Antifa gegen Hooligans-NPD-Reichsbürger-Montagsdemo: Vier zu null.

Rechte Demonstranten hatten am Wochenende wenig Erfolg in Berlin.

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Nov. 10 2014, 4:35pm

Alle Fotos: Grey Hutton

Was könnte schon ein besseres Datum für eine Demonstration von gewaltbereiten Nazi-Hools mit dem Motto „Das deutsche Volk wehrt sich" sein, als der 9. November? „Wir sind das Volk" meets Reichspogromnacht. Das sollte gestern eigentlich in Berlin passieren, während von offizieller Seite ​Ballons in die Luft geschickt wurden, um dem Mauerfall zu gedenken. Die Hooligan-Demo gehörte zum Umfeld der HoGeSa-Demo, die vor zwei Wochen Köln in Angst und Schrecken versetzt hat. Das reicht aber noch nicht. Am Reichstag fanden zwei Demos statt, eine von der Gruppe „Staatenlos" unter Führung des ehemaligen NPD-Mannes Rüdiger Klasen, mit dem Titel „Vereinigung aller Menschen zur Befreiung Deutschlands aus der faschistischen Kolonie - Heimat und Welt-Frieden = Zukunft für alle Völker!" , zu der es die Reichsbürger trieb, und direkt nebenan eine Veranstaltung unter dem Motto „rEVOLution, beginnt im Herz", die wiederum eine der zahlreichen Abspaltungen der Montagsmahnwachen ist, die sich aus dem einen oder anderen Grund gebildet haben. (Hauptsächlich, wegen eines angeblichen Linksrucks und der Distanzierung von Jürgen Elsässer). Eine weitere dieser Gruppen traf sich genau gegenüber am Bundeskanzleramt, wo dann auch Elsässer auftrat, der im Vorfeld schon Hooligans eingeladen hatte, an den Demos teilzunehmen, weil doch eigentlich alle für den Frieden sind und die armen Hooligans von den gemeinen Journalisten in eine rechte Ecke gedrängt werden.

Alles in allem also eine eher unangenehme und konfuse Gemengelage aus purem Hass, Antisemitismus, Homophobie und Verschwörungsideologen, die sich die Welt so zurechtdenken, wie es ihnen gefällt. Keine dieser Gruppen war dann aber in irgendeiner Art und Weise erfolgreich, sondern ging im günstigsten Fall unter oder kam überhaupt nicht zum Zug. 

Gegendemonstranten stürmen den Bahnhof Alexanderplatz als klar wird, dass sich drinnen eine Gruppe von NPD-Leuten aufhält.

Um neun Uhr morgens wurde von der Polizei bekannt gegeben, dass der Anmelder die Hooligandemo abgesagt habe. Diese Nachricht hatte aber scheinbar nicht Sebastian Schmidtke, den Berliner NPD-Vorsitzenden, und seine Freunde erreicht. (Darunter auch Pierre Dornbrach, Vorsitzender der JN in Brandenburg und Mitglied des Bundesvorstandes). Diese Gruppe von ca. 20 bis 30 lief also in die nicht ganz freundlich ausgebreiteten Arme der ohnehin versammelten Gegendemonstranten. 

Eine Gruppe von Hooligan-Sympathisanten.

Nach einem kleineren Zwischenfall, bei dem eine Flasche und ein Starbucks-Hocker von den NPDlern durch den Bahnhof geworfen worden war, setzte die Polizei die Wannabe-Hooligans in einen ​Zug zurück nach Lichtenberg.

Am Reichstag und am Bundestag wurde zwar aufgetreten, aber doch im weit kleineren Maßstab als gedacht und um einiges konfuser. Andererseits kann man davon ausgehen, dass es (auf bizarre Art) ein guter Tag für „Staatenlos" war, eine Gruppe, die auch häufig parallel zur Montagsmahnwache am Brandenburger Tor steht und behauptet, dass die Bundesrepublik eigentlich nicht existiert und wir alle weiterhin ​Reichsbürger sind und nur einen „Mitarbeiterausweis" der BRD GmBH haben. Selbst im verschwörungsoffenen Umfeld der Montagsdemonstranten schaffen es diese Leute selten, mehr als eine Handvoll Interessierte für ihre Veranstaltung zu begeistern. Meist wirken sie ein bisschen gestrandet zwischen Touristen, die den perfekten Standort für ein Brandenburger-Tor-Selfie suchen. 

„Wir sind das Volk"—aber das „Volk" verzichtet lieber.

