Mein beschissener Alkoholismus

Das Schlimmste, was mir im Suff passiert ist

Lektionen fürs Leben: Waldpartys sind in Wahrheit Kotzpartys, wenn du plötzlich alleine im Club stehst, ist verdammt nochmal was faul und hör endlich mit dem scheiss Jägermeister auf.

von Julian Riegel
17 September 2017, 10:52am

Alle Fotos: Archiv eines Jugendfreundes

Sagst du dir auch oft, du solltest weniger trinken? Dann gehören wir derselben Art Mensch an, die den Rausch im Nachhinein öfters bereut, als dass sie ihm nachzutrauert. Wobei es doch auch so ist, dass du wenigstens mit schönen Erinnerungen auf verkackte Nächte lächelnd zurückschauen kannst. Selbstironie gehört zum Leben und davon brauchst du sehr viel, wenn du sehr viel trinkst. Ich für meinen Teil habe unendlich viele beschissene Geschichten auf Lager, die ich in meinen zehn Jahren Semi-Pro-Alkoholiker erlebt habe. Die grösste Scheisse habe ich zur allgemeinen Belustigung – und nachdem es Isabella, Verena, Fredi, Jonas und Lennart von Noisey Austria vorgemacht haben – niedergeschrieben.

Wie ich meine erste Waldparty überlebt habe

Mein 15-jähriges Ich in Liebe mit rotem Wodka.

Meine erste Erfahrung mit Alkohol sollte keine gute sein – aber ging's uns nicht allen so? Es war – soweit ich mich erinnern kann – ein halbes Jahr vor meinem 15. Geburtstag. Weil ich ein Jahr früher eingeschult wurde, sind meine Mitschüler alle zu dieser Zeit 16 geworden. Zwei luden zu einer Geburtstagsparty in eine Waldhütte ein. Bier haben die anderen organisiert, ich habe zwei Flaschen roten Wodka von zuhause mitgehen lassen. Ein Überbleibsel einer Sommerfete meiner Eltern – warum der wohl liegen geblieben ist?

Die Mutter des einen Freundes hat uns hochgefahren. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ihr bewusst war, dass wir dermassen abstürzen werden. Wir waren zu viert um etwa 16.00 Uhr als erste dort. Und haben natürlich sofort angefangen zu trinken – schön roten Wodka pur und Bier durcheinandergesoffen. Eine Stunde später, stand ich an einem Baum lehnend und habe mir vor die Schuhe gekotzt – nach jedem Strahl folgte ein Schluck Bier. Ein Trinkkunstwerk, das ich nie wieder vollbringen werde. Danach kann ich mich nur noch an Bruchstücke erinnern.

Mal hänge ich am Fenster der Waldhütte und kotze raus. Cut. Ich im Schlafsack auf dem Sofa, ein Freund auf dem Boden unter mir – beide nicht mehr ansprechbar und kotzend. Ich hatte definitiv den besseren Platz. Cut. Ich rede mit irgendwelchen Menschen aus meiner Schule, die ich nur vom Sehen kenne – oder habe zumindest versucht, zu reden. Ich habe keinen geraden Satz mehr herausgebracht und dafür bin ich zu recht verspottet worden. Am nächsten Morgen hat uns die Mutter des Freundes mit dem Auto wieder abgeholt. Totenstille. Meine Eltern haben übrigens nie gemerkt, dass der Wodka gefehlt hat. Auch nicht, dass ich immer wieder Bier mitgehen lassen habe.

Wie ich alleine mit einer leeren 70cl-Jägermeisterflasche vor einem Club gelandet bin

Vor vier Jahren – zu der Zeit, als EDM gerade sehr angesagt war – hatte ich eine Phase, in der ich zu oft im Kaufleuten feiern war. Wobei feiern der falsche Ausdruck ist. Es entstanden ziemlich viele geile Fotos von mir, wie ich grimmig mit verschränkten Armen hinter irgendeinem überteuerten "Star-DJ" stehe. Heisst: Ich habe mich einfach immer Backstage betrunken, weil ich es konnte, denn ich verstand mich ziemlich gut mit dem Veranstalter und den Clubchefen und konnte tun und lassen, was ich wollte. Besagter Veranstalter war ziemlich crazy – an jeder Party haben wir flaschenweise Jägermeister gekillt. Nicht als Shot, als pure Schlücke aus der Flasche.

