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Constantin Grosch: Wenn man das wirklich konservativ rechnet, sind das sicherlich über 100.000 Menschen in Deutschland—und ich gehe eigentlich davon aus, dass das viel mehr sind. Es ist also keine ganz kleine Gruppe, aber es betrifft natürlich auch nicht den Großteil der Bevölkerung.Glaubst du, durch deine Petition könnte sich bald etwas ändern? Schließlich sind ja gerade Koalitionsverhandlungen.
Für uns wird der Knackpunkt Mitte nächsten Jahres sein, wenn die Länder und der Bund über Bezahlung der Eingliederungshilfe streiten. Das heißt, die müssen dann das Gesetz eh schon ändern. Und wir möchten darauf hinwirken, dass sie dann auch gleich diese Problematik beheben, wenn schon etwas an dem Gesetz geändert wird. Was die Koalitionsverhandlungen betrifft, ich kenne die Meinung von Frau von der Leyen, und die hilft uns nicht weiter. Sie spricht zwar immer davon, dass sie diese Vermögensgrenze anheben würde, aber bis wohin anheben? Und selbst wenn man das von 2600 Euro auf 50.000 anhebt, kann ich mir trotzdem keine Altersversorgung aufbauen oder mir ein Haus kaufen.
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Die Problematik ist dabei wohl eher, dass sie das eigentlich nicht interessiert. Ich habe mich mit vielen Politikern von allen Parteien unterhalten, und die sagten mir alle, dass die CDU grundsätzlich gar kein Interesse daran hat, die Situation von Menschen mit Behinderung zu verbessern, vor allem nicht finanzieller Natur. Weil das eben auch bedeutet, diese ganze Bevölkerungsgruppe zu stärken, ihr noch weiter Selbstbewusstsein zu geben, was dazu führt, dass sie vielleicht noch andere Rechte einfordert. Deshalb zieht die CDU Allgemeinplätze und kleinere Sachen vor, wo man schön in der Öffentlichkeit sagen kann, wir tun was für Behinderte, die aber nicht weiterhelfen. Man sagt einfach: „Ja natürlich, wir möchten, dass Menschen mit Behinderung ganz normal arbeiten gehen und einen Platz in der Gesellschaft finden, aber nur solange, wie wir sie in der Öffentlichkeit darstellen können als diejenigen, die Hilfe brauchen“—die man immer so schön tätscheln kann und dann einmal im Jahr was Nettes auf einer Rede sagen kann, und das war's dann.Ich glaube, es passt einfach nicht ins Weltbild der CDU, aber vielleicht auch der Gesellschaft allgemein, dass Menschen mit Behinderung genauso Leistungsträger sein können wie andere Menschen auch. Letztes Jahr gab es ja diesen Film Ziemlich beste Freunde, wo dieser Behinderte ultrareich ist und Maserati fährt. Den Film fanden alle ganz toll. Es wurde gar nicht thematisiert, dass da ein Behinderter ist, der Geld hat. In Deutschland wäre so etwas gar nicht möglich—weil man sich als Mensch mit Behinderung niemals aus etwas heraussparen kann, es sei denn, man ist jetzt wirklich ein Multimilliardär. Aber für 99 Prozent aller Menschen mit Behinderung wird es nie möglich sein, irgendetwas zu sparen oder sich eine Existenz aufzubauen.
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Nicht auf Biegen und Brechen kleinhalten, aber ich glaube schon, dass das eine Rolle spielt. Das ist auch ein allgemeines Gesellschaftsbild, dass man den Menschen mit Behinderung lieber als einen Bittsteller sieht als jemanden, der etwas einfordert. Weil der Staat natürlich weiß, wenn die Menschen jetzt noch mehr fordern—wenn man sich zum Beispiel barrierefreies Bauen in öffentlichen Einrichtungen ankuckt, das wären ja Milliarden. Man sieht die Gefahr, dass wenn man ihnen eine finanzielle Kraft gibt, womit sie unabhängiger sind und eher ihre Rechte einklagen können, kommen dann noch mehr Kosten auf die Politik zu, und das möchte man verhindern.Es ist eine durchaus sehr verfahrene Situation. Die Aussage von Westerwelle, „Arbeit muss sich wieder lohnen“—nur halt nicht für Menschen mit Behinderung. Es ist paradox, und es führt unser Solidarsystem ad absurdum.Zunächst einmal würde es dem Staat doch mehr Steuereinnahmen verschaffen, wenn er diese Grenze abschaffen würde, oder?
Er würde zumindest erstmal einen Anreiz schaffen, dass Menschen mit Behinderung arbeiten gehen, und daraus entstehen ja Steuereinnahmen. Die Argumentation von Frau von der Leyen ist immer, dass die Eingliederungshilfe 13 Milliarden Euro koste. Das stimmt auch, aber diese Kosten fallen an, egal ob ich arbeite oder nicht. Das Einzige, was wegfallen würde, ist das Geld, was der Staat bekäme, wenn ich meine Assistenz selber zahle. Das sind aber maximal 200 Millionen Euro im Jahr.
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Genau. Und ein Heimplatz oder auch ein Platz in einer Behindertenwerkstatt kostet den Staat ja viel mehr, als wenn ich plötzlich arbeiten gehe und selber meine Wohnung und meinen Lebensunterhalt finanziere. Da spart der Staat ja auch noch mal direkt ein, indem er in anderen Bereichen weniger Hilfe leisten muss. Und das wird momentan gar nicht berücksichtigt, weil man das gar nicht so wahrhaben möchte, habe ich das Gefühl.Es ist im Grunde verrückt.
Ja, vor allen Dingen wenn man sich jetzt auch das ganze mit der Debatte um Inklusion überlegt—Menschen mit Behinderung sollen ganz normal in die Schulen gehen und Abschlüsse machen. Warum macht da der Staat auf dieser Ebene so einen Aufwand, wenn er den Menschen mit Behinderung direkt nach der Schule sagt: „Ist zwar schön, dass du einen Abschluss gemacht hast, aber damit anfangen brauchst du eigentlich nichts“? Da fühlt man sich als Mensch mit Behinderung so ein kleines bisschen verarscht.Wenn so eine Assistenz 10.000 Euro im Monat kostet, selbst wenn ich jetzt im Lotto eine Million Euro gewinnen würde, wäre das Geld nach zehn Jahren weg, ohne dass ich einen Cent für irgendetwas anderes ausgegeben habe. Nur dafür, dass ich die Hilfe bekomme, dass ich schlichtweg leben kann.

Das ist ja nicht nur Vermögen, das auf dem Konto liegt. Vermögen ist ja auch ein Haus oder ein Auto. Vermögen bezieht sich ja auf sämtliche Vermögenswerte. Es gibt beispielsweise Fälle, wo Menschen mit Behinderung ein Haus erben und das sofort verkaufen müssen, damit sie dann von dem Geld ihre Assistenz für ein halbes Jahr zahlen müssen. Danach ist das Geld weg, und dann sagt der Staat wieder: „OK, jetzt spring ich ein.“ Woran man ja sieht, was für ein Irrsinn das eigentlich ist. Das hat ja eigentlich keinen Vorteil für niemanden.
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