Lebensmittelallergie

Ich war genervt von Allergikern – heute kann ich selbst fast nichts mehr essen

Als Food-Autorin verschlang ich früher alles, was mir vor die Gabel kam. Jetzt kenne ich nur noch "Nein, danke" und "Ist das glutenfrei?"

von Lauren Rothman
21 Mai 2018, 4:00am

Illustration: Adam Waito

Früher war ich beim Essen unaufhaltsam. Russische Eier? Her mit den Dingern. Mit Nelken gespickter Schinken? Lass mich die Portion lieber selbst schneiden. Das sechste Glas Wein? Aber sicher.

Besonders an Feiertagen langte ich zu, als gäbe es kein Morgen. Als Food-Autorin, Rezepte-Entwicklerin und Essensjunkie ist es schließlich meine Pflicht, mir so viele Leckereien wie möglich in den Mund zu stecken. Aber als ich vor ein paar Wochen zum Pessach-Fest mit meiner Familie aus jüdischen Atheisten zusammensaß, bot mein Teller ein erbärmliches Bild. Eine Jüngerin von Gwyneth Paltrow hätte das kleine Häufchen Beilagen vielleicht appetitlich gefunden, ich fand es nur traurig. Auf dem Tisch türmten sich Delikatessen, die ich alle nicht essen konnte: der Braten, weil er mit Tomatenmark war – Tomaten sind ein Nachtschattengewächs –, der Hummus, weil Kichererbsen Hülsenfrüchte sind, die Matze nicht, weil das traditionelle Pessach-Brot Weizen und somit Gluten enthält.


MUNCHIES VIDEO: Glutenfreie Zwiebelringe mit Chris Kronner


Was ist passiert? Vor sieben Monaten war ich frisch nach Mexiko gezogen, um mich dort auf Reisejournalismus zu konzentrieren – und natürlich so viel zu essen, wie ich nur konnte. Anfang September war ich noch kerngesund. Täglich futterte ich mich durch die mexikanische Küche. Chorizo-Tacos zum Frühstück, frisch von dem geschäftigen Markt gegenüber; zum Lunch dann eine große Schüssel Pozole, ein herzhafter Eintopf mit Schweinefleisch; zum Abendessen dann eine riesige Tlayuda, mexikanische "Pizza" auf knuspriger Maistortilla aus dem Holzofen. Diese Essgewohnheiten mögen ganz schön dekadent klingen, aber ich recherchierte dieses wunderbare traditionelle Essen, um darüber zu schreiben. Dass ich dabei meine Lust auf Essen befriedigen konnte, war ein angenehmer Bonus – und genau der Grund, warum ich mich als freiberufliche Autorin für diese Themen entschieden hatte.

Es ist schon ein Klischee, wenn man sagt, alles habe sich "von einem Tag auf den nächsten" geändert. Aber so war es bei mir. Ende Oktober, zwei Monate nach meiner Ankunft in Mexiko, zog ich mir einen Harnwegsinfekt zu – eine ganz normale Angelegenheit, das hatte ich schon oft gehabt. Ich holte mir aus der Apotheke das Antibiotikum, das ich sonst auch immer nahm, und bald ging es mir wieder gut. Aber fünf Tage nach Ende meiner Antibiotika-Kur wachte ich auf und mein ganzer Körper juckte und brannte. Das Gefühl war anhaltend und wurde jeden Tag schlimmer. Ich konnte schon nicht mehr schlafen und wurde halb wahnsinnig auf der Suche nach der Ursache. Dass das eine Reaktion auf die Antibiotika sein könnte, fiel mir erst gar nicht ein.

War es das neue Waschmittel, das ich seit meinem Umzug nach Mexiko nahm? Ich kaufte ein neues, für Allergiker verträgliches Mittel und wusch mein ganzes Bettzeug und all meine Kleidung. War es vielleicht eine Reaktion auf eine Pollenart, die es in meiner Heimat nicht gegeben hatte? Ich fing an, Antihistaminika zu futtern wie Smarties.

Nichts davon half im Geringsten. Doch dann schlug eine schlaue Freundin mir vor, ein Essenstagebuch zu führen, um zu sehen, ob es nicht vielleicht an einer Lebensmittelunverträglichkeit lag. Anfangs fand ich die Idee bescheuert – wusste sie denn nicht, mit wem sie es zu tun hatte? Ich war doch die Food-Autorin mit dem eisernen Magen, die Kuttelsuppe mit Habañeros vertilgt, ohne hinterher auch nur zu rüpseln. Die Vielesserin, die schon immer heimlich die Augen verdreht hatte, wenn Freunde oder Verwandte von ihrer Gluten- oder Laktose-Unverträglichkeit erzählten.

Aber mir gingen die Optionen aus, und mein chronischer Juckreiz entwickelte sich langsam zu einem besorgniserregenden, tauben Kribbeln – eine regelrechte Neuropathie. Also gab ich nach und fing an, Tagebuch zu führen. Schon bald erkannte ich ein Muster, aber meine schlimmsten Befürchtungen wurden noch übertroffen: Fast alles, was ich zu mir nahm, wirkte sich negativ aus, vor allem typische Allergene wie Alkohol, Milch und ja, auch das vermaledeite Gluten. Ich war ganz niedergeschlagen und überwältigt von der Vorstellung, im Alleingang anhand einer Ausschlussdiät herauszufinden, was mir nicht guttat. Auch hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, dass die Antibiotika die ganze Sache ausgelöst hatten. Also reiste ich Mitte Dezember zurück ins heimische New York, um dort mit einer Ärztin für Naturheilkunde eine Lösung zu finden.

