Alle Fotos bereitgestellt von Eddie Habeck

Der Bus aus 'Into The Wild' wird zum Pilgerort

Jedes Jahr wollen Menschen an den Ort, an dem Christopher McCandless in absoluter Isolation starb. Jedes Jahr müssen die Behörden übermütige Abenteurer aus der Wildnis retten.

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13 Juli 2016, 10:31am

Alle Fotos bereitgestellt von Eddie Habeck

Als Eddie Habeck im Jahr 2012 einen Wandertrip durch Alaska organisierte, stand ein Besuch beim Fairbanks Bus 142 eigentlich nicht auf dem Plan. Der 39-Jährige aus dem US-Bundesstaat Vermont erkannte dann erst später, dass er sich in der Gegend aufhalten würde, in der sich auch der Bus von Christopher McCandless befindet. Bei Christopher McCandless handelte es sich um einen frischen Uni-Absolventen, der ohne Geld und Luxus aufbrach, um abseits der Gesellschaft sein Glück in der Wildnis zu suchen. Dabei verbrachte er auch vier Monate im Denali National Park and Preserve, fand dort Unterschlupf in besagtem Bus und verhungerte dort letztendlich auch. McCandless' Fall erlangte Berühmtheit, als der Journalist Jon Krakauer das Ganze im Buch Into the Wild niederschrieb und Sean Penn auf dieser Vorlage später noch einen Film drehte.

"Mir fiel ein, dass sich diese Geschichte in Alaska abgespielt hat", erzählte mir Habeck, der für die Regierung arbeitet und in seiner Freizeit ein Luftfotografie-Unternehmen betreibt. "Ich dachte mir, dass ich da ja dann schon mal vorbeischauen könnte." Habeck plante also seine Reise zum Bus, der sich in der Nähe des Stampede Trails in dem über 24.000 Quadratkilometer großen Nationalpark befindet. Im Mai 2012 machte er sich schließlich auf den Weg.

Habecks Trip verlief allerdings nicht ganz reibungslos. Am wenigsten Probleme bereitete dabei noch die Überquerung des Teklanika Rivers, der zu dieser Jahreszeit hüfthoch stand. Letztendlich schaffte er es jedoch bis zum Bus 142, den man als Unterschlupf für Jäger und Trapper an Ort und Stelle gelassen hat. "Eigentlich war der Bus ja nicht der Grund für meine Reise, sondern eher eine Art Bonus. Und dennoch sollte diese Erfahrung das Unterfangen nachhaltig prägen."


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"Ich hatte dort viel Zeit, um darüber nachzudenken, warum sich McCandless aus der Gesellschaft zurückziehen wollte, und wie es sich anfühlen würde, so weit weg von der Zivilisation zu leben", meinte Habeck. "Man hat keine Ahnung, was man empfindet, bis man wirklich dort ist und sich komplett in dieser Umgebung verliert."

Jedes Jahr machen sich abenteuerlustige Menschen aus der ganzen Welt auf zum Stampede Trail, um dort diesen von Habeck beschriebenen Moment zu erleben. Das Ziel ist dabei wohl auch das Erreichen einer Art Überlebens- und Abgeschiedenheits-Nirvana. Man will außerdem McCandless' Spuren in der Wildnis von Alaska zurückverfolgen, ohne dabei das gleiche Schicksal wie der junge Außenseiter zu erleiden. In Bezug auf diesen Punkt ist jedoch nicht jeder Wanderer erfolgreich. So ertrank zum Beispiel im Jahr 2010 die 29-jährige Schweizerin Claire Ackermann, als sie versuchte, zusammen mit dem Franzosen Etienne Gros auf dem Weg zum Bus den Teklanika River zu überqueren. Außerdem müssen Hilfskräfte immer wieder ausrücken, um Menschen zu retten, die auf dem Wanderweg unterwegs sind.

Auf dem Stampede Trail findet man auch eine kleine Gedenktafel für Claire Ackermann

Da man für das Wandern auf dem Stampede Trail keine Genehmigung braucht, gibt es auch keine offiziellen Statistiken zu der Anzahl von Personen, die jedes Jahr gerettet werden müssen. Lynn Macaloon, die Informationsbeauftragte des Denali National Park and Preserve, meinte gegenüber VICE, dass auf dem Trail jährlich mehrere Rettungsaktionen stattfinden. Dabei sind dann unter anderem Ranger, die Feuerwehr sowie die Staatspolizei von Alaska involviert.

Vergangenen Monat sind mal wieder mehr als 20 Leute und ein Helikopter ausgerückt, um die Wanderer Michael Trigg und Theodore Aslund zu retten. Die beiden schafften es zwar bis zum Bus, brauchten für die Rückkehr dann jedoch länger als erwartet. "Sie hatten einfach eine unrealistische Vorstellung davon, wann sie wieder zurück sein würden", erklärte uns der Wanderer Erik Halfacre aus Alaska. "Es wäre niemals zu dieser teuren Rettungsaktion gekommen, wenn sie einen rechtzeitigen Umkehrpunkt festgelegt und sich auch daran gehalten hätten. Das haben sie jedoch nicht." Der 30-jährige Halfacre ist ein professioneller Wander- und Rafting-Guide und seit 2011 betreibt er außerdem noch den Last Frontier Adventure Club (LFAC), den er als Möglichkeit beschreibt, online mehr Information zu verschiedenen Wanderungen zu finden. Halfacre war im Laufe der vergangenen sieben Jahre dreimal beim Bus 142 und sein letzter Trip dorthin fand 2014 statt. Dabei begleiteten ihn auch McCandless' Schwester Carine (deren Memoiren The Wild Truth kamen übrigens im gleichen Jahr heraus) sowie elf andere Wanderer. Als wir telefonierten, sprach er mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der sich laut eigener Aussage an keinen Moment seines Lebens erinnern kann, in dem er nicht gewandert ist.

