Ich habe mich mit allen auf der Gamescom betrunken
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Ich habe mich mit allen auf der Gamescom betrunken

Cosplayer, Kölsch und Sexismus-Debatten—so war die wichtigste Videospielemesse Europas 2015.
9.8.15

Videospiele sind ein milliardenschweres Geschäft, größer als Hollywood oder die magischen Hoch-Zeiten der Musikindustrie. Hunderttausende Menschen pilgern zu eSports-Veranstaltungen und zu Videospiel-Messen auf der ganzen Welt. Das wissen wir mittlerweile eigentlich alle und haben es überall vom Feuilleton bis zu RTL Explosiv vorgekaut und wiedergekäut bekommen. Trotzdem sind Dinge wie Morpheus/Oculus, Gamergate oder Mario Party 10 im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt den meisten immer noch komplett fremd.

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Für mich war das alleine schon fast spannend genug, um die Gamescom 2015 zu besuchen. Das und ein Haufen heiß erwarteter Spiele und angekündigter Highlights.

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Deshalb bin ich für ein langes Wochenende nach Köln gefahren, hab meinen Detektiv-Modus eingeschaltet und versucht, diese Parallelwelt persönlich ein bisschen besser kennenzulernen.

Mein Vorhaben war es, die irren Ausmaße des gewaltigen Business zu durchleuchten und einen Erlebnisbericht abzuliefern, der auch den Uninteressiertesten unter den Gaming-Verweigerern diese Megaveranstaltung in Köln näher bringt. Am Ende habe ich absurde Geschichten gehört, Abgründe gesehen und mich mit Entwicklern, Pro-Gamern, PR-Künstlern und Youtube-Star-Groupies betrunken. Press play und los.

Crash Bandi-Köln

Laut einem Bekannten von mir, der selbst Kölner ist und mir mit einheimischen Tipps im Vorfeld zur Seite stand, sollte Köln eigentlich eine freundliche Hochburg der Homosexualität, des Privatfernsehens und der entspannten Sex-Abenteuer sein. Davon merkte ich am ersten Tag eher wenig.

Zuerst fühlte ich mich am Flughafen wie in einer Tiefkühlbox, dann schaffte der Pilot die Landung kaum und dann bestand die Welt auch schon nur noch aus blassen Emo-Teens und fehlgeleiteten Tanten, die eigentlich nur etwas Zeit mit „den Jungen" verbringen wollten, am Ende ihre Freizeit mit 3 Stunden Warterei vor der Messe und das Zehnfache davon in Schlangen auf der Gamescom selbst verbrachten.

Man stelle sich vor: 345.000 Menschen, die sich über fünf Tage hinweg ein und den selben fettigen Controller gegenseitig in die Hand drücken. In einem Anfall von soziologischer Hypochondrie und im Angesicht von tausenden verwachsenen Pubertierenden mit ihren Hautproblemen schoss mir plötzlich durch den Kopf, wie sehr sich die Gamescom für einen biologischen Terrorangriff anbieten würde—wie in 12 Monkeys. Für die einen ist das kranke Schwarzseherei, für die anderen vielleicht der Plot des nächsten Zombie-Shooters.

Trotz meiner paranoiden Horrorszenarien liebt Köln seine monumentale Videospielmesse. Ein Organisator von Software-Messen sagte mir im Gespräch und hinter vorgehaltener Hand: „Die Stadt wird die Gamescom niemals aufgeben, auch wenn sie dieses Jahr wieder aus allen Nähten geplatzt ist—und Messen in Berlin oder Stuttgart durchaus doppelt so viele Leute unterbringen könnten."

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Ich verirrte mich zwischen den internationalen Spielevertrieben und sah viele, immer gleich pummelige animierte Viecher. Dann fand mich plötzlich am Stand der Wirtschaftskammer Österreichs wieder, den ich wie ein obdachloser Hausgast immer wieder besuchen kommen sollte, um mir Internet und Ildefonsos zu schnorren.

