Ich hab eine Woche lang streng nach Benimmregeln gelebt

Was ich dabei gelernt habe: Gute Manieren sind jungen Menschen scheißegal.

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30 November 2018, 5:02am

Fotos: Dominik Pichler

Unlängst lümmelte ich auf einem Sitzplatz inmitten eines prall gefüllten Busses und war wohl einer der wenigen Fahrgäste, der keinen der beiden Weltkriege miterlebt hat. Da stieg eine weitere alte Dame ein. Ich sah sie und ließ meinen Blick entspannt weiter schweifen. "Pfah! Viel Glück dabei, einen Sitzplatz zu finden, du Greisin!", dachte ich gerade, als die Dame verzweifelt jaulte, wie ein Hund, dem man auf den Schwanz getreten war.

"Kann mir vielleicht irgendjemand seinen Sitzplatz anbieten? Hat wirklich niemand mehr gute Manieren in dieser Stadt?", fragte sie klagend in die Menge. Aber da ich wohl der Einzige war, der kein Seniorenticket gezogen hatte, war mir, als spräche sie nur mit mir. Und sie hatte recht: Was war eigentlich aus mir geworden?


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Ich hatte früher tatsächlich relativ gute Manieren; und wurde deswegen nicht selten von meinen Freunden als altmodisch abgestempelt. Etwa, wenn ich im Restaurant plötzlich aufsprang, wenn ein Bekannter an unseren Tisch trat, oder darauf bestand, vor dem Crashen einer Party noch bei einer Tankstelle vorbeizuschauen, um ein "Gastgeschenk" zu besorgen.

Weil in meinem direkten Umfeld nicht wirklich Wert auf Umgangsformen dieser Art gelegt wurde, hing ich meine guten Manieren während meiner Studienzeit ähnlich schnell an den Nagel wie Paris Hilton ihre Gesangskarriere. In den letzten Jahren habe ich mich – zumindest für meine Verhältnisse – in einen regelrechten Rüpel verwandelt.

Ertappt sprang ich auf und bot der Dame meinen Sitzplatz an, wie unhöflich von mir, dass ich das nicht eher getan hatte. Es war an der Zeit für eine grundlegende Veränderung! An Ort und Stelle beschloss ich, den alten, wohl erzogenen Michi wieder aufleben zu lassen. Vielleicht würde es sich ja auch positiv auf mein Karma auswirken, den Knigge auf Punkt und Komma zu befolgen. Zumindest für eine Woche.

Tag 1 – Vorbereitung mit 800 Seiten Benimmregeln

Ich besorge mir die absolute Benimm-Bibel: Den 800-seitigen Wälzer Emily Post’s Etiquette in seiner 19. Ausgabe, der mir nicht zuletzt vertraut ist, da Playmate Kendra Wilkinson in einer Folge von The Girls of the Playboy Mansion damit von Hugh Hefner gute Manieren beigebracht bekommt. Generell lebe ich nach dem Motto: Was für Kendra gut genug ist, muss für mich gerade reichen.

In diesem Koloss eines Buches finden sich sowohl Ratschläge für die Tücken des Alltags, als auch Tipps für das passende Verhalten, wenn man – wie so oft! – zum Abendessen im Weißen Haus eingeladen wird; ein Happening, bei dem es essentiell ist, alles andere fallen zu lassen und innerhalb von 24 Stunden schriftlich auf die Einladung zu reagieren. Das muss ich mir merken!

Es kommt vor allem darauf an, dass unsere Mitmenschen sich in unserer Gegenwart wohlfühlen.

Die alltäglicheren Tipps lassen sich jedoch gut umsetzen: Emily Post (bzw. ihre Ururenkel Lizzie Post und Daniel Post Senning, die Autoren der neuen Ausgabe) erklärt, dass gute Manieren nicht darin bestehen, welche Gabel wir im Restaurant benutzen. Es kommt vor allem darauf an, dass unsere Mitmenschen sich in unserer Gegenwart wohlfühlen.

Einmal, so erzählen die Autoren, habe Queen Victoria Gäste gehabt, die nicht geschult in Sachen Tafelkultur waren und daher fälschlicherweise einen Schluck Wasser aus ihrer Fingerschale tranken. Quelle horreur! Aber Queen Victoria war um das Wohl ihre Gäste bemüht und nahm daher ebenso einen Schluck aus der Schale, einfach damit ihre Mitmenschen sich nicht blöd vorkamen. Classic Vic! Das sind also gute Manieren.

