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„Es ist transformativ”: Māori-Frauen sprechen über ihre heiligen Kinntattoos

Nach der Kolonialisierung Neuseelands im 19. Jahrhundert war die alte Tradition des Moko kauae—des heiligen Kinntattoos māorischer Frauen—nahezu ausgestorben. Mittlerweile gibt es aber immer mehr Frauen, die diese uralte Kunstform wiederaufleben lassen...

von Michelle Duff
04 Oktober 2016, 7:16am

Photo by Stephen Langdon

Für die neuseeländischen Māori-Frauen ist Moko kauae, wie das traditionelle Kinntattoo bei Frauen genannt wird, eine körperliche Manifestation ihrer wahren Identität. Sie glauben, dass jede Māori-Frau Moko bereits in sich, in der Nähe ihres Herzens trägt und wenn sie bereit ist, bringt es ein Tattookünstler zum Vorschein.

Vergangenen Monat wurde Nanaia Mahuta in Neuseeland zum weltweit ersten Parlamentsmitglied mit einem Moko kauae. Die 46-Jährige schrieb aber nicht nur Geschichte, weil sie die erste Frau ist, die sich im politischen Umfeld bewusst dazu entschlossen hat, ihre Māori-Identität im Gesicht zu tragen, sie ist damit auch Teil einer Gruppe von Frauen, die das traditionelle weibliche Gesichtstattoo der Māori wiederaufleben lassen wollen.

Es war ziemlich interessant. Die Leute sehen dich in einem anderen Licht.

„Es gab einige Meilensteine in meinem Leben und es hat sich richtig angefühlt, sie auf diese Weise zum Ausdruck zu bringen und damit eine positive Aussage über meine Identität zu machen", sagt Nanaia (s.u.) gegenüber Broadly. „Wer ich bin, woher ich komme und was für einen Beitrag im Leben leisten möchte. Nachdem ich mein Moko bekommen habe, fühlte ich mich unheimlich ausgeglichen. Es war, als wäre es schon immer da gewesen."

Nanaias Moko enthält den Jahrestag des Tods ihres Vaters. Die Muster sind den traditionellen Schnitzereien ihres Stammes, der Ngāti Maniapoto, nachempfunden. Sie wollte mit ihrem Moko aber auch ihrer 3-jährigen Tochter ein Vorbild sein. „Ich möchte, dass meine Tochter als junge Māori-Frau weiß, das ihr alles zu Füßen liegt. Sie muss sich nur danach ausstrecken und die Chance ergreifen."

Nanaia Mahuta. Foto: Kina Sai

Nanaias erster Auftritt mit Moko im Parlament war sehr emotional. „Es gab sehr viele andere Māori-Frauen, die unglaublich stolz waren", erinnert sie sich. „Es war ziemlich interessant. Die Leute sehen dich in einem anderen Licht. Ein Moko ist ein kultureller Marker. Wenn ich mit anderen Leuten an einem Tisch sitze, macht es deutlich, dass ich eine gewisse Denkweise vertrete."

Die traditionellen Körper- und Gesichtstattoos der Māori werden Tā moko genannt. Der Ursprung dieser uralten Kunstform liegt im Westen Polynesiens. Die komplexen, filigranen Muster werden mithilfe eines Werkzeugs namens Uhi in die Haut gemeißelt. Anschließend wird die Farbe in die eingeritzten Linien gerieben. Das Tā moko repräsentiert die familiäre Herkunft und den sozialen Status des Trägers. Man nimmt an, dass der Empfänger des Tā moko einen spirituellen Ort besucht, an dem er seine Vorfahren trifft, bevor er als neuer Mensch zurückkehrt.

Wie der Historiker Michael King in seinem wegweisenden Buch Moko festhält, war das Moko kauae ein Initiationsritus für māorischen Frauen, der den Übergang vom Mädchensein zur Frau markierte.

Bild einer Māori-Frau aus dem Jahr 1890. Foto: Sir George Grey Special Collections, Auckland Libraries

Ab 1840 wurden die Māori von den ankommenden englischen Siedlern von ihrem Land vertrieben und dazu gezwungen, sich immer weiter anzupassen. Mit der Verabschiedung der Kolonialgesetze wurden die sogenannten Tohunga, die Sachverständigen für die Praktiken der Māori, verboten und Kinder durften nicht mehr länger Māori in der Schule sprechen. In den 1970er-Jahren war das Moko fast vollkommen ausgestorben. Es gab nur noch ein paar ältere Frauen, die es trugen. Das Gesichtstattoo hatte zu dieser Zeit allgemein einen schlechten Ruf, da es hauptsächlich von unzufriedenen Māori in den Städten übernommen und mit Banden und Verbrechern in Verbindung gebracht wurde.