Außerdem hat man mich dort erstmals mit dem Begriff SWAG als Abkürzung für „Swiss Austria Germany" konfrontiert. Einer der Aussteller erklärte mir, dass er seit Sonntag schon 47 Bier getrunken habe—eine Zahl, die sich leider faktisch nicht belegen lässt. Auf jeden Fall war ich angekommen.

Assassin's Greed

Meine ersten Tage verbrachte ich ausschließlich in der Business Area—einer Parallelwelt der Big Deals und großen Entscheidungen, in der im Unterschied zu den Besucherhallen Kreativität und Ambitionen ums Überleben kämpfen und es sehr entspannt zuging. Aber je mehr Zeit man in der prominenten Wattebausch-Welt verbringt, umso mehr fällt einem auf, wie wahnsinnig der Besucherzeit eigentlich ist.

Dieser Eindruck wurde von einem norddeutschen Marktschreier, der zwischen Presse und PR-Leuten seine Kunden mit Astra und Fischbrötchen gefügig machen wollte, ziemlich perfekt karikiert.

Die Dekadenz der Branche merken aber nicht nur Leute wie ich bei Events wie der Gamescom—sie ist es auch, was Fans und Gamer seit Jahren in den großen Videospiele-Produktionen sehen. In einem Markt wie der Gaming-Branche bedeutet klarerweise Massentauglichkeit und der größte gemeinsame Nenner das geringste Risiko und somit leicht verdientes Geld. Es wundert mich, dass die dadurch entstehende Unterdrückung von Originalität nie kritisiert wird—aber wenn dann Lara Crofts Titten kleiner werden, kommen sofort die Todes- und Vergewaltigungsdrohungen.

Die überfüllt heiße Wargaming-Party der weißrussischen Entwickler—quasi die P-Diddys der Spielebranche—führte bei vielen zum tiefen Absturz und einigen roten Augen am nächsten Tag. Nach einer hervorragenden Curry Wurst und Diskussionen, wo zum Teufel denn nun die ganzen Studioboss-Drogen seien, wurde Kölsch unser Substi. (Vorsicht, Kölsch ist übrigens nicht tanzbar.)

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Die Gamescom war nach diesem Business-lastigen Abend jedenfalls für mich zum Goldenen Lamm geworden, das wir blauäuig ohne kritisches Hinterfragen und mit Controllern in der Hand anbeten. Virtual Reality wird unser Garten Eden. Entschuldigt die schlechten Analogien—das macht wahrscheinlich dieses Kölsch, das so klein ist, dass man schon beim ersten aufhört, mitzuzählen.

World of VR-Craft

Auf der Messe wurde mir sehr schnell eines klar: Wenn es ein Jahr gibt, in dem es tatsächlich Sinn macht, sich via verkabelter Wetten, dass..?-Brille mit dieser uralten Zukunftssache namens Virtuelle Realität auseinanderzusetzen, dann ist es dieses. Die Entwickler haben echt beeindruckende Demos im Gepäck, Pläne zur Heimimplementierung und die Preisfixierungen sind quasi abgeschlossen.

Nächstes Jahr um die Zeit werden wir alle schon den Kopf in den Nacken werfen wie Stevie Wonder, während wir durch diese unseren menschlichen Sehmechanismus abstumpfenden Wunderwelten stolpern. Ich muss vermuten, dass VR zu stark erhöhtem Taschendiebstahl führen wird. Ich war selber verleitet, dem Typen von Vertigo Games seine Autoschlüssel aus der Brusttasche ziehen, während er sein Headset kalibrierte.

Besonders Sony Playstation hat sein VR-Bett gemacht und Morpheus ist bereits zur Hälfte bei den Verbrauchern zu Hause, in Form der PS4. Ubisoft hat mir gezeigt, wie man mit Oculus Rift durch Paris fliegt und den Eiffelturm umkreist, nur um mich kurz darauf von Vaas aus Far Cry 3 ertränken zu lassen. Immersive psychische Folter und dann Mord. So werden diese Simulationen plötzlich interessant.

