Zwischen Opferrolle und herzloser Verführerin: das Leben als Geliebte

Um wenige Frauenfiguren ranken sich so viele (popkulturelle) Mythen wie um die der Geliebten, der „anderen Frau“. Doch die Realität ist wesentlich komplizierter und hat nur wenig mit gängigen Klischees zu tun, sagen Betroffene.

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01 November 2016, 8:00am

Foto: freestocks.org | Pexels | CC0

Stell dir vor, du läufst mit deinem aktuellen Typen händchenhaltend durch die nächtlichen Straßen der Stadt. Euer gemeinsames Ziel: deine Wohnung. Plötzlich hält er dich fest, bleibt ruckartig stehen und sagt: „Scheiße, ich glaube in der Bar da vorne an der Ecke ist meine Freundin gerade". Was machst du? Mir jedenfalls bleiben Mund und Augen weit offen stehen. Panisch ziehe ich meine Regenjacke bis tief ins Gesicht, wechsle die Straßenseite, natürlich ohne ihn, verdopple mein Schritttempo und laufe einen Umweg zu mir nach Hause. Ihn treffe ich 20 Minuten später dort wieder.

Sexuelle Untreue ist weder selten noch neu. Philosophin Simone de Beauvoir schrieb 1949 in Das andere Geschlecht: „Da die Ehe die körperliche Liebe im Allgemeinen nicht mit einschließt, schiene es vernünftig, das eine unverblümt vom andern zu trennen". Sie und ihr Ehemann Jean-Paul Sartre erlaubten einander Liebschaften mit anderen. Was das mit einer Beziehung macht, ob es sie zerstört, rettet oder einfach gar nicht beeinflusst, wollen wir hier nicht diskutieren. Hier geht es um etwas anderes, um jemand anderen. Um die dritte Person in einer Zweier-Konstellation. Eine völlig neue Rolle ist das nämlich, mit der ich mich da anfreunden muss: die der Geliebten.

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Ein gängiger Begriff, diese Geliebte. Vom klassischen Verständnis her ist sie weiblich. Das bestätigt auch Psychologe und Paartherapeut Kurt Pelzer: „Ich würde zwar sagen, dass sich das ändert, dass Frauen mit fortschreitender Emanzipation sozusagen aufholen und auch immer mehr verheiratete Frauen einen Geliebten haben, aber dem traditionellen Bild nach, ist die Geliebte weiblich."

Was aber macht das Geliebte sein aus? Um mich professionell meiner neuen Identität hingeben zu können, habe ich das mal recherchiert. Per Google kann man sich ganz unproblematisch Tipps einholen, wie eine gute Geliebte zu sein hat. Diskret zum Beispiel und sich außerdem darüber bewusst, dass sie Feiertage allein verbringen wird. Sie ist entbehrlich, weswegen sie hart daran arbeiten soll, ihm die rare gemeinsame Zeit unvergesslich zu gestalten.

Ich bin nicht verliebt in ihn und darüber auch sehr froh, sonst würde es mich glaube ich ziemlich fertig machen.

In früheren Zeiten konnten Geliebte noch richtig Karriere machen. Die Mätresse wickelte den ganzen Hofadel offiziell um ihren hübschen Finger, wohnte in den tollsten Palästen und war sozial integriert. Katharina die Große zum Beispiel, später Kaiserin von Russland, war einst Mätresse von Peter dem Großen. Heute hingegen führt die Geliebte ein wesentlich unglamouröseres Dasein. Bei meiner Recherche stoße ich immer wieder auf das Bild der verzweifelten, allzeit bereiten Frau, die traurig ausharrend Jahre lang darauf wartet, dass er, selbstverständlich ihr Lebensmittelpunkt, seinen stetigen Versprechungen nachkommt, endlich seine Ehepartnerin für sie verlässt und mit ihr in den Sonnenuntergang reitet.

