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Auf Reddit gibt es eine Gruppe, die bizarre sexbezogene Rechenaufgaben löst

Wie viele Eiffeltürme braucht man, um die Erde 72 Stunden lang ficken zu können? Nur eine von vielen Fragen, die Hobbymathematiker im Internet wachhalten. Die Gründe dafür sind allerdings vielschichtiger als gedacht.

von Gareth May
13 Januar 2017, 7:50am

Photo by Jacqui Miller via Stocksy

Ich war noch nie gut in Mathe. Während meine Mitschüler Standardabweichungen berechnet haben, war ich noch dabei, einfache Gleichungen zu lösen. Später ging es damit weiter, dass ich es mir phänomenal mit meinem Mathelehrer verscherzte, weil mein junges Gehirn an nichts anderes denken konnte, als an Sex—und sein Name sich einfach für ein dummes Wortspiel anbot.

„Ich habe eine Frage, Herr Hart-Schwanz!"

„Wie hast du mich gerade genannt?"

„Ähm ... Herr Hart-Schwarz?"

Wenn Mathe erotischer gewesen wäre, hätte ich mir vielleicht etwas mehr Mühe gegeben. Nun scheint es, als wären meine Gebete erhört worden.

Der Subreddit theydidthemath ist ein Forum für Menschen, die sonderbare mathematische Fragen lösen. Beispiel gefällig? „Wie viele Enten bräuchte man, um einen Mittelklassewagen auf 60 Stundenkilometer zu beschleunigen?" oder „Wie hoch war die Luftverschmutzung, die durch den Abgasskandal von Volkswagen verursacht worden ist?" (Anscheinend 1,4 Millionen Tonnen Stickstoffdioxid.)

Mehr lesen: Nur mit schlauen Leuten schlafen zu wollen, ist keine „sexuelle Orientierung"

Neben solchen artigen Textaufgaben stößt man allerdings auch auf weniger jugendfreie Fragen wie: „Welche Länge hat die Summe der Penisse, von denen Jenna Jameson im Laufe ihrer Karriere als Pornodarstellerin penetriert wurde?", „Welche Strecke legt die Hand eines Mannes im Laufe seines Lebens durchschnittlich beim Masturbieren zurück?" oder—noch etwas ordinärer—„Wie lange müsste eine Frau einem Mann einen blasen, um die Kalorien zu verbrennen, die sie beim Schlucken zu sich nimmt?"

Ich habe mich mit einigen Nutzern auf Reddit unterhalten, um sie zu fragen, warum sie so versessen darauf sind, Antworten auf die penisbezogene Zahlenlehre zu finden.

„Eines Abends saßen meine Freunde und ich herum und haben getrunken, als wir uns plötzlich gefragt haben, ob es möglich wäre, die ‚Penismeilen' von Jenna Jameson zu berechnen", erklärt mir Matthew, einer der Nutzer von theydidthemath, in einer persönlichen Nachricht auf Reddit. „Die Frage erschien uns zu gut, um sie unbeantwortet zu lassen. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir festgelegt, dass mit jeder einzelnen ‚Stoßbewegung' eine Strecke von 19 Zentimetern zurückgelegt wird, wobei wir in beide Richtungen einen Spielraum gelassen haben. Diesen Faktor nannten wir ‚nur die Spitze'. Außerdem gingen wir von schätzungsweise 300 Stoßbewegungen pro Akt aus."

Zunächst kamen sie auf einen Schwanzmarathon von 44,57 Peniskilometern, wurden dann aber von einem anderen Nutzer korrigiert, der die Formel auf eine konkretere Anzahl von Partnern angewandt hat.

Ich finde einfach, dass wir alles im Leben hinterfragen, überdenken und differenziert betrachten sollten

„Das Endergebnis betrug 9,88 Kilometer", sagt ein 25-jähriger Nutzer aus dem englischen Windsor. „Das hat zu einer kontroversen Diskussion über die Genauigkeit der Berechnung geführt, aber wir haben getan, was wir tun konnten, ohne uns tatsächlich stundenlang Pornos anzuschauen und uns Notizen dazu zu machen."

Was aber findet Matthew so spannend daran, Sex mathematisch zu berechnen? Worin liegt der Reiz?

