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‚Komm für Bigfoot‘: Der Werdegang und die Zukunft der Monster-Erotik

Bücher über Sex mit Monstern verkaufen sich immer noch gut. Trotz Skandalen im letzten Jahr.

von Andrew Lipstein
16 März 2015, 3:04pm

Viele Leute behaupten, dass Komm für Bigfoot von Virginia Wade der erste Vertreter (oder zumindest der wahre Wegbereiter) des relativ neuen Literaturgenres „Monster-Erotik" ist. Das Ganze erscheint dabei wie die typische „Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Story der Eigenveröffentlichung: Wade ist eine Hausfrau und Mutter, die eines Tages plötzlich eine Idee für ein Buch hatte. Das schrieb sie dann, veröffentlichte es auf der Kindle Direct Publishing-Plattform von Amazon und wartete. Am Anfang passierte noch nicht so viel: Im ersten Monat verdiente Wade nur fünf Dollar.

Aber dann fand Komm für Bigfoot—in dem „eine affenähnliche Kreatur mehrere junge Frauen entführt, um sich mit ihnen fortzupflanzen"—sein Zielpublikum.

Das eBook, welches im Original inzwischen Moan For Bigfoot heißt (dazu kommen wir später), wurde allein 2012 mehr als 100.000 Mal verkauft, was Wade in den besten Zeiten mehr als 30.000 Dollar im Monat einbrachte. Mit Fortsetzungen (es gibt insgesamt 16 Moan For Bigfoot-Bücher), ähnlichen Konzepten (Taken By Pirates oder Seduced By The Dark Lord) und Übersetzungen (ihre Mutter das Buch ins Deutsche) konnte sie den Erfolg fortsetzen. Kurz gesagt: Wade hat das Genre der Monster-Erotik (auch Monster-Pornografie, kryptozoologische Erotik und Erotik-Horror genannt) salonfähig gemacht.

Die Titel neigen dazu, direkt und selbsterklärend zu sein: Goblins Love Ass, Mounted By A Minotaur, Taken By The T-Rex, The Ape Men Cumeth, Fertilized In Space (dieses Werk wird passenderweise mit den Schlagwörtern „Implantation, Fesselspiele, Schwangerschaft, Erotik" beworben) und Sex With My Husband's Anatomically Correct Robot.

Natürlich weisen die Bücher auch Unterschiede in der Qualität und im Anreiz auf. Ich habe mich mit einem anonymen Leser über seine Wünsche und Kriterien unterhalten. „Recherche und ein einigermaßen glaubwürdiges Monster sind auf jeden Fall von Vorteil", meinte er. „Sinnliche und dennoch SCHARFE Erotik, nicht einfach nur Schweinekram. Richtige Grammatik und ein Lektorat sind ein Muss ... genauso wie liebenswerte Charaktere und Bösewichte." Wie man an den Amazon-Bewertungen für Komm' für Bigfoot erkennt, wurde Punkt Eins bei der Übersetzung jedoch vernachlässigt. Anders gesagt: Monster-Erotik-Fans haben genau die gleichen Erwartungen wie jeder andere Leser auch.

Das Genre Monster-Erotik half dabei, bereits veröffentlichten Titeln eine Nische zu geben, und erschuf für zukünftige Autoren ein Vermächtnis, auf das sie aufbauen können.

„Ein Genre ist für mich definitiv von Nutzen. Das musste ich schon früh lernen, denn beim Schreiben von unerotischen Werken wollte ich mich nie an irgendwelchen Grenzen oder Kategorien halten", sagte Ellie Saxx, die Autorin von Titeln wie Sweet & Forbidden, Back Door Bargain oder Pegged To Order. „Ich habe nie wirklich daran gedacht, meine Bücher auf ein bestimmtes Zielpublikum zuzuschneiden. Bei meiner frühen Geschichte The Man Who Came Too Much [veröffentlicht im Februar 2012] war ich noch eine Autorin, die nicht wusste, wie man ein kommerzielles Buch angeht. Deswegen lässt sich das Ganze auch nicht in ein Genre einordnen und hat sich nie gut verkauft."

Nach Wades Bestseller erwies sich das Schreiben von erfolgreicher Monster-Erotik-Literatur für viele Autoren als sehr profitables Geschäft—das trifft auch heute noch in gewissem Maße zu. „Es gibt das diese Statistik, die besagt, dass fast ein Drittel aller Autoren weniger als 500 Dollar verdient. Wenn man mal ausschließlich die Sparte der erotischen Literatur betrachtet, dann sieht man schnell, dass diese Zahl dort viel höher anzusiedeln ist", erzählte mir Dalia Daudelin, die Autorin von illustren Büchern wie Sex with the Beast, Booty Call of Cthulhu oder The Demon's Slave. „Ich kenne ziemlich viele Autoren, die dieses Jahr wohl mindestens eine halbe Million verdienen werden. Ich hoffe, dass ich da nächstes Jahr ebenfalls dazugehöre."

Ende 2012 und Anfang 2013 waren die Zeiten jedoch noch rosiger. Die Bücher wurden förmlich aus den Regalen gerissen—also hypothetisch gesprochen, denn fast alle Monster-Erotik-Titel werden als eBooks verkauft. Aber dann kam der Rückschlag—vom Kobo-Geschäftsführer Michael Tamblyn auch „EroticaGate" genannt. In der Monster-Erotik geht es im Allgemeinen sehr vulgär zu, aber ein paar Bücher gehen noch weiter und es kommen dann auch Vergewaltigungen, Inzest, Sodomie und Sex mit Minderjährigen darin vor. Nach einem medialen Aufschrei Ende 2013 entfernten Anbieter wie Amazon systematisch anstößige Titel. In diesem Zug wurden auch weniger anzügliche eBooks wie eben Cum For Bigfoot vom Markt genommen. Aus diesem Grund wurde das Buch auch umbenannt und darf jetzt wieder verkauft werden.