„Das ist schon ein übelst sexistisches Konstrukt", findet Marie*. „Das impliziert ja ein Machtgefälle. Ich entscheide mich aber bewusst dafür, das zu tun. Und wenn ich das beenden würde, wäre er auch gefrustet. Dabei ist es eine gegenseitige Sache. Er ist so mein Geliebter, wie ich seine Geliebte bin." Marie hat eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Einem ehemaligen Kollegen aus der Firma, in der sie als Werkstudentin arbeitet. Kurz nachdem er in eine andere Stadt zog, gab es eine Weihnachtsfeier mit Ehemaligen. „Später sind wir sturzbetrunken zusammen abgestürzt. Ich hätte nie gedacht, dass das passiert, aber danach hat er sich gemeldet und gefragt, ob wir das nicht wiederholen wollen", erinnert sie sich. Seither sehen die beiden sich ca. zwei Mal im Monat. Seit eineinhalb Jahren. Der Mann ist gute zehn Jahre älter als sie und hat zwei Kinder.

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Über seine Familie weiß Marie nicht viel. Möchte sie auch nicht. „Das wäre mir zu viel Information. Gar nicht aus Eifersucht, sondern weil das einfach zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind. Das, was wir haben, ist wie ein guter One Night Stand, aber immer wieder. Das hat nichts mit Gefühlen zu tun, die man für seine Frau oder Familie hat." Dass zwischen ihr und ihm mehr, also eine ernsthaftere Beziehung, entstehen könnte, stand nie zur Diskussion. „Ich bin nicht verliebt in ihn und darüber auch sehr froh, sonst würde es mich glaube ich ziemlich fertig machen."

Marie spricht auf eine sehr reflektierte Art und Weise von ihrem Verhältnis. Sie trennt die Bereiche Sex und Beziehung klar voneinander—ganz nach dem Vorbild von Simone de Beauvoir. Das fällt vielen Frauen aber nicht so leicht, weiß Paartherapeutin Vera Matt. Sie hat durch ihre Arbeit oft mit Dreiecksbeziehungen zu tun. „Natürlich gibt es auch Personen, die keine Lust auf feste Bindungen haben und nur ihren Spaß wollen", sagt sie. „Aber nehmen wir mal das klassische Modell: verheirateter Mann und Geliebte. Da ist der Wunsch der Frau, die Beziehung exklusiv zu haben, meiner Erfahrung nach sehr häufig." Typisch für Frauen in einer solchen Situation sei, dass diese im Vergleich zu männlichen Geliebten länger in ihrer misslichen Lage ausharren und auf eine Trennung des anderen hoffen.

Foto: Porsche Brosseau | Flickr | CC BY 2.0

„Eine Affäre fängt ja immer im Trubel der Hormone an. Die wenige Zeit, die man miteinander hat, ist perfekt. Doch dann kommen irgendwann Probleme. Zum Beispiel darf sie ihn nicht anrufen, weil er eventuell bei seiner Hauptfreundin sein könnte. Dann sitzt sie da und bewacht das Telefon und sagt vielleicht andere Dinge ab, weil er anrufen könnte. Schlimm sind dann besonders Tage wie Weihnachten, die er ja nie mit ihr verbringen wird."

Immerhin wird eine Affäre selten langweilig. Schließlich kehrt kein Alltag ein, den man zusammen bewältigen müsste. Die Zeit, die man hat, ist zum schön sein da, zum Spaß haben. Das spürt auch Marie: „Das ist Teil des Deals. Nur wenn es mir gut geht, ich Bock auf Sex habe und Zeit, dann komme ich ins Spiel." Das bedeutet aber auch: Dann, wenn sie ihn wirklich brauchen würde, wenn sie sich einsam fühlt, ist ihr Irgendwie-Partner unerreichbar. „Ich kann ihn nicht anrufen und mich ausheulen. Das ist für mich ein wichtiger Teil der Affäre. Kein Guter, aber ein Entscheidender."

Ich bin nicht die, mit der er ins Theater geht. Oder ins Restaurant. Mit der er sich eben sehen lässt. Und das ist schon hart.

Ich frage mich, ob man es, so als Nummer Zwei, nicht zwangsläufig auch mit seinem Ego zu tun bekommt. Weil ich ja ständig weiß: Es gibt noch diese andere Frau. Von mir braucht er keine Sicherheit, keine Geborgenheit—die bekommt er von ihr. Ich bin das Abenteuer. In manchen Momenten finde ich das schwer zu schlucken. Marie hingegen erzählt mir, dass die Affäre ihr Selbstwertgefühl manchmal sogar steigere. Der Typ, sagt sie, sei einer, den sie früher in der U-Bahn angestarrt und für unerreichbar gehalten hätte. „Jetzt weiß ich, er ist scharf auf mich und das ist ein gutes Gefühl." Natürlich darf von den beiden niemand wissen. Sie treffen sich in Hotels, bei ihr, oder sonst wo, Hauptsache nicht an öffentlichen Orten. Marie denkt darüber nach und gibt dann doch zu: „Ich habe auch meine Momente, in denen mir klar wird: Ich bin nicht die, mit der er ins Theater geht. Oder ins Restaurant. Mit der er sich eben sehen lässt. Und das ist schon hart."

