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Diese Millennial-Priester wollen unsere kaputte Beziehung zur Kirche retten

"Ich habe eine Rosenkranz-App. Anstatt die Perlen zu zählen, tippe ich auf den Bildschirm, und nach jedem zehnten Mal vibriert das Handy."

von Franz Lichtenegger
30 November 2016, 1:00pm

Public Domain

Wir haben uns auseinandergelebt. In einer Zeit, in der man die Beichte auf Snapchat ablegen kann, klassische Taufscheinkatholiken immer öfter aus der Kirche austreten und der Papst mit denselben Selfie-Problemen zu kämpfen hat wie Justin Bieber, stehen wir vor den Trümmern eines einst so fest verwurzelten katholischen Glaubens.

Amerikanischen Studien zufolge sind Millennials die gottloseste Generation, die es je gab. Und auch hierzulande erlebt das Christentum nicht gerade seinen zweiten Frühling—in Anbetracht der Vorfälle, mit denen wir die Katholische Kirche inzwischen hauptsächlich verbinden, ist das wenig verwunderlich. Trotzdem gibt es sie: Abkömmlinge der Generation Y, die sich für ein Leben im zölibatären Priesteramt entscheiden.

Wir haben mit Priesterseminaristen über die Zukunft der Kirche und Rosenkranz-Apps gesprochen.

Christoph, 25, aus Wels

VICE: Warum können junge Menschen statistisch gesehen nur sehr wenig mit Religion anfangen?
Christoph: Grundsätzlich ist es für mich nachvollziehbar, dass unsere Generation eher areligiös ist. Ich komme selber aus einem sehr akatholischen Umfeld, mit Glauben hatte ich nie viel zu tun.

Ich merke das in meinem Freundeskreis—die sind oft verdutzt, wenn ich sage, dass ich ins Priesterseminar gegangen bin. Aber dann merke ich, dass wir plötzlich über Themen reden können, über die wir vorher nicht geredet haben. Und ich bemerke eine gewisse Sehnsucht. Mit der Zeit wurde ihnen auch klar, dass Religion nicht bloß eine absurde Fantasie von mir ist. Daraus sind sehr interessante Gespräche entstanden.

Warum hast du dich dazu entschieden, Priester zu werden?
Es gab jetzt kein einschneidendes Erlebnis oder eine Erscheinung. Also der Himmel hat sich nicht geöffnet. Nein, ganz einfach—als ich nach Wien gekommen bin, bin ich durch Zufall in einem katholischen Studentenheim gelandet. Der Priester dort hat mir so leid getan, weil er jeden Mittwoch Messe gefeiert hat, und von den rund 1.000 Studenten immer nur zwei anwesend waren. Also bin ich halt mal hingegangen—und war irgendwie begeistert. Man hat gemerkt, dass er ein sicheres Fundament hat, auf dem er steht.

Spielen soziale Netzwerke und Smartphones eine Rolle für Priester?
Für manche, ja. Aber für die meisten ist das schon sehr weit weg. Und das ist auch gut so. Neue Medien sind natürlich eine große Chance in der Kommunikation mit Gläubigen, aber es ist auch wichtig, dass man sich nicht ganz darin verliert. Das Entscheidende ist immer noch das persönliche Gespräch.

Smartphones können im Beruf sehr praktisch sein, vor allem für unterwegs. Zum Beispiel treffen wir uns immer mittags zum gemeinsamen Gebet in der Kapelle, und ungefähr ein Drittel sitzt dann dort mit iPhone und betet aus der Stundenbuch-App. Viele lesen auch die Tageslesung aus dem Evangelium vom Smartphone ab.

Wie gehst du mit dem schlechten Image der Kirche um? Der Kindesmissbrauch, der Sexismus?
Meine erste Reaktion ist jedenfalls nicht Verteidigung. Ich nehme das sehr ernst, das müssen wir alle. Denn viele dieser Vorwürfe sind berechtigt. Wenn man nicht sofort abblockt und stattdessen zuhört, mit Interesse hinschaut, dann kommt man der Sache meistens näher. Und wenn man dann darüber reden kann, kann sich vielleicht auch etwas ändern.

Gibt es etwas an der Kirche, das dich stört, das du gerne ändern würdest?
Manchmal stört mich vielleicht eine zu schnelle Zufriedenheit. Ich glaube, wir können uns Bequemlichkeit nicht mehr leisten. Wir müssen wirklich anpacken.

Inwiefern sind Frauen ein Thema im Seminar?
Im Seminar bereiten wir uns ja auf ein zölibatäres Leben vor. Da spielt das natürlich eine wesentliche Rolle—Sexualität, auch Frauen. Im Moment gelingt es uns auch ganz gut, einen Mittelweg zwischen Tabuisierung und Sexualisierung zu finden. Da wir ehrlich und vernünftig darüber diskutieren.

