentlich nichts mehr im Wege stehen!

1. Fahr nicht als Teil einer Invasionsarmee hin

Eigentlich ziemlich offensichtlich, aber trotzdem erwähnenswert: Wenn du beim ersten Besuch in einem fremden Land ein Maschinengewehr und sehr viel Artillerieunterstützung mitbringst, dann kannst du höchstwahrscheinlich nicht mehr viel Gegenliebe erwarten. In dem Fall solltest du dich erstmal wieder verdrücken und dir dann längere Haare wachsen lassen, bevor du wiederkommst. Dann musst du nur noch auf die folgenden Punkte achten:

2. Lern drei Wörter in der Landessprache

Das sind nur zwei, und in der falschen Sprache. Foto: Michael Kappler

Niemand erwartet von dir, dass du einen Sprachkurs belegst, bevor du für drei Tage nach Lissabon fliegst, aber „Danke", „Sehr gut" und „Wie geht's?" sollten schon drin sein. Ganz ehrlich, wenn du es nicht zu irgendeinem Zeitpunkt während der Anreise geschafft hast, diese drei Wörter hinten im Reiseführer nachzuschlagen, dann musst du dich auch nicht wundern, wenn die Leute dir Kondome auf die Pizza quattro formaggi schmelzen.

3. Sei kein Klugscheißer

Das ist das andere Extrem, dem vor allem deutsche Touristen sich hin und wieder hingeben. Es ist bestimmt löblich, dass du vor dem Flug vier Geschichtsbücher, zwei Schlüsselromane und sechs Politikanalysen über dein Reiseziel gelesen hast. Trotzdem hat niemand in Tel Aviv darauf gewartet, dass ein Deutscher ihm in der Bar erklärt, wie man das Nahostproblem innerhalb von einem Jahr lösen könnte. Und kein griechischer Friseur will über anderthalb Stunden erklärt bekommen, auf welche Art und Weise die griechischen Regierungen und Wähler der letzten 15 Jahren sich genau so katastrophal selbst in die Scheiße geritten haben. Natürlich kannst du zu allem deine Meinung sagen, wenn du unbedingt willst. Du wirst aber wahrscheinlich mehr lernen, wenn du einfach mal die anderen reden lässt. Die wohnen schließlich da.

4. Zieh dich nicht an, als würdest du zu einer Wüstenexpedition aufbrechen

Foto: faungg's photos | Flickr | CC BY-ND 2.0

Vielleicht liegt es an unserer Vergangenheit als Kolonisatoren, aber sobald das Reiseziel etwas weiter südöstlich als Italien liegt, verwandelt sich der normale Westeuropäer sofort in einen voll ausgerüsteten Wüstenkrieger: Über den atmungsaktiven Gore-Text-Wanderschuhen trägt man Khaki-Hosen mit vier Beintaschen, darüber entweder ein Fahrrad-T-Shirt oder gleich ein Safari-Hemd mit noch mehr Brusttaschen, dazu auf dem Rücken einen Rucksack, aus dem ein Wasserschlauch mit Nuckelzapfen baumelt. Dabei ist es völlig egal, dass der Reisende 90 Prozent seiner Zeit in einer Großstadt mit mehr Einwohnern als sein Heimatbundesland verbringen wird.

Der so ausgestattete Infanterist 2.0 kommt sich spätestens dann dumm vor, wenn er auf dem Bosporusdampfer neben einem türkischen Geschäftsmann in Sakko und Hemd sitzt. Völlig zu recht, denn es gibt eigentlich kaum etwas Beleidigenderes für ein Gastgeberland, als dass der Gast sich den Alltag dort offensichtlich als gnadenlosen Überlebenskampf vorgestellt hat, in dem man ohne 4-Liter-Wasserreserve verloren ist.

Die Bewohner der allermeisten Städte der Welt tragen grundsätzlich alle das gleiche: lange Hosen mit Hemden oder T-Shirts. Deshalb ist es grundsätzlich am besten, wenn man sich einfach anzieht wie ein normaler Mensch.

(Das gilt übrigens auch für die Europäer, die sich zum Beispiel im Mittleren Osten so gerne in lange, wallende Gewänder werfen, als müssten sie gleich noch die Araberstämme zum Aufstand gegen das Osmanische Reich aufwiegeln. Du bist kein Beduine, und du läufst gerade mitten durch eine moderne Großstadt. Ist das Leben der Menschen hier ein Witz für dich?)

5. Du musst nicht um jeden Scheiß feilschen

Feilschen ist eine coole Sache auf dem Bazaar, wo du dir von mir aus gerne was drauf einbilden kannst, wenn du deine Wasserpfeife für ganze 20 Dollar weniger als der dicke amerikanische Familienvater bekommen hast.

