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Der Madboy des Hamburger Trashkinos

Während Zahnärzte im Allgemeinen aussehen wie Zahnärzte, Pizzaboten wie Pizzaboten und Hausfrauen wie Hausfrauen, sieht der gemeine Regisseur eher aus als eine Züchtung aus Zahnarzt, Pizzaboten und Hausfrau als wie ein Regisseur. Bei Henna Peschel liegt die Sache noch ein bisschen anders: Er war früher Tankwart und hat mittlerweile die Aura eines Mannes, der dir mit einem aufrichtigen Lächeln sein gerade ausgebranntes Auto vertickt. Als Abel der Hamburger Filmszene genießt er seit Rollo 1 und 2, zwei Super 8 Trash Filmen mit Rocko Schamoni, etwas, das Gönner Kultstatus und Neider Hype nennen.

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Er hat für Klaus Lemke Punks im Dschungel gefilmt, Videos für die Pixies gedreht und karrt jetzt seinen ersten "richtigen" Kinofilm, Madboy, im Safe eines alten Geldtransporter quer durch Deutschland. Synchron dazu weigerte er sich, für Interviews seine Sturmmaske abzunehmen. Weil seine Schönheit von den Schauspielern ablenken könnte. Nahmen wir an. Wir nehmen nicht an, dass ihr euch vorstellen könnt, wie dämlich du dir vorkommst, wenn du mit einer Sturmmaske über den Niedergang des deutschen Films sprichst.

Du bist der Rockregisseur Hamburgs—dem Ort, wo die Beatles zur Band wurden.
Ja, die traten damals mit Klobrillen um den Hals im Starclub auf, fünf Mal am Abend, auf Pille. Und jetzt haben wir—naja. Kettcar. … liest Marcus Wiebusch euer Magazin?

Bestimmt.
Cool, ich dachte, wir machen heut mal ein großes Diss-Interview. Also, ich hasse: Olli Schulz, Kettcar, Tocotronic, wer ist überhaupt Tomte…

Komm schon. "Das ist nicht die Sonne, die untergeht…". Dieses aufgeblasene, sentimentale Gejammer.
OK, du hasst die Hamburger Schule—großartige Vorrausetzungen für ein Interview.

Nein, nein. Nichts gegen die Hamburger Schule. Tocotronic sind OK. Die jammern zwar auch, aber wenigstens in kurzen Sätzen. Wen gibt's noch, die Sterne?
Ja, jetzt Spilkergruppe, die machen ja für mich auch Musik.

Du hast ja gerade in Hamburg eine nahezu fanatische Fangemeinde, die alles, was du machst, als Kult hypt.
Naja, "Kult" hab ich oft gehört im Zusammenhang mit meinen ersten beiden Filme, weil die Filme auf eine sehr brachiale Weise entstanden sind. Das Filmmaterial ist so unglaublich schrottig, dass du nicht weißt, von wann der Film ist. Wir haben mit abgelaufenen Filmrollen gearbeitet. Die lagen in einem Schaufenster in der Sonne rum, waren fünf Jahre abgelaufen und komplett ausgeblichen, was dazu führte, dass auf einem Filmfestival Christoph Schlingensief auf mich zukam und sagte: Sag mal, wo habt ihr denn euer Material gefunden—so ganz freundlich—auf dem Sperrmüll? Und ich so: Nee, du, das haben wir nicht gefunden, das haben wir selber gedreht. Was er mir partout nicht glauben wollte. Er ist bis heute der festen Überzeugung, der Film sei gefunden…

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Aber es muss noch einen anderen Grund geben.
Weil er … du musst wissen, Hamburg ist eine Gangsterstadt. Im Gegensatz zu Bielefeld—ich weiß nicht, ob da jetzt Vice gelesen wird—oder Warnemünde ist Hamburg eine Gangsterstadt. Da gibt es auf jeden Fall einige Leute, die einige krumme Dinger machen. Wenn du in 'nem Viertel 'nen Laden aufmachst, dann kommen die an und sagen, schöner Laden, den machen wir jetzt zusammen, ne? Und wenn du den nicht "zusammen" machen willst, gibt´s da in so 'ner Bar 'nen gekachelten Raum, da stecken sie dich rein, und dann kommt ein Kampfhund hinterher, und nach zehn Minuten holen sie ihn wieder raus…

… und das, was von dir übrig ist.
Darum ist der Raum ja gekachelt… kurzum, Tag und Nacht läuft hier was schief, so. Das bilden meine Filme ab, das bildet auch Madboy ab.

