Ein Liebesbrief von Prinz Pi an die echte Welt
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Ein Liebesbrief von Prinz Pi an die echte Welt

"Der Gegenpol zu dieser echten Welt, ist das Internet, das Digitale. Hier ist alles in extremo." Prinz Pi erklärt euch die Welt und was er an ihr – trotz ihrer Fehler – liebt.
16.10.17

Sagen wir, wie es ist: Im Internet überwiegt der Hass. Ein Blick in die Kommentarfelder von YouTube oder Facebook reicht da meist schon, um den Glauben an das Gute auf dieser Welt täglich aufs Neue zu verlieren. Das ist doch scheiße. Also konzentrieren wir uns lieber auf die schönen Seiten im Leben, die absolut wunderbaren Dinge, die unseren Alltag bereichern, uns zum Lächeln bringen. Dinge, die wir verdammt nochmal lieben. Da vor allem Musiker und Musikerinnen online oft die volle Wucht der Missgunst zu spüren bekommen, geben wir ihnen hier die Möglichkeit, dem Hassklima mit einer großen Ladung reiner Liebe die Stirn zu bieten. Wir geben ihnen einen komplett freien Raum, in welchem sie ihre Liebe zu einer Person, einer Sache, einem Gefühl, einem Was-auch-immer in selbst gewählte Worte fassen können.

Heute erzählt uns Prinz Pi (dessen Album Nichts war umsonst am 03. November erscheint) von seiner Liebe an die "echte Welt" und was das überhaupt sein soll. Und hey: Wenn jemand Erfahrung mit Texten über die Liebe hat, dann Prinz Pi.

Ich liebe die echte Welt. Man kann sie fühlen, riechen, schmecken. Die Sonne ist in Berlin noch seltener anzutreffen als die hier geborenen Einheimischen, die "echten Berliner". Aber kommt sie mal raus, dann schiebt sie weiche Strahlen in den letzten Winkel der engen Straßen in Kreuzberg und legt sich auf deinen Arm, wenn du im Cafe sitzt. Auf dem Wannsee greift sie flach an und haut dir ihre rote Hand auf deinen Körper, wenn du unvorsichtig sonnenbadest.

In der echten Welt begegnen dir die Menschen als Gestalt, mal unsicher, mal vor Kampfeslust
umherwippend auf gefälschten Nikes, mal rosig und schreiend aus einem Kinderwagen
heraus. Tritt man auf sie zu, relativiert sich das Bild. Es korrigiert sich öfter, als dass sich ein
erster Eindruck bestätigt und verhärtet. Die übrigen Sinneseindrücke korrigieren den
Imperativ des Visuellen, den wir als im Jahrhundert der Bilder Geborene ungweigerlich mit
uns tragen. Wir können nichts dagegen machen: Wir urteilen mit den Augen.

Die Farben hier in der echten Welt werden gemischt und sind nicht als bloße Grundtöne Rot,
Gelb, Blau da. Menschen sind eine Melange. Mischwesen. Die Myriaden Rotbrauntöne im
Spektrum weisen auf eine Schöpfung der Reichhaltigkeit, eine Welt ohne Pragmatismus.
Verschwenderisch ist sie, die Natur.

Der Gegenpol zu dieser echten Welt, ist das Internet, das Digitale. Hier ist alles in extremo.
Im Internet ist die Welt schwarzweißer, gerasterter. Negativer und hasserfüllter. Das liegt an
einem einfachen Mechanismus: Spott, Hass, Ironie, Satire, Häme verbreiten sich viel besser
als gleichströmende Nettigkeiten. Besser als Zufriedenheit, als Frieden. Positive Sachen sind
kaum Nachrichten wert: Wenn interessiert ein tägliches Statusupdate, das etwa lauten würde:
„Ja, auch heute geht es mir gut. Ja, auch heute ist meine Beziehung erfüllend und schön.
Ja, ich bin noch immer zufrieden und werde es auch morgen sein."

Hass, der in den digitalen Gefilden Hate heißt, weil hier alles englische Namen hat, ist der
Motor für alles im Internet. Meistens sogar mit einem „Selbst-„ davor. In Kommentaren
schlecht reden, sich aufregen, Luft ablassen, das Maß verlieren, Dinge schreiben, die man im
echten Leben kaum sagen würde, das kann man hier. Sich gehen lassen, verrohen, sich
ergötzen an der Dummheit, dem Leid, auch wenn das sich selber nicht mal als solches
kennzeichnet, sondern als zurschaugestellter Reichtum, als sinnentleerter hedonistischer
Lebensalptraum daherkommt.

