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Menschen

Der Hass auf Homosexuelle in Polen wird immer schlimmer

Wir haben mit Menschen darüber gesprochen, wie sie die täglichen Angriffe und die LGBTQ-feindliche Politik der Regierung erleben.

von Paweł Mączewski
15 Oktober 2019, 7:02am

Fotos mit freundlicher Genehmigung der Abgebildeten

Während Pride-Paraden in Städten wie Berlin, Köln, Zürich oder Wien vor allem mit ihrer Kommerzialisierung zu kämpfen haben, ist die Lage in Polen weitaus ernster. LGBTQ-Paraden werden dort von homofeindlichen Gegendemonstranten mit faulen Eiern und Urinbomben beworfen, oft kommt es zu tätlichen Angriffen.

Die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit, PiS, hat bei den Wahlen am Wochenende mit 45,8 Prozent der Stimmen wieder die Mehrheit erreicht. Dabei fährt die PiS eine offen homofeindliche Agenda. In einer Pressekonferenz im April sagte der Parteivorsitzende Jaroslaw Kaczynski: "Die LGBT- und Gender-Bewegung bedroht unsere Identität und unsere Nation." Der Erzbischof von Krakau bezeichnete die LGBTQ-Bewegung als "Regenbogen-Plage".

Etwa 30 Regionen in Polen haben sich selbst zu "LGBTQ-freien Zonen" erklärt, während die regierungstreue Zeitung Gazeta Polska ihrer Ausgabe LGBTQ-feindliche Aufkleber beilegte. Ein polnisches Gericht hat die Sticker-Aktion inzwischen immerhin als gesetzeswidrig erklärt.


VICE-Video: Aufstand der Rechten – Unterwegs bei Europas größtem Nationalisten-Treffen in Warschau


Am 28. September verhaftete die Polizei mehrere ultrarechte Nationalisten, die in Lublin versucht hatten, eine Pride-Parade anzugreifen. Es war erst die zweite, die in der ostpolnischen Stadt abgehalten wurde. Unter den Festgenommenen war auch ein Ehepaar, das selbstgebastelte Sprengsätze mitgebracht hatte. Maciek Piasecki – ein ehemaliger Redakteur von VICE Polen, der heute für die Nachrichtenorganisation OKO.Press arbeitet – wurde von einer Gruppe Schläger angegriffen, die ihn als "Schwuchtel" beschimpften und mit Getränkedosen bewarfen. Er erlitt Schnittwunden im Gesicht und seine Kameraausrüstung wurde vollkommen zerstört.

Beim allerersten Pride-March im nordöstlichen Białystok warfen rechte Gegendemonstranten im Juli Böller, verfaulte Eier und mit Wasser und Urin gefüllte Flaschen auf die friedlichen Demonstrierenden. In Breslau wurde am 6. Oktober ein Mann festgenommen, der mit zwei Messern auf Teilnehmende des CSD zulief.

VICE hat Mitglieder der LGBTQ-Community gefragt, wie sie das homofeindliche Klima in Polen erleben.

Mirka Makuchowska, 37, Breslau

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Foto mit freundlicher Genehmigung von Mirka

Mirka ist bei der NGO "Kampagne gegen Homophobie" aktiv, eine der größten LGBTQ-Organisationen Polens.

Ich würde sagen, dass der Hass und die Aggression gegen die LGBTQ-Gemeinschaft vergangenes Jahr im Oktober zu eskalieren begann, als wir mit dem "Regenbogen-Freitag" einen jährlichen Aktionstag organisierten. Wir ermutigen junge Menschen, Lehrerinnen und Eltern dazu, jungen LGBTQ-Menschen zu zeigen, dass sie in der Schule willkommen sind. Die damalige Bildungsministerin, Anna Zalewska, reagierte auf unsere Aktion, indem sie Warschaus Schulen persönlich auf Regenbogen-Symbolik inspizierte. Lehrer und Schulleiterinnen wurden eingeschüchtert. Sollten sie ein Regenbogen-Freitag organisieren, würde das Konsequenzen haben.

Die Hasskampagne wurde vor allem von der PiS-Partei und dem regierungstreuen öffentlichen Rundfunk angetrieben. Es gibt auch mehr Einsatzkräfte bei den Pride-Veranstaltung und die Polizei hat angefangen, Teilnehmende festzunehmen, die T-Shirts mit einem weißen Adler, Polens Wappentier, auf Regenbogen-Hintergrund tragen.

Vor etwa drei Monaten hat eine Frau ehrenamtlich bei uns gearbeitet und an unseren Treffen teilgenommen. Bei einem Treffen ist uns aufgefallen, dass sie alles mit ihrem Handy aufnimmt. Ein anderes Mal, während einer Kennenlern-Veranstaltung, bemerkten wir, dass sie eine Brille mit eingebauter Kamera trug. Als wir sie darauf ansprachen, sagte sie, dass sie ein schlechtes Erinnerungsvermögen habe und gerne alles dokumentiert. Wie sich herausstellte, arbeitete sie für den öffentlichen Rundfunk. Nachdem wir das herausgefunden hatten, stand sie mit einer Fernsehcrew bei unserer Organisation vor der Tür – wahrscheinlich um ihren Beitrag abzuschließen. Wir wissen nicht, wann es ausgestrahlt wird, aber wir haben den Teaser gesehen. Der Titel: LGBT Invasion.

Bei unserem Hilfetelefon gehen definitiv mehr Anrufe ein. Menschen fühlen sich bedroht. Sie haben Angst und spüren den Hass. Es sind vor allem junge Leute aus Kleinstädten und Dörfern. Oft werfen ihre Eltern sie zu Hause raus, wenn sie von ihrer sexuellen Orientierung erfahren. Sie wissen dann nicht, wo sie bleiben sollen. Es gibt in Polen keine offizielle Anlaufstelle für LGBTQ-Menschen in so einer Situation. Sie können nur auf sich selbst und ihre Freunde zählen.

