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Betroffene erzählen von ihrer Schlaflähmung

Leute mit Schlaflähmung sind gefangen in ihrem Körper, sehen Monster und kämpfen mit Wölfen.
5.8.16

Foto: Adriano Agulló | Flickr | CC 2.0

Wenn wir träumen, ist unser Körper völlig bewegungsunfähig. Wir verfallen in eine sogenannte Atonie: Die Muskeln sind völlig entspannt, nur unsere Augen sind noch in der Lage, sich zu bewegen. Es ist ein notwendiger Schutzmechanismus, der uns davor bewahrt, Bewegungen während des Traumes in die Realität umzusetzen. Beim Aufwachen löst sich dieser Zustand; meistens merken wir nicht einmal, dass wir vor wenigen Sekunden noch wie gelähmt waren.

Manchmal kommt es dabei jedoch zu Verzögerungen: Der Geist ist schon bei Bewusstsein, aber der Körper noch atonisch und träumend. Mediziner sprechen dann von einer Schlaflähmung oder Schlafparalyse. Für die meist relativ kurze Dauer dieses Phänomens ist man im eigenen Körper gefangen.

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Das Phänomen ist einfach zu erklären: "Es gibt ein hemmendes Zentrum im Hirnstamm, das während der REM-Schlafphase aktiv wird und die Erregungsübertragung vom Großhirn zum Rückenmark unterbindet", sagt Dr. Mag. Robert Stepanksy, Neurologe und Leiter des Schlaflabors im Krankenhaus Barmherzige Brüder in Wien. Das Ganze ist völlig harmlos. Medizinisch gesehen. Trotzdem ist das unangenehme Gefühl, das die Betroffenen dabei erleben würden, schlimm genug: "Man hat die Kontrolle über seinen Körper nicht und kann aus diesem Zustand auch nicht ausbrechen. Zumindest nicht willentlich", so Stepansky.

Etwas, das ich selbst gut kenne. Meine erste Schlafparalyse hatte ich vor zirka drei Jahren. Ich war damals überzeugt, für immer liegen bleiben zu müssen, wenn mich niemand gewaltsam aus dem Bett zieht. Ich war unfähig, meine Finger oder irgendeinen anderen Teil meines Körpers zu bewegen, meine Atmung schien ausgesetzt zu haben—zumindest spürte ich sie nicht. Das Gefühl, zu ersticken, löste eine unglaubliche Angst in mir aus und ich dachte, ich wäre dabei, ohnmächtig zu werden.

Manche berichten auch davon, ihren Körper zu verlassen und sich selbst von oben zu betrachten.

So beängstigend das auch war, es geht noch viel schlimmer. Schlaflähmungen können begleitet sein von auditiven, visuellen und taktilen Halluzinationen. Für den Moment sind diese Dinge Wirklichkeit. Der Körper ist hilflos und selbst der Verstand kann einen nicht aus dieser Situation befreien—im Grunde ist es ein Alptraum, der sich als Schauplatz die Realität ausgesucht hat. Es kann vorkommen, dass du eine Person siehst, die in deinem Zimmer steht oder du Gestalten wahrnimmst, die dir Schmerzen zufügen wollen und dir die Luft zum Atmen nehmen. Manche berichten auch davon, ihren Körper zu verlassen und sich selbst von oben zu betrachten.

"Grundsätzlich können diese Halluzinationen jede Sinneswahrnehmung betreffen. Diese Out-of-Body-Experiences sind zum Beispiel auf eine Täuschung des Gleichgewichtssinns zurückzuführen", so Stepanksy. Gleichzeitig könne das extrem beunruhigende Gefühl der Bewegungslosigkeit auch Atemnot, Herzrasen oder Schweißausbrüche verursachen. Allesamt Symptome eines Angstzustands.