Die Zuschauer hier nehmen auch Teil am Leben einer neuen superreichen Elite: Den
erfolgreichen Bloggern und Youtubern. Für deren Reichtum tun diese nichts, als sich
fortlaufend selber zu inszenieren und zu portraitieren. Was schafft das bei vielen ihrer
Zuschauer? Nach anfänglicher Ver- und Bewunderung kann es nur eine Unzufriedenheit mit
der eigenen Lebenssituation evozieren, ein Bett für Minderwertigkeitsgefühle und Selbsthass.
Ebenso die riesige Welt der frei zugänglichen Pornographie jeder Spielart. Nicht mal ein
Bruchteil der Zuschauer wird jemals dermaßen perfekt im Liebesakt trainierte, athletische,
willige, chirurgisch verbesserte Partner finden für das eigene Sexualleben – nicht einen im
Leben. Auch hier kann nach einer Zeit nur eine Unzufriedenheit mit der echten Welt, mit der
eigenen Situation entstehen.


VICE-Video: "Die mobile Liebesindustrie"


Das ist die andere Welt, die Gegenwelt. Hier gibt es keine Gesten und kein Lächeln, hier gibt
es Emoticons. Hier gibt es keine schüchternen Ansprechversuche, keine vorsichtigen Treffen – stattdessen sind hier alle Frauen ohne Würgereflex geboren und alle Männer mit einem abnorm großen Glied.

Hier gibt es ebenso kaum studierte Fachleute, keine Professoren, keine Doktortitel, keine
Bereiche, die nur für eine Handvoll Leute zugänglich sind ob ihrer Qualifikation: Hier ist
alles für JEDEN offen, spätestens im Darknet. Hier kann jeder mitreden und macht es auch.
Es ist ein Platz für die Dummen, sich als schlau darzustellen, es besser zu wissen.

Das Wissen hier ist meist ungeprüft. Umso unstudierter und amateurhafter die Authoren sind,
umso mehr ihr Drang diesem Umstand und der eigenen Unbildung durch viele Kommentare,
Artikel, Blogs, Videos entgegenzuarbeiten. Wer hier nach verlässlichen Informationen sucht,
der wappne sich.

Die echte Welt, mit allen ihren Kriegen, ihren Unfällen und Naturkatastrophen aber, die
entbehrt der totalitären Sichtweise des digitalen Raumes. Jedes von Menschenaugen hier
geschaute Bild ist unnachahmlich ein Panorama, in dessen Weiten es auch bei allem Elend
immer ein positives Eckchen geben muss. Hier begegnen uns die Menschen als sie selbst.
Sicher, auch hier verhüllt in einer Maske aus Kosmetikprodukten, Chirurgie und exakt
gewählten Kleidern. Aber sie sind nicht reduziert auf einen geschriebenen Satz, eine Parole.
Ihre Anonymität ist nicht total, sie weicht einer Verschönerung oder Dramatisierung oder
Überinszenierung. Aber die Menschen sind da, sie sind leibhaftig da. Und das ist schön. Denn
wenn ich zuviel ins Internet schaue, dann verliere ich meinen Glauben an die Menschlichkeit.

Darum liebe ich die echte Welt, und ich liebe genau dieses Fleckchen, auf dem ich mit meinen Freunden und meiner Familie leben darf, denn hier fliegen gerade keine Geschosse umher und es weht heute ein lauer Wind über das Tempelhofer Feld, der aus der nahegelegenen Keksfabrik herrührt. Heute werden die Azora Kekse gebacken, das kann ich riechen.

***

Weitere Liebesbriefe:

Ein Liebesbrief von 3Plusss an Tua
Ein Liebesbrief von Sero an seine Kindheit
Ein Liebesbrief von Morlockk Dilemma an die AK47

Prinz Pi geht außerdem im nächsten Jahr mit Nichts war umsonst auf Tour. Hier die Daten:

26.01.18 Stuttgart, Im Wizemann
27.01.18 Leipzig, Haus Auensee
02.02.18 Baunatal (bei Kassel), Stadthalle
03.02.18 Münster, Skaters Palace
16.02.18 Dresden, Schlachthof
17.02.18 Wien (AT), Gasometer
18.02.18 Erlangen, E-Werk
23.02.18 Köln, E-Werk
24.02.18 Hamburg, Docks
01.03.18 Saarbrücken, Garage
02.03.18 Zürich (CH), Kaufleuten
03.03.18 Bern (CH), Bierhübeli
08.03.18 Dortmund, FZW
09.03.18 Hannover, Capitol
10.03.18 Berlin, Columbiahalle
23.03.18 Frankfurt, Batschkapp
24.03.18 München, Muffathalle
12.04.18 Herford, X
13.04.18 Bremen, Aladin

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