Oder konkreter bedeutet es: Türen aufhalten, pünktlich sein, immer ein Gastgeschenk bei der Hand haben und anstatt ein liebloses "Danke!" zu hauchen, jede Person immer ganz genau wissen zu lassen, wofür man dankbar ist – und in besonderen Situationen sogar eine kleine Dankeskarte zu schreiben. Classy wie ich vorgebe zu sein, gebe ich sofort den Druck von Dankeskarten in Auftrag und freue mich auf den kommenden Tag.

Da treffe ich nämlich meine Freundin Marlene zum Frühstück und bin gewillt, mindestens genau so gut erzogen wie Queen Victoria zu sein.

Tag 2 – Gutes Benehmen versüßt den Alltag

Als Schüler von Emily Post kreuze ich zu meinem 9 Uhr Termin bereits um 8:45 Uhr auf und erwarte sehnlichst meine Freundin Marlene. Blöd nur, dass sie das Gute-Manieren-Memo nicht bekommen hat, und erst gegen 9:15 Uhr angekrochen kommt. Egal, als wohlerzogener Junge bleibe ich gelassen.

"Danke, dass du mich an diesem Ort treffen konntest, Marlene!", sage ich ihr, als würden wir uns nicht in einem gemütlichen Frühstückslokal, sondern in einem Bunker jenseits der ungarischen Grenze befinden. Ich schaue durchgehend nicht auf mein Handy, lächle stets wie eine der Frauen von Stepford und tupfe sogar immer meinen Mund mit einer Serviette ab, bevor und nachdem ich einen Schluck trinke.

Aber Marlene reagiert nicht wirklich auf meine kleinen Nettigkeiten. Stattdessen erzählt sie von der Party, auf die sie zwei Tage später gehen will. "Kommst du mit?", fragt sie mich, zwischen zwei Bissen ihrer Eggs Benedict. Huch! Ohne Einladungsschreiben auf eine Party kommen? Was sagt der Knigge dazu?, frage ich mich. "Nun, wenn es für die Gastgeberin okay ist …", gebe ich meinem Gegenüber zu bedenken.

"Es ist ihr Geburtstag. Sie ist sicher zu besoffen, um es zu merken!", entgegnet Marlene. Na dann, auch gut. Als die Rechnung kommt, sind erneut gute Manieren gefragt. Emily Post sagt, wer um das Treffen gebeten hat, zahlt auch. Tja, das war dann wohl ich. Spätestens da fällt Marlene auf, dass ein neuer Michi in der Stadt ist. "Michael, heute war es wirklich angenehm mit dir! Danke für die Einladung – wir sehen uns übermorgen!"

Danke nicht mir, danke Emily Post!

Tag 3 – Vorstellungsrunden sind fürchterlich

Meine Mutter ist zu Besuch, um mit mir ins Theater zu gehen; ein Unterfangen, bei dem ich mir ohnehin schon wahnsinnig kultiviert vorkomme. Da ich diese Woche auch noch vortreffliche Manieren an den Tag lege, fühle ich mich doch glatt wie eines der wohlerzogenen Kinder des Jolie-Pitt-Klans.

Mama ist ganz entzückt, weil ich heute nicht so ein fürchterlicher Satansbraten bin, wie sonst. Ich nehme ihr den Mantel ab, halte ihr alle Türen auf, reiche ihr beim Gang über buckliges Kopfsteinpflaster meine Hand und verhalte mich generell, als hätte ich in einem "Ein Zwilling kommt selten allein"-artigen Szenario mit einem höflicheren Doppelgänger getauscht.

Michael Buchinger liest ein Buch über gute Manieren
Emily Post weiß, dass gute Manieren nicht darin bestehen, welche Gabel man im Restaurant benutzt | Foto: Dominik Pichler

Ich plaudere während der gemeinsamen U-Bahn-Fahrt zum Theater (keine Sorge, heute stehe ich) angeregt mit Mama, als ein lächelnder Mann auf mich zukommt. Ich weiß, ich kenne ihn von irgendwoher, aber die Details unserer Bekanntschaft – geschweige denn sein Name! – sind mir ein größeres Rätsel als der Da Vinci Code.

