Interviews

Dieser Mann bekämpft seine Zwangsstörung, indem er alles fotografiert, was er macht

Auf Andreas Handy befinden sich Tausende Fotos, die ihn daran erinnern, dass er den Herd ausgemacht und seine Tür verschlossen hat. Dieses Archiv ist jetzt die Grundlage einer Ausstellung.

von Romain Gonzalez
17 Oktober 2016, 4:00am

Vor ein paar Jahren konnte man sich noch sicher sein, dass Andrea Aggradi nach nur wenigen Sekunden in seine Wohnung zurückkehren würde, nachdem er nach draußen gegangen war. Ihn beschäftigte nämlich nur ein einziger Gedanke: Hatte er den Gasherd nun abgedreht oder nicht? Wieder in seiner Wohnung nutzte er dann die Gelegenheit und schaute direkt noch nach, ob sich vielleicht eine brennende Zigarette im Aschenbecher befand oder ob er die Tür richtig verschlossen hatte. Drei Minuten später schwang er sich dann auf seinen Roller und brauste davon. Zehn Minuten später stand er schließlich wieder vor seiner Wohnung, öffnete die Tür, checkte den Gasherd, checkte den Aschenbecher und checkte das Schloss. Ein ewiger Kreislauf.

So sah Andrea Aggradis Alltag bis zum Jahr 2010 aus. Dann kam er darauf, dass er seine Zwangsstörung ja mit seinem Smartphone kontrollieren könnte. Diese Eingebung schenkte dem in Paris lebenden Italiener quasi ein neues Leben, denn er fotografierte von da an einfach die ganzen Dinge, die sichergestellt sein mussten, bevor er das Haus verließ—zum Beispiel den ausgeschalteten Herd oder die verschlossene Tür. Diese Methode zog dann ein Tausende Fotos umfassendes Archiv nach sich, das Aggradi akribisch auf seinem Handy und seinem Computer anlegte.

Andrea Gandini, ein Fotograf und der Begründer der Pariser Jitterbug-Galerie, hat diese riesige Bildersammlung nun in eine Ausstellung mit dem Namen TOC ("Trouble Obsessionnel Compulsif") verwandelt. Die beiden Andreas haben mich in die Galerie eingeladen und dort mit mir über die Schwierigkeiten des Alltags mit einer Zwangsstörung sowie die Wichtigkeit eines solchen Fotoarchivs gesprochen.

VICE: Wie habt ihr euch kennengelernt?
Andrea Gandini: Ich kenne Andrea jetzt schon seit gut 15 Jahren. Mir ist schnell aufgefallen, dass er besonderen Fokus auf bestimmte Aspekte seines Alltags legte. Dieser Fokus hatte auf jeden Fall etwas mit Kontrollzwängen zu tun. Er musste sich genau daran erinnern können, eine gewisse Sache—zum Beispiel das Abdrehen des Gases—gemacht zu haben, damit er nicht wieder nach Hause ging und nachschaute. Nachdem er sich ein Smartphone gekauft hatte, ist sein Leben viel angenehmer geworden. Jetzt fotografiert er einfach, dass er das Gas abgedreht hat.

Andrea, wie bist du überhaupt auf diese Idee gekommen?
Andrea Aggradi: Ich hatte eines Tages einfach einen Geistesblitz, als ich mit meinem Handy rumspielte. 2010 kaufte ich mir mein erstes Smartphone und vorher war ich manchmal sogar fünf- oder sechsmal am Tag nach Hause gefahren, um alles zu checken. Um das zu vermeiden, fing ich dann erstmal damit an, jeden Schritt ganz genau zu machen und kleine Extrahandlungen mit einzubauen, damit ich mir alles besser merken konnte. Ich klopfte zum Beispiel gegen die verschlossene Tür oder bewegte meine Hand unter dem zugedrehten Wasserhahn hin und her. Wirklich gebracht hat das jedoch nichts, denn irgendwann stellte ich diese Extrahandlungen ebenfalls in Frage. Ich muss zugeben, dass ich ab und an sogar die Fotos auf meinem Handy anzweifle.

