Polizeiermittlung

In Berlin stirbt ein 13-Jähriger und keiner kann den Grund dafür erklären

Eine Theorie der Ermittler: Der Junge ist an einer schwer nachweisbaren Droge gestorben. Aber die einzige Person, die mehr wissen könnte, sagt, sie könne sich an nichts erinnern.
Plakat mit dem Gesicht des toten Jungen am Fundort der Leiche
Foto: imago | Olaf Wagner 

Es gibt keine Verletzungen. Keine Stich- oder Schusswunden, keine Brüche, kein Blut, kein Hinweis auf ein Sexualverbrechen. Sicher ist nur: Die Leiche, die Passanten am 2. August dieses Jahres auf einer Brache nordöstlich von Berlin fanden, ist die des 13-jährigen Max. Seit zwei Tagen galt der Junge aus dem Berliner Stadtteil Marzahn schon als vermisst. Seine Todesursache bleibt der Polizei ein Rätsel.

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Seit August hat die Kriminalpolizei in alle Richtungen ermittelt. Der Leichnam wurde obduziert, die Staatsanwaltschaft in Frankfurt an der Oder hat ein toxikologisch-chemisches Gutachten in Auftrag gegeben. Nach wie vor weiß keiner, was Max zugestoßen ist. Es gibt weder Hinweise auf einen Herzinfarkt oder ein Aneurysma noch auf Rückstände von Drogen, die Max eventuell überdosiert haben könnte.

Dass diese Rückstände bisher nicht nachgewiesen wurden, heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt. Im Gegenteil: Dass Max eventuell am Konsum von Neuen Psychoaktiven Substanzen (NPS) gestorben ist, ist ein Ansatz, den die Ermittler immer noch verfolgen. Das bestätigt Ricarda Böhme, Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Frankfurt an der Oder, im Gespräch mit VICE.

Drogen, die als NPS gelten, werden auch Legal Highs genannt und sind – wie der Name verrät – teilweise legal zu kaufen, meistens in Headshops oder im Internet. Ungefährlich sind sie aber auf keinen Fall: 2016 starben 98 Menschen, weil sie Legal Highs konsumiert hatten. Das geht aus dem Bericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung hervor. 2017 waren es noch 75.

NPS sind aber nicht nur potentiell tödlich, sondern in manchen Fällen auch kaum nachzuweisen. Sollte Max mit solchen Stoffen experimentiert haben, oder sie von jemand anderem verabreicht bekommen haben, wird das also extrem schwer zu beweisen sein. Und zu allem Überfluss ist der einzige, der diesen Verdacht bestätigen könnte, ein Freund von Max, der sagt, dass er sich an nichts erinnern könne.

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Der Freund von Max, sagt, er habe einen kompletten Blackout

Am Abend seines Verschwindens soll Max zuerst eine Freundin besucht haben und später verabredet gewesen sein. Und zwar mit einer Frau namens Sylvia, einer Nachbarin und Bekannten seiner Eltern. Das berichteten mehrere Berliner Zeitungen, unter anderem die B.Z. Bei Sylvia sei er aber nie aufgetaucht. Stattdessen habe er sie angerufen und sei am Telefon ungewohnt unfreundlich gewesen. "Patzig" habe er sich benommen, sagte die Frau später der Zeitung. Anstatt zu ihr zu gehen, hat Max offenbar einen Kumpel getroffen, eben den, der sich an nichts erinnert.

In verschiedenen Zeitungsberichten wird dieser Kumpel Tom genannt, der Name ist geändert. Tom wisse nichts mehr von dieser Nacht, heißt es, er habe einen totalen Blackout gehabt. Das hat er der Polizei mehrfach bei verschiedenen Vernehmungen erzählt.

Die ist an Toms Story besonders interessiert. Tom wachte am Tag nach Max' Verschwinden nämlich nicht in seinem Bett, sondern auf einer Parkbank in den Gärten der Welt in Berlin-Marzahn auf. Seine Schuhe und seine Hose waren voller Blut. Es handelt sich dabei aber nicht um das Blut seines Freundes Max, denn der wurde schließlich laut Polizeimitteilung ohne jede äußere Verletzung gefunden. Abgeschrieben hat die Polizei Tom als Zeugen trotzdem nicht. "Die Ermittlungen laufen immer noch auf Hochtouren", sagt Ricarda Böhme. Einen Hinweis darauf, was passiert ist, gibt es aber auch nach zwei Monaten Ermittlung nicht.

Stattdessen gibt es einen toten Teenager, einen Freund mit Blut an den Schuhen und Gedächtnisverlust und Ermittler, die im Dunklen tappen.

Aber die Staatsanwaltschaft in Frankfurt an der Oder hat ihre Suche nach einer Erklärung noch nicht aufgegeben. Sie hat inzwischen ein auf solche Fälle spezialisiertes Institut eingeschaltet. Das berichtete zuerst der Tagesspiegel. Die Mitarbeiter dieses Instituts sollen nach Rückständen von Stoffen suchen, die so gering sind, dass sie beim ersten toxikologischen Gutachten nicht erfasst werden konnten. Mit anderen Worten: auch nach den Rückständen von NPS. Doch bisher ist auch diese zweite Untersuchung ohne Ergebnis geblieben.

Wie der Tagesspiegel berichtet, wird es noch zwei oder drei Wochen dauern, bis der abschließende Untersuchungsbericht des Labors vorliegt. Gäbe es weiterhin keine Hinweise auf eine Straftat, müssten die Ermittlungen wohl eingestellt werden, heißt es von der Staatsanwaltschaft in Frankfurt an der Oder. Was genau Max zugestoßen ist, wird dann wohl für immer ein Rätsel bleiben. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft betont aber gegenüber VICE mehrfach, dass bis dahin intensiv weiter ermittelt werde. Trotz aller Sackgassen: Abgeschlossen ist der Fall also noch lange nicht.

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