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Man geht davon aus, dass etwa fünf bis sechs Prozent der Weltbevölkerung zumindest einmal in ihrem Leben damit konfrontiert sind. Die Dokumentation "The Nightmare" von Rodney Ascher, hat sich genau damit auseinandergesetzt und wir haben ihn letztes Jahr dazu interviewt. Ich habe nun selbst mit ein paar Betroffenen über ihre Erfahrungen geredet, mir erzählen lassen, wie sie dieses Phänomen erleben und wie sie reagieren, wenn sie eigentlich nicht reagieren können.

Tanja, 27

Foto: DryHundredFear | Flickr | CC 2.0

Es hat mit einem Alptraum angefangen. Ich habe jemanden gesucht und bin deswegen in eine unterirdische, auf dem Kopf stehende Kathedrale gegangen. Drinnen haben sich Szenen wie in einem satanischen Horrorfilm abgespielt. Kreaturen liefen an den Wänden entlang und ich habe laut um Hilfe gerufen. Plötzlich bin ich aufgewacht und war froh, raus aus diesem Traum zu sein. Aber dann sehe ich in der Ecke meines Zimmers dieses Getier sitzen. Es hatte blitzend weiße, lange, messerscharfe Zähne und hat breit und hämisch gegrinst. Das Ding kam auf mich zu, immer näher zu mir her und ich wusste, dass es mich fressen will. Innerlich habe ich laut geschrien, aber es ging nicht. Da habe ich erst bemerkt, dass ich mich nicht bewegen kann.

Es war ein richtiger Kampf, ich habe eine gefühlte halbe Stunde versucht, einen Ton herauszubringen. Ich wollte nur ausbrechen, raus aus dieser Panik. Irgendwann hat es dann funktioniert und ich bin aufgewacht. Und das war der Moment, wo ich dann wieder da war und mich bewegen konnte. Ich habe mich gefühlt, als hätte ich einen Marathon absolviert und mein Bett war schweißnass.

Dominik, 28

Foto: Malte Hempel | Flickr | CC 2.0

Meine erste Schlafparalyse hatte ich mit zehn Jahren. Meine Baseballmannschaft und ich waren gerade auf dem Weg zu einem Turnier und sind deshalb mit dem Bus durch Italien gefahren. Irgendwann bin ich dann eingeschlafen, allerdings mit offenen Augen. Meine Teamkollegen haben das dann auch gemerkt und sich sofort gefragt, ob ich denn noch leben würde. Ich habe mir nur gedacht: "Scheiße, ich bekomme mit, was die machen, aber ich kann ihnen nicht sagen, dass alles in Ordnung ist." Für mich war das dann fast lustig und eigentlich wollte ich nur in Ruhe weiterschlafen.

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Seitdem erlebe ich dieses Phänomen immer wieder. Es fühlt sich wie ein Verschwimmen zwischen Traumrealität, Schlaf und Wachsein an. Es ist irgendwie eine Zwischenwelt. Angst habe ich dabei nie. Vielleicht, weil ich es als Kind schon erlebt habe und immer weiß, dass ich auf jeden Fall wieder aufwachen werde. Unangenehm wurde es allerdings einmal auf einem Flug nach Mexiko, als es mir wieder passierte und meine Freunde auf die blöde Idee kamen, mit mir Selfies zu machen und sich überlegten, ob sie in meiner Nase bohren sollten. Am liebsten hätte ich ihnen gesagt: "Geht doch einfach weg, ihr Ärsche, und lasst mich in Frieden", aber ich konnte ja nicht.

Alessa, 23

Foto: wolfgangfoto | Flickr | CC 2.0

Begonnen hat es vor zirka drei Jahren, seitdem habe ich mindestens zweimal pro Woche eine Schlafparalyse. Manchmal sehe ich gar nichts, aber oft nehme ich schwarze Gestalten wahr, die in meinem Zimmer sind oder neben meinem Bett stehen. Ich kann sie nicht genau beschreiben—sie sind so schemenhaft und dunkel, wie ein Wirbel aus Schatten. Du kannst dich einfach nicht bewegen, nicht weg von ihnen. Das macht es auch so beängstigend, weil du so exponiert bist und das Gefühl hast, als müsstest du sterben.