Haben wir zusammen gearbeitet? Sex gehabt? Oder beides? Zeit, zu improvisieren. Es ist nicht mein erstes Mal bei diesem Rodeo und es gibt Dutzende Männer, an deren Namen ich mich aufgrund meines einstigen Alkoholkonsums beim besten Willen nicht mehr erinnern kann.

"Aaaaah!", rufe ich laut durch den Bus. "Dich kenne ich doch!!!" Der Typ nickt nur. Weil ich Emily Post’s Etiquette genau gelesen habe, weiß ich, dass es nun Zeit für eine kleine Vorstellungsrunde wäre, bei der ich Fun Facts über alle Beteiligten springen lassen sollte. Das gestaltet sich aber besonders schwierig, da mir einfach nicht einfallen will, wie der fremde Mann heißt und was wir genau miteinander zu tun hatten.

Also fange ich einfach mit der Person an, die ich gerade noch erkenne, da ich 18 Jahre lang unter ihrem Dach gewohnt habe. "Darf ich vorstellen? Meine Mama!!!", schreie ich so laut, wie Oprah Winfrey, wenn sie einen Gast in ihrer Talk-Show begrüßt. Es herrschen einige Momente Stille. Jetzt wäre der Moment, wo ich den anderen Namen sagen sollte. Tue ich aber nicht.

"Simon, freut mich sehr!", sagt der Neuankömmling irgendwann. Und weil er offenbar bessere Manieren hat als ich, ergänzt er: "Michael und ich kennen uns …" Jetzt bin ich gespannt. "… von der Uni!", sagt er. "Von der Uni!", wiederhole ich sofort, in der Hoffnung, es könnte so klingen, als hätten wir das gerade gleichzeitig gesagt.

Simon? Von der Uni? Da klingelt noch immer nichts. Also ziehe ich die Notbremse: "Simon, wir würden gerne bleiben und quatschen, aber hier müssen wir leider raus!", sage ich superhöflich und verabschiede mich fröhlich lachend mit meiner Mutter im Schlepptau. Mama sieht mich verwirrt an: "Aber Michi, wir sind drei Stationen zu früh ausgestiegen." Nicht jetzt, Mama!

Tag 4 – Korrekte Etikette für jedes Fest

Nach dieser Manieren-Blamage habe ich richtig Bammel vor der Party an diesem Abend bei Marlenes Freundin … Momo? Ich bin so ein ungesitteter Mensch; ich kenne nicht einmal den Namen der Gastgeberin. Während ich eine relativ teure Duftkerze als Gastgeschenk kaufe, grübele ich über Strategien, wie in aller Welt ich es schaffe, mir dann auch noch die Namen der anderen Gäste zu merken.

Als ich gemeinsam mit Marlene die Party betrete, bekomme ich natürlich sofort fünf verschiedene Namen an den Kopf geworfen: "Michael, das sind Theresa (die Gastgeberin!), August, Helene, Marion und Annika!". Ach du liebes Lieschen! Doch Emily Post weiß Rat: In Situationen, in denen man viele neue Leute kennenlernt, sei es essentiell, sich die Namen in einem unbemerkten Moment sofort zu notieren und sie in Unterhaltungen so freizügig einzusetzen, wie ein Mitarbeiter im Call Center.

Also entschuldige ich mich wenige Momente nach meinem Eintritt sofort auf die Toilette und wiederhole in meinem Kopf immer und immer wieder "Theresa, August, Helene, Marion, Annika!". Aber offenbar nicht nur in meinem Kopf. "Wie bitte?", fragt die Person, die vor mir auf die Toilette wartet. "Nichts, nichts", antworte ich. "Hast du gerade lauter Namen vor dich hingesagt?" – "Aber nicht doch!", entgegne ich.

Manchmal gehört auch Lügen zum guten Ton.

Tag 5 – Der Morgen danach

Der Abend war ein großer Reinfall. Wieder einmal komme ich zu derselben Erkenntnis wie Jahre zuvor: Gute Manieren sind ja schön und gut, ergeben aber nur in der richtigen Gesellschaft Sinn. Kurz nachdem ich Theresa meine Duftkerze überreicht hatte und sie diese eher widerwillig anzündete, war sie auch schon zu einer Feuerquelle degradiert worden, an der die übrigen Partygäste ihre Zigaretten und Joints anzündeten.