Innerhalb der Kirche spielen Frauen ja schon in der Bibel eine große Rolle—es ist nicht verwunderlich, dass Jesus den Frauen zuerst erschienen ist. Außerdem sind viele hoch angesehene Stellen in unserer Ortskirche mit Frauen besetzt. Darüber bin ich sehr glücklich. Ich merke das im Seminar selbst, wenn man den ganzen Tag nur unter Männern ist—irgendwann muss man da einfach raus.

Richard, 31, aus Altmünster

Foto: Gerald Neugschwandtner

VICE: Du bist mit 25 ins Seminar eingetreten—ist das spät?
Richard: Damals war es das nicht. In meiner Generation haben die meisten erst ein ziviles Leben geführt und normale Berufe erlernt, bevor sie überhaupt ins Seminar eingetreten sind. Ich war zwar vorher schon katholisch, aber das Vertiefende kam erst später dazu. Heute treten sehr viele schon mit 18, 19 Jahren ein. Da findet gerade eine Trendwende statt.

Wie kommt das?
Ich glaube, die jüngere Generation ist einfach nicht mehr so verankert im Traditionskatholizismus und der Volkskirche. Für die Jüngeren ist der Eintritt heute eine viel bewusstere Entscheidung, die sie schon sehr früh treffen.

Hattest du dafür wenigstens ein klassisches Berufungserlebnis, so wie man sich das vorstellt?
Quasi. Meinen Präsenzdienst habe ich bei der Wiener Gardemusik abgeleistet. Während eines Sommers in Barcelona habe ich dann angefangen, regelmäßig zu beten—rein aus Interesse. Und an einem gewissen Punkt habe ich dann plötzlich ein Gefühl der Sicherheit gespürt. Daraufhin bin ich erst mal schwer erschrocken in ein Benediktiner-Kloster gepilgert—so wurde mir der Gedanke eingepflanzt, Priester zu werden. Nach ein paar Jahren, in denen ich mich innerlich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt habe, bin ich schließlich doch ins Seminar eingetreten.

Wie hat dein soziales Umfeld darauf reagiert?
Viele waren natürlich skeptisch. Andere meinten, es wäre nur eine Phase. Aber die meisten haben sich gefreut und waren sehr interessiert. Gerade jetzt, wo ich ja in dem Alter bin, in dem viele meiner Freunde heiraten, kann ich helfen zu verstehen, worauf sie sich einlassen. Einerseits organisatorisch, andererseits geistlich.

Gerade wenn man seinen Freunden beim Heiraten zusieht, zweifelt man da manchmal ein bisschen an der Entscheidung, Priester zu werden?
Nein, nicht mehr. Ich bereite mich mittlerweile schon acht Jahre darauf vor, Priester zu werden. Da hat man genug Zeit, um sich mit diesen Fragen intensiv zu beschäftigen. Wenn man nicht zölibatär leben kann, dann kann man auch nicht Priester werden. Im Endeffekt ist das Zölibat ja eine Liebesbeziehung mit Christus—wenn man das so sieht, dann ist es auch nicht schwierig.

Statistisch gesehen können Jugendliche immer weniger mit Religion anfangen. Spürst du das?
Wenig. Ich bin vielmehr der Meinung, dass der Glaube entschiedener gelebt wird, er polarisiert mehr. Außerdem ist das Angebot größer geworden—heute kann man sich zwischen vielen Religionen entscheiden. Die Frage ist da natürlich, wie man die Leute als Katholische Kirche noch erreichen kann.

Das wäre auch meine nächste Frage.
Ich glaube, es geht nur über Authentizität. Die Zeiten, in denen man den Katechismus auf den Tisch legt und sagt "Das ist die Kirche" sind lange vorbei. Man kann nur das persönliche Beispiel transportieren. Bei Social Media wird es schwierig, ich empfinde das immer als eine Art Selbstverstärkungsspirale. Mein Feed ist zum Beispiel voll mit katholischen Postings, obwohl ich viele Freunde unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse habe. Da werden die Leute immer mehr in ihre kleine Blase reingezogen, und die Sichtweise auf andere Dinge wird immer kleiner.

Welche Apps verwendest du im Beruf?
Ich habe zum Beispiel eine Rosenkranz-App. Anstatt die Perlen zu zählen, tippe ich auf den Bildschirm, und nach jedem zehnten Mal—wenn man bei einer großen Perle angekommen wäre—vibriert das Handy. Dann habe ich noch eine, die zeigt mir Bilder von großen Meistern zu Rosenkranz-Themen. Das ist aber mehr zur Mediation.

Wie empfindest du die Rolle der Frau innerhalb der Kirche?
Die meisten stoßen sich ja daran, dass Frauen nicht geweiht werden. Aber da hat man ein falsches Verständnis. Die Kirche ist ja keine Firma, in der ein Priester Abteilungsleiter und der Papst CEO ist. Das Priesteramt ist ein Amt des Dienstes—kein Job, in dem Macht ausgeübt wird. Das relativiert vieles in dieser Diskussion.