Agata Kubis, 42, Warschau

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Foto mit freundlicher Genehmigung von Agata

Agata fotografiert seit über zehn Jahren auf Demonstrationen. Bei der LGBTQ-Parade in Lublin wurde sie zum ersten Mal körperlich angegriffen.

Die Warschauer Pride-Veranstaltungen sind heutzutage verhältnismäßig entspannt, aber die Demonstrationen in anderen polnischen Städten vergangenes Jahr haben eine Welle von Hasskommentaren ausgelöst, die sich zunehmend in Gewalt umwandeln. Am 20. Juli bin ich nach Białystok gefahren, um die erste Pride-Demonstration zu fotografieren, die dort jemals organisiert wurde. Die Gegendemonstrierenden, darunter Fußballhooligans und Faschisten, wollten nichts als uns zusammenschlagen. Ihre Schreie, dass wir uns verpissen sollten, vermischten sich mit christlichen Gebeten. Ich bin extrem sauer auf die Oppositionsparteien, weil sie darauf nicht reagiert haben.

Ende September fand in Lublin der zweite Pride-March statt. OKO.Press schickte mich als Fotojournalistin dorthin. Gefühlsmäßig ist das immer eine schwierige Situation. Du musst daneben stehen und deine Arbeit tun, aber gleichzeitig bist du Teil der LGBTQ-Gemeinschaft. Als ich dort ankam, waren etwa 100 Gegendemonstrantinnen da. Du hast sofort gesehen, dass sie auf Gewalt aus waren. In der Menge entdeckte ich einen besonders aggressiven Mann, der schrie: "Schwuchteln, verpisst euch!" Ich wollte ihn fotografieren und er warf mir eine volle Getränkedose ins Gesicht. Meine Kamera hat den Aufprall etwas abgefangen, von ihr hatte ich eine Schnittwunde an der Stirn. Wenn die Kamera nicht gewesen wäre, wäre mein halbes Gesicht Matsch gewesen. Er hat die Dose mit voller Wucht geworfen.

Bis vor Kurzem habe ich mich in Warschau relativ sicher gefühlt. Es ist immer noch eine Enklave, in der man sich verstecken kann. Seit ein Foto von mir im Internet rumgeht, auch auf rechten Portalen, frage ich mich: "Was ist, wenn mich jemand erkennt?"

Dominik Kuc, 19, Łódź

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Foto: Dariusz Skorupa

2018 entwickelte Dominik Kuc einen Guide mit LGBTQ-freundlichen Schulen in Polen. Dafür gab es Lob, aber er auch viel Hass. Einige Lehrkräfte und Schulleiter bezeichneten seinen Guide als "nicht repräsentativ" und kritisierten seine Recherche.

Natürlich habe ich gemerkt, dass während des Wahlkampfs die Hassreden und die Gewalt gegen LGBTQ-Menschen eskaliert sind. Leider war das vor vier Jahren genau so, als die PiS ihren Wahlkampf auf den Rücken von Geflüchteten austrug, jetzt waren LGBTQ-Menschen das Ziel. Zum ersten Mal habe ich im Zentrum von Warschau homophobe Beleidigungen gehört. Aber ich glaube, die jungen Menschen sehen das Problem und versuchen, etwas gegen diese Entwicklung zu unternehmen. Ein Beispiel dafür ist die wachsende Zahl junger Leute, die an den Pride-Märschen teilnehmen.

Patryk Chilewicz, 29, und Adam Mączewski, 29

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Foto mit freundlicher Genehmigung von Patryk (links) und Adam (rechts)

Adam und Patryk sind seit vier Jahren zusammen und organisieren LGBTQ-Veranstaltungen, vor allem in größeren Städten wie Warschau, Krakau, Posen und Gydnia. Die größte Gefahr bei ihren Veranstaltungen ist das Sicherheitspersonal, das von den Clubs engagiert wird.

Patryk: In ihrer Wahlkampagne hat die Regierungspartei uns entmenschlicht. Sie nennt Menschen, die nicht heterosexuell sind, Teil einer "schädlichen Ideologie". Die Wut und die Proteste seitens der LGBTQ-Gemeinschaft sind für mich total nachvollziehbar. Ich persönlich fühle mich langsam immun gegen den ganzen Scheiß, den die Politiker von sich geben. Mein ganzes Leben lang wurde ich wegen meiner sexuellen Orientierung wie Müll behandelt. Jeden Tag muss ich homophobe Kommentare über uns löschen und ich verlasse meine Wohnung nicht, wenn ich es nicht unbedingt muss. Ich fühle mich in diesem Land unerwünscht.

Adam: Ich versuche, mich nicht zu sehr mit Politik zu beschäftigen, aber leider muss ich das, weil sich die Politik mit mir beschäftigt. Jedes Mal, wenn es einen neuen Übergriff gibt, bin ich angepisst. Aber es motiviert mich auch dazu, darüber zu sprechen und für unsere Follower über die aktuelle Situation zu schreiben und ihnen zu erklären, warum es wichtig ist, wählen zu gehen. Ich fühle mich im Alltag nicht sicher. Wir werden beide angegangen, meistens verbal, manchmal körperlich. Wir haben immer Pfefferspray dabei. Wir leben im Stadtzentrum von Warschau, wo es noch verhältnismäßig harmlos ist. Wenn wir es uns leisten könnten, würden wir Polen wahrscheinlich verlassen.

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