Unter Schlangen – Warum in Afrika Gegengifte mittlerweile Mangelware sind

Laut Ärzte ohne Grenzen werden die letzten Vorräte im Juni 2016 aufgebraucht sein, womit bis zu 10.000 Menschen in Entwicklungsländern gefährdet sein werden—eine Epidemie vom Ausmaß der Ebola-Welle.

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15 Mai 2016, 3:55am

Als er im Alter von drei Jahren von einer Mosambik-Speikobra gebissen wurde, wurde Mduduzi Gcina, heute elf, einer von Thea Litschka-Koens ersten Patienten | Fotos von Marc Shoul

Aus der The Holy Cow Issue

Vor etwa zehn Jahren entwickelte Thea Litschka-Koen großes Interesse an Schlangen. Sie betrieb in ihrer Heimat Swasiland eine Verwaltungsgesellschaft, als sie begann, mit Feuereifer alles, was mit den Kriechtieren zu tun hatte, zu studieren. Ende der 2000er hatte sie eine Reihe Kurse zum Umgang mit Schlangen absolviert, ein Schlangenheim eröffnet und war, größtenteils autodidaktisch, zur Expertin für Schwarze Mambas geworden. Mit ihrem Schlangen-Entfernungsdienst wurde sie regional bekannt, und 2009 gab es sogar eine BBC-Two-Doku über ihre Arbeit. Angesichts dieses Rufs war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand mit einem Schlangenbiss sich an sie wenden würde.

Die 18 Monate alte Zamokuhle hatte zu Hause gespielt, als eine Mosambik-Speikobra ins Haus gelangte. Diese gelbbraune Art mit dem typischen Kobra-Nackenschild ist im Durchschnitt einen Meter lang und äußerst gefährlich. Meist spucken sie aus bis zu zwei Metern Entfernung Gift auf jede potenzielle Bedrohung und zielen dabei auf die Augen. Als Zamo sich der Schlange zu schnell näherte, biss sie ihr ins Bein. Zamo und ihre Mutter erhielten in vier Kliniken nichts als Schmerzmittel, weil kein Gegengift vorrätig war, und landeten schließlich bei Litschka-Koen. Das Kobragift, eine nekrotisierende Flüssigkeit, hatte den Großteil des Fleisches zwischen Wade und Knöchel zerstört—der Knochen war bereits sichtbar.

Litschka-Koen brachte das Mädchen in eine nahegelegene Klinik, wo die Ärzte die Situation völlig missverstanden und versuchten, Zamos Mutter wegen Kindesmissbrauchs verhaften zu lassen, bevor Litschka-Koen sie über die Situation aufklärte. Doch auch diese Klinik konnte nicht helfen. In ganz Swasiland konnte das niemand. Litschka-Koen musste Dr. Sean Bush, einen Schlangenbissexperten aus den USA, anrufen. Er holte Zamo für eine siebenmonatige Behandlung in die Staaten.

Dieser Vorfall führte Litschka-Koen vor Augen, wie groß das Problem mit den Schlangenbissen in ihrem Land war. Später wurde ihr klar, dass es sich nicht nur auf Swasiland beschränkte. Ganz Subsahara-Afrika befindet sich seit Jahrzehnten in einer Schlangenbisskrise. Die riesige Epidemie wird von den Medien und Behörden größtenteils ignoriert, was ihre ungehinderte Ausbreitung ermöglicht.

Letzten September veröffentlichte Ärzte ohne Grenzen eine Pressemitteilung über Fav-Afrique, das effektivste polyvalente—also gegen mehrere Giftstoffe wirksame—Gegengift in Afrika. Die Produktion des Antiserums, das als Gegengift bei Speikobras und neun weiteren tödlichen Spezies eingesetzt wird, kam Ende 2014 zum Erliegen. Es gab keine Pharmafirma, die für den französischen Hersteller Sanofi Pasteur übernahm. Laut Ärzte ohne Grenzen werden die letzten Vorräte im Juni 2016 aufgebraucht sein, womit bis zu 10.000 Menschen in Entwicklungsländern gefährdet sein werden—eine Epidemie vom Ausmaß der Ebola-Welle.