„Es hat etwas rebellisches, diese eigentlich sehr nüchterne Disziplin auf den eher ursprünglichen Akt der Masturbation oder des Sex anzuwenden", erklärt er mir. „Ich mochte den Kerl, der herausgefunden hat, dass man 951 Jahre lang einmal pro Minute masturbieren müsste, ohne einen Pause zum Essen oder zum Schlafen zu machen, um ein olympisches Schwimmbecken zu füllen. Das sind vollkommen sinnlose Informationen, aber die Frage hat mich gefesselt."

James ist 18 Jahre alt und kommt aus dem US-amerikanischen Colorado. Er hat berechnet, wie viele Eiffeltürme man bräuchte, um die Erde zu ficken. Inspiriert wurde er durch den Song „Backseat Freestyle" von Kendrick Lamar.

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„Ich bin darauf gekommen, als ich mir den Song angehört habe. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie groß ein Penis tatsächlich sein müsste, um die Erde zu ficken—der Eiffelturm ist zwar schon recht groß, aber im Vergleich zur Erde ist er doch ziemlich klein", erklärt er. „Ich habe meine Berechnungen auf einem Zettel gekritzelt. Es war alles so durcheinander, dass es außer mir niemand verstanden hätte. Bevor ich das Ganze gepostet habe, habe ich es dann nochmal ins Reine geschrieben."

In James Augen ist es kein Zufall, dass lüsterne mathematische Fragen so eine Anziehungskraft auf ihn haben. „Ich glaube, dass wir damit eine Brücke zwischen zwei Dingen bauen können, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Man stößt überall in unserer Gesellschaft auf Sex und trotzdem wird das Thema nach wie vor tabuisiert. Durch die Berechnungen wird das Stigma von Sex hingegen deutlich vermindert. Außerdem hilft es uns dabei, beide Seiten verstehen zu lernen."

Für andere Hobbymathematiker ist das Forum einfach nur ein Ort, um ihren persönlichen Interessen nachzugehen, ohne dafür verurteilt zu werden.

Lance ist 26 Jahre alt und kommt aus Detroit. Sein Cousin ist Leiter der mathematischen Fakultät an einem College in Michigan, erzählt er Broadly. Dennoch gibt es Dinge, über die er nicht mit ihm sprechen kann, weil sein Cousin ein konservativer Christ ist.

„Ich gehe mit all meinen asexuellen Fragen zu ihm und nutze Reddit für meine anzüglicheren Berechnungen", sagt er. „[Allerdings] würde ich nicht sagen, dass sich Sex [für Mathematik] eignet. Ich finde einfach, dass wir alles im Leben hinterfragen, überdenken und differenziert betrachten sollten—und Sex gehört nunmal zum Leben dazu."

Foto: Deepak Gautam | Pexels | CC0

„Während oder vor dem Sex denke ich nicht über Mathe nach. Die einzige seltsam nerdige Angewohnheit, die ich habe, ist, dass ich mir vorstelle, David Attenborough würde das Ganze kommentieren als wäre es eine Naturdokumentation", sagt er.

Lances Lieblingsfrage, die er allerdings noch nicht gepostet hat, wurde von /r/askwomen inspiriert. Beim Durchscrollen stolperte über die Frage: „Wie fühlt es sich als Frau an, wenn man geil ist?"

„Die Standardantwort war: ‚Es fühlt sich an wie eine Leere, die mit einem Penis gestopft werden muss.' Ich nahm sie beim Wort und habe das Volumen von Geilheit anhand meiner persönlichen Mittelwerte berechnet", erklärt er. „Es war allerdings ein wenig eigenartig, die empirischen Daten aufzutreiben, die ich dafür benötigt habe. Ich musste Frauen schreiben, mit denen ich sechs Monate lang nicht gesprochen hatte, um sie zu fragen: ‚Hey, erinnerst du dich noch an das eine Mal als ...?'"

Mithilfe seiner Ex-Freundin, einer Sozialarbeiterin, die sich ebenfalls für seine „sexy Rechenaufgaben" interessierte, kam Lance schließlich zu dem Ergebnis, dass „das Volumen der Geilheit" in seinem Fall ungefähr 1.159 Liter beträgt.