Das Problem beim Verbieten von Büchern besteht darin, dass Obszönität etwas Subjektives sein kann. Amazons Erklärung war dementsprechend undurchsichtig: „Wir stufen die Dinge als anstößig ein, von denen man das auch erwarten könnte."

„Zensur wird schnell zu einem heiklen Thema", erklärte Amanda Hocking, die finanziell mehr als erfolgreiche Autorin von selbstveröffentlichten übersinnlichen Romanzen. „Was für den Einen ein Tabu darstellt, ist für den Anderen die Norm. Wer darf dann entscheiden, was Tabu und was Norm ist? Wer richtet darüber, was angebracht ist und was nicht?"

Trotz des Profits der Bücher ist es für die Anbieter normalerweise nicht rentabel, das breitere Publikum vor den Kopf zu stoßen. Ein Einzelhändler weigerte sich jedoch trotz Protesten—und das lange vor „EroticaGate". Smashwords, eine Verlags- und Verbreitungsplattform, geht demokratisch an die ganze Sache ran und wollte sich der Gegenreaktion nicht beugen. Im Februar 2012 kündigte PayPal jedoch an, die Partnerschaft mit dem eBook-Laden einzustellen, wenn der weiterhin „erotische Fiktion mit Sodomie, Vergewaltigung und Inzest" vertreiben würde. Smashwords ist zum Großteil von PayPal abhängig und war deshalb genauso angreifbar wie die anderen wenigen Anbieter, die sich zur Wehr setzten.

„Als sie uns das Ultimatum gestellt haben, wollte ich natürlich sofort mit ihnen über ihre Bedenken diskutieren", sagte Mark Coker, der Gründer von Smashwords. „Ich hatte das Gefühl, dass sie einen schwierigen Weg wählten, der nicht nur die Karriere von professionellen Erotik-Schreibern, sonder die Karriere von allen Autoren gefährdet. Meiner Meinung nach sollte ein Zahlungsdienst nicht in der Lage sein, Inhalte zu zensieren und die Infrastruktur der Zahlungsweise zu entfernen, von der alle Indie-eBooks abhängen."

PayPal hatte jedoch eigene Sorgen und wurde von den Kreditkartenunternehmen und Partnerbanken unter Druck gesetzt. Wenn PayPal gegen die Abkommen mit diesen Firmen verstößt, könnte die Möglichkeit der Verarbeitung von Kreditkartenzahlungen verloren gehen.

„PayPal hat schon einzelne Erotik-Autoren verängstigt, weil die als Einzelpersonen nicht viel Gehör fanden", sagte Coker. „Als sich das Unternehmen jedoch mit Smashwords anlegte, schlugen ihnen plötzlich die Stimmen von Zehntausenden Autoren und Lesern entgegen. Sie stachen in ein Wespennest."

Coker setzte sich mit einer vielschichtigen Strategie—inklusive direkten Gesprächen mit PayPal, einer Partnerschaft mit der Electronic Frontier Foundation und intensiver Interaktion mit der Presse—zur Wehr und erreichte so schließlich im März 2012 einen Waffenstillstand. Er betont allerdings auch schnell, dass Smashwords nicht alles und jeden in sein Angebot aufnimmt.

„Bestimmte Inhalte sind zu 100% verboten. Erotik mit minderjährigen Charakteren ist bei uns absolut tabu", sagte er. „Auch bieten wir keine Pornografie an, was nach meiner Defintion Bücher sind, die Nacktbilder zur Anregung enthalten. Für mich ist erotische Literatur erotische Literatur und keine Pornografie."

Heutzutage hat es den Anschein, als sei die Zensur beständiger denn je. Man scheint sich jedoch auch einig zu sein, dass die goldenen Zeiten vorbei sind.

„Nach dem, was ich am Höhepunkt meiner Lion God-Reihe erlebt habe, würde ich sagen, dass die Blütezeit vorbei ist" erzählte Saxx. „Ich meine, schon damals war Virginia Wades Cum For Bigfoot-Reihe durch die Decke gegangen und wieder am abklingen ... Die Beliebtheit all dieser Genres und Untergenres wird jedoch irgendwann wiederkommen."

Dem stimmt Daudelin zu. „Pornos sterben nie, sie machen nur bestimmte Phasen durch", sagte sie. „2025 werden viele andere Genres gekommen und wieder gegangen sein und irgendwann werden auch die Monster ihr Comeback feiern. Wie in der Mode gibt es auch bei Pornos bestimmte Trends."

Im Verlagswesen, wo schnell keine Beachtung mehr geschenkt wird, wenn etwas nicht den richtigen literarischen Anstrich hat, wird Erotik schnell verworfen—vor allem die Erotik, die außerirdische Analsonden oder Minotauros-Oralsex enthält. Monster-Erotik ist zugegebenermaßen auch nicht mit irgendwelchen für einen Buchpreis nominierten Werken vergleichbar, denn sie bereitet den Lesern zum Beispiel ein wirklich konkretes Vergnügen.

„Viele meiner Geschichten haben Frauen schon zum Höhepunkt kommen lassen", erzählte Daudelin. „Die Welt ist nicht mehr so prüde wie früher und ich finde es schön, wenn ich Frauen dabei helfen kann, ihre Fantasien auf sichere und einvernehmliche Art und Weise zu erfüllen."

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