Sanofi Pasteur kündigte 2010 die Pläne zur Einstellung von Fav-Afrique an, um genug Reaktionszeit zu geben. Laut den Professoren Leslie Boyer und David Warrell, Gegengiftexperten an den Universitäten Arizona und Oxford, bieten andere Gegengifte in der Tat bereits ähnlichen Schutz, und Hersteller arbeiten an erschwinglichen und effektiven Ersatzseren. Doch Experten wie Dr. Jean-Philippe Chippaux, Schlangenbissepidemiologe am französischen Institut für Entwicklungsforschung, glauben, dass Ärzte ohne Grenzen mit der Pressemitteilung die Aufmerksamkeit auf eine größere Krise zu lenken versucht, die sich bereits seit den 1990ern anbahnt. Im letzten Vierteljahrhundert sind die Gegengiftvorräte in Subsahara-Afrika von 200.000 zuverlässigen Dosen auf 20.000 geschrumpft. Chippaux meint, die Region bräuchte in Wahrheit aber 500.000 Dosen im Jahr.

Ein Fünftel der weltweit jährlich 5 Millionen Bisse und mehr als ein Viertel der mindestens 100.000 mit Bissen verbundenen Todesfälle (von etwa noch mal so vielen Behinderungen und Amputationen ganz zu schweigen), geschehen in Subsahara-Afrika. Die Dunkelziffer könnte um einiges höher sein, denn wenige Gebissene schaffen es in ein Krankenhaus, das Statistiken meldet. Neue epidemiologische Studien geben Anlass zu der Vermutung, dass die Belastung Afrikas sogar noch drei- bis fünfmal größer ist.

Jedes Jahr sterben an Schlangenbissen mehr Menschen als an allen 17 vernachlässigten Tropenkrankheiten zusammen—und zu diesen gehören auch Denguefieber, Lepra und Tollwut, für welche die WHO spezielle Programme hat. In manchen Regionen gibt es mehr Bisse als Malaria. "Ich habe in Dörfern in Nordnigeria gearbeitet, wo es kaum eine Familie gibt, die nicht jemanden an einen Schlangenbiss verloren hat", sagte Warrell.

Schlangen sind nach Stechmücken die zweittödlichsten Tiere der Welt. Doch die Hersteller verlassen den afrikanischen Gegengiftmarkt, die Vorräte schwinden und wenige Behörden scheinen sich dafür zu interessieren.


Thea Litschka-Koen, links, ist Schlangenexpertin. Weil Krankenhäuser wie das Good Shepherd in Siteki, Swasiland, minimale Antiserum­vorräte haben, importiert sie die benötigten Gegengifte aus Südafrika.

Gegengiftproduktion ist schwierig und kostspielig. Seit den Anfängen 1896 hat sich überraschend wenig geändert. Das Gift wird aus den Schlangen gemolken und verdünnt in Pferde injiziert, etwa zwei Monate später werden große Mengen Blut abgezapft, und daraus wird das Antiserum gewonnen. Der größte Fortschritt in den vergangenen 119 Jahren ist das Herausfiltern von Substanzen, die früher häufig einen anaphylaktischen Schock auslösten. Doch diese Verbesserung sowie Gebühren und Versand erhöhen den ohnehin stattlichen Preis.

Für jede Schlangenart wird ein eigenes Gegengift benötigt. Da die meisten Ärzte der Region nur oberflächlich in der Schlangenbissbehandlung ausgebildet sind und es viel Fachwissen braucht, um anhand des Bisses die Art zu erkennen, müssen Kliniken Gegenmittel für alle örtlichen Spezies bereithalten. Weil die Lebensräume der Schlangen stark variieren und es kaum epidemiologische Daten gibt, ist gezieltes Beliefern mit konkreten Gegengiften keine Option. Daher ist die Produktion und Beschaffung von polyvalenten Gegengiften unerlässlich, auch wenn sie noch einmal teurer sind.