An einem Abend komme ich also im Club an, suche vergebens bekannte Gesichter und Jägermeister. Als ich den Veranstalter schliesslich finde, haue ich ihn auf den fehlenden Jägermeister an. Er sehr gestresst: "Warte", und verschwindet wieder. Ein paar Minuten später steht ein Runner mit einem Tablet, auf dem eine 70cl-Jägermeisterflasche und dazu Shotgläser stehen, vor mir und meint, der sei für mich. Im ersten Moment bin ich einfach nur verdutzt und er schaut mich fragend an. Ich sage ihm, dass er das Tablet und die Gläser mitnehmen kann und packe die Jägermeisterflasche.



Die nächste Stunde verbringe ich damit, Saufkumpanen zu finden. Ich verteile immer wieder Shots, drücke random Leuten die Flasche in die Hand und kille zwei Drittel selbst. Hackedicht laufe ich schliesslich aus dem Kaufleuten – inklusive Flasche, für die einen etwas komischen Blick von einem Türsteher hinterher ziehe. Mit dem ersten Taxi geht's zum nächsten Club. Es hat keine Schlange, ich stehe also direkt vorm Selekteur, der mich kritisch beäugt. Ich sage ihm, ich stünde auf der ewigen Liste, er checkt meinen Namen und will mich gerade reinlassen, als er meine Jägermeisterflasche sieht. "Die bleibt aber draussen", sagt er. Ich nehme noch den letzten Schluck, schmeiss die Flasche in den kleinen Mülleimer vor der Türe und torkle dann hinein. Ich stelle mich neben das DJ-Pult, lehne an eine Säule und schaue ins Publikum. Plötzlich steht ein Mädchen vor mir und redet irgendwas. Ich verstehe sie nicht, sehe sie doppelt. Ein Freund von ihr zerrt sie schliesslich von mir weg und ich höre nur: "Lass den, der ist doch komplett besoffen." Für mich endgültig das Zeichen, nach Hause zu gehen. Vor der Haustüre kotze ich noch auf den Boden.

Wie ich all meine Karten-Pins vergessen habe und ohne Geld und ohne Jacke in St. Gallen gestrandet bin

Das ist keine Scheisse, das ist Schlamm. Foto: Schimun Krausz, 20 Minuten

Wenn du jedes Jahr an OpenAirs arbeiten musst, bleibt nicht viel Freiraum für Abstürze. Ich glaube, meinen wirklich schlimmen letzten durchlebte ich mit 19 Jahren am Greenfield. Dieses Jahr hatte ich am Openair St. Gallen endlich mal wieder Zeit, zu saufen. Und wie ich das getan habe. Bereits am Donnerstag hören meine Erinnerungen um circa 21:00 Uhr auf, nachdem ich in der silent Disco aufgelegt habe. Was danach geschah, keinen Plan. Ich weiss nicht mehr, mit wem ich wo war. Meinen SMS nachzulesen, muss ich um sechs Uhr morgens ohne Schlüssel – im Medienbereich vergessen – vor der WG des Freundes, bei dem ich übernachtet habe, gestanden sein. Sein Mitbewohner war zum Glück wach.

Am selben Freitag stehe ich bereits um 13:00 Uhr wieder auf dem Festivalgelände. Ich habe mich am Vortag in die Scheisse geritten, dass ich zwölf Stunden von der Stars-&-Stripes-Bar aus tickern werde (hier zum Nachlesen). Bevor es aber auf den Hügel zur Bar hochgeht, muss ich meinen Cashless-Bändel neu aufladen. Die 150 Franken vom Vortag sind bereits versoffen. Als ich den Pin meiner Bankkarte eingeben will, habe ich ein Blackout. Ich kann mich einfach nicht mehr an die Zahlenfolge erinnern. Und ich Held habe auf meiner Kreditkarte denselben Pin eingestellt. Eine Freundin ist so lieb und leiht mir schliesslich 200 Franken aus.



Um 14:00 Uhr stehe ich oben und gönn mir einen Burger zum Frühstück – natürlich inklusive Bier. Ich weiss nämlich, dass ich die nächsten zwölf Stunden den beschissenen Sound und die betrunkenen Menschen nur im gleichen Zustand aushalten werde. Um 22:00 Uhr findet mein Experiment ein Ende: Eine Freundin will nicht auf mich hören und rutscht den verschlammten Hügel runter, verliert auf halbem Weg ihren Hut. Weil sie so betrunken ist wie ich, weiss ich, dass sie den Hut nie wieder von unten erreichen wird. Also slide ich auf einem Knie und einer Schuhsohle den Hügel runter, schnappe mir den Hut und fliege dann auch auf die Fresse. Von unten bis oben voll mit Schlamm entledige ich mich im Medienbereich meiner Jacke und lasse von einem 20 Minuten-Kollegen meinen schlammigen Arsch fotografieren. Völlig verschlammt und ohne Jacke feiere ich weiter. Als ich schliesslich nicht mehr kann, verabschiede ich mich mit dem Bus in die Stadt. Dort merke ich, dass ich gar kein Cash dabei habe – und der Laufweg zu meiner Unterkunft geht sicher 45 Minuten. Schlotternd versuche ich noch ein mal, Geld rauszulassen. Resultat: Bankkarte gesperrt. Irgendwann will endlich ein Taxi für mich anhalten und mich mitnehmen. Bei meinem Freund angekommen gebe ich den Pin noch einmal falsch ein und gestehe dem Fahrer dann, dass ich meinen Pin nicht mehr weiss, was mir unendlich leid täte. Wir tauschen Nummern aus. Ich würde ihm das Geld am nächsten Tag am Bahnhof übergeben. Er hat darauf verzichtet. Glück im Unglück.