Aber wenn du anfängst, jeden Taxifahrer anzuschreien, wenn er von dir einen kleinen Touristenbonus verlangen will, oder du tödlich beleidigt bist, weil ein vietnamesischer Schuhputzer dir 300 Prozent vom Lokalpreis abknöpfen will (Genau, 60 Cent statt 20), dann bist du kein besonders gewiefter Reisender, sondern ein Arschloch. Der Junge verdient 35 Dollar im Monat, und du wirst dir in zwei Stunden einen runterholen vor einem Computer, der mehr kostet als sein Haus. Gib ihm die 40 Cent und halt die Fresse.

6. Fotografier nicht dauernd Leute, ohne um Erlaubnis zu fragen

Wir sind große Fans von Street-Fotografie. Street-Fotografie ist eine coole Kunstform, und es ist uns auch egal, ob die Porträtierten in jedem Fall um Erlaubnis gefragt wurden. Aber jetzt kommt die grausame Wahrheit: Du bist keine Streetfotografin. Deine Fotos haben null künstlerischen Wert, also fragst du die Leute gefälligst um Erlaubnis, bevor du ihre Seele in einer kleinen schwarzen Box einsperrst. Wenn du dich nicht daran hältst, können die Einheimischen sogar in Europa ziemlich ungemütlich werden.

7. Fahr nicht in Länder, in denen dir die Kleiderordnung nicht gefällt

Foto: Javier Izquierdo

Und mit Kleiderordnung ist so ziemlich alles an örtlichen Moralvorstellungen gemeint, von denen du dich eingeschränkt fühlst. Du kannst davon halten, was du willst, aber es ist einfach keine gute Idee, in Kairo mit einem Minirock und Bikini-Top herumzulaufen. In sehr vielen Ländern der Erde gilt es auch nicht als cool, auf offener Straße mit deinem Partner rumzuknutschen. Wenn du damit nicht zurechtkommst, dann fahr da nicht hin. Du wirst es nicht im Alleingang ändern können, du wirst nur eine ganze Menge Stress für alle Beteiligten verursachen. Wenn du den Leuten ihre grässliche Rückständigkeit trotzdem mit Gewalt rausprügeln willst, dann musst du es schon versuchen wie in Punkt 1: mit Waffengewalt.

8. Stell dich nicht an wie ein Idiot, wenn du Drogen kaufen willst

Foto: Ender Suenni

In fremden Ländern Drogen zu besorgen, ist eine beliebte Methode, um ein bisschen Spannung in die Pauschalreise zu bringen. Du solltest dich vorher aber unbedingt über die Gesetzeslage schlau machen, damit du zumindest eine informierte Entscheidung darüber treffen kannst, ob dir der Joint den potenziellen Verlust deiner rechten Hand wert ist. Und du solltest niemals Drogen im Gepäck deiner Mitreisenden schmuggeln, ohne das mit ihnen abzusprechen.

9. Versuch nicht krampfhaft, „authentische Erfahrungen" zu machen

Das ist im Grunde der wichtigste Punkt. Der moderne deutsche Tourist (also du) nervt ja nicht mehr, weil er immer sein Handtuch auf irgendwelche Strandplätze legt—wo passiert sowas eigentlich noch?—, sondern weil er auf keinen Fall mehr ein „Tourist", mehr sein will, sondern ein „Entdecker".

Jede Erfahrung muss deshalb so „authentisch" wie möglich sein, und sie ist natürlich dann schon versaut, wenn andere Touristen dabei sind. Dabei fällt anscheinend niemandem auf, wie lächerlich es ist, wenn die erfolgreichste Reiseführer-Reihe der Welt ihren Millionen Kunden Erlebnisse „off the beaten path" verspricht.

Deshalb: Entspannt euch. Macht einfach das, was euch gefällt. Wenn im Nachbartipi plötzlich jemand Deutsch redet, dann ist nicht die ganze Reise im Arsch—vielleicht sind das sogar ganz nette Leute, die euch einen guten Tipp für Angkor Wat geben können, weil sie da seit Jahren hinfahren. Auf jeden Fall müsst ihr euch eins klar machen: Das Land, in dem ihr gerade seid, ist kein Abenteuerspielplatz, der euch jede einzelne „authentische Erfahrung" schuldet, die ihr für euren Blog herauspressen könnt.

Stattdessen leben da echte Menschen, die hier auch noch weiterleben müssen, wenn ihr schon längst wieder zurück in eurer WG in Hamburg seid. Also behandelt sie einfach so wie echte Menschen—dann lassen sie euch vielleicht auch mal an ihrem Frosch lecken.