Am Ende kostet eine solche Behandlung in Afrika zwischen 55 und 640 Dollar, je nach örtlichen Subventionen, Spezies, Gesundheitssystem und Anzahl der benötigten Dosen.

Als Litschka-Koen Zamo begegnete, wurde sie zur Schlangenbissaktivistin. Sie gründete die Antivenom Swazi Trust Foundation, die Spenden für Gegengifte sammelt und Symposien zur Weiterbildung örtlicher Ärzte abhält. "Einen einzigen Biss der Mosambik-Speikobra zu behandeln, kann den Jahresverdienst eines Arbeiters kosten", sagte sie mir. "Unser Land kann es sich nicht leisten, alle Schlangenbissopfer zu behandeln—es sind einfach zu viele."

Selbst wenn Kliniken sich Gegengifte leisten können, scheitert es manchmal an der Lagerung. Viele Antiseren sind flüssig statt gefriergetrocknet und müssen gekühlt werden. In ländlichen Gegenden, wo bis zu 95 Prozent der Vergiftungen und 97 Prozent der Todesfälle vorkommen, ist das oft nicht möglich.

Zudem "haben die Ärzte oft völlig den Glauben an Gegengifte verloren, weil sie schon Fälschungen zum Opfer gefallen sind", so Boyer.

Warrell bezeichnete zwei indische Hersteller als die Haupttäter in Afrika. "Bharat Serums and Vaccines und das Serum Institute of India haben schon Gegengifte für den afrikanischen Markt hergestellt, die ungeeignet und irreführend waren." Er sagte, die Firmen hätten asiatische und nicht afrikanische Schlangenarten verwendet, was zu relativ wirkungslosen Antiseren mit mehr Nebenwirkungen geführt habe. In Reaktion auf die Studien, welche die mangelhafte Wirkung der Antiseren bewiesen, verteidigte sich Bharat Serums and Vaccines, der Beipackzettel enthalte einen Vermerk zu dem asiatischen Gift. Doch Käufern ist dieser nicht immer zugänglich. "Ich halte es für kriminelle Täuschung an den teilweise etwas naiven Behörden", sagte Warrell.

Vor etwa zehn Jahren, als Mediziner in Tschad und Nordghana von Fav-Afrique auf günstige Antiseren umstiegen (sie kosteten teils nur ein Zehntel der westlichen Preise), stieg die Sterblichkeitsrate um zwischen 2 und 15 Prozent. Litschka-Koen fuhr damals von Klinik zu Klinik, um dem Gesundheitsministerium indische Gegengifte zu melden und die Mediziner vor dem Einsatz minderwertiger Produkte zu warnen.

Unzugänglichkeit und schlechte Erfahrungen führen zusammen mit bereits herrschendem Misstrauen gegen Gesundheitssysteme dazu, dass sich nur 10 bis 20 Prozent aller Schlangenbissopfer überhaupt um Antiseren bemühen. Stattdessen verlassen sich viele auf dubiose traditionelle Heiler. Diese Fälle werden meist nicht gemeldet, was die Größe des Problems Außenstehenden gegenüber verschleiert. Auch signalisiert dies Herstellern, dass es keinen Markt für seriöse Gegengifte gibt, sodass sie die Produktion verringern oder einstellen.


Schwester Jackie Mahlalela und Dr. Koshi vom Good Shepherd Mission Hospital machen eine Inventur der vorrätigen Antiseren.

"Warum hat Lateinamerika nicht dieselben Probleme wie Afrika?", fragte Boyer. Die Frage ist berechtigt: Südamerika hat reichlich Giftschlangen, entlegene und schlecht versorgte Gegenden sowie traditionelle Heiler. Dennoch hat sich der Kontinent in puncto Antiseren gut geschlagen.