Erst in den 1980er-Jahren begann sich die Situation mit der Förderung zur Wiederbelebung der Sprache und Kultur der Māori zu verändern. Seit einigen Jahren kann man nun auch beobachten, wie die uralte Tradition des Moko wiederauflebt—sowohl unter älteren als auch unter jüngeren Māori-Frauen. Die Tā moko-Künstlerin Pip Hartley, 33, gehört zu einer neuen Generation von Māori, die die traditionelle Kunstform fortführen. Mit 18 Jahren fing sie an, in entlegene Regionen des Landes zu reisen, um die uralte Kunstform zu erlernen und eröffnete in diesem Jahr dann schließlich ihr Tattoo-Studio Karanga Ink in Auckland.

Die Entwicklung eines Moko ist etwas extrem persönliches, sagt Pip gegenüber Broadly. „Ich zeichne am liebsten direkt auf die Person, weil dabei ein Austausch von Wairua, also Energie, stattfindet. Man arbeitet mit den Konturen des Körpers und übersetzt ihre Geschichte. Für viele Menschen ist das eine sehr tranformative Erfahrung. Jedes Mal, wenn sie es sehen, erinnert es sie an das, was sie erreicht haben und daran, dass ihre Tupuna [Vorfahren] über sie wachen."

Pip Hartley verwendet noch das traditionelle Uhi für ihre Gesichtstattoos. Video: Karanga Ink

Sobald eine Frau bereit ist, ihr Moko kauae zu empfangen, sagt Pip, spürt sie einen inneren Ruf. „Sie werden zu Repräsentantinnen ihrer Kultur und bekennen sich zu ihr. Außerdem geht es darum, eine engere Verbindung zu seinen Vorfahren herzustellen. Es mag sicher auch Leute geben, die komisch schauen, weil sie es nicht verstehen, aber ich glaube, dass die Wahine [Frauen] bereit dafür sind, selbstbewusst für sich selbst einzustehen. Ich kann es kaum erwarten, mein Moko zu bekommen."

Für die Weberin Jude Hoani, die ihr Moko vergangenes Jahr bekommen hat, ging es darum zu definieren, wer sie ist. „Ich habe ein Gesicht, das keiner bestimmten Kultur zugeordnet werden kann", sagt sie gegenüber Broadly, „deswegen war es mir umso wichtiger zu zeigen, wer ich im Zusammenhang mit diesem Land bin. Ich habe 20 Jahre lang darüber nachgedacht."

Ich habe 20 Jahre lang darüber nachgedacht.

Jude (s.u.) hat das Thema zunächst mit ihrem verstorbenen Mann angeschnitten. „Er meinte: ‚Ich möchte nicht, dass du es machen lässt.' Ich habe ihm gesagt: ‚Das geht dich nichts an und du bist auch kein Teil des Entscheidungsfindungsprozesses—das musst du verstehen.'" Ihr Cousin, der bekannte Tā moko-Künstler Gordon Toi, zog Jude immer wieder auf und meinte: „Ich habe immer einen Platz für dich auf meinem Tisch."

Als Judes älterer Bruder an Nierenversagen starb, fiel ihre Entscheidung. „Wir standen uns sehr, sehr nahe. Zu dieser Zeit ist auch Gordon wieder in mein Leben getreten und ich habe nur zu ihm gesagt: ‚Also, ich wäre dann soweit.'"

Jude Hoani. Foto: Stephen Langdon

Das Tätowieren selbst, das mit einem normalen Tätowiergerät nur etwa eine halbe Stunde gedauert hat, war überhaupt nicht schmerzhaft, sagt Jude. „Es war eher unangenehm, aber ich habe auf einen Orangenschnitz gebissen und dann war es auch schon vorbei." Das Muster auf ihrem Kinn stellt eine stilisierte Eule dar—auch Ruru genannt. Nach der Tradition der Māori ist Ruru der Kaitiaki (der Wächter) des Kinns. Ihr Moko enthält außerdem auch Elemente eines Schnitzmusters, das charakteristisch für ihren Stamm, die Ngāpuhi, ist.

Seit sie ihr Moko bekommen hat, fühlt sie sich sichtbarer, sagt Jude. „Viele Leute in meiner Stadt, mit denen ich noch nie zuvor gesprochen hatte, fingen plötzlich an, sich mit mir zu unterhalten. Auf einmal konnten sie mich wirklich sehen. Sie sehen mich an, schauen in mein Gesicht und in meine Augen."

Jetzt, wo ich mein Moko habe, bin nicht länger unsichtbar.

„Vor ein paar Tagen habe ich mit einer Pākehā [einer weißen Neuseeländerin] gesprochen, mit der ich seit Längerem befreundet bin. Sie ist Mitte Siebzig", sagt Jude weiter. „Sie hat mir erzählt, dass sie nicht mehr so gern in die Stadt geht, weil sie nur irgendwo herumsteht und ignoriert wird. Sie meinte: ‚Ich bin sicher, das liegt an meinem Alter.' Jetzt, wo ich das Moko habe, passiert mir das nicht mehr. Ich bin nicht länger unsichtbar."