Was genau musst du immer überprüfen?
AA: Bis vor Kurzem drehte sich immer alles um vier Dinge, die ich checken musste, bevor ich die Wohnung verließ: die Wasserhähne, das Gasventil, den Aschenbecher und die Tür. Diese vier Sachen wollten mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gehen. Wenn ich nach der Wohnung eines Freunds sehen soll oder selbst in den Urlaub fahre, dann fotografiere ich wirklich alles.

Ein geschlossenes Gasventil

Wie lange leidest du schon an deiner Zwangsstörung?
AA: Ich glaube, dass ich diese Art der Zwangsstörung jetzt schon seit ungefähr 15 Jahren habe. Manchmal kamen noch andere Varianten hinzu, die sich aber mit Medikamenten behandeln ließen. Zum Beispiel litt ich mal an einer Phobie vor Nahrungsmittelverseuchung. Während dieser Zeit habe ich fast zwölf Kilo abgenommen.

Was löst deine Zwangsstörung aus?
AA: Auf jeden Fall Stress. Wenn ich einen guten Tag habe, dann kann ich das Haus verlassen, ohne alles fotografieren zu müssen. Ich mache es aber trotzdem, falls es im Laufe des Tags plötzlich doch noch stressig wird. Manche Leute sagen, dass im schlimmsten Fall doch nur irgendein Sachschaden entsteht, den sowieso die Versicherung übernimmt. Ich hasse diese Argumentation, denn ich will zeigen, dass ich ein verantwortungsbewusster Mensch bin.

Und du hast aus deiner Zwangsstörung auch nie ein Geheimnis gemacht, richtig?
AA: Korrekt.
AG: Im Laufe der Jahre habe ich ihn immer wieder gebeten, seine Fotos nicht zu löschen. Nur für den Fall. Das hätte er aber sowieso nie gemacht.
AA: Natürlich nicht. Ich schmeiße nie etwas weg. Punkt. Leider ist der Speicher auf meinem Smartphone immer schnell voll und dann muss ich ältere Fotos löschen. Ich hoffe dann einfach, dass ich sie schon auf meinen PC übertragen habe. Und das ist sehr wahrscheinlich auch der Fall.

Ein leerer Aschenbecher

Warum warst du als Direktor der Galerie an diesem riesigen Fotoarchiv interessiert?
AG: Die zwanghafte, obsessive, ungesunde und trotzdem kreative Natur der Masse an Bildern zu nur einem einzigen Thema faszinierte mich. Mir war anfangs nicht klar, welche Dimensionen das Archiv bereits angenommen hatte. Als ich die Ausstellung organisierte, kontaktierte ich Andrea und wollte von ihm wissen, ob er wirklich alles gespeichert hätte. Das hatte er natürlich. Und es waren nicht nur Tausende Fotos, sondern auch noch Videos, die er im Laufe der vergangenen zwei oder drei Jahre aufgenommen hat. Die zeigen wir jetzt auch in einer Dauerschleife. Jedes Video dauert nur ungefähr drei Sekunden und Andrea sagt darin zum Beispiel: "Das Gas ist zugedreht." Diese Sätze sind wie der Soundtrack zu unserer Ausstellung.
AA: Man muss bedenken, dass diese Fotos für mich keine wirklichen Fotos darstellen, sondern einfach nur Hinweise. Ich besitze kein künstlerisches Talent.

Ein fest zugedrehter Wasserhahn

Warum fasziniert dich das Thema Zwangsstörungen so sehr?
AG: Als wir mit anderen Menschen über dieses Thema gesprochen haben, ist uns klargeworden, dass Zwangsstörungen eine Sache sind, die jeder versteht. Oft haben die Leute nämlich nur gequält gelächelt, als ich ihnen von meinem Projekt erzählte. In verschiedenem Maße leidet jeder an irgendeiner Form der Zwangsstörung.

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