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Es gab eine Reihe von Gründen, aber ausschlaggebend war, dass ich den Militärdienst umgehen wollte. Ich bin kein Kämpfer; ich würde keine Waffe in die Hand nehmen, um für Bashars Überleben zu kämpfen. Einem Diktator, der durchgedreht ist und dann anfing, sein eigenes Volk umzubringen, während der Rest der Welt stillschweigend zusieht. Ich habe Syrien auch deshalb verlassen, weil es dort keine Arbeit gab. Ich muss jetzt genug Geld verdienen, um den Rest meiner Familie aus Syrien rauszuholen.Was hast du vor deiner Abreise gemacht?
Ich hab das letzte Jahr Jura fertig studiert und eine Lehre in einem Schifffahrtsunternehmen in Latakia gemacht.Hast du noch Familienangehörige in Syrien? Habt ihr noch Kontakt?
Ja, meine ganze Familie ist noch dort. Wir sprechen uns mindestens einmal pro Woche.Wie würdest du ihre Situation beschreiben?
Na ja, im Juni dokumentierte die UN mehr als 100.000 Tote. Dazu zählte man nicht die Vermissten oder diejenigen, die verhaftet oder entführt wurden. Es sind Zustände wie im Dschungel. Es gibt keine Arbeit, alles ist absurd teuer und tagsüber haben wir kaum Strom.
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In Athen.Wie bist du dort hingekommen?
Mit einer älteren Dame bin ich über Land von Syrien in die Türkei geflüchtet und dann mit dem Bus zu einem Schleuser nach Didim gefahren. Er transportiert syrische Flüchtlinge in Gummibooten, in die eigentlich 14 Leute passen, doch wir waren 44 Menschen in einem Boot, vier davon waren Babys.

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Für zwei Nächte teilten wir uns alle eine winzige Zelle, das Essen war furchtbar und die Behandlung schlecht. Dann verlegten sie uns für zwei weitere Nächte in eine andere Zelle in Laros, wo wir ähnlich behandelt wurden. Nachdem wir unsere Fingerabdrücke abgegeben hatten, interviewte uns eine Dame von der UN, und da ich der einzige von uns war, der Englisch sprach, musste ich für alle übersetzen. Schließlich ließ man uns frei und wir gingen nach Athen, um einen weiteren Schieber zu treffen, der uns gefälschte Pässe zur Ausreise aus Griechenland gab.
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Entweder nach Belgien, Deutschland oder Holland. Dort behandelt man syrische Flüchtlinge gut, im Gegensatz zu Griechenland.Wie planst du, da hinzukommen?
Na ja, ich habe viermal versucht, mit gefälschten Pässen in ein Flugzeug zu kommen, aber ich wurde erwischt. Die ältere Dame hat es allerdings beim ersten Mal geschafft und ist nun mit ihrem Sohn in Belgien. Ich habe versucht, Griechenland über Mykonos, Kalamata, Silon und Zakynthos zu verlassen. Das nächste Mal versuche ich es über Athen, vielleicht ist es auf einem belebten Flughafen einfacher.

In naher Zukunft hoffe ich einzig und allein, dass ich Griechenland verlassen und nach Deutschland, Schweden oder Belgien kommen kann. Viele Syrer sind nach Griechenland geflüchtet; viele von ihnen stellten Asylanträge, aber nur wenige davon wurden genehmigt. Langfristig hoffe ich, dass das Regime stürzt und dieser Albtraum ein Ende nimmt, damit ich zurück zu meiner Familie kann.Denkst du, dass du jemals nach Syrien zurückkehren wirst?
Ich würde gerne sagen, dass ich es tun werde, aber das wird noch eine ganze Weile dauern, glaube ich. Als Syrer sind wir dazu verpflichtet zurückzukehren und unser Land neu aufzubauen. Der Albtraum wird eines Tages vorüber sein und wir müssen in jeder nur erdenklichen Weise dazu beitragen, konfessionelle Spaltungen im Land zu beenden. Syrien war immer eine Einheit. Man wird versuchen, es wie den Irak aufzuteilen, aber das dürfen wir nicht zulassen.
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Ich fühle mich hilflos und erschöpft. Außerdem fühle ich mich schuldig. Wenn meiner Familie zu Hause irgendwas passiert, werde ich mir das nie verzeihen können.Was war deine beste Erfahrung, seitdem du Syrien verlassen hast?
Die beste Erfahrung war, meine Familie anzurufen und ihr zu sagen, dass ich in Sicherheit bin. Es hat vier Tage gedauert, bis ich den Anruf machen konnte, und sie dachten schon, ich sei auf dem Weg ertrunken.Und was war das Schlimmste?
Die schlimmste Erfahrung war, bei einem meiner gescheiterten Versuche, Griechenland mit einem gefälschten Pass zu verlassen, Handschellen angelegt zu bekommen. In Kalamata vor den Augen aller verhaftet zu werden, war erniedrigend. Zu sehen, dass Eltern ihre Kinder näher an sich heranrückten, als ich an der Sicherheitskontrolle von Polizisten abgeführt wurde, war eine sehr unangenehme Erfahrung. Sie dachten wahrscheinlich, ich wäre ein flüchtiger Krimineller oder ein Drogendealer. Ich fragte mich: Was habe ich verbrochen? Dass ich vor einem Krieg davonlaufe? Der Polizist, der mich verhaftete, war vielleicht 25 Jahre alt. Er führte mich von einem Büro des Flughafens ins nächste und zeigte seinen Freunden meinen gefälschten Ausweis. Sie lachten mir ins Gesicht. Ich war drauf und dran zu explodieren. Dann gingen wir vor Gericht und der Richter sprach mich ohne Anklage frei. Dennoch steckte er mich für zwei Tage ins Gefängnis, damit ich, wie er es ausdrückte, „meine Lektion lernen würde“.
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Ich habe mich mit fünf Syrern angefreundet, mit denen ich zur Zeit zusammenwohne. Wir teilen uns eine Ein-Zimmer-Wohnung, die der Schieber für uns besorgt hat, bis wir es schaffen, Griechenland zu verlassen.Wie sähe momentan dein Best-Case-Szenario aus?
Bashar wird von seinem Bodyguard ermordet, der Krieg geht zu Ende, ich komme zurück nach Hause—Ende der Geschichte. Aber das wird nicht passieren, deshalb wäre mein Best-Case-Szenario realistischerweise, dass ich es nach Deutschland schaffe, mich für ein politisches Asyl bewerbe und es innerhalb weniger Monate bekomme. Wenn ich das Asyl einmal habe, würde ich um die 700 Euro von der Regierung bekommen und die Sprache lernen. Dann würde ich anfangen zu arbeiten und solange sparen, bis ich meine Familie herholen kann.Was wäre das Worst-Case-Szenario?
Während des Krieges kann alles Mögliche passieren. Ich versuche, nicht daran zu denken, was meiner Familie zustoßen könnte. Die Typen vom Militär könnten jederzeit vor der Tür stehen, um mich zum Militärdienst abzuholen. Meine Eltern würden ihnen erzählen müssen, ich sei gestorben oder vermisst. Wenn sie ihnen nicht glauben, werden sie meine Brüder mitnehmen, oder meinen Vater, wahrscheinlich sogar meine Mutter … Sie sind wie Wilde … Das ist mein größter Albtraum.Mehr zum Thema Syrien:Ground Zero: SyrienSyrien - Das eingeäscherte WeltkulturerbeUnter Beschuss in Aleppo