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Die 48-jährige Benita Tahuri (s.u.) hat mehr als die Hälfte ihres Lebens damit verbracht, darüber nachzudenken, sich ein Moko machen zu lassen—so lange, wie die meisten der Frauen, mit denen Broadly gesprochen hat, nachgedacht haben. „Tief in mir wusste ich schon immer, dass ich ein Moko haben möchte. Nachdem ich viele Veränderungen und Schwierigkeiten im Leben bewältigt und viel darüber nachgedacht habe, wurde mir schließlich klar, dass es das Richtige für mich ist", sagt sie.

„Für mich ist es ein Zeichen von Heilung, Reflektion, Selbstbestimmung und Identität. Es war keine bewusste Entscheidung—die körperliche Manifestation eines Moko kauae markiert das Ende einer Reise."

Benita Tahuri. Foto: Stephen Langdon

„Viele denken, dass es nicht von jedem getragen werden darf, sondern dass man es sich verdienen muss", erklärt Benita. „Ich glaube aber, dass jeder Māori von Geburt an ein Recht darauf hat. Niemand kann dich davon abhalten, wenn du der Meinung bis, dass es das Richtige für dich ist. Früher war es ganz normal—es wurde nur irgendwann abnormal. Es gibt so vieles, was wir uns erst wieder erkämpfen mussten. Wir sollten uns nicht selbst Hindernisse in den Weg legen."

Benita stammt von den Ngāti Kahungunu und den Tūhoe ab. Sie ist in Wairoa aufgewachsen, einer kleinen Stadt auf der neuseeländischen Nordinsel. Im örtlichen Pub gab es ein unausgesprochenes Gesetz: Der hintere Teil der Bar gehörte den Māori und der vordere den Pākehā [den Weißen]. Früher sprach niemand Māori in der Öffentlichkeit. Sie zog in die Stadt und schickte ihre Kinder auf māorische Immersionsschulen. Mittlerweile haben ihre Töchter Honey (23) und Anahera (25) ein eigenes Moko.

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„Ich wollte, dass [Moko] ein normaler Teil ihres Lebens ist", erklärt ihre Mutter. „Für mich war es ein echter Prozess, aber für sie war es einfach etwas, was man so macht und deswegen ist es so besonders. Im Gegensatz zu einem Tattoo, das man unter dem T-Shirt tragen kann, kann man ein Moko nicht verstecken. Man hat es ein Leben lang. Es ist ein Bekenntnis zu dir selbst und deiner Identität."

„Es sagt aus: ‚Ich stehe dazu, wer ich bin und so bin ich einfach.'"

Benita mit ihren Töchtern Honey und Anahera. Foto: Stephen Langdon

Während ihre Haut mit der Nadel bearbeitet wurde, fühlte sich Drina Paratene vollkommen im Reinen mit sich. „Ich habe mich zuvor mental darauf vorbereitet", sagt die 52-Jährige (s.u.). „Wir haben Karakia [Gebete] gesprochen, bevor wir angefangen haben. Ich habe erwartet, dass es ziemlich weh tut, aber ich hatte überhaupt keine Schmerzen."

Drina hat ihr Moko von der Künstlerin Pip Hartley bekommen, während sie bei sich zu Hause auf dem Boden lag. Pip hat hierfür ein Uhi verwendet—der traditionelle Meißel, der vor der Kolonialisierung ursprünglich noch aus Knochen hergestellt wurde. Dieser wird in Farbe getaucht und dann dazu verwendet, die Haut zu punktieren. Pip verwendet eine Nadel an ihrem Uhi und reibt die Farbe der Tradition nach mit der Hand in die Haut.

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„Ich wollte [einen Uhi] verwenden, weil er uns mit unseren Vorfahren und deren Erfahrungen verbindet", sagt Drina, die als Lehrerin Māori unterrichtet. „Ich dachte am Anfang noch: ‚OK, es wird wahrscheinlich noch schlimmer als jetzt.' Aber am Ende lag ich sechs Stunden dort und hatte überhaupt keine Schmerzen."

Drina war Teil einer politischen Bewegung namens Kōhanga Reo, die sich Anfang der 80er dafür eingesetzt hat, die Sprache der Māori wieder aufleben zu lassen. „Ich wollte Teil einer kollektiven Frauenbewegung sein, die ein Moko kauae tragen, um diese Tikanga [Tradition] wiederaufleben zu lassen und sie dadurch in unsere moderne Gesellschaft zu integrieren", sagt sie. Drinas Moko symbolisiert die drei Werte, die ihrer Meinung nach, unerlässlich sind, wenn man ein bedeutungsvolles Leben führen möchte: Das erste ist Tika, also Ehrlichkeit und Integrität; das zweite ist Pono, der Glaube an eine höhere spirituelle Ordnung; und das Dritte ist Aroha, bedeutungsvolle Liebe.

„Diese Werte möchte ich meinen Kindern und Enkelkindern vermitteln", sagt sie. „Wenn sie sich mein Moko kauae anschauen, dann sehen sie darin eine Botschaft und darum geht es doch, wenn man ein bedeutungsvolles Leben führen möchte."

Drina Paratene. Foto: Stephen Langdon

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