Eines ist sicher: Wir werden in unsere eigenen vier Wände knallen, in unsere Haustiere und über unsere Kinder fallen—und dabei wie idiotische Arschlöcher aussehen. Und während alle noch die Abwesenheit von Hoverboards vom Consumer-Markt des Jahres 2015 bemängeln, möchte ich noch mal darauf hinweisen, dass derselbe Film uns auch VR- beziehungsweise AR-Headsets am Küchentisch für 2015 versprochen hat.

Fans vs. Zombies

Die Besucher der Gamescom sind in ihrer Mehrheit nicht die bunten Paradiesvögel, als die sie nach außen hin gerne in kurzen Boulevard-Berichten oder den zig Cosplay-Gallerys dargestellt werden. Das wahre Gesicht dieser exorbitanten Masse wird mir bei meinem dritten Rundgang im Messe-Boulevard wie ein Tritt in die Milz klar: Die aufwendigen Verkleidungen verschwinden zwischen zehn Mal so vielen Durchschnittsbesuchern, die alle wie Variationen auf einer Skala von Michael Cera bis Numa Numa Guy aussehen.

Mit mehr Taurin als Sauerstoff im Blut fiel mir (gerade als ein lächelnder Typ in Ezio-Verkleidung gebückt an mir vorbeischlich) auf, wie apathisch die restlichen Gesichter waren. Je aufregender, lauter und grell blinkender das Umfeld, desto weniger aufnahmefähig und ausdrucksloser wurden wir.

Exhibitionistische Pre-Teens schlurften großäugig durch die Gänge, klinische Krachmacher mit Emo-Frisuren an der Hand. Andere rauchten übertrieben betont ihre Winston oder Marlboro Menthol, während untolerierbare Sonnenstrahlen sie wie James-Bond-Laser ankokelten. Die wenigen wirklich talentierten Schneidertalente schleppten sich von Pose zu Pose, die Augen auch schon im Reallife rot von den vielen Blitzlichtern. Und es gilt: Je größer das Styropor-Pappmaschee-Schwert, desto größer auch das Ansehen in der Community.

Wie weit es mit den technologischen Neuerungen wirklich her war, erkannte ich ernüchternderweise auf den Toiletten. Keine Games-Innovation der Welt hilft bisher, darüber hinwegzutäuschen, dass die Schlangen auch 2015 noch gleich lang und die WCs gleich dreckig sind wie vor 20 Jahren. Die WCs sind übrigens auch daran schuld, dass ich von den echten technologischen Neuerungen im Games-Bereich nur die wenigsten gesehen habe. Kein Wunder, wo sich doch die meisten jungen Gamer für die Dauer der Messe mit Energy-Drinks, Käsebrezen und purem Zucker zwangsernähren und im Viertelstundentakt auf die Kabinen fliehen müssen.

Da ein paar (Pre-)Teens die Lidl-Bierreserven leergekauft hatten und ich mich nicht endlos Bier beim Wirtschaftskammer-Stand schnorren konnte, streifte ich mehrere Male ziellos durch die Gegend rund ums eigentliche Event. Mein Highlight aus dem Gamescom-Abseits waren dabei ein Mario und ein Luigi, die aussahen, als ob sie Autoradios aus einem Kofferraum verkaufen würden.

GTA: San Sexismus

So wie die jungen Mädchen mit Stöckelschuhen, Plastikrüstungen und Strapsen, die abends erschöpft an Backsteinmauern entlang zurück ins Hotel schlurften, muss wohl auch das Ende eines Casting-Tages für Sucker Punch ausgesehen haben.

Ein Programmierer auf der Branchenparty erzählte mir von einem Microsoft-Event letztes Jahr, bei dem der Frauenanteil 2:1 gewesen sein sollte. Warum? „Sie haben unzählige Hostessen angestellt." Wahrscheinlich um den sozial eher weniger versierten Besuchern die Illusion von sexueller Relevanz vorzuspielen. Wenn das wirklich stimmen sollte, finde ich es auf doppelt beleidigend: Diese viehhandelnde Denkweise gegenüber Frauen auf der einen Seite und das Eierschaukeln der professionellen Elite, die sich wie ein chauvinistischer Sauna-Club gegenseitig auf die Backen klopft, auf der anderen.