Wie ich betrunken Roller gefahren bin und am nächsten Morgen voller Schlamm und mit diversen Wunden aufgewacht bin

Saufpartys im Dorf.

Wieder eine grossartige Geschichte aus meiner Dorfjugend. Ich habe bis heute keinen Führerschein und dafür bin ich definitiv zu oft betrunken Roller gefahren – am Lenker und als Passagier. Wir sind an einer Geburtstagsparty im ehemaligen Schützenhaus im Nachbardorf. Uns geht langsam der Alkohol aus, aber es ist keiner wirklich noch in Stande, für Nachschub mit dem Roller zur nächsten Tanke zu fahren. Ich erkläre mich freiwillig dazu, auch, wenn ich vorher noch nie Roller gefahren bin – aber ich war einfach noch am nüchternsten und bin ein Multitalent. Die Hinfahrt kriege ich ohne Probleme hin, auf der Rückfahrt muss ich die Haupstrasse kreuzen, um zur Hütte zurück zu kommen. Mich packt die Panik und statt links abzubiegen, fahre ich von der Strasse über einen kurzen Wiesenabschnitt und direkt auf den Veloweg nebenan. Mich haut's fast auf den Latz. Als ich meine Nerven wieder beruhigt habe, schiebe ich den Roller über die Strasse und fahr dann erst weiter.

Als die Party ein Ende nimmt, bietet mir der Besitzer des Rollers eine Mitfahrgelegenheit an. Wir steigen auf, ich mit Skateboard in der Hand. Er kommt auf die glorreiche Idee, durch den Wald über Kieselsteinstrassen zu fahren – dann würden uns die Bullen nie erwischen. Nach nur zwei Kurven verliert er die Kontrolle und uns legt es Seitwärts um. Die Schrammen und Schürfungen – Ellbogen und Knie sehen super aus – lachen wir weg und fahren weiter. Endlich bei uns im Kaff angekommen, legt der Freund noch einen oben drauf und statt abzubiegen, fährt er volle Kanne auf ein Feld. Nach ein paar Metern bleiben wir im Matsch stecken und kippen wie in Zeitlupe um. Am nächsten Tag muss ich mir von meiner Mutter natürlich eine Standpauke über meine Schrammen anhören.

Wie praktisch jede meiner Geburtstagspartys böse enden

Ich habe mich sehr gefeiert auf Malta.

18. Geburtstag: Wie ich eine Rührei-Bier-Suppe erfand und sie gegessen habe
Mir ist die Salzpackung im Suff in's Rührei gefallen. Um es trotzdem essen zu können, habe ich Bier drüber geschüttet. Es war kein Fünf-Sterne-Dinner.

20. Geburtstag: Wie ein Filmriss im Stripclub endete
Auf Malta im Sprachaufenthalt. In einem Ort auf der Mittelmeerinsel gibt es eine Strasse, in der die Clubs sich mit Stripclubs aneinanderreihen. Ich habe Flaschen im Club ausgegeben bis zu einem Filmriss. Dann komme ich in einem Stripclub wieder zu Verstand – alleine. Eine Angestellte will gerade mit mir zu tanzen anfangen. Ich flüchte.

21. Geburtstag: Wie ich mein iPhone aus Liebeskummer zerschmettert habe
Das Mädchen, das ich an meine Party eingeladen habe, weil ich was von ihr wollte, hat mit einem anderen Typen rumgemacht. Dafür musste mein iPhone dran glauben. Ich habe es aus Wut auf den Asphalt vor der Zukunft mit voller Wucht geschmissen.

25. Geburtstag: Wie ich meine Freunde im Club vergessen habe
Ich laufe aus dem Club, um Zigaretten zu kaufen, vergesse dann, was ich eigentlich wollte und gehe in den nächsten Club – in dem du natürlich kein Netz hast. Als ich zuhause bin, muss ich erst mal alle Freunde beruhigen, dass ich noch lebe.


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