Wie Emily Post es vorschlägt, habe ich natürlich auch angeboten, in der Küche zu helfen, hatte ja aber nicht ahnen können, dass ich aufgrund dieser kleinen Höflichkeit automatisch zum Tellerwäscher und Barkeeper für den Abend werden sollte. Einziger Vorteil: Das gab mir zumindest den Freiraum, den betrunkeneren Gästen heimlich ein Shotglas voller Wasser vorzusetzen, damit sie nicht noch beschwipster wurden. Es half nur wenig.

An diesem Abend passierten viele verruchte Dinge, über die ich als Benimm-Nazi und Neo-Antialkoholiker nur schockiert eine Hand auf meinen Brust legen kann. Bereits um 21:30 Uhr begann die erste Person, sich zu übergeben und war so benommen, dass sie auf meine Fragen, bei denen ich immer brav ihren Vornamen verwendete ("Ist alles okay, Marion? Brauchst du einen Schluck Wasser, Marion?") nicht wirklich reagierte.

Wenngleich die Party eine einzige Katastrophe war, die ich bereits kurz vor Mitternacht mit den Worten "Ich muss brausen – alles Gute für die Zukunft!" schneller verließ als die sinkende Titanic, wollte ich nicht meine (brandneuen) Prinzipien über Bord werfen. Immerhin waren meine Dankeskarten heute geliefert worden und wie wir alle wissen, verschickt ein guter Gast nach jeder Fete – ob sie nun gut oder schlecht war – ein solches Schreiben.

Michael Buchinger liest ein Buch über gute Manieren
Gute Manieren sind verdammt anstrengend. | Foto: Dominik Pichler

Beim handschriftlichen Verfassen meiner Zeilen, konnte ich nicht anders, als mir Gedanken über gute Manieren zu machen. Ich habe mich super dabei gefühlt, in den letzten Tagen aufmerksamer durch den Alltag zu gehen und mehr Rücksicht auf meine Mitmenschen zu nehmen. Tür aufhalten, Rechnungen begleichen und mal mein Handy missachten: All das lasse ich mir einreden.

Auch in anderen Situationen haben mir die Benimm-Regeln sehr geholfen:

  • Noch nie habe ich so viel höflichen Aufzug-Smalltalk gemacht, wie in dieser Woche. Und alle fanden es ganz entzückend, meine Meinung über das aktuelle Wetter zu hören.
  • Alle Visitenkarten, die ich erhalten habe, habe ich so intensiv gemustert, als handle es sich dabei um eines dieser 3D-Magic-Eye-Bilder. Das gibt dem Gegenüber den Eindruck, dass man wirklich interessiert ist – wenngleich ich Visitenkarten genauso spannend finde wie andere Menschen auch.
  • "Wenn ihr mich kurz entschuldigt …" ist die perfekte, höfliche Aussage, um unerklärt eine Runde an wahnsinnig langweiligen Gesprächspartnern zu verlassen. Es klingt obendrein so, als müsse man gleich an einer Konferenzschaltung aus Shanghai teilnehmen, obwohl man nur zum Buffet geht, um unanständig viele Shrimps zu essen.
  • Und: Nie wieder wird eine alte Person im Bus stehen müssen, während ich entspannt sitze.

Aber was bringt es dir, eine Emily Post in einer Welt voller Kardashians zu sein?

Um ehrlich zu sein hatte ich erwartet, dass mein Verhalten eine größere Auswirkung auf meine Mitmenschen haben und sie es vielleicht sogar erwidern würden. Aber nein. Die einzigen Leute, die meine Manieren zu schätzen wussten, waren ältere Leute und meine Mutter. Bei Gleichaltrigen dagegen hatte ich schnell das Gefühl, ausgenutzt zu werden.

"Oh, Michael! Das ist doch der, der immer für das Frühstück bezahlt und Joint-Kerzen auf Partys mitnimmt. Lasst ihn den Abwasch für uns machen!", dachten sie bestimmt.

Kurz spiele ich mit dem Gedanken, mit meiner Dankeskarte auch ein Exemplar von Emily Post’s Etiquette an Theresa zu verschicken, entscheide mich aber dagegen. Der ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Dieser Schmöker soll stattdessen mein kleines Geheimnis bleiben: Ein verlässliches Nachschlagewerk, an das ich mich wenden kann, um die gefinkelten Tücken des Alltags elegant zu meistern.

Einer Einladung ins weiße Haus steht nichts mehr im Wege!

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