MOTHERBOARD: Sogar verdammte Nobelpreisträger stellen sich als polemisierende Sexisten heraus.

Seit der Ankunft in Köln hatte ich sicher bereits sieben „Tussi"- oder „Blondinen"-Witze mit angehört. Sexismus steckt der Branche immer noch tief in den Knochen—schon seit Atari-Zeiten mit Cluster's Revenge. Ein PR-Berater meinte nach scharfen Verurteilungen von Gamergate: „Die niedrige Frauenquote in diesem Business wird von vielen neuen und immer mehr werdenden Spiele-Designerinnen langsam ausgeglichen—aber Programmierer sind weiterhin fast zu 98 Prozent Dudes."

Irgendwann können wir uns, egal ob Eier oder Eierstöcke, einig werden, dass dieses oder jenes Game einfach nur verdammt „menschenverachtend" ist und daran zusammen unseren Spaß haben.

Nach wenig Schlaf und zu vielen Minibratwürsten an der Frühstücksbar, stand ich in der Ecke bei Halle 7, als ich einen neuen Trend bemerkte: Typen fotografierten heimlich die Perversos, die wiederum versteckte Bilder von Cosplayerinnen-Popos und enorm prallen Dekolletés im Anime-Samt knipsten. Ist das nicht letztlich genauso beschissen und creepy—oder verpasse ich irgendwas an diesem Meta-Voyeur-Voyeurismus?

Sehr schlimm fiel mir übrigens auch die anziehende Wirkung von neonfarbigen Perücken auf. Irgendetwas in mir wehrt sich, es gesund oder normal zu finden, wenn 12-Jährige Mädels von hinten wie Leeloo in 5th Element oder Natalie Portman in Closer aussehen. Aber vielleicht liegt das ja auch an mir.

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Dann sah ich auch noch eine Flyer-Verteilerin, die einen Lederoverall trug und „Hands-On! In Halle Hausnummer" auf ihren Arsch gedruckt hatte. Diese Art menschlicher Ambient-Werbung (übrigens für Bildschirme) schoss für mich den Vogel ab. Ich fragte sie, ob sie es nicht auch etwas zu krass fände, dass ihr Hintern als Werbefläche mit impliziter Grapsch-Auffordung genutzt wurde. Sie verzog die leicht aufgespritzten Lippen und zuckte die Schultern. Anscheinend war sie mehr von mir als von dem Spruch auf ihren Arschbacken genervt.

Gamescum

Zwischendurch hatte ich tatsächlich auch Zeit für die eigentliche Cremefüllung jedes Spielemesse-Donuts: die IPs. Skyworld war eines der ersten Spiele, das mir gezeigt wurden—noch dazu in VR. Zwischen den Pixeln sah man deutlich die Zukunft für Fans von Modelleisenbahn.

Das rundenbasierte XCOM 2 ist jetzt schon ein besonderes Herbst-Highlight für mich—vor allem nach dem ersten Teil, der den Strategen in mir schon zutiefst befriedigte. Umso mieser fiel für mich die Präsentation von Fallout 4 aus, dank eines bescheiden talentierten Testspielers, ziemlich langweiligen Bildern aus dem Skills-Menu und pointenlosen Einblicken in Hundekommandos (fragt nicht).

Ich schummelte mich in einen Raum zum Antesten von Dark Souls 3, dem besten Rollenspiel der Gamescom 2015. Ich starb im Minutentakt und erkannte dabei die Wahrheit: Dieses Spiel war wie diese riesige fettige Pizza, die man sich am Freitagabend bestellt—jedes Stück ist ein bisschen schwieriger zu schlucken als das nächste und trotzdem ist das Ding in seiner herausfordernden Gesamtheit wunderschön—am Ende schläft man erschöpft ein und hat Alpträume.