„Meine Rechnung lautete wie folgt: Mein Penis ist ungefähr 17 Zentimeter lang und hat einen Umfang von 15 Zentimetern. Hieraus ergibt sich ein Durchmesser von 4,8 Zentimetern und ein Radius von 2,527 Zentimetern. Das Volumen eines Zylinders beträgt V=πr²h, somit kommen wir auf 340,996 Kubikzentimeter. Durch meine empirischen Untersuchungen kam ich auf durchschnittlich 170 Stöße pro Minute (BMP, beats per minute) mit einer durchschnittlichen Dauer von 20 Minuten. Also sind das 356,74 x 170 x 20 = 1.159.386 Kubikzentimeter, beziehungsweise 1.159 Liter."

Dieselben sozialen Normen, die uns sagen, dass man ‚mit Zahlen immer richtig liegt', sagen uns auch, dass Sex etwas anstößiges ist.

Dr. Chauntelle Tibbals, Soziologin und Autorin von Exposure: A Sociologist Explores Sex, Society, and Adult Entertainment, erklärt mir per Mail, dass wir aus soziologischer Sicht in einer Welt leben, die den Anspruch erhebt, verschiedene Formen von qualitativen Daten anzuerkennen—in Wahrheit sind wir allerdings darauf konditioniert, Quantität zu bewerten.

„Zahlen sind wertungsfrei, unanfechtbar und unbestechlich", erklärt sie. „Man muss es so sehen: Statistiken zu zitieren ist der sicherste Weg, um eine Diskussion zu gewinnen oder zumindest als Autoritätsfigur betrachtet zu werden. Wenn wir uns also fragen, was wir an empirischen Daten zu sexuellen Handlungen so interessant finden, dann geht es doch im Endeffekt nur um eins: Dieselben sozialen Normen, die uns sagen, dass man ‚mit Zahlen immer richtig liegt', sagen uns auch, dass Sex etwas anstößiges ist, mit dem man sich nicht genauer beschäftigen muss. Wenn nun allerdings jemand einen Weg findet, um solche gesellschaftlich ‚unwürdigen' Fragen zu quantifizieren, gibt ihm das plötzlich die Legitimation, um sich damit zu beschäftigen."

In anderen Worten: Anzügliche mathematische Fragestellungen zeigen, wie auch schon James sagte, dass Sex etwas ganz normales ist—ein bedeutender Teil unseres Lebens, bei dem es nicht zwangsläufig immer nur ums Ficken geht.

„Es ist schade, dass wir uns in Bezug auf Sex selbst ins soziale Abseits gestellt haben, weil es auch sein könnte, dass die Menschen, die diese mathematischen Berechnungen auf Reddit machen, Sex als das sehen, was es ist: interessant, fesselnd und absolut normal", sagt Dr. Tibbals. „Das menschliche Verhalten ist faszinierend, auch wenn es nicht immer schön oder aufbauend ist. Wenn wir allerdings alles ausblenden, was wir unangenehm finden, weil wir dazu erzogen wurden es unangenehm zu finden, gehen uns viele Erkenntnisse verloren."

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In ihrem Buch Mathematics and Sex lobt Dr. Clio Cresswell die Bedeutung der Mathematik bei der Erforschung der menschlichen Natur. „Bei vielen unserer menschlichen Bestrebungen—im Großen wie auch im Kleinen—hat die Mathematik eine wichtige Rolle gespielt", schreibt sie. „Das Humangenomprojekt gilt als einer der wichtigsten Durchbrüche im Menschheitswissen und ohne die Mathematik wären weder Francis Collins' noch Eric Landers oder Craig Venters Forschungsergebnisse möglich gewesen."

Abschließend spricht sie über ein weiteres Thema, das neuen mathematischen Input liefern könnte: der Orgasmus. „Ein komplexer Vorgang, an dem viele verschiedene Aspekte unseres Körpers beteiligt sind. Gleichungen könnten dazu genutzt werden, einige der zugrundeliegenden Mechanismen zu entschlüsseln, die dieses komplexe orgasmische Zusammenspiel bewirken."

Eine mathematische Formel, mit der der Höhepunkt berechnet werden kann? Mal sehen, ob ich dahinter komme.


Titelfoto: imago | Mint Images [Symbolbild]