Bei meinem ersten Termin gingen wir die Ergebnisse meiner vielen Tests durch: Blut, Urin und Hormone. Laut diesen Untersuchungen war ich kerngesund, alle Werte waren großartig. Ich beschrieb, wie bestimmte Lebensmittel sich auf mich auswirkten. Da fragte die Ärztin, ob ich in der letzten Zeit Medikamente genommen hätte. "Was ist mit Antibiotika?", sagte sie. Ja, da war doch der Harnwegsinfekt im Oktober. "Und wann gingen die Symptome los?" Ach ja ... etwa fünf Tage darauf. Sie bohrte weiter nach: Hatte ich in den Monaten zuvor schon Antibiotika-Kuren gemacht? Tatsächlich hatte ich fünf Wochen lang hohe Dosen Amoxicillin genommen, weil ich mir bei einem Ausflug ins Grüne eine Krankheit von einer Zecke geholt hatte. Wir gingen meine Krankengeschichte durch, sie bestand hauptsächlich aus inzwischen vergessenen Besuchen beim Notarzt wegen meiner häufigen Harnwegsinfekte, zwischendrin plagte mich mal Halsweh oder dergleichen. Letztendlich kam ich zu dem Ergebnis, dass ich in den zwei Jahren zuvor insgesamt 12 Mal Antibiotika genommen hatte – das ist im Grunde eine Kur alle zwei Monate.

Die Naturheil-Ärztin erklärte mir, ich leide an zu durchlässigen Darmwänden, "Leaky Gut" genannt. Das könne auftreten, wenn die Darmschleimhaut und die vielen Mikroorganismen in unserem Verdauungstrakt zu sehr leiden. Dieses Leid wird verursacht von Stress, schlechter Ernährung und vor allem: Breitbandantibiotika. Diese Killer entfernen zwar die schlechten Bakterien, die Infekte auslösen, aber eben auch die guten Bakterien, die uns bei der Verdauung helfen und verhindern, dass Infekte sich im Körper ausbreiten.

Der menschliche Darm ist ein unfassbar komplexes Ökosystem, darin leben etwa 1.000 Spezies von hilfreichen und schädlichen Mikroorganismen. Tatsächlich ist die genetische Vielfalt dieser winzigen Trittbrettfahrer ungefähr 150 Mal so groß wie unsere eigene. Insgesamt tragen wir im Schnitt etwas mehr als zwei Kilogramm davon mit uns herum. Wenn etwas schiefläuft – in meinem Fall eine Antibiotika-Kur nach der anderen – sterben die hilfreichen Bakterien. Das sind die "Probiotika", mit denen trendy Getränke aus Kombucha und Kefir werben. Gibt es zu wenige von ihnen, können sich die pathogenen Bakterien noch besser vermehren. Sie schwächen die Darmwände, sodass unverdaute Essenspartikel in die Blutbahn gelangen. Das Immunsystem tritt auf den Plan, um uns zu beschützen: Substanzen, die innerhalb des Darms keine Probleme machen, wie etwa Mais oder Milch, werden nun in freier Wild- beziehungsweise Blutbahn als schädlich markiert. So merkt sich dein Körper: Dieses Lebensmittel ist der Feind. Eine Unverträglichkeit oder Allergie ist entstanden.


MUNCHIES VIDEO: Insekten, Hoden und die Paleo-Ernährung


Die frühe und häufige Verabreichung von Antibiotika führt zu einem merklichen Anstieg der Lebensmittelallergien bei Kindern und Erwachsenen, das bestätigen zahlreiche Studien. Dennoch verschreiben Ärzte immer mehr Antibiotika. Auch in Deutschland steigt der Konsum der Mittel seit Jahren, trotzdem ist die Bundesrepublik im europäischen Vergleich nach den Niederlanden das EU-Land mit den wenigsten Dosen.

Meine Ärztin verordnete mir eine extrem eingeschränkte Ernährung, die meine Darmflora ausgleichen sollte – und somit meinen "undichten" Darm wieder versiegeln, sodass meine neu entwickelten Unverträglichkeiten hoffentlich abklingen würden. Früher langte ich zu, was auch immer auf den Tisch kam, heute ist die Liste meiner No-Nos lang: Soja, Milchprodukte, Getreide, Hülsenfrüchte, Alkohol, Kaffee und raffinierter Zucker jeglicher Art.

Die Ernährung ohne all diese Zutaten kennst du vielleicht unter ihrem trendigen Namen: die Paleo-Diät. Hauptsächlich ist sie beliebt bei nervigen CrossFit-Freaks und von vielen verlacht – früher auch von mir. Dass ich für immer dabei bleibe, kann ich mir auch nicht vorstellen, aber seit ich damit angefangen habe, klingen meine Symptome langsam aber stetig ab. Zumindest bis mein Körper geheilt ist, bin ich ein Fan. Und seit ich weiß, wie es ist, beim Dinner nervös nach allen Zutaten zu suchen, die vier Tage körperliches Leid auslösen könnten, hat sich mein Spott über Allergiker in völlige Empathie verwandelt.

Heute tue ich so, als stünde da gar kein Brotkorb auf dem Tisch. Ich futtere gierig Leberpastete anstelle von Pizza und koche fast alles, was ich zu mir nehme, in Schmalz. Desserts bastele ich mir aus Kokosflocken und rohem Honig. Ich hoffe, irgendwann meine Allesfresser-Lebensweise wieder aufnehmen zu können. Aber bis dahin? Reich doch mal die Knochenbrühe rüber.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf MUNCHIES US.

Folge MUNCHIES auf Facebook und Instagram.