Auch in Rio ist man vor Tränengas und brutalem Polizeieinsatz nicht sicher

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Auch in Rio ist man vor Tränengas und brutalem Polizeieinsatz nicht sicher

Nicht nur in Istanbul oder vereinzelt in Deutschland beschuldigt man die Polizei, (unverhältnismäßig viel) Tränengas und Gewalt gegen Demonstranten einzusetzen. Was gerade in Rio de Janeiro passiert, ist genau das gleiche: Was als ein Gefühl der...
27.6.13

Am 20. Juni war ich in Rio de Janeiro und ging mit ungefähr 300.000 bis einer Million Menschen in auf die Straßen, um zu feiern, dass die Preise des öffentlichen Nahverkehrs doch nicht erhöhrt wurden. Eigentlich sollte die Feier und der Marsch friedlich verlaufen, bis es zu brutalen Zusammenstößen mit der Polizei kam.

Eine Polizeireiterstaffel, Bereitschaftspolizei und die berüchtigten gepanzerten Fahrzeuge, auch „Caveirão“ (großer Totenkopf) genannt, stellten sich den Demonstranten in den Weg, nachdem eine Gruppe Rechter anfingen, zu pöbeln.

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Die Demonstration fing bei der Candelaria-Kirche an, einem Wahrzeichen im Stadtzentrum, wo vor fast 20 Jahren ein Polizeimassaker stattgefunden hatte. Die Demonstration verlief vorerst friedlich entlang der Avenida Presidente Vargas in Richtung Bürgermeisteramt. Viele Familien, ältere Menschen und Kinder nahmen daran teil.

Als sie allerdings beim Büro des Bürgermeisters ankamen, kippte die Stimmung. Nachdem sich Mitglieder der Rechtspartei der Gruppe anschlossen und anfingen, zu provozierten, wurden die Demonstranten von der Polizei eingekesselt. Kurz danach kamen die Polizeireiterstaffel und die „Caveirão“ dazu. Die Frage war nicht, ob es einen Konfrontation geben würde, sondern wann.

Ein paar der Demonstranten schossen Feuerwerkskörper auf die Polizei, was ihre Pferde erschreckte. Kurz darauf setzte die Polizei Tränengas ein, und die Reiterstaffel versuchte, die Menge auseinander zu treiben. Zu diesem Zeitpunkt kamen auch die „Caveirão“ ins Spiel, die langsam vorrückten, um so der Polizei Deckung zu geben. Viele Menschen flüchteten in die Seitenstraßen, während ein paar von ihnen standhielten, Steine warfen und Feuerwerkskörper in Richtung Polizei feuerten.

Gemeinsam mit anderen Journalisten begleitete ich die Polizeireiterstaffel und sah die Zerstörung. Schilder waren beschädigt, Metallstangen herausgerissen, Bushaltestellen komplett zerstört. Die Terrirao do Samba, eine bekannte Konzerthalle, stand in Flammen. Einige der Demonstranten, die von der Polizei angegriffen wurden, waren entkommen, brachen in die Konzerthalle ein und legten Feuer.

Zwei Kinder wurden von der Polizei angehalten, weil sie eine Art Flüssigkeit bei sich hatten. Sie erklärten, dass es sich nur um Gesichtsfarbe handelte, mit der sie sich die Gesichter grün und gelb anmalen wollten. Die Polizei warf sie zu Boden und hielt ihnen eine Waffe an den Kopf. Eine Gruppe versuchte, die Polizisten davon zu überzeugen, die Kinder gehen zu lassen, aber zu diesem Zeitpunkt war die Situation sehr angespannt und ein Militärpolizist ohne Namensschild schrie in die Menge, dass alle ihre Maske abnehmen sollten oder verhaftet würden.

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Wir sahen uns um, aber keine trug eine Maske. Ein paar Leute trugen lediglich Gasmasken um den Hals. Ein Mann mit einem nördlichen Akzent lächelte und sagte: „Colonel, Sie verwenden eine Metapher, wenn Sie uns darum bitten, unsere soziale Maske abzunehmen.“

Da lachten ein paar Leute und die Spannung löste sich etwas. Nach längeren Verhandlungen beschloss die Polizei, die Beiden nicht festzuhalten. Die Menge begann zu rufen: „Wenn sich Menschen zusammenschließen, kann man sie nicht besiegen.“

Zu diesem Zeitpunkt marschierte die Polizei zur anderen Straßenseite und einer von ihnen wandte sich ganz den Demonstranten zu und feuerte Tränengas mitten in die Menge.

Diese Haltung, einfach Tränengas auf Leute zu schießen, die feierten, dass zwei Menschen nicht unrechtmäßig verhaftet worden waren, wurde die ganze Nacht über immer wieder erzählt. Ich lief zum Cinelandia, einem öffentlichen Platz im Stadtzentrum und sah Menschen auf den Stufen des Stadttheaters und auf Parkbänken sitzen.

Trotzdem fuhren die „Caveirão“ mehrfach vorbei, und schossen weiter Tränengas in die Menge. Der Geist der Rebellion wurde immer stärker und nach einer weiteren Auseinandersetzung mit der Polizei, fingen sie an, mit Steinen zu werfen. Immer mehr Schüsse wurden abgefeuert und Tränengas eingesetzt, und wir mussten in das berühmte Künstlerviertel Lapa flüchten.

Dort war ich plötzlich von aggressiven Polizisten umzingelt. Auf alle, die in die Seitenstraßen flüchten wollten, hagelten Gummigeschosse ein und die, die sich nicht rührten, wurden mit Tränengas beschossen.

Viele der erschöpften und mitgenommenen Demonstranten versammelten sich und warteten ab, bis sich alles beruhigt hatte. Regelmäßig fuhr die Polizei vorbei und setzte Tränengas ein.

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Die Leute husteten, mussten sich übergeben und hatten keine Ahnung wohin sie gehen sollten, da sie eingekesselt waren. Eine Frau sagte, sie hielte es nicht mehr aus und würde gehen. Sie lief alleine auf dem Gehweg und verschwand. Ein paar Minuten später kam sie zurück, mit schmerzendem Bauch und Verletzungen durch Gummigeschosse, die sich durch ihre Kleidung gebrannt hatten. Ich versuchte erst nach einer ganzen Weile, dort rauszukommen. Ich habe es gerade so geschafft zu fliehen.

Ich war schockiert darüber, wie viel Gewalt gegen die Demonstranten eingesetzt wurde. Die Konfrontationen waren in den vergangen Wochen immer heftiger geworden, und was als ein Gefühl der Ungerechtigkeit begonnen hatte, hatte sich inzwischen zu echtem Hass entwickelt. Ich hörte, wie sich Leute unterhielten und sagten, dass sie immer gegen Vandalismus und Gewalt gewesen waren, aber nach den Übergriffen der Polizei in dieser Nacht hätten sie ihre Meinung geändert.