Bei EVE: Valkyrie erlebte ich ein persönliches VR-Novum: Endlich zum ersten Mal beinahe wegen Virtual Reality kotzen! Ich wurde schon so oft gewarnt, dass das passieren könnte, dass ich es als genau so eine Plattitüde abtat, wie die Sicherheitsinstruktionen in einem Flugzeug—und dann, im unendlichen Weltraum, drehte sich mir im Cockpit meiner Sternenkriegsmaschine plötzlich wirklich fast der Magen um. Chapeu. Das ist keine negative Kritik und das meine ich ernst. Ein großartiges neues Medium muss einem immer erst mal den Magen umdrehen.

Nintendos bestes Wii-Spiel ist Super Mario Maker und obwohl ich kein Nintendo-Mensch bin, begeisterten mich beinahe alle Titel des konservatisten aber auch knubbeligsten Spieleherstellers unserer Zeit: Xenoblade Chronicle X, The Legend of Zelda: Tri Force Heroes und natürlich Star Fox Zero.

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Ach ja, Publikumsliebling Star Wars: Battlefront wird sowieso unseren Winter beherrschen, also gönnen wir uns hier bitte noch kurz eine Verschnaufpause. Möge die Macht mit uns sein.

Entwickler-Simulator

Als nächstes stand das an, was jeder journalistisch integre Alkoholiker zumindest einmal auf der Gamescom machen muss: Ich ging mit den Programmierern und Designern saufen. Konkret waren es die Leute von Bloodirony. Ihr Spiel habe ich schon mit Lob überschüttet—jetzt war mein einziges Paar kurze Hosen an der Reihe, und anstatt Lob gab es Gin Tonics.

Der restliche Abend ist mir entsprechend unscharf in Erinnerung—beschränken wir uns einfach darauf, dass ich von zwei holländischen Bullys ausgelacht wurde, zwei koreanische eSportler von Riot Games kennengelernt habe und mehrere Whiskey-Shots und Adventuretime-Anekdoten über die Hotelbar gewandert sind. In Erinnerung geblieben ist mir das Motto des koreanischen Clans: „Nimm Gaming sehr, sehr ernst." Grüße nach Seoul!

Eine weitere spannende Bekanntschaft war Andreas Suika von Daedalic Games, der auf Krücken wie eine Wunderkind-Erscheinung unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Er meinte: „Viele nennen unser Spiel Project Daedalus das deutsche No Man's Sky!" Dann drückte Andreas mir ein limitiertes Bügelbild des Spiels in die Hand und ich musste dem Typen, der seine Präsentation in einem Astronauten-Anzug hielt, eine Erwähnung im Artikel versprechen—there you go.

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Bei Nintendo sprach ich den Koordinator, der mich bei allen Spielen ständig geschlagen hatte, auf den Tod von Nintendo-Chef Satoru Iwata letztes Monat an, und wie sich das auf die sicherlich perfekt geölten Zahnräder des Unternehmens ausgewirkt hatte. Nickend wurde mir versichert, dass auch Europa intern „dieser große Verlust für alle" kommuniziert wurde—aber wir wandten uns schnell wieder dem 3DS-Multiplayer-Game gegen ein Schleimmonster zu.

Call of Press: Modern Warfare

Nichts sagt mehr Gamescom wie Tonnen an Dark Souls III-Drinks und Fallout-Masken nach dem Ende des Endorphin-Highs frustriert in den Müll zu kippen. Überhaupt fing ich nach zwei Tagen an, mich langsam an den Merch, die Messe-Atmosphäre und den Presse-/PR-Flair zu gewöhnen.

Bei einer Spiele-Demo lernte ich einen Kollegen namens xTitus kennen. Er ist unter den ersten 50 im internationalen Battlefield 4-Ranking! (Das ist bei insgesamt knapp 90.000 Spielern echt gut, falls euch das nichts sagen sollte.)