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Halfacre zufolge neigen die Lokaljournalisten dazu, die Rettungsaktionen auf dem Stampede Trail in ein schlechtes Licht zu rücken, indem sie negativ über all das berichten, was sich da draußen abspielt. Die Wut der Einheimischen ist aber nicht komplett aus der Luft gegriffen. "Wir hier in Alaska müssen solche Rettungen mit unseren Steuergeldern bezahlen. Und vielen Leuten stößt genau das sauer auf", erzählte uns Halfacre. Für ihn ist Aufklärung der Schlüssel. So will er mit seiner LFAC-Website auch potenzielle Bus-Pilger auf die Herausforderungen vorbereiten, denen sie sich stellen müssen. Das Ganze ist also sowohl eine Art Guide für erfahrene Wanderer als auch eine Warnung für ehrgeizige Amateure, die für einen so anspruchsvollen Trip noch nicht bereit sind.

Bei einer Wanderung auf dem Stampede Trail ist es dabei genauso wichtig zu wissen, wann man lieber aufgeben sollte. Zwei Jahre nach Habecks erstem erfolgreichen Trip zum Bus 142 versuchte er es zusammen mit seiner Frau einen Tag nach ihrer Hochzeit erneut. Dieses Mal stand der Fluss jedoch schon zu hoch und machte eine sichere Überquerung damit unmöglich. "Das wäre definitiv kein schönes Ende für den Tag nach meiner Hochzeit gewesen", scherzte er. Habeck musste aber auch noch ein anderes Mal umdrehen, als er eigentlich eine Wandergruppe zum Bus bringen sollte. Besagte Wandergruppe war nämlich komplett unvorbereitet: Einige Teilnehmer hatten sogar vergessen, solch essenzielle Dinge wie etwa Zelte oder Nahrungsmittel mitzunehmen. "Da weigerte ich mich, mit dieser Gruppe loszuziehen."

Der Teklanika River im Mai 2012

Eine schwierige Wanderung unvorbereitet anzutreten, klingt vielleicht nicht gerade klug, aber es könnte auch eine Beschreibung von Christopher McCandless' Trip zum Bus 142 sein. Der in Fairbanks lebende Elektriker Jim Gallien ist der letzte Mensch, der McCandless lebend gesehen hat. Gegenüber Jon Krakauer meinte er, dass er den jungen Mann bis zum Rand des Nationalparks gefahren hat und dabei bemerkte, wie unzureichend sein Beifahrer ausgestattet war – nämlich nur mit knapp fünf Kilogramm Reis, einem Kleinkaliber-Gewehr (was für die Jagd auf große Tiere nicht geeignet ist), einer Landkarte und ramponierter Wanderausrüstung. Im weiteren Verlauf des Buches unterscheidet Krakauer dann jedoch zwischen McCandless und anderen, weniger bekannten Opfern der Wildnis, indem er schreibt, dass der junge Mann garantiert nicht 113 Tage überlebt hätte, wenn er inkompetent gewesen wäre.

Und ja, man kann wirklich nicht abstreiten, dass der Zeitraum, den McCandless in der unerbittlichen Natur Alaskas verbrachte, doch irgendwie beeindruckend ist. Und aufgrund der langen Tradition, durch die Natur zu sich selbst zu finden, ist es gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass abenteuerlustige Menschen die Reise von McCandless so stark romantisieren, dass dessen tragischer Tod in den Hintergrund rückt. "In Wahrheit haben wir jedoch nur von Christophers Geschichte erfahren, weil er gestorben ist", betonte Halfacre. "Danach sollte nun wirklich niemand streben."

Wanderer vor dem Bus | Foto: Erik Halfacre | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Und diese Botschaft scheinen die meisten Amateur-Abenteurer nun wohl endlich zu verstehen. So berichtete uns Kathleen Kelly, die Freiwilligenprogramm-Managerin vom Denali National Park and Preserve, davon, dass Rettungsaktionen wie die vom vergangenen Monat immer seltener vorkommen. "Es spricht sich herum, was einem diese Wanderung abverlangt", meinte sie. "Entweder bereiten sich die Leute nun besser vor oder sie probieren es nicht mehr so häufig. Vielleicht sind sie aber auch besser informiert unterwegs."

Andere können diese Obsession jedoch nicht ganz verstehen. "Ich weiß nicht, was daran so toll sein soll", meinte Macaloon und betonte dabei auch, dass der Wunsch nach einem Leben abseits der Gesellschaft und im großen Unbekannten nicht nur McCandless' tragische Geschichte, sondern ganz Alaska umfasst. "Oftmals wollen die Leute hier nicht nur bis zum Bus wandern, sondern gleich irgendwo in der Wildnis eine Hütte bauen und dann von dem leben, was die Natur ihnen gibt. Alaska scheint wohl der Ort zu sein, wo man solche Träume verwirklicht – oder man es immerhin versuchen kann."

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