Glaubst du, du hast es schwerer als ein Priester vor 50 Jahren? Damals wurde man wohl nicht ganz so oft mit Kindesmissbrauch konfrontiert.
Diese Streitthemen werden ja oft vorgeschoben, um einem ernsthaften Diskurs zu entgehen. Die Missbrauchsvorwürfe schmerzen jeden, der in der Kirche arbeitet. Aber sowohl Benedikt als auch Franziskus haben unheimlich viel dafür getan, dass gesetzliche Vorschriften eingeführt werden. Da wird viel gemacht, das dann nicht gesehen wird. Meiner Ansicht nach werden diese Themen oft ausgenutzt, um sich möglichst einfach von der Kirche zu distanzieren.

Patrick, 22, aus Wien

Foto: Gerald Neugschwandtner

VICE: Mit 19 direkt ins Priesterseminar einzutreten, ist jetzt aber schon recht früh, oder?
Patrick: Damals war ich jedenfalls der jüngste Seminarist, ja. Ich bin direkt nach der Matura an der HTL ins Seminar eingetreten. Mittlerweile ist unser Jüngster wieder 19.

Hattest du ein Berufungserlebnis?
Nein, ich hatte eher eine klassische Laufbahn. Man macht die Schule, ministriert, engagiert sich in der Pfarrei und tritt dann ins Seminar ein. Als junger Bursche wollte ich noch Lokführer werden, ungefähr mit 15 habe ich mich dann endgültig dafür entschieden, dass das Priestertum mein Lebensweg sein wird.

Wie haben deine Klassenkameraden darauf reagiert, als du gesagt hast, du willst Priester werden?
Anfangs habe ich es eher für mich behalten. Mit der Zeit haben meine Mitschüler aber schon gemerkt, wohin mein Weg geht, weil ich mich vor allem im Religionsunterricht sehr engagiert habe. Ich wurde aber nie komisch angeschaut oder abwertend damit konfrontiert.

Wenn man schon mit 15 diese Entscheidung trifft, stelle ich mir vor, dass das Zölibat doch noch ein heikleres Thema ist als vielleicht später mit 25. Aber du wirkst da gefestigt.
Ich war nicht immer so. Natürlich stellt man sich diese Frage. Priester zu sein, bedeutet, zölibatär zu leben, dementsprechend keine Familie zu haben und irgendwann vielleicht alleine in einem Pfarrhof zu sitzen. Familie ist eine schöne Sache—aber trotzdem erscheint mir persönlich das Priestertum wichtiger, weil es ein Beruf ist, dem eine Berufung vorausgeht. Natürlich gibt es Zweifel, und natürlich werden diese Zweifel immer wieder kommen. Aber im Grunde bleibt man immer irgendwie auf dem Weg.

Was sollte die Kirche jetzt machen, um junge Menschen für sich zu begeistern?
Ich denke, es sollte Jugend-Arbeitsgruppen geben. Dass man sich einmal die Woche trifft, gemeinsam was unternimmt, im Sommer eine Wanderung macht. Das sollte dann auch eine Zeit sein, in der man mit gewissen Fragen konfrontiert wird. Genau diese grundlegenden Fragen sind auch bei meinen ehemaligen Mitschülern immer noch sehr präsent: Woher kommt der Mensch? Weshalb der Krieg?

Aber glaubst du, die fragen dich das, weil es sie wirklich beschäftigt, oder weil sie dich damit aus der katholischen Reserve locken wollen?
Das kann natürlich auch sein. Aber in meinem Fall haben die sich, glaube ich, wirklich damit auseinandergesetzt. Schließlich sind das Fragen, die uns alle im Inneren belasten und auf die wir eine Antwort möchten.

Und was ist deine Antwort?
Ich habe mal einen Priester gefragt, warum Gott die Kriege zulässt. Und er hat mir geantwortet: "Lässt Gott sie zu oder lässt der Mensch sie zu?" Ich glaube, da steckt viel Wahrheit dahinter.

Wie gehst du mit den klassischen Kritikpunkten um—Missbrauch, Zölibat, Sexismus?
Damit wird man unweigerlich konfrontiert. Ich versuche, da einfach zuzuhören. Was die Gleichstellung der Frau betrifft—in der heutigen Zeit gibt es Soldatinnen, natürlich fragt man sich da: "Warum keine Priesterinnen?" Ich würde mir einfach die Argumente des anderen anhören und mir dann ein Bild davon machen, ob ich selber noch davon überzeugt bin, ob der Weg, den wir gehen, der richtige ist. Es ist wichtig, Dinge zu hinterfragen. Nur so kann man herausfinden, was geändert gehört.

Was gehört deiner Meinung nach geändert?
Wenn ich mir heute ansehe, was man vor 60 Jahren beim Zweiten Vatikanischen Konzil verändert hat, bin ich sehr froh darüber. Und natürlich gibt es auch heute Punkte, über die man reden sollte. Wie man die Schrift auslegen soll, zum Beispiel. Die Kirche muss sich immer wieder reformieren—die Frage ist nur, wie weit diese Reform geht. Immerhin steht auch eine gewisse Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.

Franz auf Twitter: @FranzLicht

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