Wenn sie mich berühren oder durch mich hindurch fahren, fühlt es sich an, als würde mein ganzer Körper vibrieren. Mein Herz rast dann, ich habe Gänsehaut, meine Hände und Füße sind eiskalt, ich bin schweißgebadet und voller Adrenalin. Einmal war mir danach sogar richtig schlecht. Um aus diesem Zustand rauszukommen, muss ich mich total konzentrieren; und nach ein paar Minuten klappt es dann meistens auch.

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Angst habe ich immer. Selbst, wenn ich einmal nichts sehe, fürchte ich mich vor dem, was vielleicht kommen könnte. Ich will aber eigentlich nicht, dass diese Angst steuert, was ich mache. Ich will es vorbeigehen lassen und das Gefühl überwinden. Ich habe nämlich gelesen, dass man dann luzid sein und mit dem Astralkörper auf Reisen gehen kann.

Christine, 35

Foto: Chris | Flickr | CC 2.0

Ich war Anfang 20, gefangen in einer unglücklichen Beziehung und an sich schon eher depressiv gestimmt. Passiert ist es dann in einer sehr heißen Vollmondnacht im Sommer. Das Fenster meines Studentenheimzimmers war weit offen, ich bin auf dem Bett gelegen und habe versucht zu schlafen. Plötzlich bin ich in so eine Art Halbschlaf gefallen, ein ganz eigenartiger Bewusstseinszustand. Einerseits war ich hellwach, andererseits war ich wie gelähmt und konnte mich nicht rühren.

Ich habe diesen Mond angestarrt und mich unwiderstehlich von ihm angezogen gefühlt. Es war beängstigend … als ob ein unheimlicher Sog mich gegen meinen Widerstand zu ihm ziehen würde. Der Vorgang wurde auch von einer Art Geräusch begleitet. Das alles ist sehr sehr schwer zu beschreiben, in der Erinnerung kommt es mir so vor, als hätte ich um meine Seele kämpfen müssen, die jemand oder etwas aus meinem Körper zum Mond hatte ziehen wollen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hat sich die Anspannung gelöst und ich bin mit einem unglaublichen Angstgefühl wach geworden.

Samantha, 29

Foto: Camilla Faurholdt-Löfvall | Flickr | CC 2.0

Bei meiner ersten Schlafparalyse war ich noch ganz klein. Damals ist immer ein Wolf zu mir gekommen, vermutlich aufgrund von Kindergartengeschichten wie "Rotkäppchen" oder "Die sieben Geißlein". Es hat jedes Mal gleich angefangen: Mit einem Wummern im Ohr. Dann wusste ich schon, dass er bald da sein wird. Er kam durch die Zimmertür, ist auf mich raufgesprungen und hat mich angegriffen. Ich habe mich gegen ihn gewehrt, bis ich aufgewacht bin. Ich hatte lange Angst und wollte deswegen auch nicht mehr schlafen.

Danach hatte ich es phasenweise immer wieder. Heute sehe ich aber keinen Wolf mehr, sondern meistens etwas Böses, Dunkles, eine Art Dämon. Ich kann es nicht richtig beschreiben. Weil ich es schon so oft erlebt habe, werde ich meistens richtig wütend. Wenn die Gestalt mich dann attackiert, wehre ich mich gegen sie. Natürlich bewege ich mich dabei nicht wirklich, aber es fühlt sich wie eine extreme Rauferei an. Auch wenn ich an sich keine Angst mehr habe, eine bestimmte Art von Panik kann man einfach nicht abstellen. Trotzdem versuche ich ruhig zu bleiben, die Situation durch luzides Träumen zu steuern, oder zu kämpfen. Denn irgendwann hört dieser Zustand der Gefangenschaft auf und der Geist gibt den Körper wieder frei.