Du bleibst überhaupt nahe an der Wirklichkeit. Du lässt z.B. das Set offen, so dass jeder reinlaufen kann.
Die Art des Filmedrehens musst du dir so vorstellen, dass ich versuche, mich in die Realität einzuschleichen. Das geht am besten, wenn die Leute erstmal selber nicht merken, dass ein Film gedreht wird. Das größte Tabu ist das Wort "Film". Das darf auf keinen Fall sein. Dann strengen sich Leute an, weil sie denken, das wäre irgendwie wichtig, es geht um irgendwas. Das ist totaler Scheiß, das brauch ich nicht. Die oberste Grundregel ist also, dass niemand vom Film reden darf. Das heißt natürlich auch, dass wir beispielsweise kein richtiges Team haben. Zweite Grundregel. Bleibe unauffällig.

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Das ist so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was sonst im deutschen Kino passiert. Es gibt im deutschen Film ja allgemein zwei Extreme: zum einen diese überplanten, professionellen, glattgebügelten Daniel-Brühl-Filme, zum anderen dieses krampfhaft auf Amateur getrimmte Super 8 Kino, wo man denkt, der Regisseur hat dem Kameramann gesagt "Wackel mal'n bisschen mehr mit der Kamera, sonst ist das keine Kunst".
Es gibt unter den Produzenten eine Todesangst vor jeder Realität. Jedes Drehbuch wird, bevor es gedreht wird, erstmal abgeklopft: ob es frauenfeindlich, fremdenfeindlich ist. Alles muss ethisch absolut korrekt sein, muss alle Arten der Fernsehunterhaltung bedienen, muss jung und alt gefallen, das darf nicht zu brutal sein—das ist ja dramatisch, was das erfüllen soll, so ein armes Drehbuch.

Was ist mit der Bombe, die ihr für den Film gebaut habt? Habt ihr die mal explodieren lassen?
Diese Bombenbauanleitung stammt aus dem Internet. Das ist exakt die Bombe, die immer diskutert wird in der Presse. Das Ding ist, dass die so unglaublich einfach zu bauen ist. Also, wenn jetzt ein paar Jungs in Kiel eine Kofferbombe bauen wollen, nehmen sie genau diese Anleitung aus dem Internet.

Dich reizt also die rohe Realität. Warum drehst du dann keine Dokumentationen?
Was ich zuletzt wirklich brilliant fand, war tatsächlich eine Dokumentation über den Dreh des ersten Spielfilms in Baghdad. Da ging es darum, dass ein irakischer Regisseur 2006 im Bürgerkrieg einen Spielfilm dreht, und auf den Straßen sollen die Schauspieler spielen und zucken ab und zu, weil an der nächsten Straßenecke geschossen wird—und er sagt, und Action, Dialog—und die Schauspieler zucken immer nur zusammen. Dann wurde der Regisseur entführt—während der Dreharbeiten—durchgefoltert—und später rausgelassen und dreht weiter. Das war ein Film, bei dem ich unwillkürlich an die deutsche Filmwirtschaft dachte, die Leute, die sagen - "Jaja, ich brauch noch Förderung, ich brauch drei Millionen, sonst kann ich hier nicht drehen." – und da schmeißt wer im Hintergund 'ne Handgranate, und der Schauspieler muss sich umdrehen, ob er noch weiterdrehen kann, oder ob er gleich tot ist—und der Film wird brilliant.

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Du glaubst also, es würde dem deutschen Film gut tun, wenn mal ein paar mehr Handgranaten geworfen würden?
Es würde dem deutschen Film gut tun, den akademischen Apparat abzuwerfen, die Behäbigkeit abzuwerfen. Es wird oft jahrelang geplant, bis dann gedreht werden darf. Wie kann das sein? Wenn ich jetzt einen Film drehen will über aktuelle Sachen—z.b über den Ausbruch der Schweinegrippe—was ich nicht will—was soll ich da zwei Jahre warten? Da hab ich gar keine Lust mehr zu. In zwei Jahren gibts ganz andere Krankheiten.

Wovon handelt dein nächster Film?
Vom Aufstieg eines rappenden Pizzaboten zum Manager der Hiphop-Szene.

Also wie in Madboy, nur erfolgreicher.
Was heißt erfolgreich, erfolgreich ist Madboy ja auch insofern, dass er vom Freigeist zum Songwriter wird. Am Anfang schreit er immer den gleichen Satz in seiner Hardcoreband, am Ende singt er ein schönes Lied.

Na großartig.
Ich fand's lustig.

Wie diesen Witz im Film? "Was sagt eine Frau mit Sperma auf der Brille?"
"Ich hab's kommen sehen." – Ja. Das ist ein Siebzigerjahrewitz. Witze im Film erzählen ist heikel, außer, wenn der Gesprächspartner nicht lacht. Wenn er nicht lacht, funktioniert's.

Erzähl mal einen Witz.
"Kommt ein Arzt."


Auch ein Siebzigerjahrewitz.

JL
FOTOS: CHRISTIAN PANKRATZ