"In Lateinamerika gibt es eine lange Tradition der Gegengiftproduktion", sagte Boyer und fügte hinzu, durch staatliche Subventionierung vermeide man Engpässe. "Gefriergetrocknete Produkte [die in den Tropen auch ungekühlt haltbar sind] gibt es [dort] seit vielen Jahren. Zwar gibt es immer wieder kleine Engpässe, doch in lateinamerikanischen Ländern sind die Preise meist niedrig, weil die Gesundheitsministerien viel investieren", so Boyer.

Nicht jedes afrikanische Land kann seine eigene Antiserum­industrie haben—tatsächlich hat nur Südafrika eine—doch viele glauben, mit Beratungsprogrammen ließe sich das Vertrauen in Antiseren wiederherstellen. Landesweite Kaufprogramme und bessere Vorschriften zur Gegengiftqualität könnten in Kombination mit mehr epidemiologischem Wissen und fortschrittlichen Herstellungsmethoden effektive und bezahlbare Antiseren hervorbringen, selbst für entlegene Gegenden.

Einige Firmen von Costa Rica über Spanien bis Indien entwickeln neue Techniken, um wirtschaftlich und medizinisch vielversprechende polyvalente Antiseren für Afrika zu produzieren. Angetrieben von fortschreitenden Krisen um gefälschte Anti-Malaria-Mittel ist auch die Vorsicht der Länder gegenüber Medikamentenbetrug gestiegen, was langfristig das Vertrauen in Antiseren stärken könnte. Aktuell wird erforscht, ob das Bakterium E. coli dazu gebracht werden kann, schützende Proteine auszuscheiden, die vorbeugenden Schutz vor diversen Schlangengiften bieten könnten.

Die Finanzierung dieser Forschung ist das Problem. Es steht so wenig Geld zur Verfügung, dass die eben erwähnte Arbeit mit E. coli gecrowdfundet wird. Selbst große Antiserumhersteller ­müssen oft auf richtige klinische Tests verzichten, bevor das Mittel auf den Markt kommt (oder sie behaupten das zumindest gern).

"Schlangenbisse sind eine Armutskrankheit", sagte Litschka-Koen. "Wenn sie die Mittel- und Oberschicht betreffen würden, hätten wir schon längst eine Lösung."

2012 gründete Chippaux mit afrikanischen Kollegen die African Society of Toxinology. Mit der Aufstellung ambitionierter, freiwillig anzunehmender Richtlinien hoffen sie, die afrikanische Sterberate bei Schlangenbissen bis 2020 um bis zu 90 Prozent zu senken. Behörden in mindestens sieben Ländern haben bereits angefangen, mit der African Society of Toxinology an Subventionen, Weiterbildungen und Aufklärungsprogrammen zu arbeiten. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass ein großer Umschwung bevorsteht und mehr Länder sich aufrichtig und ernsthaft um Schlangenbisse kümmern werden.

Die von Ärzte ohne Grenzen generierte Aufmerksamkeit hat eindrucksvoll demonstriert, welche Macht und welchen Einfluss eine effektive PR-Kampagne haben kann. Antiserumaktivisten können diese gut gebrauchen..

Während sie auf mögliche Durchbrüche hoffen, versuchen Aktivisten durch Aufklärung, Prävention zu betreiben. Das Tragen von Schuhen, die Verwendung von Taschenlampen und Moskitonetze können die Zahl der Bisse drastisch verringern. Kinder, die oft zu Opfern werden, verinnerlichen diese Botschaften vielleicht nicht, und der schwindende Lebensraum der Schlangen macht es immer schwieriger, Begegnungen zu vermeiden, doch Aufklärung kann Entscheidungsträger überzeugen, Schlangenbisse als ein lösbares Problem und nicht als unvermeidbares Übel zu behandeln. Die Arbeit der African Society of Toxinology und ihrer Verbündeten könnte diese Wirkung noch verstärken. Es gibt also Hoffnung.