Es folgte eine Debatte mit den Kollegen aus Österreich, warum ein Spiel mit Panzern besser funktioniert als eines mit Unterseebooten. Tatsächlich gesteht man wohl Panzern eine gewisse Ehrlichkeit und Geradlinigkeit zu, während U-Boote im Vergleich eher undirekt, feig und hinterhältig wirken.

Irgendwie hatte es uns die Umgebung beim Theater am Tanzboden angetan und mit einem Kollegen eines Kölner Tagesblatts kehrte ich zurück an den Fuß des großer RTL-nTV-Super-RTL-Turms. Ein Typ namens Etienne war auch dabei und hatte einen Haufen Gras. Da er erst 18 und damit mein Tor ins Gedankenreich der Teens war, erklärte er mir den Anspruch und Anreiz von YouTube-Stars. Ich kannte bei den vielen Namen nur den schwedischen PewDiePie, dem Menschen mit den meisten Youtube-Followers auf diesem Planeten.

Mein Interesse hatte eigentlich ganz pragmatische Gründe: Neben einem Straßenblöcke lahmlegenden Gamescom-Musikfestival gab es am selben Wochenende nämlich auch noch die Videodays in Köln, bei der die Lanxess Arena mit 20.000 Kids gefüllt wurde, die dort ihren YouTube-Götzen, Y-Titty, Simon Desue, LionZ, Dagibee, die Lochis bis Udo Bönstrup huldigen konnten.

Deus Paradox

Als ich mich auf den Heimweg machte, war ich innerlich leer. Ich hatte alle Reserven verschossen und sah, wohl auch dank des einen oder anderen Umtrunks, alles mit dem zynischen Blick eines alten Arschlochs. Ich ließ die Eindrücke Revue passieren und fragte mich, was das alles eigentlich sollte.

Hier wird eine Freizeitaktivität gefeiert, mit der wir über Jahre hinweg perfektioniert haben, unsere Couch nicht mehr verlassen zu müssen. Und ausgerechnet diese Leute treffen sich nun in Gruppen von 100.000, um miteinander den neuesten Titeln zu applaudieren, die sie das restliche Jahre in die Einsamkeit ihrer Zimmer zurück verbannen werden. Im grell flackernden Licht einer Miley-Show und musikalisch umrahmt von Elektronik der scooteresquen DJs feiern wir die geistigen Höhlen von morgen.

Das Absurdeste an der Gamescom waren für mich nicht die einzelnen Games oder Gamer. Es waren noch nicht mal die Sauf-Exzesse oder der Sexismus oder die Dekadenz oder die perfekt geölte PR-Maschinerie. Das Absurdeste an der Gamescom ist, dass man über sie nicht im Ganzen nachdenken kann. Wenn man versucht, ihr Konzept zu beschreiben und sie in einem Satz zu erklären, scheitert man—obwohl sie doch eigentlich ein recht klar umrissenes Themenfeld hat.

Aber irgendwie ist am Ende genau das auch ihre Stärke. Als der Flieger abhob und ich den alkoholischen Nebel gemeinsam mit den Wolken unter mir zurückließ, besserte sich auch meine Laune wieder. Von oben betrachtet bleibt vor allem die Erkenntnis, dass die Gamescom-munity saulieb und wahnsinnig freundlich ist.

Und dass all die Kids, die ihre Tanten zu 3 Stunden Schlangestehen genötigt hatten, in ihren dunklen Zimmerhöhen und in den immergleichen Pikachu-Pyjamas nicht so sehr die soziale Isolation feiern, sondern die Begeisterung fürs Märchenerzählen in Pixeln. Die Augen sind groß vor Begeisterung, die Kids haben Spaß und die Alten werden verhätschelt—und um wie viel mehr soll es bei einem Wochenend-Event bitteschön gehen? Lasst uns einfach nicht den tatsächlichen Spaß an unseren Spielzeugen verlernen.

Folgt Josef und fragt nach seinem seelischen Befinden Post-Gamescom auf Twitter: @theZeffo