Aber nicht gestern. Initiator Rüdiger Klasen sah sich der geballten Missgunst der Antifa-Gegendemonstranten ausgesetzt und schien fast die Aufmerksamkeit zu genießen, die er sonst nie bekommt. Trotz alledem fanden sich auch hier (nachdem man die Gegendemonstranten mit Gittern von den Demobühnen weggedrängt hatte) wieder nur geschätzte 20 Leute, die wahrscheinlich auch zum Großteil aus Rednern bestanden. Interessant zu wissen ist, dass selbst die mittlerweile abgespaltenen Teile der Montagsdemo, wie eben die Demo genau daneben, die etwa 15 Meter Luftlinie entfernt war, immer versuchen, sich von „Staatenlos" abzugrenzen. Das führte dann gestern tatsächlich dazu, dass man sich nicht nur von Bühne zu Bühne anschrie und versuchte, sich gegenseitig zu übertönen, sondern gleichzeitig auch noch der Antifa entgegenkreischte. Alles in allem also ziemlich verwirrende Zustände.

Die Nachbardemo hatte ebenfalls im Vorfeld damit geworben, dass man durchaus bereit sei, zusammen mit Hooligans zu demonstrieren. Und kurz nach Elsässers Einladung hatte sich auch hier die Zahl der Teilnehmer auf Facebook nahezu verdoppelt. Tatsächlich wurden eindeutig als Hooligan erkennbare Menschen aber relativ zügig von der Polizei abgefangen und weggeschickt. Und der tatsächliche Inhalt der Veranstaltung schien auch nicht gerade die Anwesenden, die der Szene zuzuorden waren (von denen leider niemand mit mir sprechen wollte) zu überzeugen. Insgesamt kann man vermutlich von etwa 200 bis 300 Teilnehmern sprechen.

Sigrid Schüßler—ehemalige Vorsitzende des Ring Nationaler Frauen, NPD-Mitglied und für den Frieden.

Die dritte Veranstaltung vor dem Bundeskanzleramt sprengte ebenfalls keine Besucherrekorde. Vor insgesamt etwa 200 Teilnehmern wurde viel über die internen Querelen referiert, was vermutlich auch noch den letzten Hooligan vergraulte. Jürgen Elsässer, dessen neuer Lebenstraum es zu sein scheint, zum Ehrenmitglied von HoGeSa ernannt zu werden, bezeichnete die Vorgänge in Köln als „antifaschistische Demonstration", drückte wiederholt seine Solidarität mit den Hooligans aus und sprach sich gegen Einwanderung aus. Besonders interessant war die Anwesenheit von Sigrid Schüßler zusammen mit Karl Richter. Schüßler war Vorsitzende der ​Frauenorganisation der NPD und kandidierte vergangene Woche für den ​Parteivorsitz. Richter ist ehemaliges Mitglied der Republikaner und hat es bis zum stellvertretenden Vorsitzenden der NPD geschafft, heute ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag und sitzt für die „Bürgerinitiative Ausländerstopp" im Münchner Stadtrat. Schüßler hatte schon im Mai eine ​Montagsdemo in Frankfurt besucht und wurde von den Teilnehmern im Nachhinein in Schutz genommen. Als ich sie auf die Spaltung der Mahnwachenbewegung angesprochen habe, die darauf zurückzuführen ist, dass die Gruppe um Lars Mährholz und Pedram Shahyar versucht, sich von politisch extremeren Mitgliedern wie Elsässer und eben auch Besuchern aus dem Neo-Nazi-Spektrum zu distanzieren, spricht sie genau das aus, was die rechten Stimmen aus dem Camp der Mahnwachen auch sagen: „Es ist destruktiv, sich zu spalten und abzugrenzen. Man ist für Frieden und grenzt sich ab von Menschen, die auch für Frieden sind, das ist absurd." Genau hier zeigt sich wieder das große Problem des diffusen Friedensbegriffes der Mahnwachen. Man kann sich kaum vorstellen, dass der „Frieden" von Sigrid Schüßler irgendwas mit dem „Frieden" zu tun hat, den man selber will. Und auch sonst folgt ihre Argumentation der von Elsässer. Genauso wie er sagt sie, dass die Krawalle in Köln von den Medien falsch dargestellt wurden.

Nur um das nochmal für die Montagsdemo-Apologeten zusammenzufassen: Hooligans werden eingeladen und im begeisterten Publikum stehen NPD-Kader und bedienen sich genau der gleichen Argumentation. Aber nein, selbstverständlich hat das alles nichts mit rechten Ideologien zu tun. Die Bild schreibt dazu heute lapidar in der Print-Ausgabe, dass vor dem Reichstag eine „Mahnwache von 250 Neonazis" stattfand. 

So oder so, auch hier gab es einen Punktsieg für die Antifa. Elsässers Tirade über die Hooligans und die ​GDL ging in lauten „Halt die Fresse"-Sprechchören unter. Und damit verloren rechte Demonstranten auch die letzte Runde des Tages.

Alle Fotos: Grey Gutton

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