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Drogen

So groß ist das Drogenproblem in deutschen Gefängnissen

Und diese Drogen werden am häufigsten konsumiert.

von Tim Geyer
06 November 2019, 12:25pm

Collage: Public Domain Images | Needpix | Pixabay

Langeweile und jederzeit verfügbare Drogen ergeben eine gefährliche Mischung. Noch häufiger als in deutschen Kleinstädten findet man diese Kombination in Gefängnissen. Wie häufig, hat jetzt eine Studie erfasst.

Der am Dienstag vorgestellte Bundesdrogenbericht zeigt erstmals, welche Drogen in Justizvollzugsanstalten konsumiert werden und wie viele Inhaftierte davon abhängig sind. Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens standen Inhaftierte im Interesse deutscher Drogenpolitik bislang nicht gerade weit oben. Zweitens zeigt die Studie, warum genau das dringend nötig wäre.

Schon vor der Erhebung seien Experten davon ausgegangen, dass es in Gefängnissen mehr Drogenkonsumierende und Abhängige gibt als außerhalb, heißt es in dem Bericht. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass diese Annahme stimmt: Fast die Hälfte aller Inhaftierten (44 Prozent) in den untersuchten JVAs hat ein Drogenproblem.

Seit 2016 sammeln die Bundesländer Daten zu diesem Thema. Die Grundlage für die jetzt veröffentlichte Untersuchung stammt aus zwölf Bundesländern, Stichtag 31. März 2018. Das entspricht 41.896 Inhaftierten. Davon waren 39.699 Männer und 2.197 Frauen.

Die meisten Drogen kursieren in Männergefängnissen

Über ein Viertel aller Inhaftierten in den zwölf Bundesländern waren zum Zeitpunkt der Studie nicht nur Drogenkonsumierende, sondern abhängig: 27 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen. Weitere 17 Prozent der Männer und 11 Prozent der Frauen konsumierten Drogen, wurden aber nicht als abhängig eingestuft. Als Abhängig gilt in der Studie, wer mindestens drei von sechs entsprechenden Kriterien der WHO erfüllt.

Den großen Unterschied zwischen den Geschlechtern erklärt die Studie ebensowenig wie den Weg, auf dem die Drogen ins Gefängnis kommen. Es gibt immer wieder Presseberichte über Justizbeamte oder Besucher, die Drogen in Gefängnisse schmuggeln. Manchmal werden Drogenpakete aber auch einfach über Gefängnismauern geworfen. Alleine 2017 wurden in Berliner Gefängnissen 5,5 Kilo Cannabis, Heroin und Kokain sichergestellt.


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Allgemein liefert die Studie vor allem Zahlen, nur selten Interpretationen. Dafür findet man eine detaillierte Auflistung der verschiedenen Drogen, mit denen sich die Inhaftierten die Zeit vertreiben oder Suchtbedürfnisse befriedigen.

Auch wenn Frauen im Gefängnis insgesamt seltener Drogen nehmen, sind die Süchtigen unter ihnen viel öfter von Opioiden – also zum Beispiel Heroin – abhängig als Männer (34 Prozent gegenüber 19 Prozent). Noch öfter, nämlich bei fast der Hälfte (44 Prozent) der Frauen mit Suchtproblemen, fanden die Forschenden eine Abhängigkeit von sogenanntem multiplem Substanzgebrauch – also dem Konsum von mehreren Drogen. Bei männlichen Abhängigen trifft das auf ein Drittel (32 Prozent) zu.

Alkohol und Cannabis sind im Knast besonders unter Männern verbreitet. Wer an Fruchtsaft, ein bisschen Zucker und Hefe rankommt, kann sich leicht ein DIY-Gebräu ansetzen. 21 Prozent der männlichen Gefangenen mit einem Drogenproblem sind alkoholkrank. Cannabis wird von 38 Prozent der Drogennehmenden konsumiert, aber nur 14 Prozent der Abhängigen sind süchtig danach. Kokain ziehen Inhaftierte dagegen eher selten: 8 Prozent der konsumierenden Männer und 5 Prozent der Frauen.

Die meisten Süchtigen sitzen in Jugendhaft

Wie viele Drogen man nimmt, könnte auch damit zu tun haben, in welchem Gefängnis man sitzt. Die Zahlen aus Jugendgefängnissen sind besonders alarmierend. 56 Prozent der Inhaftierten dort haben ein Drogenproblem. In einem nicht näher genannten Bundesland seien laut der Studie sogar 83 Prozent der Menschen in Jugendhaft süchtig.

In der Sicherungsverwahrung, wo besonders gefährliche Straftäter sitzen, haben 49 Prozent ein Drogenproblem, aber auch hier variieren die Zahlen stark. In manchen Bundesländern haben drei Viertel der Sicherungsverwahrten ein Suchtproblem, in anderen kein einziger – was auch an der geringen Anzahl der Inhaftierten liegen könnte. Menschen, die eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen, also zum Beispiel notorische Schwarzfahrer, die ihre Bußgelder nicht zahlen, haben zu 45 Prozent ein Drogenproblem. Dieser Wert gilt auch für Menschen, die eine Freiheitsstrafe absitzen, also die Mehrheit aller in Deutschland Inhaftierten. In Untersuchungshaft sitzen die wenigsten Menschen mit einem Drogenproblem: 38 Prozent. Ob das daran liegt, dass dort der Kontakt zu anderen Gefangenen oft eingeschränkt ist, erklärt die Studie allerdings nicht.

Studie fordert mehr Hilfe für Opioidabhängige

Der hohen Anzahl an Opioidabhängigen in deutschen Gefängnissen widmet die Studie ein ganzes Kapitel. Und sie liefert auch Erklärungen, warum unter Gefangenen so oft Menschen sind, die süchtig nach Heroin und ähnlichen Stoffen sind. Weil sie unter anderem durch Beschaffungskriminalität besonders häufig Straftaten begehen, seien Opioidabhängige unter JVA-Insassen überrepräsentiert, schreiben die Forschenden.

Besonders Heroin zu beschaffen und zu konsumieren, sei in JVAs riskant, weil es oft schwierig sei, an sauberes Spritzbesteck heranzukommen. "Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass für Drogenabhängige der Aufenthalt in einer Haftanstalt ein wichtiger Risikofaktor für den Erwerb von Infektionskrankheiten wie Hepatitis C ist", heißt es in der Studie. Gerade deshalb sei es wichtig, Substitutionsprogramme in deutschen Haftanstalten weiter auszubauen.

Ein wichtiger Punkt. Denn auch Inhaftierte haben ein Recht auf eine gute Gesundheitsversorgung, auf Substitutionsprogramme und andere Therapieformen. In Deutschland gilt das Äquivalenzprinzip. Demnach müssen Inhaftierte die gleichen Leistungen erhalten, wie sie außerhalb der JVA eine gesetzliche Krankenkasse bieten würde. "Dies ist sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern bislang keineswegs flächendeckend gelungen", heißt es in dem Bericht der Forschenden. Die Ergebnisse ihrer Studie zeigen jetzt erstmals, wie dringend notwendig hier Verbesserungen für Inhaftierte sind.

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