Während Marie und ihr verheirateter Lover in verschiedenen Städten leben und sich keine Freunde teilen, war die Koordination des Dreiecks im Fall von Amanda* ein bisschen komplizierter—die Affäre spielte sich in einer Stadt und im gleichen Bekanntenkreis ab, während seine Freundin einen Sommer im Ausland war. Zwischen ihm und Amanda war schon früher einmal etwas gelaufen und richtig vergessen hatten sie einander nie. „Über Freunde haben wir uns in besagtem Sommer wiedergetroffen und angefangen, viel miteinander zu unternehmen. Wir waren zum Beispiel Boot fahren oder feiern und eigentlich bin ich jedes Mal danach mit zu ihm oder er zu mir", erzählt Amanda. Es blieb nicht bei einer Affäre: Er verließ kurz darauf seine Freundin, mittlerweile sind er und Amanda seit zwei Jahren zusammen.

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Ob das Verbotene und Geheime die Sache auch ein bisschen spannend gemacht habe? „Nein, eher das Machtspiel. Dass man jemanden dazu bekommt, dass er etwas tut, was er eigentlich gar nicht tun will", erinnert sie sich. „Ich kannte seine Freundin überhaupt nicht, habe aber die ganze Zeit gemerkt, wie toll er mich findet."

Die Geliebte, das fällt mir ziemlich schnell auf, hat selten einen guten Ruf. Weit über die Grenzen Englands hinaus wurde damals Camilla Parker Bowles für den schrecklichen Betrug an der armen Diana gehasst—und das deutlich mehr als Prince Charles, der immerhin mit der Prinzessin der Herzen verheiratet war. Die „andere Frau" ist also entweder das ewig warten gelassene Opfer, oder eben, wie Camilla, die Täterin.

Von einer Geliebten hat Amanda „eher eine verruchte Power-Rolle" im Kopf. Jemanden, der selbst verheiratete Männer bezirzen kann. Wie Marylin Monroe. Niemanden, der leider nie wen ganz für sich alleine bekommt. Sie überlegt. „Ich kann mir nicht vorstellen, mich in eine so krasse Abhängigkeit zu begeben. Ich glaube, das hängt aber auch damit zusammen, was für ein Frauenbild man beigebracht bekommt. Meine Mutter hatte auch mal was mit einem verheirateten Mann, da war ich ungefähr 14 Jahre alt. Sie hat mir ein bisschen davon erzählt und war total cool damit. Das ist bestimmt anders, wenn man eine Mutter erlebt, die Hausfrau ist und ahnt, dass ihr Mann fremdgeht, darunter leidet, aber nichts unternimmt".

Seine Ex war das Opfer und das wünsche ich eigentlich auch niemandem. Ich hoffe, dass sie nie davon erfährt.

Diese Aussage deckt sich mit der Erfahrung des Psychologen Kurt Pelzer: „In eine Abhängigkeit gerät eher, wer ein geringeres Selbstwertgefühl hat. Eine Person, die sagen würde: Er ist mein Leben. Ohne ihn bin ich nichts."

Opfer oder Täter—in welche Kategorie würden sich Marie und Amanda einordnen, wenn sie eine wählen müssten? „Die Schuldfrage, wenn es rauskäme, wäre total klar: Ich bin die Familienzerstörerin", sagt Marie. „Ich für mich selbst finde aber auch: Ich bin auf keinen Fall das Opfer. Und wenn, mache ich mich selbst dazu und werde nicht dazu gemacht. Ich kann ihn nicht zum bösen Verführer stilisieren." Auch Amanda ist entschieden: „Täter, voll. Ich habe total provoziert, dass das passiert. Aber er auch." Dann wird sie nachdenklich. „Seine Ex war das Opfer und das wünsche ich eigentlich auch niemandem. Ich hoffe, dass sie nie davon erfährt."


*Namen geändert

Titelfoto: freestocks.org | Pexels | CC0