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„Tätowiere dich selbst. Das macht Spaß.“

Beim DYI-Tattoo-Laden „No Class“ geht es nicht darum, möglichst schöne Tattoos zu bekommen, sondern sich selber (beschissene) Tattoos zu stechen. Betrunken und umsonst.
31.7.14

No Class“ ist ein Do-It-Yourself-Tattooladen, der vom Skateboarder Jesse Brocato in seinem Wohnzimmer in Fairplay, Colorado, betrieben wird. Dort ist jede Tätowierung kostenlos, so lange du zumindest schon halbwegs angetrunken bist, wenn du dir selbst die Tinte unter die Haut jagst. Ich denke, das ist auch der Grund dafür, warum dieses Wohnzimmer in der Skate-Szene immer beliebter wird.

Letztens habe ich während eines Skate-Trips nach Colorado „No Class“ einen Besuch abgestattet und mit Brocato geplaudert.

VICE: Wie habt ihr mit dem Ganzen angefangen?
Jesse Brocato: Das alles begann, als wir rausfanden, dass unser Freund Shane eine Tätowiermaschine besitzt. Wir sagten ihm, dass er sie mitbringen soll, und er dachte, dass er uns tätowieren wird. Aber wir meinten dann: „Fuck, gib her.“ Und dann haben wir uns selbst Tattoos verpasst.

In dieser Nacht habe ich mich verliebt. Ich sagte mir: „Ich werde nie wieder für eine Tätowierung bezahlen.“ Jeder gibt so viel Kohle für diese kunstvollen Tattoos aus. Die Idee hinter „No Class“ ist folgende: Wer braucht schon ein kunstvolles Tattoo, wenn man auch ein schlechtes Ghetto-Tattoo haben kann?

Und dann ging’s richtig los?
Nun, ich habe mal Schnaps selbst gebrannt. Mit dem haben wir uns dann betrunken und einfach angefangen, uns selbst zu tätowieren. Mit der Zeit haben wir im Internet mehr Zubehör gekauft. Inzwischen haben wir drei Maschinen. Die Leute sehen unsere Arbeiten und wollen auch ein beschissenes Tattoo. Ich sage ihnen dann, dass sie es selbst stechen müssen. Darum geht es bei „No Class“.

Wie schnell kriegt man den Dreh raus?
Wir haben schon ein wenig gebraucht. Am Anfang haben wir die Nadel noch viel zu weit rausstehen lassen, vielleicht etwas über einen halben Zentimeter. Damit bin ich dann so tief unter die Haut gegangen, dass die Maschine einfach angehalten hat, wie ein Rasenmäher bei zu dichtem Gras. Das hat einfach den Knochen kaputt gemacht und brauchte eine Ewigkeit zum Verheilen. Du fängst mit dem Stechen an und am Ende sieht es dann aus wie Burger-Fleisch. Du haust dir die ganze Tinte rein und nach dem Abheilen bleiben nur Narben und Weiß zurück.

Was musstet ihr noch lernen?
Immer die Katzenhaare von der Nadel entfernen.

Wird die so „steril“?
Ich meine, ich müsste mich vielleicht schon ein wenig über Bakterien und so weiter informieren, aber scheißegal, wir schließen die Maschine einfach an und los geht’s. Zwei Leute benutzen aber nicht die gleiche Nadel oder so. Das ist zwar schon mal vorgekommen, aber das sollte man echt nicht machen. Du denkst, du bist gesund, aber du weißt nie, was du dir vielleicht eingefangen hast. Ein professioneller Tätowierer würde wahrscheinlich total ausrasten, wenn er sich hier umsehen würde, aber das gehört einfach zu dieser „Scheiß drauf!“-Mentalität von „No Class“. Bis jetzt ist immer alles gut gegangen.

So was spricht sich schnell herum. „No Class“ ist jetzt richtig in Fahrt gekommen.
Das ist keine große Sache, aber man spricht darüber. Viele Shitneck-Skateboarder und ihre Crews kommen vorbei und wollen Tattoos. Manche haben hier auch ihre allererste Tätowierung machen lassen. Das finde ich großartig.

Die Leute fragen sich, was wir hier machen. Wir skaten und tätowieren einfach. Wir sind wohl doch nur Hinterwäldler aus den Bergen. Uns ist langweilig. Du futterst was, pfeifst dir ein paar Bierchen rein und dann kriegst du Lust aufs Tätowieren. Fressalien, Bierchen, Musik, Mücken, Insektenspray …  das ist alles.

Was kostet ein Tattoo bei „No Class“?
Nichts. Wenn die Leute hier eine Tätowierung haben wollen, nur zu. Wenn sie nur zum Abhängen herkommen, dann ist das auch cool. Das mitgebrachte Essen und das mitgebrachte Bier sind für uns wie Spenden. Ich kaufe die Nadeln und die Tinte. Das macht mir nichts aus—ich bin großzügig. Eine 100-Dollar-Flasche Tinte reicht für mindestens ein Jahr. Nadeln kosten pro Stück ungefähr 80 Cent—die sind richtig günstig.

Was war bis jetzt das beste und was das schlechteste Tattoo?
Unser Kumpel Dewey machte sich einen Cheeseburger-Zug auf sein Bein, das ist ziemlich abgefahren. Eigentlich sind alle gut. Das schlechteste Tattoo habe ich mir selbst gestochen: „Breakin’ hearts since ’75.“

Woher kommen solche Ideen?
Keine Ahnung, das kommt einfach so. Manchmal wird während dem Tätowieren noch mal alles geändert. Einmal hat Dana ein umgedrehtes Kreuz gestochen, aber verkorkste es total. Also hatte jemand die Idee, noch Eier dran zu machen. So hat er noch Eier dran gemacht und dann sagte jemand, dass das Ganze jetzt wie Cartman aus South Park aussehe. Das Endergebnis war dann wirklich Cartman. Vom umgedrehten Kreuz zu Cartman—man weiß nie, was am Ende rauskommt.

Was sind die Zukunftspläne für „No Class“?
Ich baue gerade einen Pool und es ist bereits bekannt, dass es hier einige ziemlich gute Skate-Spots gibt, also wird alles noch wachsen. Ich will damit kein Geld verdienen oder so. Ich will einfach nur schlechte Tattoos sehen, und vielleicht auch ein paar gute. Du weißt nie, wann es für dich zu Ende ist. Du musst einfach leben. Tätowiere dich selbst. Das macht Spaß.

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